Efeu - Die Kulturrundschau

Entlastung oder Idyll sind nie

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16.09.2026. Die Welt erkennt in Paris, dass Tintoretto auch in bescheidenen Formaten das ganz große Spektakel liebte. Die FR sammelt in Frankfurt mit Bildern der Künstlerin Amiel Bashier Kraft zum Kampf für die Freiheit von Frauen. Die FAZ erinnert die israelische Regierung mit Blick auf Yuval Abrahams und Rachel Szors "Naza" daran, dass der IDF eine demokratische Armee ist. VAN wünscht sich nach dem Musikfest Berlin, öfter Werke von Vladimir Jurowski zu hören.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2026 finden Sie hier

Kunst

Tintoretto: "Suzanne et les vieillards", vers 1555-1556. Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie ©KHM-Museumsverband

Für die "monumentalen Spektakel" Tintorettos hätte das Pariser Musée Jacquemart-André gar keinen Platz. Gut so, findet Hans-Joachim Müller in der Welt, denn so kommen in der Ausstellung "Éternel Tintoret" auch die "bescheideneren" Werke des Renaissance-Genies zu ihrem Recht. Und dennoch: "Schweben, Stürzen, Streben, Stürme, Trümmer, böige Seelenwinde, verdrehte Augen, gereckte Arme, verkrampfte Hände - Entlastung oder Idyll sind nie. Schon auf dem Eröffnungsbild der Ausstellung lodern die Flammen auf. Orpheus in der Unterwelt bittet um Rückgabe seiner Eurydike. (…) Das Kammerspiel? Nein, dafür war Tintoretto nicht zuständig. Unter der ganz großen Bühne hat er es nicht gemacht. Dort war er Sonderklasse. Wie er seine Figuren gibt, als seien sie geradewegs beim Kampfspiel, auf der Flucht oder beim Hilfseinsatz in letzter Sekunde, auf dem Höhepunkt der Erregung oder beim entscheidenden Stichwort angekommen, das ist ohne Vergleich. Der Schöpfergott braucht nur den Arm auszustrecken, und schon fliehen alle Tiere vom Monsterfisch über die Flugente bis zum Löffelhasen, von Ost nach West."

Amel Bashier: "Home 2" © Amel Bashier/Axel Schneider

Im Sudan geboren, zeitweise auch in Saudi-Arabien aufwachsend, heute in Frankreich lebend, war der Weg zur Künstlerin für Amel Bashier kein einfacher, weiß Lisa Berins (FR), die derzeit im Frankfurter ZollamtMMK bewundern kann, wie Bashier auch in ihren Bildern für Selbstbestimmung und Freiheit von Frauen kämpft: "Die Gesichter der Frauen sind eher schematisch, sind eben keine Porträts, sondern so etwas wie Projektionsflächen. Assyrische und indische Formensprachen spielen hier mit, vermischen sich mit ihrer eigenen und mit traditioneller Malerei aus Nubien, dem antiken Königreich, in dem die 'Kandake'-Königinnen regierten. … Viele von Bashiers Heldinnen neigen den Kopf um anatomisch unmögliche 90 Grad, sodass er flach auf der Schulter liegt - ein Zeichen des Insichgekehrtseins, des Kraftsammelns. So meditieren sie, in einem Boot liegend, auf einer Wolke vor abstraktem Hintergrund kniend, auf einem Sessel sitzend und Musik hörend. Meist sind sie von rankenden Pflanzen umgeben, die sie mit ihrem Ursprung, ihrer Heimat, verwurzeln."

Weitere Artikel: In der FR erinnert Arno Widmann an das einstige Künstlerpaar Marina Abramović und Ulay. Besprochen werden außerdem der Kunstparcours "Unheimliche Verschiebungen" am Hauptbahnhof Dortmund (taz), Peter Behrbohms "Road Damage City Tour" durch Kreuzberg (taz), die Ausstellung "Rembrandt 1632. Die Entstehung einer Marke" im Herzoglichen Museum in Gotha (FAZ) und die Ausstellung "Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960" im Berliner Gropiusbau, in der Werke von migrantischen Künstlern zu sehen sind, die die Lebensrealität der ehemaligen "Gastarbeiter" in Bildern und Skulpturen verarbeiteten: Darunter auch Selbstporträts von Emine Sevgi Özdamar, freut sich Birgit Rieger im Tagesspiegel.
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Film

Die Debatte um Yuval Abrahams und Rachel Szors "Naza", dem Netanjahu "antisemitische Hetze" vorwirft, geht weiter. Dabei erzählt der beim Filmfestival in Venedig uraufgeführte (unser Resümee) und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnete Film im Grunde nichts Neues, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel: Abraham hatte bereits vor zwei, drei Jahren in einer Artikelserie für das Onlinemagazin +972 zur Kriegsführung der IDF recherchiert, doch dagegen "gab es keine offiziellen Proteste in Israel, kein juristisches Vorgehen". Bert Rebhandl erinnert in der FAZ daran, "dass es Kritik aus der Armee selbst nicht erst seit den Operationen in Gaza gibt. Die IDF sind eine demokratische Armee, wie man zum Beispiel aus Claude Lanzmanns Film 'Tsahal' (1994) ersehen kann. ... Schon bei Lanzmann gibt es ein Gaza-Kapitel, und es werden massive Zweifel an der Besatzungspolitik erkennbar, die einfache Soldaten umzusetzen haben. Zum zivilgesellschaftlichen Engagement in Israel für ein gerechtes Zusammenleben mit Palästinensern gehörten auch immer Stimmen, die aus der Armee heraus sprachen. Und in diese Linie gehören die 24 Protagonisten, die Yuval Abraham und Rachel Szor gefunden haben." (Wobei man ergänzen sollte, dass Gaza nicht besetzt war, im Gegenteil.)

Im Tagesspiegel verabschiedet sich Andreas Busche vom Schauspieler Ralf Richter, der mit 69 Jahren gestorben ist. Wie kein Zweiter stand dieser für den schnoddrigen "Ruhrpott-Proll" und schenkte dem deutschen Kino und Fernsehen eine ganze "Ahnenreihe von ehrlichen Malochern. ... Das 'Asige' an seinen Figuren hat Richter nie abwertend gemeint, es war ein Zeichen der Verbundenheit mit dem Lauten, Fröhlichen, dem Gemeinsinn der einfachen Leute. ... Auf seine Stimme, die immer klang, als hätte er mit Selbstgebranntem gegurgelt, (...) wird man nun verzichten müssen. Aber sein Ruhm strahlt weit über das Ruhrgebiet hinaus."

Ein kleines Tributvideo: 



Außerdem: Patrick Holzapfel widmet sich in einem ausführlichen Filmdienst-Essay den Arbeiten der Experimentalfilmerin Lisl Ponger. Besprochen werden Marie Kreutzers "Gentle Monster" (Tsp, SZ), Anthony Maras' D-Day-Kriegsdrama "Pressure" (FAZ) und die auf Disney+ gezeigte, in Berlin spielende Vampirserie "City of Blood" mit Lars Eidinger (FAZ).
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Bühne

Szene aus "Legende". Foto: Frol Podlesnyi

Fasziniert berichtet Kerstin Holm in der FAZ vom Berliner Festival "Kirill und Friends", bei dem der russische Regisseur Kirill Serebrennikov zehn Tage lang Theaterproduktionen, Podiumsgespräche oder neue Autorenfilme zeigt. Darunter den Bilder-Reigen "Legende" über Leben und Werk des sowjetarmenischen Filmregisseurs Sergej Paradschanow: "Serebrennikov, der selbst wegen fadenscheiniger Anschuldigungen in Moskau mehr als ein Jahr im Hausarrest saß, lässt in zehn bildstarken Einzel-'Legenden' Künstlerfiguren auftreten, mit Umhängebart und -bauch als Paradschanow selbst, aber auch als Poet oder Narr. In der Legende vom verfluchten Dichter flüstert dieser einem Jüngling die Worte des späten Paradschanow zu: Er räche sich an der ihm gegenüber feindseligen Welt - durch Liebe. Aus Priestersprüchen, wonach Jugend, Unschuld und schöne menschliche Körper das beste Opfer seien, scheint Serebrennikovs Kommentar zum Krieg zu erklingen, bei dem böse Alte die Jungen hinschlachten."

Weiteres: Für die SZ porträtiert Dorion Weickmann die 26 Jahre alte Ballerina Elisabeth Tonev, seit einem Jahr Erste Solistin am Bayerischen Staatsballett, die nun in John Neumeiers "Kameliendame" zu sehen sein wird. Einst war es Sache des Theaters die "Vierte Wand", also die Trennung zwischen Schauspielern und Publikum zu durchbrechen, heute existiert sie dank Kommentarspalten oder Bewertungsportalen gar nicht mehr, beklagt die Schriftstellerin Anne Rabe in ihrer nachtkritik-Kolumne. Für die NZZ porträtiert Ueli Bernays Mathieu Bertholet, der seit einem Jahre das Zürcher Theater Neumarkt leitet. Nachtkritiker Vincent Koch besucht das Osten-Festival in Zschornewitz, "ein Auffangbecken für alle, die an ein anderes Sachsen-Anhalt glauben". Für seinen Jelinek-Abend "Die Ankunft" konnte Jan Philipp Gloger, Leiter des Wiener Volkstheaters, seine Vorgängerin, die inzwischen 88-jährige Emmy Werner engagieren, die als erste Elfriede Jelinek auf die Bühne brachte: Im Standard-Gespräch mit Margarete Affenzeller erinnert sie sich an die Proteste. Besprochen wird außerdem Jakob Peters-Messers Inszenierung von Wagners "Meistersingern" im Mindener Stadttheater (Welt).
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Literatur

Besprochen werden unter anderem Maxim Billers "Schwarze Samstage" (Standard), Şeyda Kurts "Zeit der Monster" (FR), Alisha Gamischs Debütroman "Parasiti" (taz), Adania Shiblis "Täuschung" (FAZ) und Lucas Kiesers "Simsalabim, Simon Brenner" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik

Albrecht Selge berichtet für VAN vom Musikfest Berlin, beim von Vladimir Jurowski dirigierten Abend mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester gab es unter anderem Edison Denissows "Peinture" von 1970 zu hören. Der Vorab-Vortrag des Dirigenten geriet zwar etwas konfus, sodass sich "mancher Hörer warum? fragen" wollte - und war auch eher unnötig, denn das Werk "spricht eindrucksvoll für sich, so überfordert man sich beim einmaligen Hören auch fühlen mag (da es nur zehn Minuten dauert, hätte man es statt zwanzigminütiger Vorrede vielleicht zweimal spielen sollen). 'Verschönerte Zwölftonmusik', wie Jurowski das nennt, ist allerdings ein feiner Begriff. Man hört dieser Musik in betrachtender Haltung zu, und wenn man all die instrumentalen Stimmen und musikalischen Farben sich übereinander schichten erlebt, steht außer Zweifel, dass hier eines der kunstvollsten Orchestergebilde des gesamten Musikfests zu hören ist. Warum die Musik von Denissow, der ein Weggefährte von Gubaidulina und Schnittke war, hierzulande derart selten zu hören ist, lässt sich nur aus ihrem Anspruch erklären, nicht aus einem Mangel an Kunstfertigkeit."

Hier eine Aufnahme aus den Neunzigern: 



Weitere Artikel: Sylvia Prahl stellt in der taz die experimentellen Musikarbeiten der Berlinerin Jessie Marino vor, die zwischen Folk, Jazz und Noise liegen. Auf BackstageClassical ärgert sich Werner Dabringhaus vom Klassiklabel MDG, dass Instagram dort mit Aufnahmen aus dem eigenen Katalog unterlegte Videos per KI-Beschluss vom Netz nimmt, weil diese angeblich gegen die Rechte von Sony verstoßen würden. In der NZZ porträtiert Dorothea Walchshäusl die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili. Dagmar Leischow spricht in der taz mit Alexander Schulz über die Lage des Reeperbahnfestivals, das er leitet. Holger Noltze erinnert in VAN an den von den Nazis einst vertriebenen Dirigenten Bruno Walter, mit dessen Aufführung von Mahlers Neunter am 16. Januar 1938 mit den Wiener Philharmonikern für Noltze das alte Europa endete - danach musste Walter fliehen. Von dem Abend gibt es ein Dokument: 



Besprochen wird ein Bach-Abend mit dem Notre-Dame-Organisten Olivier Latry in Frankfurt (FR).

Und eine traurige Nachricht: Catherine Ringer von "Les Rita Misouko" ist mit 68 Jahren gestorben. Das ziemlich ungewöhnliche Lied "Marcia" von 1984 war ihr größter Hit: 

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