Efeu - Die Kulturrundschau

Intelligenz, Witz und Menschlichkeit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.12.2025. Die Filmkritiker sind entsetzt über den Mord an Regisseur Rob Reiner und seiner Frau. Die FAZ lässt sich von der singenden Ameisenkönigin aus Peter Ronnefelds grotesker Oper "Die Ameise" betören, die in Bonn zu sehen war. Die SZ gibt mit den Fadenkunstwerken der japanischen Künstlerin Kazuko Miyamoto bereitwillig eindeutige Perspektiven auf. Zeit Online fragt, warum unter Popstars in letzter Zeit der Nonnen-Look so beliebt ist.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.12.2025 finden Sie hier

Film

Rob Reiner (Bild: Neil Grabowsky / Montclair Film Festival, CC BY 2.0)
Großes Entsetzen bei den Filmkritikern darüber, dass Hollywood-Regisseur Rob Reiner und seine Frau ermordet aufgefunden wurden - und große Trauer. Schließlich galt Reiner in den Achtzigern und frühen Neunzigern als Speerspitze eines Mainstream-Kinos, in dem Kassentauglichkeit, Intelligenz, Witz und Menschlichkeit keine Widersprüche bilden. "Wenige Regisseure verstanden so viel von der Vielfalt und intellektuellen Spannbreite des Hollywoodkinos", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Mit "Harry und Sally" etwa "knüpfte Rob Reiner an die Schlagfertigkeit und Leichtigkeit der klassischen Screwball-Komödien von Ernst Lubitsch, Howard Hawks und George Cukor an", schreibt Christian Schröder im Tagesspiegel, "und fügte ihnen einen feministischen Touch hinzu". Und "schöner als in seinem Coming-of-Age-Drama 'Stand by Me - Das Geheimnis eines Sommers' (1986) ist der Abschied von der Kindheit selten im Kino beschrieben worden." Mit beiden Filmen, schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ, prägte Reiner das jeweilige Genre für die Zukunft maßgeblich.

Auch in späteren Arbeiten "bewies Reiner das Talent zum visuellen Erzählen, das er schon in 'Stand By Me' gezeigt hatte", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Reiner verfügte über "einen Blick, der das Wesentliche der Geschichte nicht in oberflächlichen Effekten, sondern im Inneren der Figuren ausmachte; und eine eigene Musikalität, die nicht nur mit dem Soundtrack, sondern auch mit einem besonderen Instinkt für den Rhythmus und das Tempo der Einstellungen zu tun hatte." Valerie Dirk notiert im Standard: "Die besondere Mischung aus komödiantischem Gespür und politischer Haltung - er war stets prominenter Unterstützer der Demokraten - bildete das Herz von Reiners Arbeiten." Entsprechend schäbig und hässlich trat Trump auf Social Media nach, Musiker Jack White reagierte auf Instagram mit eindeutigen Worten: "Du abscheulicher, niederträchtiger Egomane, du Verlierer, du Kindskopf. ... Einen tragischen Tod dafür zu nutzen, um die eigene Eitelkeit und faschistische autoritäre Agenda zu bedienen, ist eine korrupte, narzisstische Sünde."

Themenwechsel: Auch FAZ-Kritiker Jan Brachmann fällt - wie zuvor Johanna Adorján in der SZ (unser Resümee) - komplett aus allen Wolken angesichts der Serie "Mozart/Mozart", die die ARD wahrscheinlich als Erfüllung des Kulturauftrags verbucht. Historische Fakten interessieren nicht, es wird ins Blaue fabuliert: "Wenn man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen behaupten kann, Mozart habe seine Schwester unterdrückt, nicht komponieren können und sein Vater eine 'woman of colour' als Geliebte gehabt, kann man auch behaupten, der Erste Weltkrieg habe begonnen, weil Belgien das Deutsche Reich überfiel. ... Das Fernsehen, gerade das öffentlich-rechtliche, wäre in Zeiten der Schulmusikunterrichtsmisere eine der letzten Möglichkeiten, noch einen Erstkontakt der Kinder zur klassischen Musik herzustellen. 'Mozart/Mozart' betrachtet diesen Erstkontakt aber gar nicht als herstellenswert."
Archiv: Film
Stichwörter: Mozart, ARD, Hollywood, Reiner, Rob

Bühne

Szene aus "Die Ameise" an der Oper Bonn. Foto: Bettina Stöß. 


"Ein später, durchschlagender Triumph" gelingt mit der vergessenen Oper "Die Ameise" aus dem Jahr 1961 von Peter Ronnefeld, freut sich FAZ-Kritikerin Lotte Thaler. Kateryna Sokolova hat die surreale Story, die sich zwischen "E.T.A. Hoffmann und Kafka" bewegt, an der Bonner Oper auf die Bühne gebracht. Es geht um den Gesangslehrer Salvatore, der seine Schülerin umgebracht haben, soll, "im Gefängnis fliegt sie ihm als Ameisenkönigin zu und wird zur singenden Sensation ausgebildet." Die Kritikerin ist von allem begeistert, aber vor allem von "Nicole Wacker als von einer ehrgeizigen Mutter (Susanne Blattert) zum Gesangsunterricht getriebenen halbwüchsigen Formica, die ihrem Lehrer Salvatore mit stratosphärischem Koloratursopran den Kopf verdreht. Dietrich Henschel spricht, singt, spielt ihn mit somnambuler Verfasstheit, völlig eingesponnen in einen Kokon aus pädagogischem Eros, in dem die Liebe zum Gesang mit der Liebe zur Schülerin zusammenfällt. Als sie ihn verlassen will, verliert er sich selbst, wird wahnsinnig."

Besprochen wird Miriam Ibrahims Inszenierung von "Rezitativ" nach der Erzählung von Toni Morrisson am Residenztheater München (taz), Marco Goeckes Inszenierung von Tschaikowskys Ballett "Der Nussknacker" am Theater Basel (NZZ) und Johanna Nuutinens Choreografie "Æon" an der Studiobühne des Osnabrücker Theaters (taz). 

Archiv: Bühne
Stichwörter: Ronnefeld, Peter

Literatur

Zum 250. Geburtstag von Jane Austen durchleuchten Birte Förster und Jürgen Kaube in der FAZ das Werk der Schriftstellerin nach den unangenehmsten Figuren. Dlf Kultur hat aus demselben Anlass eine "Lange Nacht" von Regina Kusch und Andreas Beckmann über Austen wieder online gestellt. Außerdem verkündet die Krimibestenlisten-Jury vom Dlf Kultur die besten Krimis 2025.

Besprochen werden unter anderem Eli Sharabis Erfahrungsbericht "491 Tage. In den Tunneln der Hamas" (taz), Janine Barchas' und Isabel Greenbergs Comicbiografie über Jane Austen (taz) und Aldous Huxleys Essay "Zeit der Oligarchen" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Kazuko Miyamoto, Black Poppy, 1979/2025. Courtesy San Francisco Museum of Modern Art Purchase, throug a gift of Peggy Guggenheim. KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2025. Foto: Frank Sperling. 

Völlig hingerissen ist Astrid Mania in der SZ von der Ausstellung "String Constructions" in den Berliner Kunst-Werken, der ersten großen Einzelausstellung der japanischen Künstlerin Kazuko Miyamoto. Fasziniert betrachtet Mania die zarten "Skulpturen", die Miyamoto mit Fäden zwischen Boden und Decke aufspannt: "'Male II' (1977/2025) spannt schwarze Fäden zum Boden hin, die diagonal an der Wand fixiert wurden und unter denen eine gegenläufige, sanft geschwungene Reihe aus dem gleichen Material verläuft. Durch die unterschiedliche Anzahl der sich überlagernden Fäden entstehen opake und transparente Zonen - der Effekt erinnert an einen Vogelschwarm, dem man beim Verdichten und Auflösen seiner schwarzen Formationen zusieht. Der Unterschied besteht darin, dass die Bewegung vor den Werken Miyamotos von den Betrachterinnen und Betrachtern ausgehen muss, denen sich dadurch immer neue Ansichten bieten: Einen idealen Blickpunkt, an dem sich so etwas wie eine perspektivische 'Auflösung' bieten würde, gibt es nicht."

Der ukrainische Kurator Vasyl Cherepanyn wird die 14. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst kuratieren. Im taz-Interview mit Yelizaveta Landenberger erklärt er, was er vorhat: "Berlin kommt mir sehr vertraut vor. Hier fühle ich wirklich, dass es eine osteuropäische Stadt ist. Daran habe ich keinen Zweifel. Bei der Berlin Biennale wird es viel um die osteuropäische Region gehen und darum, Berlin in ein etwas anderes Koordinatensystem einzuschreiben als üblich - in eines, das sich von den baltischen Staaten bis zum Balkan erstreckt, von Mitteleuropa bis zum Kaukasus. Die osteuropäische Perspektive fehlt oft, aus postimperialen Gründen. Ich bin generell sehr dankbar, in dieser Stadt zu leben. Es geht mir darum, zum Gemeinwohl beizutragen. In der kommenden Biennale-Ausgabe würde ich wirklich gern etwas schaffen, was institutionelle, physische und künstlerische Spuren in der Stadt hinterlässt, die dauerhaft bestehen können."

Weiteres: Die Belegschaft des Louvre streikt gegen schlechte Arbeitsbedingungen und zwar "einstimmig und zeitlich unbegrenzt", berichten SZ und FR. Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken der amerikanischen Künstlerin Kara Walker in der Galerie Sprüth Magers in Berlin und die Ausstellung "The Island" von Hito Steyerl im Osservatorio der Fondazione Prada in Mailand (Welt).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Cherepanyn, Vasyl

Musik

Cover-Artwork des aktuellen Rosalía-Albums "Lux"

In der Popkultur erfreut sich der Nonnen-Look zuletzt auffälliger Konjunktur, bemerkt Ivana Sokola auf ZeitOnline. Kronzeuginnen sind für sie Rosalía und Lily Allen. Insbesondere erstere zeigte sich vor wenigen Jahren noch sehr lasziv. Hinter diesem "Imagewechsel mag die Sehnsucht nach neuer Tiefe stecken - aber auch die Suche nach einem grundlegend anderen Leben: Nach der freien, aggressiven, aber auch erschöpfenden Sexyness bieten Nonnen einen erfüllenden und unabhängigen Lifestyle. Als weltliche Frau ist der kaum zu erreichen. Als Nonne lebt man bildschirmfrei, minimalistisch, hat eine Macherinnen-Routine mit frühem Aufstehen und ohne Zeit für Prokrastination - vor allem aber: ohne Männer. Die Vogue fragte vor Kurzem: 'Ist es heutzutage peinlich, einen Boyfriend zu haben?' Und die Kunst sucht parallel dazu nach Transzendenz, Schwesternschaft und Zurückgezogenheit. ...Eine Gemeinschaft unter Gleichen, männerfrei und schwesterlich."

Besprochen werden ein Konzert der Lambrini Girls (FR), ein Konzert von Till Lindemann in Zürich (NZZ) sowie Rebecca Treschers und Andreas Feiths Album "Changing Perspectives" ("Trescher liebt Wärme in den Klangfarben und geduldige Entfaltung komplexer melodischer Prozesse", schreibt Hans-Jürgen Linke in der FR).

Archiv: Musik
Stichwörter: Rosalia, Nonnen