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01.12.2025. FAZ und Zeit versuchen die Gemüter um die Blackfacing-Debatte am Hamburger Schauspielhaus zu beruhigen. Nachtwandelnde Londoner zeigen der taz in Sebastian Nüblings Adaption eines Kae Tempest-Gedichts die drängenden Probleme unserer Gesellschaft im Jahr 2025. Die SZ feiert MarkWaschkes und Katharina Starks Serie "I am the Greatest". Im Kunstmuseum Basel gehen die Geister um, die NZZ denkt dabei über ihre Menschlichkeit nach. Benedict Wells tritt in der Zeit für mehr echten menschlichen Schmerz statt KI in der Literatur ein. Und alle trauern um den Dramatiker Tom Stoppard.
"Let Them Eat Chaos" am Deutschen Theater. Foto: Thomas Aurin.
Kae Tempests Langgedicht "Let Them Eat Chaos" wird am Deutschen Theater Berlin von Sebastian Nübling inszeniert, Eva Behrendt sieht für die taz die nachtwandelnden Bewohner einer Londoner Straße über eine Bühne gehen, die an eine riesige Dunstabzugshaube erinnert. Die geschriebene (und auch als Album mit musikalischen Einsprengseln erschienene) Variante des Gedichts gefällt ihr zwar besser als die gespielte, aber die Botschaft kommt rüber: "Auch wenn die apokalpytischen Reiter es namentlich nicht in die Inszenierung geschafft haben, hat Kae Tempest mit 'Let them eat Chaos' doch schon fast alles abgesteckt, was uns 2025 umtreibt: der Niedergang des Westens, die Dämonen der kolonialen Vergangenheit, die Ausdehnung des Neoliberalismus bis in die letzten Winkel des digitalen Medienkonsums. Die Wolfsstunde hat sich breitgemacht - auch wenn das Theater hier dafür noch keine überzeugenden Bilder gefunden hat."
Und nochmal zur Debatte um Blackfacing bei Othello-Inszenierungen, aus denen beim 125. Geburtstag des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg Bilder gezeigt wurden (unser Resümee). In der FAZ meldet sich Jürgen Kaube zu Wort und gibt einen Vortrag des ersten schwarzen Schauspielers zu bedenken, der Othello gespielt hat, Hugh Quarshie: "Ein schwarzer Schauspieler, heißt es darin, verstehe die Rolle nicht besser als ein Däne Hamlet. Schauspieler geben fast immer jemanden, der sie nicht sind, und spielen fast immer etwas, das in jedem steckt. Den Othello Schwarzen zu reservieren, riskiere die Aussage, es sei etwas an den rassistischen Stereotypen dran. Umgekehrt sei es kein herabsetzendes Blackfacing, wenn ein Weißer den Schwarzen spiele, sondern ein Hinweis darauf, dass ein Weißer einen Schwarzen verkörpern kann. So wie ein Schwarzer einen Weißen. So wie eine Frau einen Mann und umgekehrt, so wie ein Arbeiterkind einen Adligen und umgekehrt, so wie ein Einheimischer einen Fremden und umgekehrt. Man nennt es spielen."
Peter Kümmel schließt sich diesem Tenor in der Zeit an und gibt den Kontext von einer der beanstandeten Inszenierungen von Peter Zadek zu bedenken: "Zadeks Othello enthielt eine Aggression, die nicht rassistisch geladen war, sondern die Verlogenheit des Nachkriegsbildungsbürgertums aufstören sollte: Sie zielte nicht gegen das Fremde, sondern nach innen, gegen das Eigene. Zadeks Othello, der wild bemalte Ulrich Wildgruber, gab, indem er die weiße Frau, Desdemona, umarmte, immer mehr Farbe an sie ab - je weniger fremd er uns wurde, desto fremder wurde sie, die weiße Person. Eine Ahnung von all dem hätte man dem Publikum von heute vermitteln sollen. Man hat es stattdessen, in dieser Gala, als lustige Kuriosität vorbeirauschen lassen."
Der britische Dramatiker Tom Stoppard ist tot, er wurde 88 Jahre alt. Sebastian Borgner findet für den Standard Trost "in einem der unsterblichen Sätze, die der Dramatiker der Nachwelt hinterlässt: 'Jeder Ausgang ist ein Eingang irgendwo anders.' Das Zitat stammt aus 'Rosenkranz und Güldenstern', jenem Bühnenstück, mit dem Stoppard 1966 auf einen Schlag berühmt wurde. Im Stile Samuel Becketts machte der Autor darin die beiden Nebenfiguren aus Shakespeares Hamlet zu Protagonisten. Der englische Nationaldichter begleitete Stoppard durch sein Berufsleben, für die Mitarbeit am Drehbuch für Shakespeare in Love erhielt er 1998 den Oscar. Sein Stil aber war ganz eigen - so besonders, dass 'stoppardian' 1993 ins Oxford English Dictionary aufgenommen wurde, Synonym für witzige Eloquenz und intellektuelle Tiefe." Als kleines Kind musste er mit seiner jüdischen Familie aus Tschechien emigrieren: "Stoppard war längst erwachsen und erfolgreich, ehe er seine verschlossene Mutter auf ihr Leben in Zlín ansprach und seine Herkunft erforschte." Weitere Nachrufe in SZ, FAZ, Tagesspiegel, Zeit. Im Guardianschreiben Claire Armitstead und Chris Wiegand.
Weiteres: Am Theater Magdeburg geht die Diskussion um das Stück über den Anschlag am Weihnachtsmarkt (unser Resümee) erbittert weiter (taz).
Besprochen werden: Barrie Kosky inszeniert Nikolaj Rimski-Korsakows "Die Nacht vor Weihnachten" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ, SZ), Kleists "Der zerbrochne Krug" unter der Regie von Mateja KoleznikMartina Eisenreich (SZ), und Axel Ranisch inszenieren Johann Strauß' "Aschenbrödels Traum" an der Wiener Volksoper (Standard), Giuseppe Tomasi di Lampedusas "Il Gattopardo", inszeniert von Pinar Karabulut am Zürcher Schauspielhaus (Nachtkritik, NZZ), "KI essen Seele auf (ORPHEAI)" von Thomas Köck, inszeniert von Mateja Meded am Schauspiel Stuttgart (Nachtkritik) und "Requiem für eine marode Brücke" von Anna-Sophie Mahler und Viola Köster, inszeniert von ersterer am Schauspiel Köln (Nachtkritik).
Beim nächsten Mal wird alles anders: "I Am The Greatest" (Arte) Claudia Tieschky schwärmt in der SZ von Mark Waschkes und Katharina Starksauf ZDF und Arte laufender Kurzepisodenserie "I am the Greatest", die einst als No-Budget-Guerilla-Projekt begann, dann aber von den Öffentlich-Rechtlichen unter die Fittiche genommen wurde. Die Serie erzählt von all jenen Alltagsepisoden, nach denen man sich noch lange fragt, wie man eigentlich viel lieber reagiert hätte. "Radikale Filme können wahnsinnig nerven, dieser hier macht überraschendglücklich mit seinem Freestyle zwischen Experimentalfilm-Bedingungslosigkeit, Kostnix-Anmutung und dem ganz, ganzgroßenReinkriechen in die Gedanken seiner Heldinnen und Helden - in die geheimsten, widersprüchlichsten, verwirrendsten Empfindungen, die im Kopf parallel zum äußeren Geschehen ablaufen und mit dieser äußeren Realität (das ist die Komik und Tragik der Sache) nur bedingt zu tun haben. Die Szenen wirken locker und improvisiert, aber die als Voice-over eingesprochenen Gedankenwelten sind schreiberisch psychologischePräzisionsarbeit."
Weiteres: Andreas Kilb berichtet in der FAZ sehr beeindruckt von seinem Besuch in der Ausstellung "ClaudeLanzmann. Die Aufzeichnungen" im Jüdischen Museum Berlin, wo sich die Audioaufnahmen jener Gespräche erkunden lassen, die vor und während der Produktion von Lanzmanns (derzeit bei Arte online stehendem) Dokumentarfilm-Epos "Shoah" entstanden sind (mehr zur Ausstellung bereits hier). Der Tagesanzeigerbringt eine Übersetzung eines Gesprächs, das Nicolas Crousse für Le Soir mit WoodyAllen geführt hat, der gestern 90 Jahre alt geworden ist. Denis Sasse denkt in einem Filmdienst-Essay über die gesellschaftsanalytischen Aspekte der "Zoomania"-Animationsfilme nach.
Besprochen werden Rian Johnsons dritter Teil seiner nach Vorbild von Agatha Christie konzipierten Krimireihe "Knives Out" (Welt), DerekCianfrances Tragikomödie "Der Hochstapler" (FAZ) und DanFarahs auf Amazon Prime gezeigter Dokumentarfilm "Das Zeitalter der Enthüllungen" über UFO-Glaube in den USA (SZ).
Benjamin West, Saul and the Witch of Endor, 1777, Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford, CT. Bequest of Clara Hinton Gould Gespenster kommen immer wieder, weiß Philipp Meier in der NZZ, so auch im Kunstmuseum Basel: "Geister. Dem Übernatürlichen auf der Spur" heißt die Schau. Meier fasziniert besonders John Everett Millais' "Speak! Speak!": "Darauf ist ein mitten in der Nacht aufgeschreckter junger Mann zu sehen. Am Fussende seines Himmelbetts zieht eine weiße weibliche Erscheinung die Vorhänge auseinander. Auf dem Nachttisch liegen Liebesbriefe. Hat der Mann nach deren Lektüre von einer verlorenen Geliebten geträumt? In der Kunstgeschichte wimmelt es von solchen Gespenstern. Wenn Geister auch nicht gerade ein Hauptmotiv von Malerei und Skulptur sind, so legen sie doch Zeugnis davon ab, dass die bildende Kunst ein riesiges Bildgedächtnis darstellt - ein Ort der Sedimente von Träumen, Visionen, Erinnerungen und Sehnsüchten, die wie unerlöste Seelen in Bildern wiederkehren."
Schon heute ist Schriftstellerei eine Form der Kuration, bei der Einflüsse und Vorbilder enggeführt und verdichtet werden - so lautet ein beliebter Einwand gegen die Kritik am KI-EinsatzbeimschriftstellerischenProzess. Sicher, kann dem der SchriftstellerBenedictWells in einem epischen Longread auf Zeit Online auf halber Länge beipflichten, doch das entscheidende ist für ihn, dass es immer noch ein Mensch und dessen Subjektivität sind, die diesen Einfluss verwalten - und eben nicht bloße Stochastik. "Man stelle sich einen gefeierten neuen Roman vor, der in weiten Teilen mit künstlicher Intelligenz geschrieben und kuratiert wurde. Und wie die Autorin ... gefragt wird, was diese eigentümliche Metapher mit der schwarzen Sonne denn bedeute, warum sie ein gewisses Thema gewählt habe oder was sie mit jener Szene eigentlich aussagen wolle. Und plötzlich wird es still auf der Bühne, sehr still. Weil die Autorin es selbst nicht weiß. Literatur ist etwas zutiefst Persönliches: unser Blick auf die Welt, unser erlittener Schmerz, unsere Ängste, unsere trotzige Hoffnung. Unsere Empathie. Eine KI, die nicht selbstständig fühlt, kann uns berechnen, gewitzte Statements geben und geniale Texte schreiben, aber sie wird nie aus sich selbst heraus wissen, warum." Bestellen Sie bei eichendorff21!Hannes Stein spricht für die Welt mit dem US-Journalisten GeorgePacker, der sich dazu entschlossen hat, das harte Faktengeschäft in den Redaktionsstuben für einmal hinter sich zu lassen und einen Roman zu schreiben: "The Emergency" handelt von einer USA, die nach allen Regeln der Kunst zusammengebrochen ist. Ein Vorbild war dabei Stefan Zweigs "Die Welt von gestern", verrät er - wie auch seine Motivation für diese berufliche Neuorientierung: "Ich hatte ein bisschen den Glauben an den Journalismus - an die Macht der Tatsachen - verloren. Sie wissen, dass es in Amerika keinen Sinn mehr dafür gibt, dass wir alle in derselben Realität leben. Jeder hat seine eigenen Nachrichten, seine eigenen Verschwörungsmythen. Ich war müde geworden, dauernd zu sagen: Das ist es, was gerade passiert. ... Das Verschwinden der Wahrheit als Instanz, die uns verbindet, ist für mich verstörender als Gewalt, Korruption, den kriechenden Autoritarismus, den wir derzeit in Amerika erleben. Es fühlt sich so an, als habe sich der Boden unter unseren Füßen aufgetan."
Der Typus des älteren bis alten, weißen Schriftstellers genießt auf den Bühnen der deutschen Literaturhäuser nicht mehr ganz so selbstverständlich wie noch vor wenigen Jahren das Privileg einer besonderen Berücksichtigung, stellt Melanie Mühl in der FAZ fest, nachdem sie sich bei den entsprechenden Institutionen umgehört hat. "Der erratisch auftretende Autor, der zum Publikum und nicht mit ihm spricht, trifft nicht mehr den Ton der Zeit. Dessen Klang hat auch mit der medialen Vernetzung jüngerer Leser zu tun, die auf Instagram aktiv sind, Booktokern folgen und mit ihren literarischen Idolen in einen Austausch über deren Bücher treten möchten. Nahbarkeit ist eine wichtige Währung. Grantler gehen auf der Bühne höchstens noch als Kuriosität durch. ... Zu beklagen ist das nicht."
Rainer Maria Rilke, dessen Geburtstag sich am 4. Dezember zum 150. Mal jährt, ist in der anglophonen Popkultur viel präsenter als bei uns, staunt Johanna Adorján in der SZ und fragt sich: "Liest sich Rilke auf Englisch eventuell besser, griffiger, zitierfähiger als im Original?" Allerdings stellt sie auch bald fest, dass der Autor auf Englisch im Grunde nicht viel mehr als ein Lebensratgeber ist, an dem man sich gut wärmen kann. "Auf Deutsch ist Rilke mehr mit Sprachlichem beschäftigt, scheint Inhalt Form und Klang unterzuordnen und ist daher nicht immer so leicht zu verstehen. Das heißt nicht, dass wir Rilke auf Englisch lesen sollten, erklärt aber vielleicht, warum er hierzulande nicht populärer ist. Und doch dürfen wir, die wir des Deutschen mächtig sind, uns sehr glücklich schätzen, Rilke im Original lesen zu können. Denn die Schönheit seiner Sprache ist unübersetzbar groß."
Außerdem: Die Zeit hat Maja Goertz' Porträt der SchriftstellerinAnnaPrizkau online nachgereicht. Martin Conrads resümiert in der taz eine Tagung an der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig zur GeschichtederRaubdrucke in Deutschland. Das Krimiteam der FAZ gibt zahlreiche Krimitipps. Besprochen werden unter anderem Verena Kesslers "Gym" (NZZ am Sonntag), Ursula Krechels "Sehr geehrte Frau Ministerin" (NZZ), Victor Schefés "Zwei, drei blaue Augen" (FR) und Grit Straßenbergers Biografie über Hannah Arendt (Welt).
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