Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Februar 2026

Heftig belachte Sahneschnitte

21.02.2026. Endspurt der Berlinale: Die FAZ legt sich auf Favoriten fest - Lance Hammers "Queen at Sea" dürfte den Goldenen Bären mit nach Hause nehmen, ist sie sicher. Und einen Mangel an politischen Perspektiven, vor allem zum Nahost-Konflikt, gab es ebenfalls nicht, ruft sie den Unterzeichnern des jüngsten offenen Briefes entgegen. Der Standard erschrickt in Wien vor der Aktualität von Sue Williams Bildern, die immer wieder Gewalt gegen Frauen thematisieren. Die Welt erkennt: Die Operette funktioniert in Deutschland hervorragend, wenn sie nur genderfluid inszeniert wird. Die SZ hört Peaches und denkt dabei an Sex und andere soziale Schmiermittel

Zu poetisch, zu französisch?

20.02.2026. Was für ein Berlinale-Jahrgang, schwärmt die FR, die besonders die drei deutschen Beiträge lobt - allen voran Eva Trobischs "Etwas ganz Besonderes", der von der Treuhand-Zeit in den Neunzigern erzählt. In der NZZ und bei Artechock fällt der Jahrgang indes komplett durch. Kulturstaatsminister Weimer sollte am fast kinolosen Potsdamer Platz im großen Stil Gebäude einkaufen, rät die FAZ. Wenig Gefallen findet sie außerdem am "Mood-Management" des Bayerischen Rundfunks. Die Welt fragt angesichts der vielen Wiederentdeckungen von Künstlerinnen, ob die "Frauenfrage" überhaupt noch gestellt werden muss.

Unter ihren Füßen brennt der Boden

19.02.2026. Wo bitte wird auf der Berlinale zensiert oder Politik ausgespart, fragen SZ und Tagesspiegel die Unterzeichner des jüngsten offenen Briefes nicht zuletzt mit Blick auf Assaf Machnes' Film "Where to?" über die Freundschaft zwischen einem Israeli und einem Palästinenser. Immerhin haben es zwei Filme aus dem Iran in die Nebensektionen geschafft haben, freut sich die taz. Die FAZ macht mit Lance Hammers "Queen at Sea" über den sexuellen Missbrauch einer dementen Frau einen ersten Favoriten aus. Die taz bewundert in Rostock die Bilder von Hans Ticha, der mit klarer Geste gegen die Absurditäten des DDR-Regimes anmalte. 

Melange aus Graus und Faszinosum

18.02.2026. Angela Schanelecs Berlinale-Film "Meine Frau weint" ist ein Filmgedicht in Straub-Huillet-Tradition, jubiliert die FR. Die FAZ fühlt sich in der einsamen Bahn, die der Film verfolgt, nicht ganz so wohl. Die SZ fragt sich, was mit dem Pritzker-Architekturpreis passieren wird, nachdem der Sohn des Stifters Thomas J. Pritzker in den Epstein-Files aufgetaucht ist. Der Bochumer Theaterskandal beschäftigt die Kritiker auch heute noch.

Alle sind irgendwie cute und nice zueinander

17.02.2026. Groß war die Aufregung um Milo Raus "Prozess gegen Deutschland", bei dem auch Politiker aus dem rechtsextremen Spektrum zu gegen waren: Die FAZ findet die Veranstaltung wenig sinnvoll, auch die taz ist etwas ratlos. Die Filmkritiker trauern um zwei große alte Männer des Kinos: Robert Duvall und Frederick Wiseman. Die Kunstwelt muss sich von Henrike Naumann verabschieden, die als erste ostdeutsche Frau den Pavillon in Venedig bespielen sollte. 

Mit großer Courage

16.02.2026. Die Berlinale ist in vollem Gange: Der Tagesspiegel ärgert sich, dass der Dialog zum Erliegen gekommen ist, Tricia Tuttle verteidigt die politische Unabhängigkeit der Teilnehmenden und alle sind begeistert von Sandra Hüllers Spiel. Das Bochumer Schauspielhaus hat mit Tiago Rodrigues' Stück über die rituelle Ermordung eines Faschisten einen veritablen Theaterskandal, die Kritiker genießen den Aufruhr. Orhan Pamuk freut sich in der SZ über eine gelungene Serienadaption seines Romans "Das Museum der Unschuld".

Berlin als Ankara und Hamburg als Istanbul

14.02.2026. Gesinnungsprüfung zum Gazakrieg bei der Berlinale: Braucht das jemand, fragt die SZ. Für Iraner interessiert sich dagegen keine Sau. Auch nicht für die Forderungen nach elementaren Freiheiten in Afghanistan, wie monopol in einer Ausstellung der afghanische Künstlerin KIMIA notiert. In der FAS wundert sich Ronya Othmann über die positive deutsche Resonanz auf die Buchmesse in Damaskus: die dschihadistische Literatur dort ist niemandem aufgefallen? Endlich mal wieder Kontroverse, freut sich die Welt, wenn Milo Rau bei den Hamburger Lessing-Tagen in einem "Prozess gegen Deutschland" ein AfD-Verbot diskutiert lässt.

Überquellend von Weltwissen

13.02.2026. Besonders glücklich sind die Filmkritiker nicht, dass Tricia Tuttle die Berlinale mit Shahrbanoo Sadats Feelgood-Komödie aus Afghanistan eröffnet. Herbert von Karajan war kein glühender, aber doch ein von Hitler wenig geschätzter Formalnazi, hält Michael Wolffsohn in der FAZ fest. Die FR lernt in Frankfurt die Chancen von KI in der Kunst kennen. Und alle Zeitungen trauern um Cees Nooteboom, der uns zeigte, wie schön es ist, die Couch zu verlassen.

Lost in the Nineties

12.02.2026. Heute Abend beginnt die Berlinale: Die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat, deren Film "No Good Men" das Festival eröffnet, erzählt im ND-Interview, das ursprünglich niemand eine afghanische Romcom wollte. Die SZ ist schon vor Beginn im Berlinale-Blues, denn: wo sind die Stars? FAZ und FR rätseln in der Schirn über die Verquickung von Technik und Religion in den Werken Thomas Bayrls. Sandra Hüller erzählt in der Zeit, wie es sich mit Penis-Attrappe in der Hose läuft. 

Mit Tequilaglas und Zigarette

11.02.2026. Die mexikanische Fotografin Graciela Iturbide bezwingt den Tod in jedem ihrer Bilder aufs Neue, jubelt die FAZ. Der Tagesspiegel taucht derweil in die Schwarz-Weiß-Welten der Fotografin Dörte Eißfeldt ein. Die Welt schimpft über Lotte Beers verzwergte Münchner Inszenierung von Gounods "Faust"-Oper. Die FAZ ärgert sich über die Deutsche Bahn, die in Köln zwei alte, aber schöne Eisenbahnbrücken abreißen lassen will. Der Tagesspiegel spaziert in Berlin durch das runderneuerte Kino International

Wie Wahnsinnsarien oder Todesurteile

10.02.2026. Die Theaterkritiker sind beeindruckt von Michael Thalheimers "Salome"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne: Theater wie ein Schlag auf den Kopf, ruft die SZ. Die FAZ fällt wie Alice ins Wunderland in die fein gearbeiteten Kartonlandschaften der Künstlerin Eva Jospin, die der Grand Palais in Paris zeigt. Zeit Online lobt den Auftritt von Bad Bunny beim Super Bowl als einende politische Botschaft. Der Freitag verteidigt die Outfits der deutschen Sportler bei den Olympischen Winterspielen: Der Wille zum Modischen war zumindest da. 

Gleichermaßen verliebt wie heartbroken

09.02.2026. William Swiftspeare? Die Kritiker bleiben in Leipzig skeptisch, ob das Medley zwischen dem englischen Dramatiker und Taylor Swift funktioniert. Hervorragend funktioniert FAZ und FR zufolge aber die Stuttgarter "Meistersinger"-Inszenierung. Die FAZ hört mit Angelika Niescier die Zukunft des Jazz. Statt Bad Bunny sieht ebenfalls die FAZ in der Super Bowl-Halbzeitshow eher Lame Bunny, der auf eine politische Botschaft verzichtet und lieber den harmlosen Entertainer mimt.

Schlafend legt sie ihren Kopf unter eine Sichel

07.02.2026. Die FR bewundert in Frankfurt, wie Künstler mit Teppichen Widerstand leisten. Die Feuilletons gratulieren Paula Modersohn-Becker zum 150. Geburtstag: Sie wäre ein Vorbild für die deutsche Avantgarde gewesen, hätten ihre männlichen Kollegen sie nicht verdrängt, glaubt die SZ. Die FAS bewundert das Nederlands Fotomuseum in Rotterdam, das nicht nur pünktlich fertig, sondern auch wunderschön geworden ist. Die SZ befürchtet, dass Netflix-Produktionen immer dümmer werden. Und in der FAZ fragt sich Marica Bodrozic: Wo sind heute Menschen vom Format eines Vaclav Havel?

Queerness, Nacktheit, Menschenrechtsdefizite

06.02.2026. Der bombastische moralische Anspruch der Kunstwelt kommt schnell an seine Grenzen, wenn es ums Geld geht, erkennen die FAZ beim Blick in die Epstein Files und Monopol auf der ersten Art Basel in Katar. Welt und Tagesspiegel blicken skeptisch auf den von Wolfram Weimer angekündigten "Film-Booster", der eine Investitionspflicht für Streamer und Sender vorsieht. Die SZ lernt in Mailand, dass es für manchen Rekord im Sport schnittfester Unterwäsche bedarf. Die FAZ bewundert in Amsterdam achtzig prächtige Werke über Ovids "Metamorphosen".

Aus derberen Kontexten bekannte Zoten

05.02.2026. Park Chan-Wooks Film "The Ax" zeigt Klassenkampf vom Feinsten, meint die SZ, der Perlentaucher findet ihn ein wenig vorhersehbar. Die FAZ wandert in einer Ausstellung in Kaiserslautern durch die leuchtenden Prater-Landschaften der Impressionistin Tina Blau. Außerdem ärgert sie sich über die Auswahl der Kandidaten für den Preis des Deutschen Architekturmuseums: Zu viel Blech und Sichtbeton. Backstage Classical sieht im neuen Streit um den Salzburger Festspiel-Intendanten Markus Hinterhäuser eine grundsätzliche Debatte über Geniekult und Modernisierung.   

Feine Gerte, grober Knüppel

04.02.2026. Bis zur Besessenheit aufgekratzt wird in Barrie Koskys Berliner Inszenierung der "Lady Macbeth von Mzensk" musiziert, freut sich die nmz. Die Künstlerin Parastou Forouhar erzählt in der FAZ, wie Frauen im Iran ihr Recht auf Präsenz zurückerobert haben. Die NZZ hat kein Problem damit, wenn an Schulen Literaturklassiker in vereinfachten Fassungen gelesen werden. Die SZ begeistert sich für das introspektive Chaos des experimentellen Hip-Hop-Duos By Storm.

Cheerleader-Bunnys samt Lametta-Püscheln

03.02.2026. Die Grammys wurden verliehen: Zeit Online ist beeindruckt von Bad Bunny, der den Preis für das beste Album des Jahres abgeräumt hat. Die SZ hätte sich von den Gästen mehr politischen Mut erhofft. Der Tagesspiegel schnüffelt sich in der Ausstellung "Die geheime Macht der Düfte" in Düsseldorf durch die Kunstgeschichte. Uneinig sind sich die Kritiker über die Oper "Monster's Paradise" in Hamburg: Tolle Weltuntergangsmusik, meint die SZ, die FAZ sieht eine Bankrott-Erklärung der Kunst. 

Das Eigene unserer Zeit

02.02.2026. Thomas Melles "König Lear" in Kassel irritiert die Kritiker mit dämonischer Groteske - und lässt sie etwas ratlos zurück. Die Nachtkritik fragt sich in der Hamburger Inszenierung von Elfriede Jelineks und Olga Neuwirths Oper "Monster's Paradise", ob Trump als Riesenbaby noch zeitgemäße Kritik ist. Die Zeit schwärmt in weihevollen Worten von Christian Thielemann in der Elbphilharmonie. John Armleder kann nicht nur selbst Kunst schaffen, sondern auch hervorragend kuratieren, lobt die FAZ in Genf. Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle möchte mit ihrem Festival nicht nur Boomer ansprechen, verkündet sie im Tagesspiegel-Interview.