Literatur der Schwärze

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
09.01.2015. "Allein der Tod kann die Bewegung der Figuren aufhalten": Einer der großen Autoren von Charlie Hebdo war auch Jean-Patrick Manchette. Gerade hat der Alexander Verlag Erzählungen, Essays und Anmerkungen zum Kriminalroman in dem rabenschwarzen Band "Porträt in Noir" herausgebracht.
Einer der großen Autoren von Charlie Hebdo war der 1995 in Paris verstorbene Noir-Autor Jean-Patrick Manchette. Neben einschlägigen Polars wie "Die Affäre N"Gustro", "Nada" und "Position: Anschlag liegend" schrieb er unter dem nom de plume Shuto Headline in den siebziger und achtziger Jahren zahllose Essays, Kolumnen, Film- und Krimikritiken. Manchettes Schreibwut speiste sich aus einer blitzenden Intelligenz, einer stupenden Belesenheit und einer völlig verrückten Liebe zu den Produkten der Massenkultur. Dass der Alexander Verlag ausgerechnet jetzt Manchettes bisher nicht veröffentlichte Texte in dem Band "Porträt in Noir" herausbringt, ist natürlich ebenso Zufall wie die schwarze Schwärze des Einbands, dessen Titel in den Buchdeckel gestanzt ist.

Wer sich jedoch eine Vorstellung von dem anarchistischen Witz und dem libertären Geist machen will, der bei Charlie Hebdo immer herrschte, der bekommt sie mit diesen Texten. Und obendrein noch die seltene Kombination aus ultralinker Politschreibe, menschenfreundlicher Heiterkeit und unglaublichem Stilgefühl. Bei der Wahl seiner künstlerische Waffen war Manchette ebenso sicher wie die jetzt ermordeten Zeichner Cabu, Charb, Honoré, Tignous und Wolinski.

Herausgegeben von Manchettes Sohn, der selbst unter dem Namen Doug Headline schreibt, versammelt "Porträt in Noir" beileibe nicht die wichtigsten Texte von Manchette - seine bedeutendsten Essays zum Kriminalroman sind als "Chroniques" 2005 im Distel Verlag erschienen. Ein großer Teil von "Noir" besteht aus dem Drehbuch "Irrungen und Zerfall der Todestanztruppe", dessen Realisierung in einem totalen Fiasko endete, und einigen Erzählungen, die jedoch eher Appetit anregen als wirklich sättigen. Mit mehr Gewinn zu lesen sind die Kritiken und theoretischen Texte im zweiten Teil. Hier finden sich sehr schöne und luzide Texte über den Film, darunter eine Eloge auf das demokratische Kino Hollywoods, das im Gegensatz zur europäischen Hochkultur nicht nur Papstsöhnen, sondern jedem Menschen das Recht auf gewaltsame Leidenschaften wie den Borgias zubilligte. Oder eine Hymne auf Rainer Werner Fassbinder und dessen Melodram "Lili Marleen": In Manchettes Augen war die Geschichte um Lale Andersens Nazischlager der Beweis, dass es nicht nur eine Kulturtechnik der Nazis war, Belanglosigkeiten ins Kolossale aufzublasen, mithin eine wunderbar subtile Variation auf das Thema "Scheiße in Seidenstrümpfen".

Am spannendsten sind aber Manchettes Anmerkungen zum Kriminalroman, in denen er kurze, ungeheuer scharfsinnige Blicke auf das Genre wirft: "Die interessanteste Gemeinsamkeit zwischen der antiken Tragödie, dem Western und dem Roman noir wäre nicht, dass alle drei vom Bösen sprechen, sondern dass allein der Tod die Bewegung der Figuren aufhalten kann." Man wünschte sich gleich einen ganzen Essay über die unaufhaltsame Dynamik im Noir, doch die mühsame Arbeit im Bergwerk ist Manchettes Sache nicht, dafür hat er viel zu viel Stoff umzuschlagen. Auf der nächsten Seite ist er schon bei der Gewaltmystik im "nihilistischen-reaktionären" Kriminalroman und dem Unterschied zwischen einer "Literatur der Schwärze" und der "Literatur der Verachtung".

In einem Text über die Prohibition räumt er kurz mit dem Klischee auf, das Alkoholverbot habe den Gangster geschaffen, um gleich zur Geschichte des Anarchosyndikalismus zu springen. Man kommt kaum mit, lernt aber trotzdem ungeheuer viel. Sehr sympathisch ist auch, wie er sich selbst in Frage stellt: Gerade forderte er noch flamboyant und als radikale Antwort auf die gesellschaftliche Krise, "keine Romane mehr" zu schreiben, wenige Wochen später schämt er sich in Grund und Boden für diesen "Extremismus der Leere".

Ein wunderbares Stück sind die "45 unverwüstlichen Gemeinplätze" über den Roman Noir, bei denen sich wahrscheinlich schon jeder einmal ertappt haben dürfte. Kleine Auswahl: "Der Polar ist die eigentliche Literatur unserer Zeit ... Der Roman noir ist das Ferment der Anarchie ... Ein Kriminalroman wird schnell geschrieben, schnell gelesen, schnell vergessen." Und absolut tabu: "Manchette, Begründer des Neopolars".

Manchette interessierte sich nie für das singuläre Verbrechen. Nicht, dass die Zukurzgekommenen dieser Welt auch mal ihre Chance im Leben zu ergreifen versuchen, war für ihn das Problem, sondern die Gefahr, dass "die Welt in den Abgrund" gezogen wird. In seinen eigenen Polars, die er als zutiefst moralisches Genre begriff, wäre der Mörder daher nie der Gärtner, sondern immer der Innenminister. Für ihn war der Polar "der Seufzer der unterdrückte Kreatur und das Herz einer herzlosen Welt", wie er in den "Chroniques" schrieb. Was hätte er wohl zu Cherif und Said Kouachi gesagt, den Mördern seiner Freunde und Kollegen bei Charlie Hebdo? Die zugleich zwei arme Würstchen aus der Banlieue waren?

Jean-Patrick Manchette: Porträt in Noir. Aus dem Französischen von Leopold Federmair. Alexander Verlag, Berlin 2014, 250 Seiten, gebunden, 28 Euro.

Jean-Patrick Manchette: Chroniques. Essays zum Roman Noir. Aus dem Französischen von Katarina Grän und Ronald Vouillié. Distel Literaturverlag, Heilbronn 2005, 328 Seiten, kartoniert, 20 Euro