Die Staatsgewalt will Keile

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
16.11.2020. Erich Plamondon erzählt in "Taqawan" mit allen Mitteln der Poesie vom großen Lachskrieg, als die kanadische Regierung den Indianern verbieten wollte, in ihrem Reservat mit Netzen zu fischen. Denise Mina legt in "Götter und Tiere" die Arterien des Verbrechens frei, die Glasgow durchziehen.
Cover: Taqawan"Taqawan" ist ein faszinierendes Buch, eines der interessantesten dieses Bücherherbstes. Es ist für junge Leserinnen und Leser geschrieben, eigentlich überhaupt kein Roman, und die kriminalistischen Elemente sind absolut zweitrangig, wenn nicht gar störend. Der Frankokanadier Eric Plamondon erzählt von einem historischen Unrecht, und er tut dies mit allen Mitteln der Poesie. Es geht um den großen Lachskrieg von 1981, als sich die kanadischen Ureinwohner gegen das Verbot stemmten, in den Flüssen mit Netzen Lachs zu fangen. Die Mi'gmaq sind eine der großen indianischen Nationen in Kanada, sie leben zurückgedrängt auf der Gaspésie-Halbinsel von Québec, der Fluss Restigouche bildet die Grenze ihres Reservats, aber auch zugleich ihre Ernährungsgrundlage. Die großen Trawler vor der Küste haben die Lachsbestände minimiert, am oberen Flusslauf beschweren sich die luxuriösen Anglerressorts, dass sie ihren Gästen aus New York, Washington und Toronto keine Beute mehr bieten können.

Die fünfzehnjährige Océane erlebt vom Schulbus aus die Konfrontation ihrer Eltern mit der Sûreté du Quebec, die im Dienste des Artenschutz die Fischer vom Restigouche verjagt: "Die Indianer sind von der Kavallerie umzingelt. Der Ton wird schärfer. Die Reihe werden geschlossen. Die Staatsgewalt will Keile." Sie ist ein draufgängerisches Mädchen, haut sofort ab, über die große Brücke hangelt sie sich zurück ins Reservat. Ihr Vater wird von der Polizei festgenommen und übel zugerichtet. An Océane werden sich drei Polizisten noch schlimmer rächen, für ihre Unbotmäßigkeit.

Die Erzählung von der einnehmenden Océane und dem freundlichen Ranger Yves, der sie zusammen mit dem alten Indianer William und einer jungen Lehrerin aus Frankreich rettet und wieder aufpäppelt, zieht sich durch das Buch, sie ist etwas überzeichnet, wird jedoch immer wieder unterbrochen von Einschüben und Exkursen aller Art. Plamondon fügt alte indianischen Weisheiten ein ("Zum Laichen muss ein Lachs erst einmal flussaufwärts schwimmen"), traditionelle Überlieferungen, Mythen und Legenden, Einträge aus Geschichtsbüchern, Fernsehnachrichten, die Lieder von Céline Dion, zu denen das frankophone Kanada im Juni 1981 schmachtete, zoologische Erläuterungen zum Leben der Lachse oder ein Rezept für Austernsuppe.

Es ist ein fragmentarisches, multiperspektivisches Erzählen, aus dem Diskretion spricht, das aber einen enormen Sog ausübt. Plamondon nähert sich seinem Sujet vorsichtig, aus den verschiedensten Blickwinkeln, und immer von außen. Plamondon maßt sich nichts an. Oft sind die einzelnen Kapitel nur ein bis zwei Seiten lang, manchmal nur eine halbe Seite. Alles, was Plamondon anführt, ist interessant: Wenn Caesar Kleopatra verführen wollte, servierte er ihr Lachs. Im Jahr 1030 führte Malcolm II. in Schottland eine Schonzeit für Lachse ein, zweihundert Jahre später regelte die Magna Charta, wer an welchem Flussabschnitt angeln durfte. Dagegen die Mi'gmaq: Seit Jahrhunderten fangen sie ihren Fisch mit Netzen, für andere Tiere haben sie ausgeklügelten Fallen entwickelt: Hasen, Luchse oder Elche fangen sie mit Schlingen, Bären in einem Holzverschlag, in dem ein zweihundert Kilo schwerer Baumstamm als Totschläger dient. Kinder gehen nachts gern auf Jagd, um ein paar Gänse zu erlegen.

Aber vor allem lenkt Plamondon den Blick auf die Unterdrückung, der die Mi'gmaq über Jahrhunderte ausgesetzt sind. Das hat etwas Didaktisches. Aber warum nicht? Ein bisschen Nachhilfe scheint hier Not zu tun. Erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs dürfen sie ihre traditionellen Zeremonien abhalten, Potlatch, Sonnentanz oder Powwow. Bis 1960 durften sie in Kanada nur wählen, wenn sie ihres Status als Indianer aufgaben, in Québec erst seit 1969. Ein galliger Kommentar: "In Québec haben wir alle Indianerblut. Entweder in den Adern oder an den Händen." Besonders bitter ist, dass die Mi'cmaq beim ersten großen Gefecht auf dem Restigouche, im Siebenjährigen Krieg, auf der Seite der Franzosen gegen die Engländer kämpften. Die Frankokanadier dankten es ihnen, indem sie im Krieg um den Lachs ihr eigenes Süppchen mit der Zentralregierung auskochten. Aber auch das weiß William, der alte Indianer: "Kolonialismus ist ein bisschen wie ein Lachs, du kannst ihn im Meer aussetzen, aber er schwimmt immer dahin zurück, wo er hergekommen ist."

Eric Plamondon: Taqawan. Roman. Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos Verlag, Basel 2020, 22 Euro (Bestellen)

***

Cover: Götter und TiereKaum ein Artikel über die schottische Autorin Denise Mina verzichtet darauf, ihr das Etikett "Queen of Tartan Noir" anzuheften. Ganz unabhängig davon, ob ihre Romane tatsächlich noir sind und ob sie wirklich so unangefochten über dem schottischen Kriminalroman thront, erscheint diese Qualifizierung bei Mina ziemlich schräg: Ein Blick auf das Klappenbild genügt, um zu zeigen, dass diese Autorin seit Jahrzehnten ein eher punkiges Image betont.

Auch in ihren Romanen opponiert Denise Mina gegen Ansprüche festgefügter Herrschaft. Ihrem neuen Roman "Götter und Tiere", der im englischen Original bereits 2012 erschien, hat sie ein kluges Zitat von Abraham Lincoln vorangestellt: "Fast alle Menschen ertragen schlechte Zeiten, aber willst du den Charakter eines Menschen prüfen, gib ihm Macht." Mina lässt in den drei Erzählsträngen gleich mehrere Männer antreten, um diese Prüfung nicht zu bestehen. Der erste Strang erzählt von einem Raubüberfall auf eine Glasgower Postfiliale, bei dem plötzlich ein älterer Mann aus der Reihe der Wartenden tritt, seine Enkel in die Obhut des Mann neben ihm übergibt und sich dem Bankräuber anschließt. Der Großvater wird jedoch von ihm kaltblütig erschossen. Der Mann, der sich um das Kind kümmern soll, erweist sich als reicher Amerikaner, der nicht weiß, wohin mit seinem vielen Geld. Seine gescheiterten Projekte der Wohltätigkeit lässt er sich als Mahnung tätowieren.

Im zweiten Strang wird Detective Constable Tamsin Leonard in eine üble Falle gelockt: Sie soll mit ihrem Kollegen DC Wilders den Kurier eines Drogenclans überprüfen. Im Kofferraum seines Luxusschlittens entdecken die beiden eine Ikea-Tüte voller Zwanzig-Pfund-Noten. Sie greifen zu. Unbemerkt gelingt dem Kurier jedoch im entscheidenden Moment ein Foto mit seinem Handy.

Der dritte Strang schließlich erzählt vom erfolgreichen Labour-Politiker Kenny Gallagher, zweimal hintereinander zum Greatest Scot gekürt, wegen seiner vielen Affären auch der Galante Gallagher genannt. Als die Zeitungen wieder einmal Witterung aufnehmen und ihm vorwerfen, ein Wochenende mit seiner Geliebten auf Parteikosten verbracht zu haben, geht er zum Gegenangriff über: Er verklagt die Zeitung, beschimpft seine innerparteilichen Gegner als Klassenverräter und schickt Schlägertrupps zu renitenten Genossinnen. Und überhaupt: Wenn man jungen Parteigenossinnen nicht die Spesen erstattete, würden sich bald nur noch Reiche die Politik leisten können. Seine Frau Annie kann ihre Geringschätzung für ihren heuchlerischen Ehemann kaum noch in Zaum halten, sie hält es in einer aparten Szene nicht einmal mehr für nötig, die Tür zur Toilette zu schließen.

Aus diesem Netz des Verbrechens ragen zwei Gestalten hervor: Zum einen Detective Sergeant Alex Morrow, die als Mutter von Zwillingen und glücklich liiert das Gegenstück zu Ian Rankins Inspector Rebus, einem melancholischen Trinker, darstellen soll. Zum anderen ihr Halbbruder Danny McGrath, der bei allen Missetaten seine Hände im Spiel hat und der den Passepartout zum Verbrechen der Stadt gefunden hat: "Taxis sind die Arterien der Stadt." Mit Taxis kann man Geld waschen, Koks liefern, Leute kidnappen.

Denise Mina richtet immer wieder ihren Blick auf die unterschiedlichsten Milieus der Stadt und ihre Aufmerksamkeit auf Entwicklungen, vor denen das linke Schottland seine Augen verschließt. Ihre Geschichten entwickelt sie behutsam, sie lässt ihren Figuren viel Zeit und Raum für persönliche Gedanken und Gefühle. Das macht sie als Autorin aus. Aber hierin liegt auch die Schwäche dieser Erzählerin. Sie will Menschen und Milieus näher bringen, und doch bleiben beide oft nur bei Behauptungen, zu einem schlüssigen Bild will sich das nicht fügen. "Sehr böse Männer beherrschen Glasgow", heißt es an einer Stelle. Mitunter führt sie Figuren vor, um an ihnen ein Exempel zu statuieren. Ihnen entgegen stellt sie ihre etwas biedere Heldin Alex Morrow, die sich in ihrer Blässe kaum vom Weiß des Papiers abhebt. Aber das ist Programm bei Denise Mina: Die ganz normale Frau mit Familiensinn bleibt die stärkste Waffe im Kampf gegen schurkische Männer.

Denise Mina: Götter und Tiere. Roman. Aus dem Englischen von Karen Gerwig. Argument Verlag, Hamburg 2020, 352 Seiten, 21 Euro (Bestellen)