Mord und Ratschlag

Zutritt nur mit rotem Pass

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
08.12.2014. In seinem Thriller "London Underground" legt Oliver Harris in halsbrecherischem Tempo das unterirdische Nervensystem der britischen Hauptstadt frei. Denise Mina erzählt in ihrem Roman "Das Vergessen" von Korruption und Verrohung in Glasgow.
"London Underground" ist der zweite Roman, in dem Oliver Harris seinen Detective Constable Nick Belsey vom CID Hampstead in halsbrecherischem Tempo durch London jagen lässt. Wie auch schon in "London Killing", in dem Belsey die Prunkwelt der russischen Exil-Oligarchen durcheinanderwirbelte, pfeift Belsey auf alle prozedurale Regeln, auf die ihn Polizeichefs oder das Krimigenre verpflichten könnten. Dabei bewegt er sich nicht unbedingt mit pfeilschneller Eleganz durch Londons Straßen, sondern eher wie eine Flipperkugel, kreuz und quer, kurz trudelnd, aber dann gleich wieder mit so viel Karacho, dass man am besten Autos und Kinder in Sicherheit bringt.

Dieses atemlose Schreiben, das eine Szene an die nächste reiht, könnte etwas ermüdend sein, wenn Oliver Harris einen nicht mit seinem tollen Stoff bei der Stange hielte. Mit "London Underground" untergräbt er sozusagen jede Bodenhaftung: Bei der Verfolgung eines rasenden Autofahrers stößt Nick Belsey mitten im Zentrum der Stadt auf den Zugang zu einem gewaltigen unterirdischen Tunnelsystem mit verlockenden Warnschildern: "Zutritt nur mir rotem Pass". Dass die britische Regierung während des Zweiten Weltkriegs unterirdische Bunker hatte errichten lassen, war ihm bekannt, doch in den Tunneln hier entdeckt er ein Zivilschutzsystem deutlich jüngeren Datums, mit Schutzräumen und Schlafsälen für Tausende von Menschen, kompletten Feldapotheken und kistenweise Champagnervorräte, Krug aus dem Jahr 1970. Und weil Nick Belsey ein unverbesserlicher Windhund ist, macht er nicht ordnungsgemäß Meldung, sondern nimmt die Studentin Jemma mit zum Tête-à-Tête im Kriegsambiente. Prompt wird das Mädchen entführt, und anschließend erfährt Belsey vom Tod zweier Männer, der jedoch auf Anweisung von oben unter der Decke gehalten wird.

Jemmas Entführer, der sich nach einem nie enttarnten Sowjetspion "Ferryman" nennt, lockt Belsey mit ominösen Anrufen und eigens für ihn ausgelegten Fährten in ein etwas angestrengtes Katz- und Mausspiel, bei dem der Detective Constable mehr und mehr in die Rolle des Gejagten gerät. Bald sind nicht nur seine eigenen Polizeikollegen hinter ihm her, sondern auch und vor allem die Herren vom Geheimdienst.

Doch auch wenn die Konstruktion des Plots ungefähr so instabil ist wie sein Held, entfaltet der Roman im Jahr zwei nach Edward Snowdens Enthüllungen über die Arbeit der amerikanischen und britischen Geheimdienste eine ungeheure Wirkung. Wie fest ist der Boden der Tatsachen, wenn unter ihm die Bunker entlangführen, die, wie sich ja immer wieder herausstellt, weniger dem Schutz der Bevölkerung dienen als dem Vergraben von schmutzigen Staatsgeheimnissen? Wenn sich die Zentren von Telekom und Post als zentrale Knotenpunkte auch der militärischen und geheimdienstlichen Kontrolle erweisen? Wenn die britische Presse mir nichts dir nichts einen Maulkorb verhängt bekommt?

Besonders schöne Zweifel an der Welt, wie wir sie kennen, streut Harris, wenn er die Geschichte des Centre Point neu schreibt, eines Hochhauses im Zentrum Londons, dem die Regierung allen Bauvorschriften zum Trotz eine Sondergenehmigung erteilte und das der Investor anschließend zehn Jahre leer stehen ließ. Ist es Zufall, dass die rationalistischen Betonbauten des Brutalismus atombombensicher waren? Oder eine andere hübscher Einfall: Zu Dianas Beerdigung wurde der Parliament Square mit zusätzlichen Blumenrabatten versehen. Aber nicht der Zier oder Pietät wegen, sondern um die Menschenmassen fernzuhalten, die sonst im ausgehöhlten Untergrund versunken wären. Also auch so ein Fall von: Misstraut den Grünanlagen!

Oliver Harris: London Underground. Roman Aus dem Englischen von Gunnar Kwisinski. Blessing Verlag. München 2014, 448 Seiten, 19,99 Euro (Bestellen)

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A propos Prinzessin Diana. Denise Minas Roman "Das Vergessen" beginnt 1997 in der Nacht, als Diana starb, was für die Briten ungefähr die gleiche Bedeutung hat wie die Ermordung John F. Kennedys für die Amerikaner. Jeder weiß, wo er war, als Diana starb. Die damals vierzehnjährige Rose Wilson, war wieder einmal aus ihrem Jugendheim abgehauen, um sich unter der Knute ihres halbstarken Zuhälters Sammy zu prostituieren. In einer unerklärlichen Kette von Ereignissen ersticht sie erst einen Freund, der ihr zufällig über den Weg lief, dann ihren Zuhälter. Für die Tötung ihres Peinigers geht sie unter mildernden Umständen ins Gefängnis, ihr Verteidiger verschafft ihr anschließend einen Job als Kindermädchen in der Familie seines Sohnes. Für die Tötung ihres Freundes Pinkie Brown wird jedoch dessen jüngerer Bruder Michael belangt, dessen Leben im Knast weniger glimpflich verläuft. Komplett unresozialisiert steigt er zu einem der Paten von Glasgow auf.

Vierzehn Jahre später wird ein wohlhabender pakistanischer Geschäftsmann ermordet, und auf der Tatwaffe werden die Fingerabdrücke eben jenes Michael Brown entdeckt, obwohl der Mann zur Tatzeit im Gefängnis saß. Detective Inspector Alex Morrow ermittelt in einem finsteren Fall sexueller Ausbeutung und damit - wie so oft in Großbritannien - in nicht sehr vornehmen, aber gehobenen Kreise. Als schottische Ermittlerin ist diese Polizistin ein absoluter Sonderfall: Sie ist Mutter zweier Kinder und absolut zufrieden mit ihrer Arbeit. Sie trinkt nicht, hat einen klaren Verstand und kommt auch bestens mit Männern klar.

Denis Mina lehrt Kriminologie an der Universität von Glasgow und gehört zu den erfolgreichsten Vertreterinnen des schottischen Kriminalromans. Auch wenn hierzulande ihre Romane nie richtig gezündet haben, ist sie in Großbritannien so bekannt wie Val McDermid oder Louise Welsh. Allerdings sind ihre Krimis deutlich konventioneller gestrickt, sogar ein bisschen vorhersehbar. Sie schreibt sehr geradlinig, zeichnet ihre Charaktere jedoch sehr genau und klug, und hat vor allem ein gutes Auge für die verschiedenen sozialen Milieus von Glasgow, deren Verrohung und Korrumpierung sie präzise und in den feinen Nuancen von Dunkelgrau nachzeichnet. In "Das Vergessen" erzählt sie, ohne sarkastisch zu werden, wie bitter sich gute Taten rächen, wenn sie aus böser Absicht geschehen.

Den schottischen Kriminalroman schlechthin gibt es übrigens jetzt auch wieder zu lesen: Der Kunstmann Verlag hat William McIlvannecs Roman "Laidlaw" aus dem Jahr 1977 von Conny Lösch neu übersetzen lassen. Es ist der sehr lesenswerte Klassiker des Tartan Noir, in dem Glasgows Düsternis selbst einen so grimmigen Mann wie Detective Inspector Jack Laidlaw als menschenfreundlichen Kontrapunkt leuchten lässt.

Und wer dann noch nicht genug hat von schottischen Krimis kann sich noch mit Ian Rankins zwanzigstem Roman "Schlafende Hunde" vergnügen, in dem sich der aus dem Ruhestand aktivierte John Rebus so krampfhaft an den Polizeidienst klammert wie der Autor an seinen etwas auserzählten Serienhelden. Dabei gerät Rebus selbst ins Fadenkreuz der Ermittler, denn schließlich reicht seine lange Vergangenheit bis in die schmutzigen siebziger Jahre zurück.

Denise Mina: Das Vergessen. Roman. Aus dem Englischen von Heike Schlatterer. Heyne Verlag, München 2014, 352 Seiten, 9,99 Euro (Bestellen).

William McIlvanney: Laidlaw. Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Antje Kunstmann Verlag, München 2014, 320 Seiten, 19,95 Euro (Bestellen).

Ian Rankin: Schlafende Hunde. Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Manhattan Verlag. München 2014, 462 Seiten, 19,99 Euro (Bestellen).