Mord und Ratschlag

Die nötige Muskelspannung

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
19.02.2015. Gegen Aberglaube und andere Religionen kämpft der Kapstädter Inspector Eberard Februarie in Andrew Browns Roman "Trost". William McIlvanneys Glasgow-Klassiker "Die Suche nach Tony Veitch" legt schonungslos den Konservatismus der Gangster-Branche offen.
Inspector Eberard Februarie von der Polizei in Kapstadt war so gut wie erledigt, als ihn eine Xhosa, die er des Mordes überführt hatte, übel verfluchte. Dass er diese Ausfälle nicht sonderlich ernst nahm, freute seine Feinde und schockierte seine Freunde: "Sie denken der Fluch hat keine Wirkung auf Sie, weil Sie kein Xhosa sind. Aber da geht es nicht um Ihre Hautfarbe. Das ist keine Religion, an die man glauben kann oder auch nicht. Dieser Fluch ist ein Gift, und Sie müssen ihn unbedingt von jemandem, der sich damit auskennt, aufheben lassen."

Februarie hat zwar ein Alkoholproblem, aber er ist Rationalist, weswegen ihn die Reaktionen mehr erschrecken als der Fluch selbst. Das einzige übersinnliche Wesen, an das er glaubt, ist die junge Prostituierte Angel, die bei ihm unterkommt, wenn sie sich mal wieder von einem Absturz in die Tik-Hölle erholen muss. Aber alle halten ihn, den verfluchten alten Säufer, seltsamerweise für genau den richtigen Mann, um einen sehr heiklen Mord in der Synagoge aufzuklären beziehungsweise dem Erstbesten in die Schuhe zu schieben: Ein Junge liegt dort, aufgeschlitzt und ausgeweidet, der muslimische Gebetsmantel hängt ihm nur noch in Fetzen vom Leib. Natürlich macht sofort die Rede vom Ritualmord die Runde: "Die Juden haben einen Muslim geopfert!" freuen sich die militanten Scharfmacher und wiegeln die muslimischen Jugendbrigaden auf, die Evangelikalen fürchten um das christliche Afrika, die Moderaten rufen hilflos zu Dialog gegen Intoleranz, private Sicherheitsdienste rüsten für die Bewachung der Gotteshäuser auf und die Regierung bringt den Social Values Act voran, der schwere Strafen für die Beleidigung von Religionen vorsieht.

Tatsächlich erweist sich Inspector Februarie im Sinne seiner Vorgesetzten als genau der Falsche, denn er mag zwar ein alter Säufer sein, aber er hat Grundsätze und seit den unbedarften Reaktionen auf seine öffentliche Verfluchung auch eine neue Entschlossenheit im Kampf gegen Aberglauben und Unverstand: "Ich verhafte keine Rasta wegen Hasch. Auch keine Nigerianer, weil sie in einer Wohngegend singen. Ich werde auch niemanden hopsnehmen, nur weil er eine Burka trägt. Und garantiert werde ich niemanden wegen verdammter Blasphemie einbuchten."

Der südafrikanische Anwalt Andrew Brown verbindet in seinem Roman Wahn, Korruption und Inkompetenz zu einem unheilvollen, explosiven Gemisch. Religion und der im Chaos gedeihende Extremismus sind sein Thema, die Verbindung aus High-Tech und Low-Intelligence. Sein Roman ist voller kluger Gedanken und Beobachtungen, auch der Titel "Trost" ist ein schönes Statement: Trost, will Brown sagen, suchen verständlicherweise viele Menschen, sie werden ihn nur niemals in der Religion finden, sondern nur bei anderen Menschen.

Brown ist allerdings nicht der allerstärkste Erzähler unter Südafrikas Krimiautoren, dafür unterwirft er seinen Roman und dessen Figuren zu sehr seinem Thema. Das ist vor allem bei der jüdischen Sozialarbeiterin Yael Rabin der Fall, die dem Inspector aus ziemlich heiterem Himmel zur Seite gestellt wird. Ein wenig kommt seinem aufklärerischen Impetus auch der Wunsch in die Quere, in der südafrikanischen Gesellschaft mehr Verständnis für Kultur und Tradition des Judentums zu erzeugen, so dass Inspector Februaries strikte Neutralität plötzlich gefährdet scheint. Dennoch: So wohlüberlegt und spannend ist lange nicht über die Mittel der sozialen Manipulation erzählt worden.

Andrew Brown: Trost. Roman. Aus dem Englischen von Mechthild Barth. btb Verlag, München 2014, 345 Seiten (Bestellen)



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Vor William McIlvanney war Glasgow eine heruntergekommene Industriestadt, ohne jeden Charme und ohne Anklang an seine einstige imperiale Größe. In seinen Kriminalromanen erfand er in den siebziger und achtziger Jahren die Stadt neu als raue Gangstermetropole, hart am Wind gebaut, aber "so freundlich, dass sie jede Grausamkeit niederprügelte". Gefeiert, gelebt und gestorben wird im Pub, an dessen Wänden die Bilder von Charles Aznavour und Georgie Best hängen, die allseits anerkannte Hymne der Stadt lautet "I"m two drinks from jail."

Doch nicht nur der Stadt hatte der 1936 geborene McIlvanney ein neues Gesicht gegeben, sondern auch dem schottischen Kriminalroman. Alle Autoren, die heute Rang, Namen und Erfolg berufen sich auf McIlvanney als ihrem großen Vorbild, dem Vater des Tartan Noir, der den Krimi als moralisches Genre ohne jede Sentimentalität begriff. In Deutschland sind seine Romane nie angekommen, aus seiner grandiosen Trilogie um Detective Jack Laidlaw ist nur hin und wieder der erste Titel übersetzt worden, ohne recht zu zünden. Sehr zu begrüßen ist also, dass der Verlag Antje Kunstmann nun die seit vierzig Jahren überfällige Trilogie in Gänze herausgibt.

Zum ersten Mal auf Deutsch zu lesen ist der zweite Band, "Die Suche nach Tony Veitch", von Conny Lösch wie gewohnt mit ungeheuer viel Sprachwitz übersetzt. Wie alle Romane von McIlvanney beginnt auch dieser ein wenig sperrig, über die ersten fünfzig Seiten läuft man eher gegen den Wind. Aber im Grunde sorgt das für die nötige Muskelspannung. Denn McIlvanney zieht uns auf der Suche nach dem verschwundenen Tony Veitch tief hinein in diese Stadt und ihre menschlichen Abgründe. Der junge Student soll den Schwager eines Gangsterboss umgebracht haben, und obendrein auch noch einen Obdachlosen. Gleich zwei Syndikate sind nun also hinter dem Jungen her, Jack Laidlaw auch, aber eher, um ihn vor dem zu schützen, was Glasgows Unterwelt für Gerechtigkeit hält.

Toll zeichnet Mc Ilvanney diese Halbwelt, ohne jede Idealisierung oder Schönfärberei. Seine Gangster sind von extremer Bösartigkeit und brutaler Präzision, sie lieben Gewalt. Und ganz sicher dichtet er ihnen keinerlei subversives Potenzial an: "Professionelle Verbrecher sind grundsätzlich konservativ, vielleicht weil sie die Gesetze ernst nehmen müssen, und nur effizient agieren können, wenn sich die anderen an die Vorschriften halten." Und weil er zu keinerlei Schwarzweiß-Malereien neigt, kann man auch sehr seine ätzenden Bemerkungen über die gehobene Gesellschaft goutieren: "Rechtschafftenheit ist ein scheinheiliges Miststück." Das Buch ist voll ätzender Sätze, kluger Beobachtungen und wunderbarer Beschreibungen.

Unübertroffen ist aber sein Detective Jack Laidlaw, der durchaus auch eine große Härte an den Tag legt, auch gegenüber Kollegen und vor allem gegenüber seiner Frau. Aber eigentlich ist ein großer, nur etwas raubeiniger Humanist. Was er auf den Tod nicht ausstehen kann, das sind totaler Zynismus und unverrückbarer Idealismus. "Das einzig Legitime, das uns bleibt, ist die menschliche Erfahrung. Die Möglichkeit, dass morgen etwas anders wird. Der unvorstellbare Unterschied."

William McIlvanney: Die Suche nach Tony Veitch. Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Antje Kunstmann Verlag, München 2015, 317 Seiten, 19,95 Euro (Bestellen)