Mord und Ratschlag

Erde im Blut

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen.
Parker Bilal ist das Pseudonym des Schriftstellers Jamal Mahjoub (Homepage). In London geboren, wuchs er in Khartoum, der Heimat seines Vaters, auf, besuchte dort ein von italienischen Priestern geleitetes College, studierte Geologie in Sheffield und lebt heute - nach einigen Jahren in Arhus - in Barcelona. Eine solche Biografie prädestiniert ja geradezu, über Kairo zu schreiben, das als Krimischauplatz bisher noch gar nicht erschlossen ist. Dabei ist Kairo ein tolles übles Pflaster. Hier, lernen wir, haben die Fellachen Erde im Blut und die Fernsehdiven einen glasierten Porzellanleoparden auf der Terrasse.

In seinem vorherigen Roman "Die Stunde der Zeichen" erzählte Bilal - als Jamal Mahjoub - die Geschichte vom Aufstand des Mahdis, jenes religiösen Führers, der die Briten unter General Gordon aus dem Sudan vertrieb, um die rechte islamische Ordnung wiederherzustellen - sehr zur Freude der Sklavenhändler, die die abolistischen Anflüge der britischen Kolonialmacht gar nicht schätzten. Auch im Zentrum von "Die dunklen Straßen von Kairo" steht ein Charismatiker: Adil Romario, ägyptischer Fußballgott, ist verschwunden. Er hat den großen Aufstieg geschafft, vom Gassenjungen aus einem staubigen Wüstendorf hat in den ägyptischen Olymp, in die marmornen Palästen von Heliopolis, wo Filmstars, Bauunternehmer und afrikanische Exildiktatoren ihr luxuriöses Leben fristen, mit Panoramablick auf die Pyramiden in die eine Richtung und auf den Nil in die andere. Die Frauen lieben ihn, die Männer verehren ihn und alle möglichen Fußballwunder werden ihm zugeschrieben. Er ist wie geschaffen als Projektionsfläche in einer Gesellschaft, in der Geld, gutes Aussehen und entsprechender Einfluss mehr Bedeutung haben als echtes Talent. Adil Romario wird von dem Magnaten Saad Hanafi protegiert, der sich mit Schutzgelderpressung, tiefgekühlten Okraschoten und Immobilien ein Imperium errichtet hat.

Ein Mann wie Hanafi hat natürlich überall Freunde, aber seine Feinde eben auch, weshalb er den Privatdetektiv und Außenseiter Makana beauftragt, seinen verschwundenen Star zu suchen. Als Mann der Vernunft ist er die Gegenfigur zum charismatischen Romario wie zum gewieften Hanafi. Makana war Polizist im Sudan. Als dort die Islamisten an die Macht kamen, hat er nicht mal versucht sich anzupassen, er hätte nicht gewusst, wie man das macht. Sie brachten seine Frau und seine Tochter um und vertrieben ihn aus dem Land. Seitdem lebt er als Flüchtling in einem Hausboot auf dem Nil, Treibgut das eine wie der andere. Von der Polizei wird er geduldet, da er ihr hin und wieder aus peinlichen Situationen hilft. Die Suche nach Adil Romario wird Makana in ein Geflecht aus Eifersucht, Rache und verletzter Familienehre führen, so undurchdringlich wie der Khan-El-Khalili Basar. Die Fäden ziehen Islamisten, russische Oligarchen, der Mukhabarat und sitzengelassenen Schauspielerinnen.

"Die dunklen Straßen von Kairo" ist nicht der aktuelle Krimi zur arabischen Revolution. Die Geschichte spielt bereits im Jahr 1998, kurz zuvor haben Islamisten den Anschlag auf eine Touristengruppe in Luxor verübt. Aber veraltet ist der Roman damit keineswegs. Bilal erzählt von einem Ägypten, in dem die Islamisten die Macht gewaltsam an sich zu reißen zu versuchen. Von einem Land, das sich in einem alten Groll gegen den Rest der Welt verschanzt. Von einem durch und durch korrumpierten Staatsapparat, der sich damit begnügt, die Fassade zu bewahren. Von einer Presse, die niemanden auf die Füße treten will, weder der politischen Führung noch den Großunternehmern oder den Muslimbrüdern.

Bilal breitet die ägyptische und sudanesische Wirklichkeit in ihrer ganzen gesellschaftlichen Komplexität aus, mitunter liest sich seine nüchterne Prosa wie ein Artikel aus Le Monde diplomatique. Manchmal wünscht man sich sogar mehr Sinnlichkeit in Bilals Erzählen, mehr Bilder, Musik, Bewegung, mehr Lärm und Gestank. Aber Bilal macht in seinem sehr durchdachten Roman eines sehr deutlich: dass es bei der Polizeiarbeit, im Krimi und in Fragen von Recht und Gerechtigkeit nicht um Moral geht, sondern um Aufklärung, um Vernunft. Kriminalistik ist eine Wissenschaft. Über Schuld oder Unschuld entscheiden die Tatsachen, nicht die Frömmigkeit. Der rechte Glaube darf weder beim Täter noch beim Opfer zählen, nicht beim Richter und nicht beim Polizeichef.

Parker Bilal: Die dunklen Straßen von Kairo. Roman. Aus dem Englischen von Karolina Fell. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012, 443 Seiten, 9,99 Euro (Bestellen)

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In dankenswerter Zuverlässigkeit bringt der Alexander Verlag jedes Jahr einen Ross-Thomas-Klassiker in neuen Übersetzung heraus, jedes Mal fragt man sich etwas bang, ob auch der neue Roman so großartig sein wird wie all seine Vorgänger. Und jedes Mal kann man spätestens auf Seite 27 aufatmen: Ja, ist er, vielleicht sogar noch großartiger.

"Der achte Zwerg" spielt in Deutschland im Jahre Null, im kaputten, hässlichen Frankfurt. Selbst wenn man weiß, dass Ross Thomas mit allen Wassern der Politik, der Propaganda und der Kriegsführung gewaschen ist, kann man kaum glauben, wie gestochen scharf er diese politische und moralische Trümmerlandschaft ins Bild setzt. Absolut desillusioniert, sehr sarkastisch, und dabei kein bisschen zynisch.

Minor Jackson, ein Mann mit vielen Talenten, aber ohne rechte Idee, was er mit seinem Leben anfangen soll, hat gerade seinen Dienst beim OSS, dem Office for Strategic Service, quittiert. Da wird er von einem deutsch-jüdischen Industriellen angeheuert, dessen aus den Augen verlorenen Sohn aufzuspüren. Dieser Kurt Oppenheimer hat sich im Untergrund darauf verlegt, Nazigrößen umzubringen und auch jetzt, Anfang des Jahres 1946, sieht er keinen echten Grund, dies zu ändern. Deswegen sind alle Geheimdienste auf einmal hinter ihm her, die Amerikaner, die Briten und die Russen, allerdings nicht, weil sie diese Form der Entnazifizierung fragwürdig finden, sondern weil sie fürchten beziehungsweise hoffen, dass er sich nach Palästina absetzen könnte, um seine Fertigkeiten in den Dienst der zionistischen Sache zu stellen. Immer mit dabei ist Nicolae Ploscaru, Sohn eines verarmten rumänischen Aristokraten. Von ihm weiß man nicht, ob er während des Krieges für die Briten die Deutschen ausspioniert hat oder umgekehrt. Jetzt steht er, je nachdem wie sich das Blatt wendet, auf der Seite, wo das meiste Geld zu holen ist. Er ist der Zwerg.

Kein Jahr nach Ende des Krieges hat sich das Blatt in dem großen Spiel so schnell gewendet, dass keiner mehr weiß, mit wem und wofür er kämpft, aber dies mit allen Mitteln: Minor Jackson versucht, sich selbst treu zu bleiben, Kurt Oppenheimer hält an seinen Idealen fest, die Briten wollen ihre Überlegenheit nicht verlieren, die Amerikaner nicht Eroberer sein. Und die Russen lassen die Deutschen Gasanlagen für sich bauen. Schauplätze der verzweifelten Versuche, den Kopf über Wasser zu halten, sind die zerbombten Häuser und der Schwarzmarkt, die Fälscherwerkstatt und das DP-Lager, die Bordelle, die amerikanische Offiziersbar im Verwaltungsgebäude der I.G. Farben.

Gegen dieses offene Feld schneidet Thomas wunderbar die ungelüfteten Zentralen in Washington. Während das OSS erstaunlich gut wegkommt, trifft alle Verachtung das Pentagon, durch das der Geruch brennenden Ehrgeizes zieht: "Ein Produkt von Angst, schlechten Nerven, schlechter Verdauung und zu viel Mundhalten." Das Buch ist voll solcher Sätze. Man möchte sie in der Bahn laut vorlesen, ausschneiden und aufhängen. Wie Diamanten schleift Thomas Charaktere, Dialoge oder die gesamte Weltlage. Woran erkennt die russische Agentin, die nie ohne Nerz aus der unbeheizten Ruine geht, ihre Verfolger? "Die Engländer gehen, als gehörte ihnen die Welt, die Deutschen, als fänden sie, sie müsste ihnen gehören, die Amerikaner, als wäre ihnen egal, wem sie gehört." Nicht zu übertreffen.

Ross Thomas: Der achte Zwerg. Thriller. Aus dem Amerikanischen von Stella Diedrich, Gisbert Haefs und Edith Massmann. Alexander Verlag, Berlin 2011, 351 Seiten, 14,90 Euro (Bestellen)