Mord und Ratschlag

Nützliche Lügen

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
28.01.2014. In seiner großen Studie "Rätsel und Komplott" beschreibt der französische Soziologe Luc Boltanski, wie kritisches Denken und paranoide Fantasie, fixe Ideen und intellektuelle Überspanntheit im Kriminalroman zusammenfinden. John Le Carré erzählt in "Empfindliche Wahrheit" von einem Diplomaten, der den Verhandlungstisch verlässt und zum Whistleblower wird.
Angesichts der Übermacht der Kriminalerzählung in Literatur, Kino und Fernsehen kann man jede Reflexion über die Logik des Kriminalromans und das ihm zugrunde liegende Denken nur wärmstens begrüßen. Richtig dankbar muss man sein, wenn es jemand mit so viel Kenntnis, Kunstverstand und Humor tut wie der französische Soziologe Luc Boltanski in seinem Buch "Rätsel und Komplotte". Anders als Carlo Ginzburg, der in seinem berühmten Essay "Spurensicherung" über Indizien bei Morelli, Freud und Sherlock Holmes mit wunderbarer Leichtigkeit schrieb, verlangt Boltanski seinen Lesern ungeheure Konzentration ab. Allein die bewundernswert klare Übersetzung von Christine Pries erleichtert die Arbeit.

Boltanski stellt in seiner Studie den Kriminalroman in einen Zusammenhang mit der Soziologie und der Paranoia, die zeitgleich am Ende des 19. Jahrhunderts auftauchen. Alle drei Phänomene kreisen um Figuren wie das Rätsel, die Untersuchung oder den Verdacht, um Komplott und Enthüllung. Sie reagieren auf die Moderne mit den Mitteln der Moderne, wenn auch nicht immer rational. Das literarische Genre, die wissenschaftliche Disziplin und das gepeinigte Gemüt zeugen laut Boltanski von ein und derselben Verunsicherung: Ist die Realität so wie sie scheint? Oder auch: wie uns glauben gemacht wird?

Boltanski unterscheidet zwischen der Welt und der Realität. Die Welt ist für ihn alles, was geschieht. Die Realität dagegen wird durch ein Geflecht von Kausalbeziehungen hergestellt, das die einzelnen Ereignissen unserer Erfahrungen in einen Zusammenhang stellt. Für die Konstruktion und Aufrechterhaltung der Realität ist der Staat zuständig, der nicht nur Politik und Verwaltung umfasst, sondern auch seine Institutionen wie die Justiz, Wissenschaft und Medien. Ein Riss in dieser festgefügten Realität erscheint uns als eigentümlich, unerklärlich, eben als ein Rätsel. Für Boltanski ergibt sich das Rätsel aus dem "Hereinbrechen der Welt in die Realität".

Die Realität, meint Boltanski, war dabei nie so robust, organisiert und vorhersehbar wie in der Moderne. Zugleich wächst jedoch das Misstrauen ihr gegenüber. Der Erfolg des frühen Kriminalromans liegt in Boltanskis Sicht darin begründet, dass er die Krise der Realität in Szene setzt: Er inszeniert Rätsel und Auflösung.

Die erzählerische Logik des Kriminalroman basiert anders als die phantastische Erzählung oder der Schelmenroman auf der Logik der Moderne. Die phantastische Erzählung zeigt die Welt in ihrer Wunderlichkeit, der Schelmenroman in ihrer sozialen und moralischen Disparatheit, der Kriminalroman jedoch basiert auf der naturwissenschaftlichen Logik, auf der physischen wie auf der sozialen Realität: Nicht nur die natürliche Welt gehorcht ihren Gesetzmäßigkeiten, sondern auch die verschiedenen sozialen Milieus. Und nur wenn die Realität ein stabiles Gewebe darstellt, kann das Rätsel überhaupt seine Eigentümlichkeit entwickeln. Und auch nur in einem demokratischen Rechtsstaat funktioniert dieses literarische Spiel. Autoritäre Regimes oder Diktaturen greifen so stark in die Realität ein, dass für Subtilität kein Platz bleibt: "Propagandaansprüche sind mit der Ungewissheit, auf der suspense beruht, nicht vereinbar."

Kein Wunder also, dass sich der Kriminalroman in den USA, in Großbritannien und in Frankreich entfaltete. Boltanskis Liebe gehört Arthur Conan Dyole und Georges Simenon, an ihren beiden großen Ermittlern, Sherlock Holmes und Kommissar Maigret, dekliniert er das Verhältnis von Staat und Realität ebenso durch wie die Unterschiede zwischen Detektiv und Polizist, Aristokratie und Republik. Es sind wunderbare Kapitel, sie lassen eine leidenschaftliche Lektüre bei hellwachem Verstand vermuten.

Und ohne jemandem das Vergnügen an den Geschichten um Sherlock Holmes nehmen zu wollen, seziert Boltanski die englische Klassengesellschaft, die bei Conan Doyle ein selbstverständlicher Ausdruck der Aristokratie ist. Zu ihr gehören Herren von überragender Intelligenz, denen der Schutz der Nation, die Verteidigung des Rechtsstaat und die Mehrung des Reichtums obliegt; Neureiche, deren Vermögen nicht über ihre fehlende Nobilität hinwegtäuschen kann; und die Dienenden, die sich in ein dummes, grobes Volk und Elitebedienstete aufteilen. Letztere bestehen aus Butlern, Gouvernanten und Polizisten, die mit ihren Herren die alten Werte teilen, aber natürlich nicht die Größe. Aber nicht nur wegen ihrer leichten Beschränktheit will Sherlock Holmes der Polizei all die komplizierten Fälle nicht überlassen, für die ihn hochstehende Aristokraten verpflichten, sondern auch weil es gilt, den Skandal zu vermeiden. Ein wunderbarer Exkurs sind hier Boltanskis Ausführung zur Form der Affäre, die Voltaire mit seinen Schriften gegen die heuchlerischen Stützen der Gesellschaft begründet und zu einem wichtigen Vehikel der normativen Selbstverständigung einer Gesellschaft gemacht hat. Als Voltaires Nachfolger sieht Boltanski übrigens die amerikanischen Autoren Dashiell Hammett und Raymond Chandler, deren Noirs er kennt und erwähnt, aber im Großen und Ganzen unbehandelt lässt, vielleicht auch, weil sie seine Argumentation sprengen würden.

Simenons Maigret ist dagegen nie mit Staatsaffären befasst, sondern allein mit Verbrechen aus Leidenschaft. Er besitzt nicht Holmes' intellektuelle Brillanz, sondern Kompetenz und Lebenserfahrung, geistige Unabhängigkeit und große Menschlichkeit. Und er teilt, wie Boltanski betont, mit den Soziologen die Devise: "Nicht urteilen, sondern verstehen". Dabei ist er als Polizist durch und durch französischer Staatsbeamter. Denn den Staat, wie Boltanski ihn versteht, verkörpert in Frankreich nicht die Politik, sondern die Verwaltung. Die Gesellschaft besteht aus einem Mosaik verschiedener Milieus, und die sozialen Unterschiede drohen die Einheit der Nation ebenso zu schwächen wie die Politik, in der die verschiedenen Fraktionen der Elite ihre Interessenkonflikte austragen. Die Wahrung der staatlichen Kontinuität liegt also in der Verantwortung der Administration (man gewinnt eine Ahnung von der Macht und Absurdität des französischen Staatsbeamten, wenn die größte Aufgabe der Verwaltung im Fortbestehen der Verwaltung besteht).

Sehr ernüchternd für alle Anhänger von Verschwörungstheorien ist das Kapitel über den Spionageroman. Ausgehend von John Buchans Klassiker "Die neununddreißig Stufen" von 1915 nimmt Boltanski den Glauben an das Komplott gründlich auseinander. In den frühen Spionageromanen verschworen sich entweder - wie bei Buchan - die Bankiers mit den Anarchisten und einer fremden Staatsmächten gegen das Volk (als Nation), oder es verbündeten sich - bei Eric Ambler und später bei Jean-Patricke Manchette - die Bankiers mit den Kapitalisten und der eigenen Staatsmacht gegen das Volk (als Proletariat). Sehr schön zeigt Boltanski aber, um wie viel raffinierter die Figur des Komplotts in die doppelbödigeren Romane von Graham Greene und John Le Carré eingewebt ist.

Deutlich wissenschaftlicher werden die Kapitel zu Paranoia und Soziologie, die ebenfalls beide den Verdacht gegenüber offizieller Repräsentation pflegen, den Glauben an Komplotte nähren und den "Keim der Zwietracht" säen. Da sich die Wissenschaft an ihrem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, muss als Erkenntnis von Boltanskis Studie ganz klar festgehalten werden: Es gab in der Geschichte der Moderne durchaus Komplotte. Die Protokolle der Weisen von Zion waren eines, das seine Wirkung ausgerechnet als Verschwörungstheorie entfaltete. Auch Watergate war ein Komplott. Aber: Verschwörungen sind nicht sehr häufig und selten erfolgreich.

Trotzdem ist es sehr lustig, wie in der frühen Geschichte der Psychiatrie der paranoide Charakter mit dem soziologischen gleichgesetzt wurde. "Trotz ihrer scheinbaren Verschiedenartigkeit", zitiert Boltanski die Ärzte Paul Sérieux und Joseph Capgras, "die allein auf die Art der Zwangsvorstellung und auf unterschiedliche Reaktionsweisen zurückzuführen, sind alle Querulanten gleich. Für ihre Psychose sind zwei gleich bleibende Zeichen charakteristisch: eine fixe Idee und intellektuelle Überspanntheit."

Luc Boltanski: Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft. Aus dem Französischen von Christine Pries. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 515 Seiten, 39 Euro (Bestellen).


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Da Luc Boltanski nun klargestellt hat, dass sich jeder guter Spionagethriller ebenso aus dem kritischen Geist wie dem paranoiden Denken speist, lässt sich John Le Carrés neuer Roman ungeniert genießen. "Empfindliche Wahrheit" ist die Geschichte eines Whistleblowers, der aufdeckt, wie Politik und Geheimdienste im Namen der Staatsräson ihre eigenen Verbrechen vertuschen. Man kann kaum glauben, mit welcher Eleganz und Klugheit der inzwischen achtzigjährige Le Carré dieses Drama unserer Zeit erzählt.

In der britischen Kronkolonie Gibraltar soll der oberste Waffenhändler von al-Qaida dingfest gemacht werden. Zu der streng geheimen Operation wurden zwar ein britischer Diplomat und einige Soldaten beordert, ausgeführt wird sie aber vom Sicherheitsunternehmen Ethical Outcomes Inc., das Mrs. Spencer Hardy aus Houston, Texas gehört. Armeen haben, wie wir lernen, eigentlich ausgedient: "Kopflastig, schlecht ausgestattet, ein Brigadegeneral für zehn Hanseln und sündhaft teuer", außerdem hat Mrs. Hardy viel mehr Überblick: Zu ihrem Portfolio gehören neben dem Nachrichten- und Militärgeschäft auch der Handel mit Öl, Weizen und Rindfleisch sowie etliche evangelikale Stiftungen, als Wohltäterin ist sie strikt "Pro Life". Mit dem immensen Vermögen hat sie von ihrem Mann auch die feste Überzeugung geerbt, dass die CIA wie die anderen Bundesbehörden auch von Islamverstehern und "liberalen Schwanzlutschern" unterwandert sind, weswegen sie den Kampf gegen den Terror in die eigenen Hände genommen hat. Ihr dankbarer Kompagnon in der britischen Politik ist Kabinettminister Fergus Quinn, der im Wahlkampf für New Labour den Volkstribuns gibt, aber auch den englischen Herrenton beherrscht. Vor allem jedoch liebt er die Rolle dessen, der sich die Hände schmutzig machen muss, um die westliche Freiheit zu verteidigen. Ganz wie zu erwarten geht der von ihm eingefädelte Einsatz in Gibraltar katastrophal schief und wird zum Staatsgeheimnis erklärt.

Doch der junge Diplomat Toby Bell hat Wind von der Angelegenheit bekommen, ein Idealist, der in den Jahren seiner erfolgversprechenden Karriere nicht gelernt hat, Kompromisse zu machen. Mit ihm und seinem Mentor im Außenministerium, Giles Oakley, kommen wunderbare Charaktere ins Spiel. Immer wieder diskutieren die beiden, wie sie die gute Sache am besten voranbringen. In einer grandiosen Szene in einer Berliner Grunewald-Villa überlegt Toby, zum Guardian zu gehen ("Mir steht die ganz verdammte Dreckscheiße bis hierhin, aber dermaßen!"), wovon ihn Oakley mit einem großen Plädoyer für die Diplomatie abhält, was, wie sich herausstellen wird, zum Teil ernsthafter Überzeugung entspringt, zum Teil leisetreterischer Bequemlichkeit und zum Teil der eigenen Erpressbarkeit. Wo er stehe? "Ich stehe nicht, ich sitze. Am Verhandlungstisch. Immer am Verhandlungstisch! Ich wiegle ab, ich argumentiere, ich plädiere, ich demontiere, ich schmeichle, ich hoffe. Aber ich erwarte nichts."

Le Carré ist unübertroffen darin, den zögernden, ambivalenten und doch moralischen Einzelnen gegen einen deformierten Apparat zu setzen, der nur noch der Logik des eigenen Machterhalt folgt, die Aufdeckung seiner Missetaten zum Landesverrat erklärt und die Wahrheit nicht von der nützlichen Lüge unterscheiden kann.

Von Whistleblowern und ihren Motiven haben wir in den letzten Jahren eine ganz gute Vorstellung bekommen. Manche sind Idealisten, manche zerrissene Seelen und manche sektiererische Gemüter. Solange wir uns kein rechtes Bild von ihren Counterparts in den Geheimdiensten machen können, sind wir darauf angewiesen, dass Le Carré unsere Fantasie nährt.

John Le Carre: Empfindliche Wahrheit. Thriller. Aus dem Englischen von Sabine Roth. Ullstein Verlag, Berlin 2013, 400 Seiten, 24,99 Euro (Bestellen).