Aus dem Französischen von Christine Pries. Was hat die Kriminalliteratur mit der Paranoia und den Sozialwissenschaften zu tun? Dieser Frage geht Luc Boltanski in seinem höchst originellen, preisgekrönten Buch nach. Seine Antwort: Wie die Sozialwissenschaften entsteht auch die Kriminalliteratur um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, und in diese Zeit fällt auch die Entdeckung der Paranoia in der Psychiatrie. Zusammen zeugen sie von einem sich zunehmend verbreitenden Zweifel an der "Realität der Realität", der als Symptom der Moderne gelten kann.
Im Perlentaucher:
Nützliche Lügen
Boltanskis Liebe gehört Arthur Conan Dyole und Georges Simenon, an ihren beiden großen Ermittlern, Sherlock Holmes und Kommissar Maigret, dekliniert er das Verhältnis von Staat und Realität ebenso durch wie die Unterschiede zwischen Detektiv und Polizist, Aristokratie und Republik. Es sind wunderbare Kapitel, sie lassen eine leidenschaftliche Lektüre bei hellwachem Verstand vermuten. Thekla Dannenberg in Mord und Ratschlag
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.03.2014
Bernd Stiegler findet es auf- und anregend, was der Autor hier versucht: Eine historische Bestandsaufnahme, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Kriminalroman, Soziologie und Paranoia aufzeigt. Materialreich und spannend wie ein Krimi, so erklärt Stiegler, taucht Luc Boltanski historisch analytisch nach den gesellschaftlichen Implikationen der Paranoia und präsentiert Sherlock Holmes als Ordnungsbringer einer aus den Fugen geratenen Moderne. Wenn der Autor seine Befunde am Ende des Buches soziologisch reflektiert, wird es Stiegler allerdings etwas zu sperrig.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 08.01.2014
Wie die Kriminalliteratur entstehen konnte, erfährt Sylvia Staude aus Luc Boltanskis klugen Einlassungen zum Thema Misstrauen in modernen Gesellschaften. Die Entwicklung der Nationalstaaten und ihrer Rechtsstaatlichkeit war ausschlaggebend dafür. Über solche Erkenntnisse hinaus bietet der Autor eine eingehende Beschäftigung mit Conan Doyle und Simenon sowie die Erörterung von Fragen des Respekts und des Misstrauens der Polizei dem normalen Bürger gegenüber. Gerade hier fällt der Rezensentin dann die NSA-Affäre ein und sie vermisst ein wenig den aktuellen Bezug im Buch. Das liegt allerdings an der Entstehungszeit: 2008-2011, verrät Staude. Zum Nachdenken bietet der Band ihrer Meinung nach dennoch ausreichend Material.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2013
Warum wir Täter brauchen, auch wenn es schlechterdings keine Tat gibt, erfährt Jürgen Kaube aus der Lektüre dieses anspruchsvollen Buches des Soziologen Luc Boltanski. Der Autor analysiert darin Kriminal- und Spionageromane und ihre wechselwirkung mit der gesellschaftlichen Realität. Wie Boltanski die großen Ermittlerfiguren zu Brüdern der Soziologie macht, die in etwa gleichzeitig mit dem Genre entsteht, wie er etwa Maigrets Milieuverständnis bewundert, das den Kommissar noch immer zum Täter führt, findet Kaube glänzend und unterhaltsam. Erst gegen Ende fällt es dem Rezensenten schwer, das Buch nicht als sozialwissenschaftliche Vorlesung zu missverstehen. Aber da hat er 400 Seiten schon verschlungen.
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