Mord und Ratschlag

Halbherzige Lektionen des Lebens

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
25.01.2016. Daniel Woodrell erzählt in seinem Country-Noir "Tomatenrot" von zwei Underdogs, die in der harten Schule der Ozarks lernen, dass man sich dem Ärger nicht in den Weg stellt. In Adrian McKintys "Gun Street Girl" verirrt sich Oliver North in der klammen Tristesse des Belfasts der achtziger Jahre.
Vom knalligen Titel des Roman sollte sich niemand auf eine falsche Fährte locken lassen. Wie alle Romane, in denen Daniel Woodrell aus den Ozarks erzählt, ist "Tomatenrot" ein astreiner Country-Noir, durch dessen Schwärze nur gelegentlich der Blues von Elvis Presley bricht. Die Ozarks sind jenes Hochland in Missouri, das Woodrell zum Inbegriff hinterwäldlerischen Elends gemacht hat, vor allem mit seinem von Debra Granik verfilmten Roman "Winters Knochen". Man gelangt leicht dorthin, durch Geburt, Unglück oder mit dem Pickup, von Memphis sind es nur zwei Stunden. Doch wieder heraus kommt man nur schwer, das erfordert eine Willenskraft, zu der sich die wenigstens aufraffen können, wenn ihnen Crank und Whiskey das Hirn aufgeweicht haben. "Ist man schon verloren, wenn man am Rand der Welt geboren wurde, oder muss man nicht auch selbst in die Grube springen?", fragt der Ich-Erzähler.

Woodrell erzählt in diesem Roman die Geschichte zweier Underdogs, deren Wege sich in den Ozarks am Abhang des Lebens kreuzen. Er auf dem Weg nach unten, nicht springend, aber sehenden Auges rutschend. Sie auf dem Weg nach oben, keineswegs schnurstracks marschierend, sondern strampelnd, kratzend und beißend.

Sammy Barlach ist der Ich-Erzähler, über sein Vorleben gibt er nur andeutungsweise etwas preis. Man ahnt, dass er in seiner Kindheit seelisch wie körperlich ausgehungert wurde, doch bei allem Mitgefühl wird man diesem Mann immer auch mit Vorsicht begegnen. Seine Frustrationen können jederzeit in Aggression umschlagen, wenn nicht in blanke Gewalt: "Unter meinesgleichen weiß ich, was ich zu tun habe. Man zeigt Zähne, und zwar reichlich."

Bei einem missglückten Einbruch in eine Villa, deren Eigentümer gerade in Südfrankreich Urlaub machen, begegnet er der jungen Jamalee Merridew, die dort zusammen mit ihrem Bruder Jason das Leben der reichen Leute kennenlernen will. Jamalee und Jason nehmen Sammy bei sich auf. Zusammen mit ihrer Mutter Bev, leben sie im heruntergekommensten Teil der Stadt, im alten Hurenviertel Venus Holler, wo die Göttinnen für wenige Dollar zu haben sind. Bev ist von umwerfender Pikanterie. In einer tollen Szene holt sie ihre aufsässige Tochter aus einem Clinch mit dem Sheriff: "Süße, man stellt sich dem Ärger nicht in den Weg. Man schmeichelt ihm."

Sammy, der noch nie irgendwohin gehört hatte, kommt sich in Venus Holler vor, als wäre er in einem Traum aufgewacht und genießt den neuen Familienanschluss mit allen Beteiligten, emotional und sexuell. Doch Jamalee will etwas Besseres aus sich machen. Sie liest Benimmbücher, bemüht sich um eine gewählte Sprache, und sie würde bestimmt weniger auf ihre kriminelle Energie setzen, wenn ihr Verstand und Ehrgeiz bisher auch nur ein wenig weitergeholfen hätten. Ihre auffällige Gestalt gibt dem Roman den subtilen Titel: In einem unbeholfenen Versuch, sich mit einem markanten Äußeren abzuheben, hat sich Jamalee ihre Haare in grellem Tomatenrot gefärbt (ihre Lippen sind schwarz bemalt, ihre Fingernägel dagegen "babyleichenblau" lackiert). Ihr bescheuerter Plan sieht vor, Jason als Gigolo an den Start zu bringen. Der Junge steht zwar nicht auf Frauen, ist aber bildhübsch und der Liebling aller nicht mehr ganz taufrischen Damen des Ortes. Doch statt der Chance kommen nur Rückschläge: "Nie ist es einfach nur das Leben", ächzt sie einmal, "immer ist es nur eine halbherzige Lektion des Leben."

Woodrell erzählt diese Geschichte, die nur ein unheilvolles Ende nehmen kann, nicht als Sozialdrama, sondern als Sittengemälde mit einer Sorgfalt und Eleganz, die dem rauen Milieu amerikanischen Hillbillies nur selten zuteil wird. Dabei beweist er nicht nur psychologisch unglaubliches Feingefühl, sondern auch stilistisch, etwa wenn er die verqueren Gedanken seines Ich-Erzählers absolut plausibel erscheinen lässt oder wenn er die immense Kluft von Selbst- und Fremdeinschätzung ganz nebenbei aufblitzen lässt. In einer berührenden Szene schildert er ohne Larmoyanz die diskriminierend-beschämende Erkenntnis, arm und geschmacklos zu sein: Da kommt Jamalee schreiend aus dem Country Club herausgerauscht, wo sie sich als Kellnerin bewerben wollte: "Ich sag Ihnen, was ich lächerlich finde - euch Arschlöcher. So sieht's aus."

Daniel Woodrell: Tomatenrot. Roman. Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München 2016, 222 Seiten, (Bestellen)

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Bisher hat der nordirische Krimi-Autor Adrian McKinty zuverlässig einen Roman im Jahr vorgelegt, inzwischen liegt seine Schlagzahl bei zwei Büchern pro Jahr. Dieser hohe Ausstoß kann auch den Liebhabern seiner witzigen Noirs nur bedingt Grund zur Freude bieten. Denn während McKintys frühere Romane, allen voran die New-York-Trilogie, zum Bösesten und Intelligentesten gehörten, was das dunkle Genre zu bieten hat, driftet er mit seinen Belfast-Romanen zunehmend in seichtere Gewässer ab. "Gun Street Girl" ist richtig vergnüglich geworden.

"Gun Street Girl" ist bereits der vierte Roman, in dem Detective Inspector Sean Duffy seinen Dienst bei der Royal Ulster Constabulary von Carrickfergus versieht, um nicht zu sagen: überlebt. Duffy ist der einzige Katholik unter Protestanten, die RUC ist die Polizeitruppe mit der höchsten Todesrate der Welt, wir schreiben das Jahr 1985. Mit unverminderter Härte toben in den Straßen Belfasts die troubles, im Radio laufen Duran Duran und zu Essen gibt es Spaghetti Carbonara.

Die Geschichte beginnt mit dem Mord an dem Ehepaar Kelly, das mit Wettbüros zu einem Millionenvermögen gekommen ist. Obwohl die beiden offenkundig von einem Profi erschossen wurden, kommen als Täter weder IRA noch UDA in Frage: Der Buchmacher Kelly hatte beiden Terrortrupps viel zu viel Schutzgeld eingebracht, als dass sie ihm auch nur ein Haar gekrümmt hätten. Der zunächst in Verdacht geratene Sohn wird kurze Zeit später ebenfalls tot aufgefunden, danach dessen Freundin. Die Sache riecht eindeutig nach höheren Machenschaften, und, richtig, bald schon betreten Special Branch, das Innenministerium und der MI5 die Bühne.

McKinty verschneidet seinen Plot mit den tatsächlichen Ereignissen des Jahres 1985: die heftig angefeindete Unterzeichnung des Anglo-Irischen Abkommens; die Umtriebe des berüchtigten Colonels Oliver North, der für seine Iran-Contra-Deals in Nordirland an Luftabwehrraketen zu kommen versuchte; der Absturz eines Militärhubschraubers über dem Mull of Kintyre, bei dem sämtliche in Nordirland stationierten Agenten des MI5 starben. Zugute halten muss man McKinty, dass er auch die Schlagzeilen des Jahres 2015 vorweggenommen zu haben scheint: Ein Nebenstrang führt Duffy nach Oxford, wo er den Exzessen exklusiver Studentenclubs nachgehen muss, die bei ihren Verbindungstreffen ordentlich die Sau raus lassen und hinterher Daddy für das zerschlagene Mobiliar aufkommen lassen. Ein halbes Jahr nach Erscheinen der englischen Originalausgabe von "Gun Street Girl" musste David Cameron durch "Piggate".

Auch in "Gun Street Girl" verbindet McKinty Torf, Hoffnungslosigkeit und atlantische Tiefausläufer zu einer sehr nordirischen Form klammer Tristesse. Ungetrübt ist sein scharfer Blick auf das manisch aufgeputschte Belfast der achtziger Jahre, in dem ein Kompromiss nie die politische Mitte stärkte, sondern immer nur die extremistischen Ränder.

Doch mitunter liest sich das wie zusammengeklebte Schnipsel aus dem Zeitungsarchiv, die schematisch mit den Popsongs des Jahres und gewaltigen Schulterpolstern aufgemöbelt werden. Richtig verloren irrt Duffy durch die Szenerie - seine Nachbar kennen wir inszwischen so gut wie die von Inspector Barnaby - als würde McKinty nicht mehr wissen, wo er eigentlich mit seinem Helden hin soll. Duffy schluckt Drogen wie nichts Gutes, ohne dass dies einer Vernebelung des Sachverhalts dienlich wäre. Anschließend präsentiert er mit präpotentem, aber irgendwie auch buchhalterischem Stolz seine Ration für vierzehn Stunden: "Tee, Kaffee, pharmazeutisch reines Kokain, Haschisch, Tabak, Kodein, Whisky, Bourbon und als Einschlafhilfe Valium und Wodka Gimlet."

McKinty schreibt immer noch so gewieft und temporeich schreibt, dass man den Roman in einem Zug durchliest. Doch er hat an intellektueller Schärfe eingebüßt. Seine Romane tun nicht mehr weh. Um es auf nordirisch zu sagen: Der Whiskey brennt nicht, der geht runter wie mit Cola verdünnt.

Adrian McKinty: Gun Street Girl. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015, 375 Seiten, 14,99 Euro (Bestellen).