Mord und Ratschlag

Aus dem Staub

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
18.12.2015. Malla Nunn spürt in ihrem Roman "Tal des Schweigen" den Verbrechen nach, die Tradition und Moderne im Südafrika der fünfziger Jahre am Menschen anrichteten. Tito Topin erzählt von einer verwegenen Flucht aus dem Tripolis des taumelnden Gaddafi.
Zu den sympathischsten Eigenschaften von Detective Sergeant Emmanuel Cooper gehört seine totale Unfähigkeit, Ärger aus dem Weg zu gehen. Von Jugend an hielt er mit Vollgas auf ihn drauf, und so ist es geblieben: Wenn er nicht eine Affäre mit der Geliebten seines Chefs beginnt, dann lässt er sich auf ein Techtelmechtel mit einer schwarzen Frau ein. Da das Südafrika der fünfziger Jahre in dieser Hinsicht keine Gnade kennt, wird er immer wieder als Polizist vom Dienst suspendiert oder im Melderegister als Person strafversetzt: Nur bei Wohlverhalten gilt er im System der Apartheid als Weißer, bei Insubordination wird er, der in den Armenvierteln von Johannesburg aufwuchs, prompt zu "gemischtrassig" heruntergestuft.

Malla Nunns neuer Roman "Tal des Schweigens" führt Cooper nach Roselet, wo er den Mord an einem jungen Mädchen aufklären soll. Amahle Matebula, ein siebzehnjähriges Mädchen von gefährlicher Schönheit, wurde tot gefunden, wie eine Prinzessin aufgebahrt auf einem Felsen unterm Feigenbaum und mit Blumen geschmückt. Um sie herum bringen sich bereits Impis in Stellung, die traditionellen Kämpfertrupps der Zulus, mit Jagdspeeren bewaffnet und nach Vergeltung trachtend. Der Chief ist beleidigt, weil ihm seine Tochter nun keine Rinderherde mehr als Brautpreis einbringen wird. Und die Mutter des toten Mädchens muss befürchten, ausgestoßen oder verkauft zu werden.

Roselet muss man sich als einen typischen Ort in den ländlichen Ausläufern der Drakensberge vorstellen, in KwaZulu-Natal, einige Autostunden von Durban entfernt. In den staubigen Weiten der Savanne, dem Veld, treffen die Welten aufeinander: Wohlhabende englische Farmer, die sich Unannehmlichkeiten dank einflussreicher Verbindungen aus der Privatschule vom Leib zu halten wissen. Niemals würde ihnen eine illiberale Äußerung über die Lippen kommen. Verarmte Buren, die ihre Vergangenheit hochhalten, den großen Treck über die Berge, die aber viel zu ungehobelt sind, um in ihrer rassenreinen Sklavengesellschaft auf den grünen Zweig zu kommen. Und die Zulus, die in ihren Kraals von Moderne und Tradition gefangen gehalten werden.

Detective Cooper scheut sich vor keiner dieser Welten. Zusammen mit seinem Freund und Kollegen Constable Samuel Shabalala von der Native Detective Branch bahnt er sich seinen Weg. Er durch die Vordertür, Shabalala durch den Dienstboten-Eingang. "Für eingeborene Polizisten und Ermittler gab es einen Knüppel als Waffe und ein Fahrrad als Gefährt. Es war ihnen nicht gestattet, Polizeiwagen zu lenken. Die Macht der Schusswaffe, des Automobils und des Rechts selbst lag in den Händen der Weißen." Staub, Ressentiments und Lügen müssen sich die beiden am Ende des Tages gleichermaßen abklopfen.

Malla Nunn ist in Swasiland geboren und aufgewachsen, in den siebziger Jahren jedoch mit ihren Eltern nach Australien ausgewandert, wo sie auch heute noch als Filmemacherin und Autorin lebt. In den Informationen zu ihrer Person kann man nachlesen, dass sie selbst in traditioneller Swasi-Zeremonie verheiratet wurde, zu einem Brautpreis von 18 Kühen. Mit ihren Romanen über das Südafrika der fünfziger Jahre erzählt Nunn nicht nur von afrikanischen Männern, die mit ihren Regimentern "Adler, Löwe und Büffel" keinen Platz mehr finden im europäischen Jahrhundert. Sie erzählt vor allem von Frauen, die in der einen wie der anderen Welt zur Beute gemacht werden oder die in aller Brutalität dafür bestraft werden, wenn sie für sich das Recht auf eine bessere Zukunft einfordern. Das ist Kriminalliteratur in bester feministischer Tradition, die nach dem Platz von Frauen in einer Gesellschaft fragt und in ihrer klassischen Eleganz an Dorothy Sayers' "Aufruhr in Oxford" erinnert.

Als Roman über das historische Südafrika zeigt "Tal des Schweigens" aber auch noch einmal eindringlich, wie fatal ein Denken ist, das Menschen nach Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und Identität auf eine bestimmte Logik festlegen will. Ohne Nostalgie und ohne Sentimentalität, dafür klug und scharfsinnig deckt sie Lügen, Gier und Niedertracht auf, die in der einen Welt zum Glauben an böse Geister gerinnen, in der anderen zur Staatsräson.

Malla Nunn: Tal des Schweigens. Roman. Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski. Ariadne im Argument Verlag, Hamburg 2015, 320 Seiten, 13 Euro (Bestellen)


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Ein tolles Gegenstück zu Malla Nunns feministischem Südafrika-Krimi ist Tito Topins schmaler Roman "Exodus aus Libyen", den nicht nur die Geografie am anderen Ende des Krimikontinents verortet, sondern auch der maskuline Ton, um nicht zu sagen: der Machismo. Der Roman ist pures Genre und erinnert an das französische Action-Kino der fünfziger Jahre, an Henri-Georges Clouzots "Lohn der Angst", in dem auch die tollkühnsten Männer mit ihren staub- und ölverschmierten Gesichtern Tod und Teufel vergeblich trotzen. Bei Topin dürfen allerdings auch zwei Frauen mitfahren, eine Hure und eine Heilige.

"Exodus aus Libyen" erzählt von der halsbrecherischen Flucht eines Haufens Verzweifelter, die in Tripolis ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Muammar Gaddafi ist noch, mehr oder weniger, am Leben und an der Macht, jedoch eingeschlossen in seinem Bunker. Aus dem östlichen Bengasi rücken die Rebellen vor, im Süden erheben sich die Berber. Vom Pomp des Revolutionsführers ist nichts mehr übrig, der Krebs hat ihn selbst, die Korruption das gesamte Land zerfressen. Wer von ihm spricht, nennt ihn nur noch le pourriture, den Verkommenen, den Dreckskerl.

Zu acht machen sie sich im Land Cruiser auf, mit einem Koffer voller Geld, der Angst im Nacken und immer an den Militärposten am Straßenrand vorbei. Jeder von ihnen hat guten Grund, so schnell wie möglich nach Tunesien entkommen zu wollen, wenn auch nicht immer lautere Motive. Doch sie sind so fest entschlossen, dass allein der Tod sie aufhalten kann: Ein abgeschossener französischer Kampfpilot, ein Rebell aus dem Tschad, ein Gangster, ein Archäologe mit gefährlicher Doppelidentität, ein oppositioneller Lehrer, ein saufender Arzt, eine Schauspielerin und die Geliebte des Diktators.

Um sie herum ist nichts als Wüste, die Luft besteht nur aus Sand, Asche und Staub, am Horizont flirren die Bergen. Die Hitze zerrt an den Nerven. Bei einem Feuergefecht werden ihnen die Reifen zerschossen, hundert Kilometer vor der Grenze kommen sie nicht weiter und müssen in einem Ort unterkommen, der gerade von den Regierungstruppen zurückerobert wurde. Im zerbombten Hotel treffen sie auf den Kommandanten, der ihnen in Verwegenheit und Zynismus nicht nachsteht, sich dank seiner gehobenen Position aber auch Sentimentalität leisten kann.

Titio Topin, 1932 in Casablanca geboren, kennt die Wüste, die nordafrikanische Gesellschaft und das Metier. Er schreibt seit über dreißig Jahren Polars, Comics und Drehbücher für Fernsehen. Auch "Exodus aus Libyen" ist sehr filmisch geschrieben, allerdings nicht im epischen Serienformat, sondern eher für schlanke neunzig Minuten. Topin entwirft jede Szene mit wenigen eleganten Strichen. Alles ist Atmosphäre, Bewegung, Rhythmus oder ein Gesicht in Großaufnahme. Am Ende bleiben sieben Tote, ein Baby und die Erinnerung an einen Kuss, während die französischen Rafale-Kampfjets im Tiefflug über die Wüste donnern.

Tito Topin: Exodus aus Libyen. Roman. Aus dem Französischen von Katarina Grän. Distel Literaturverlag, Heilbronn 2015, 233 Seiten, 14,80 Euro (Bestellen).