Mord und Ratschlag

Zum Grillen erwünscht?

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
24.03.2015. Alan Carter schickt in "Prime Cut" einen echten Versager und eine traumatisierte Polizistin an Australiens Südpazifik-Küste, um den Kampf gegen die Haie in internationalen Minenkonzernen aufzunehmen. Durch dichte Marihuana-Schwaden zeichnen sich in Mukoma wa Ngugis "Black Star Nairobi" die Umrisse einer Weltverschwörung ab.
Detective Senior Constable Philip Kwong, genannt Cato, war einst der Vorzeigepolizist der australischen Polizei, bis er einen unschuldigen Mann ins Gefängnis brachte. Die Vorgesetzten, die ihn zum Fingieren der Beweise angestachelt haben, kamen natürlich ungeschoren davon. Aber es zeichnet Cato Kwong als Ermittler in diesem Krimi von Alan Carter wirklich aus, dass er es sich nicht in der Rolle des selbstmitleidigen Prügelknaben behaglich macht. Er hat als Polizist und Mensch versagt, und die Beschämung sitzt tief. Zur Strafe fristet er jetzt seinen öden Dienst im Viehdezernat in der westaustralischen Provinz, wohin er abgeschoben wurde, um Verbrechen am Tier aufzuklären. Auch in Kreuzworträtseln ist er ein echtes Ass: "Zum Grillen: Erwünscht?" Würstchen.

Seine zweite Chance bekommt Cato Kwong, als in dem Küstenstädtchen Hopetoun ein menschlicher Torso an den Strand gespült wird, dessen Gliedmaßen so sauber abgetrennt wurden, dass Haie dafür nicht verantwortlich nicht sein können - oder wenn, dann nur solche, die den Umgang mit scharfen Waffen beherrschen. Davon gibt es im Westen Australiens inzwischen eine ganze Menge, denn Hopetoun ist mit seiner Nickelmine eine jener boomenden Bergarbeiterstädte, deren Rohstoffreichtum die Glücksritter aus allen Teilen der Welt anzieht. Allerdings gibt eine solche Stadt mit ihren eher harmlosen Kneipenschlägereien und Drogengeschäften auch den idealen Ort für alternde oder untaugliche Polizeibeamte ab, weswegen Cato Kwong hier auch auf seine Ex-Freundin Tess Maguire trifft, die auch nicht mehr recht auf die Beine gekommen ist, seit er sie auf sehr hässliche Weise abserviert hat. Immerhin ist sie inzwischen Senior Sergeant, weil sie einmal beinahe im Dienst zu Tode getrampelt worden wäre.

Wie sich bald herausstellt, war der Tote ein chinesischer Arbeitsmigrant, der für die Minengesellschaft arbeitete. Man kann allerdings nicht sagen, dass er schlecht verdient hätte, in Westaustralien sind schließlich selbst die Gehälter für ungelernte Hilfsarbeiter legendär. Und vor allem wird sich nach und nach herausstellen, welche Rolle er selbst in diesem System der ausbeuterischen Kontraktarbeit gespielt. Ohne die Realität des westaustralischen Rohstoff-Booms übertrieben negativ zu zeichnen, schildert Carter eine Goldgräber-Welt, in der jeder versucht, seinen Schnitt zu machen, wenn der große Kuchen an Nickel und Eisenerz verteilt wird. Nicht unbedingt die Gewinne, aber Missgunst und Habgier sind hier zwischen oben und unten ziemlich gleichmäßig verteilt. Am oberen Enden der Nahrungskette wird selbstredend mit feinerem Besteck gegessen.

Und ganz wie zu den alten Goldgräberzeiten zieht der Boom natürlich nicht nur die jungen Abenteurer, die Ehrgeizigen und Unternehmungslustigen an, sondern auch die Enttäuschten, die Gebrochenen und all die miesen Typen, die einen guten Grund haben, sich aus dem heimatlichen Staub zu machen: Indonesische Matrosen, australische Halbweltler, chinesische Apparatschiks oder Derek Chapman, der dreißig Jahre zuvor in Nordengland seine schwangere Frau und ihre gemeinsamen drei Kinder mit Stromschlägen getötet hatte. Allerdings strapaziert Carter den Zufall gewaltig, wenn er auch noch den damals ermittelnden Detective nach Australien verfrachtet, wo dieser in einem zweiten Handlungsstrang die Fährte zu dem Mehrfachmörder aufnimmt.

"Prime Cut" ist Carters Debütroman, weswegen man diese etwas klappernde Konstruktion nicht überbewerten sollte, wie auch nicht seinen manchmal etwas holprigen Stil. Denn eigentlich erzählt der Roman sehr eigen und sehr fesselnd von diesem globalen Goldrausch im roten Staub Australiens, der allerdings kein neues Spiel verheißt: Dass hier einfach jemand auszieht, um sein Glück zu machen, ist in dieser straff organisierten, superglobalisierten Ökonomie nicht vorgesehen. Dass Carter dabei den Einzelnen nicht aus der Verantwortung für sein Tun entlässt, macht den Roman so interessant. Das übrige tut die grandiose Landschaft des südlichen Pazifiks, in der die Menschen gelernt haben, sich vor Haien in Acht zu nehmen. Doch weiß hier auch jeder Schwimmer: "Der Hai, der dich kriegt, den siehst du nicht."

Alan Carter: Prime Cut. Roman Aus dem Englischen von Sabine Schulte. Edition Nautilus. Hamburg 2015, 368 Seiten, 19,99 Euro (Bestellen)

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In "Black Star Nairobi" setzt der amerikanisch-kenianische Literaturwissenschaftler Mukoma wa Ngugi seine Geschichte um den Polizisten Ishmael Forfona fort, der seine Heimatstadt Madison in Wisconsin hinter sich gelassen hat, um in Kenia zu seinen afrikanischen Wurzeln zurückzukehren. Während Ishmael in "Nairobi Heat" mental noch vollauf damit beschäftigt war, den Null-Meridian seiner Identität zu überschreiten, ist er in diesem zweiten Roman ganz in Nairobi angekommen: Zusammen mit dem Freund Tom Odhambo, genannt O, hat er das Detektivbüro Black Star eröffnet und kümmert sich jetzt um all jene Fälle, die der Polizei zu heikel, zu kompliziert oder zu öde sind: zum Beispiel um den Amerikaner Amos Apara, der tot in den Ngong Hills gefunden wird. Auf dessen Ermordung folgt prompt ein Attentat in Herzen von Nairobi, mit siebzehn Toten und zahlreichen Verletzten. Und weil sich die kenianische Polizei auch gern im Hintergrund hält, wenn die CIA irgendwo auftaucht, ermitteln Ishmael und O auch noch in diesem Fall. Schneller als sie jedoch den Attentätern auf die Spur kommen, werden sie von ihnen gefunden: Unsinnigerweise in Touristen-T-Shirts gekleidet und dementsprechend Kilimandscharo, Serengeti, Tsavo und Sahara genannt, schlagen die Drahtzieher des Anschlags bei O zu Hause auf und töten seine Frau Mary.

Wie schon im Vorgängerroman verlangt Ngugi seinen Lesern viel Langmut ab angesichts der Kindsköpfigkeit, mit der er erzählt. Bald stellt sich nämlich heraus, dass weder al Qaida noch die Shabaab-Milizen hinter dem Attentat stecken, sondern Amerikaner und die CIA natürlich viel mehr weiß, als sie zugibt, auch wenn sie dann doch nicht die Schuld an der globalen Weltverschwörung trägt. Schließlich streift Ngugi neben dem Terrorismus noch die weiteren Schlagzeilen der internationalen Nachrichtenlage, also Söldnertum und Überwachungsstaat, mexikanische Drogenmafia, der Völkermord in Ruanda und die amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Man fasst sich an den Kopf: Dieser Mann pfeift auf jede Glaubwürdigkeit, er tut es absichtlich und beharrlich, aber ohne erkennbaren Plan. Manchmal ärgert einen das sehr, weil einige hanebüchenen Wendungen so unernst und zugleich so unwitzig sind. Und manchmal sitzt man da und fragt sich, ob das Sinn ergibt, wenn jemand sagt: "Lieber tot als nie." Oder klingt das nur irgendwie hardboiled?

Aber immer wenn man schon das Buch genervt beiseite legen will, weil man bei einer neuen Volte denkt, och nee, das jetzt nicht auch noch, dann zieht Ngugi einen wieder in seinen Roman hinein, mit Charme und seinem irgendwie doch sympathischen Erzählen. Und je weiter die Geschichte fortschreitet, umso feinsinniger geraten ihm die Schilderungen, umso wohlüberlegter die Gedanken, umso lebendiger die Szenen. Dann springt die gute Laune seiner kiffenden und Fela-Kuti-hörenden Detektive über. Dann denkt er durchaus fesselnd darüber nach, wie sich die Menschen ein eigenes System von Gerechtigkeit schaffen können, wenn Politik und Justizapparat total korrumpiert sind. Oder er schildert in erschütternden Szenen, wie sich innerhalb einer einzigen Stunde eine Pogromstimmung im Land ausbreitet und eine scheinbare ausweglose Wir-gegen-sie-Logik ihren unaufhaltsamen Lauf nimmt. Und vor allem wütet er gegen die Generation böser alter Männer in Afrikas Politik, die ohne mit der Wimper zu zucken, über Leichen gehen.

Mukoma wa Ngugi: Black Star Nairobi. Roman. Aus dem Englischen von Rainer Nitsche und Niko Fröba. Transit Verlag, Berlin 2015, 256 Seiten, 19,80 Euro (Bestellen).