Mord und Ratschlag

Treue und Vernunft

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
19.06.2014. In seinem Mammutroman "Ketzer" erzählt Leonardo Padura von Tristesse und Unfreiheit im auseinanderfallenden Kuba, von gescheiterten Männern und einem verschwundenen Rembrandt. In Joseph Kanons "Istanbul Passage" verfängt sich ein Idealist im Spionagenetz der Nachkriegszeit.
Die Geschichte von Leonardo Paduras neuem Großwerk "Ketzer" (Leseprobe bei "Vorgeblättert") beginnt mit einer besonders schäbigen Episode der Weltgeschichte: Im Mai 1939, ein halbes Jahr nach der Pogromnacht in Deutschland, erreichte der Hamburger Ozeandampfer MS St. Louis mit 937 jüdischen Flüchtlingen an Bord den Hafen von Havanna. Doch das Schiff durfte nicht anlegen, trotz gültiger Visa ließ die kubanische Regierung die Flüchtlinge nicht ins Land. Ebenso verweigerten kurz darauf die USA und Kanada den Flüchtlingen die Einreise, die nach einer wochenlangen Odyssee nach Europa zurückkehren mussten.

Von der wahren Geschichte der MS St. Louis ausgehend, entwirft Padura seinen monumentalen Roman, der Kriminalroman, historische Erzählung, Künstlerporträt und kubanisches Sittengemälde in einem ist. Bereits in seinem biografischen Roman "Der Mann, der die Hunde liebte" über den Trotzki-Mörder Ramón Mercader hat sich Padura weit über die Grenzen des Krimigenres hinaus begeben, nun sprengt er sie mit diesem überbordenden Buch vollends, das zwar erkennbar für den Weltmarkt geschrieben ist, aber auch in Kuba erscheint.

An Bord des Schiffes war, so erzählt es Padura, auch die Familie des zwölfjährigen Daniel Kaminsky, der mit seinem Onkel Joseph am Pier miterlebt, wie die verzweifelten Flüchtlinge mit immer höheren Einsätzen um eine Einreisegenehmigung kämpfen. Daniels Eltern geben sogar ein Gemälde von Rembrandt her, das sich seit Jahrhunderten im Besitz der Familie befindet. Vergebens. Der bestechliche Beamte verschwindet mit dem wertvollen Stück auf Nimmerwiedersehen, Daniels Familie muss mit den übrigen Flüchtlingen zurück in den sicheren Tod nach Europa. Der Junge bleibt mit seinem Onkel in Havanna zurück, bis er vor der Revolution 1956 nach Miami flieht.

Siebzig Jahre später wird Daniels Sohn Elias, der es in New York zu einem erfolgreichen Künstler gebracht hat, nach Kuba zurückkehren, um die Geschichte des Bildes zu ergründen, das kurz zuvor bei einer Auktion in London wiederaufgetaucht ist. Denn in ihm schwelt der Verdacht, dass sein Vater aus Kuba fliehen musste, weil er an jenem korrupten Beamten Rache genommen hatte, der seine Eltern verraten hatte. Mit den Nachforschungen beauftragt er den aus Paduras "Havanna-Quartett" wohlbekannten Ermittler Mario Conde, der seinen frustrierenden Dienst bei der Polizei längst quittiert hat und sich stattdessen mit dem An- und Verkauf antiquarischer Bücher durchschlägt.

Einem Triptychon gleich entfaltet Padura in drei Teilen - den Büchern Daniel, Elias und Judith - seine Saga um die Familie Kaminsky, die auch eine Geschichte von Künstlertum, Individualität und Freiheit ist. Zwei Bücher aus dem Kuba von heute rahmen einen historischen Mittelteil ein, der im Amsterdam des 17. Jahrhunderts spielt. Das "Neue Jerusalem" war in seinem Goldenen Zeitalter nicht nur der wohlhabendste, sondern auch der freizügigste Ort der damaligen Welt. In Amsterdam folgt Padura dem Leben des Elias Ambrosius, eines jungen Juden, der mit allem bricht, was seiner sephardischen Familie heilig ist, um als Schüler in Rembrandts Werkstatt zu treten. Rembrandt wusste, was es bedeutete, der Ketzerei beschuldigt zu werden: Nachdem er für den Großen Saal der Amsterdamer Schützengilde die "Nachtwache" fertiggestellt hatte, erhielt er keine Aufträge mehr für Gruppenbildnisse. In wunderbaren Passagen lässt Padura den Meister jeglichen Gehorsam verdammen und den freien Willen, die Intelligenz und den Hochmut des Menschen rühmen.

Eigentlich ist der ganze Roman eine einzige Huldigung der Ketzerei, der künstlerischen, religiösen und politischen: "Er verstieß gegen das Gesetz. Er starb, ohne bereut zu haben", steht auf dem Grabstein von Daniels nonkonformistischem Onkel Joseph Kaminsky, der Treue und Vernunft über jedes Dogma setzte. Doch Padura erzählt nicht nur von glorreichen Verstößen gegen die reine Lehre, er erzählt auch von bitterer Desillusionierung und verzweifeltem Aufbegehren. Im kubanischen Spanisch, so heißt es in der Vorbemerkung zum Roman, bedeutet "estar herejes" allerdings auch, in einer schwierigen Situation zu sein.

Als die jüngste Generation von kubanischen Ketzern präsentiert Padura orientierungslose Jugendliche, Emos, die sich - ganz wie es ihnen der Staat vormacht - aus Protest gegen die allgemeine Ordnung selbst verstümmeln. Doch wenn es um die Tristesse des heutigen Kubas geht, erzählt Padura überzeugender in den Passagen über den alternden Mario Conde: "Mit seinen 54 Jahren gehörte er zu dem, was er und seine Freunde vor einigen Jahren als die Verborgene Generation bezeichnet hatten: älter gewordene, gescheiterte Männer, die sich in ihre Schlupfwinkel verkrochen und zur enttäuschtesten, kaputtesten Generation innerhalb des im Entstehen begriffenen neuen Landes entwickelt (oder besser gesagt: zurückentwickelt) hatten."

Erschöpft und kraftlos geworden, ergeben sich die Menschen in diesem auseinanderfallenden Land dem tropischen Fatalismus, niedergerungen vom Gefühl der Unfreiheit und des Scheiterns. Wie Padura die traurige kubanische Realität den Verheißungen und den gescheiterten Utopien früherer Epochen entgegenstellt, das ist so großartig wie bitter: 1647 kam aus der Neuen Welt Schabbtai Zvi zurück nach Amsterdam und pries sich als der wahre Messias. Er versprach, die Juden ins Gelobte Land zu führen, doch statt nach Palästina brachte er sie, denen es in Amsterdam so gut ging wie nie zuvor in ihrer Geschichte, nach Galizien, wo sie die wütenden Horden der Kosaken und Tataren erwarteten.

Leonardo Padura: Ketzer. Roman Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, Zürich 2014, 629 Seiten, 24,95 Euro (Bestellen).


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Die Spione packen ihre Koffer. Der Krieg ist vorbei, Istanbul ist nicht mehr neutral, nicht mehr die schillernde Drehscheibe der Geheimdienste und Zufluchtsstätte der Flüchtlinge. "Es ist Zeit nach Hause zu gehen, Leon", sagt der Geheimdienstmann Tommy King vom amerikanischen Konsulat, "alle gehen nach Hause". Die Amerikaner, die Sowjets, die Deutschen sowieso. Nur Leon Bauer muss bleiben. Er arbeitet als Vertreter für einen Tabakkonzern in Istanbul und gelegentlich auch als Agent für sein Heimatland, aus Patriotismus und Nervenkitzel. In moralischen Fragen nicht engstirnig, weiß er doch im Grunde zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden. Er muss bleiben, weil seine Frau Anna, eine Jüdin aus Deutschland, die während und nach dem Krieg Flüchtlingstransporte nach Palästina organisierte, bei einem Schiffsunglück schwer traumatisiert wurde. Nun liegt sie in katatonischem Zustand in einer Klinik in Bebek am nördlichen Ufer des Bosporus.

Natürlich wollen die abziehenden Geheimdienstler so viel wie möglich mit nach Hause bringen. Tommy King beauftragt Leon, mit einem letzten Einsatz: Er soll einen Überläufer aus Rumänien unterbringen, bis dieser nach Washington ausgeflogen werden kann. Doch es geht alles schief: Bei einer unerwarteten Schießerei am Ufer des Bosporus kommt ausgerechnet Tommy King ums Leben. Doch schlimmer als die Sowjets und die Istanbuler Polizei, die Leon bald darauf am Hals hat, sind die Gewissensbisse, die den Mann verfolgen: Wie sich herausstellt, war sein rumänischer Schützling Alexei Jianu nicht nur sowjetischer Agent, sondern auch einer der größten Kriegsverbrecher unter General Antonescu. Eigenhändig soll er Juden in einem Schlachthaus gestempelt und anschließend an Fleischerhaken aufgehängt haben. Noch immer strotzt er vor Kaltblütigkeit und Verachtung, aber - neues Spiel, neues Glück - jetzt ist er ein Mann der Amerikaner.

Getrieben von seinen Verfolgern und absoluter Ratlosigkeit jagt Leon durch die Stadt auf der Suche nach einem Ausweg. In Joseph Kanons "Istanbul-Passage" wird sehr, sehr viel gesprochen, aber vor allem die Stadt durchquert: Von der Frau in Bebek zur Geliebten ins Luxushotel Pera, zur Hure in Galata und nach Kanlica zum Empfang bei Istanbuls heimlicher Herrscherin Lily, die einst als tscherkessische Sklavin in den Harem von Sultan Abdul Hamid kam und später Atatürks Geliebte wurde. Mit dem Boot über den Bosporus, mit dem Taxi zur Hagia Sofia, zu Fuß durch den Großen Basar und mit der Tram zum Taksimplatz. Kanon kennt die Stadt und setzt sie für seinen etwas sentimentalen Historien-Thriller sehr malerisch in Szene. Das hat er schon in "The Good German" oder den "Tagen vor Los Alamos" so gemacht. Und auch bei der "Istanbul Passage" sieht man beim Lesen immer schon die Filmversion vor sich.

Doch auch wenn Kanon die Sepiatöne in seinem Pastiche recht dick aufträgt, benutzt er doch einen etwas feineren Pinsel, wenn er die Korrumpierung der amerikanischen Geheimdienste nachzeichnet, die wahrscheinlich als Professionalisierung in die Geschichtsbücher des Kalten Kriegs eingegangen ist. Die Spionage war eine Erfindung der europäischen Monarchien, die USA hatten aus echter demokratischer Überzeugung bis zum Zweiten Weltkrieg keinen Geheimdienst, und noch während des Krieges war der OSS eine Truppe motivierter Amateure. Doch so sehr sich Harry Truman auch gegen die Schaffung der CIA sperrte, der Kalte Krieg gab den Generälen die Argumente für den Aufbau ihrer Riesenapparate in die Hand. Sehr gut kann man das in Tim Weiners Geschichte der "CIA" nachlesen. Aber auch Kanon erzählt recht eindrücklich, wie schnell die Amerikaner ihren Rückstand in Sachen zweckrationaler Aufklärung wettmachten. Der arme Leon Bauer wird sich nur noch zwischen zwei Übeln entscheiden können, ohne zu wissen, welchem Herren er letztlich damit dient, die Agenten werden so häufig die Seiten wechseln wie die Fähren auf dem Bosporus, und der Idealismus der Republik versinkt im Goldenen Horn.

Joseph Kanon: Die Istanbul Passage. Roman Aus dem Amerikanischen Elfirede Peschel. C. Bertelsmann Verlag, München 2014, 477 Seiten, 19,99 Euro (Bestellen).