Mord und Ratschlag

Emotional labiler Federfetisch

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
19.01.2010. Wäre Inspektor Jensen nicht von einem Feticheur mit einem Fluch belegt worden, dann wäre er nicht nach Island gefahren, nicht von einer Fremden im Bett gebissen worden und würde nicht von einem Psychopathen verfolgt. Dies alles und noch etwas Quantenphysik findet man in Linus Reichlins "Assistent der Sterne". Jochen Schmidt präsentiert mit "Gangster, Opfer, Detektive" eine 1.100 Seiten starke Typengeschichte des Kriminalromans.
Die Quantenphysik gehört zu jenen irrwitzigen Bereiche der höheren Physik, vor denen selbst die Vorstellungskraft jener versagt, die das Ganze verstanden haben. Hier gibt es Teleportation und spukhafte Fernwirkung und die Quantenverschränkung ist so verrückt, dass nicht einmal der liebe Gott ahnt, was dabei herauskommt. Der Wiener Physiker Anton Zeilinger zum Beispiel kann davon sehr schön erzählen.

Linus Reichlin macht aus der Quantenphysik Krimis, und zwar mit sehr feinem Humor und einer starken Vorliebe fürs Unwahrscheinliche. Die beglückten Kritiker haben es ihm 2009 mit dem Deutschen Krimipreis gedankt. In seinem neuen Roman "Der Assistent der Sterne" muss es sein professioneller Kriminalist Jensen, der so gern Amateur-Physiker wäre, mit einem ghanaischen Zaubermeister aufnehmen, wobei die schrullige Liebenswürdigkeit - in Hinsicht auf Überzeugungskraft - gegenüber jeder rationalen Logik im Vorteil ist.

Hannes Jensen, mittlerweile frühpensionierter Inspektor bei der Polizei von Brügge, fühlt sich enorm geschmeichelt, als ihn sein Volkshochschulprofessor zu einem Privatseminar nach Island eingeladen hat. Ein Moment der Schwäche, den er ziemlich bald bereuen sollte. Denn das Seminar erweist sich schnell als desaströses Zusammentreffen eines exaltierten Hochstaplers, eines willenlosen Feiglings und einer kapriziösen Kuh. Wahrscheinlich wäre Jensen niemals mit dieser Frau ins Bett gegangen und hätte sich niemals diese gemeine Bisswunde eingefangen, wenn ihn nicht zuvor ein Fetischpriester aus Antwerpen mit einem Fluch belegt hätte. Nun, zurück in Brügge, muss Jensen mit seiner Freundin Annick klarkommen, die blind ist, aber einen sechsten Sinn besitzt. Annick sorgt sich um ihre Haushälterin, der wiederum derselbe Feticheur den Tod ihrer Tochter prophezeit hat - verschuldet von einem Mann mit einem Mal am Hals. So weit die nicht ganz unkomplizierte Lage, von der aus die Ereignisse allerdings erst ihren wirklich vertrackten Verlauf nehmen. Denn Annick ist schwanger, und der werdende Vater Jensen zu allem fähig.

Aber lässt sich die Zukunft vorhersagen? Wer gibt einem eigentlich die zweite Chance? Und warum verschränken sich Quanten? Vernunft, Schicksal, Liebe und anderer Zauber sind die Kräfte, die Reichlin auf seine menschlichen Atome wirken lässt, sie prallen mal unvorhergesehen, mal mit voller Absicht aufeinander und bleiben fortan miteinander verschränkt. Immer wieder zwingt Annick ihren Jensen nach Antwerpen oder Surinam und in den Bann obskurer Mächte. Denn mehr als die Mordgelüste eines Psychopathen fürchtet Jensen den Unwillen seiner herrischen Freundin. Wirklich bitter wird die Erkenntnis, wie übel sich ein Kind an seinen ungewollten Eltern rächen kann.

Bekanntlich sind Vorhersagen immer sehr schwierig, besonders über die Zukunft, und leider verheddert sich auch Reichlin am Schluss ein wenig im Netz seiner Prophezeiungen. Das musste zwangsläufig so kommen, ist aber gar nicht schlimm. Ein wenig bedauerlich ist nur, dass seine Exkurse in die Quantenphysik so unpoetisch sind, denn so verrückt, so unvorstellbar und unglaubhaft wie die Quantenphysik könnte selbst ein emotional labiler Federfetisch aus Ghana nicht sein.


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Die Kategorie "Feuilletonisten-Liebling" findet sich in Jochen Schmidts "Gangster Opfer Detektive" nicht, wahrscheinlich hat er Linus Reichlin noch nicht gelesen, ansonsten versammelt diese monumentale Typengeschichte des Kriminalromans so ziemlich alle, die sich jemals literarisch ins Angesicht des Verbrechens begeben haben. Auf mehr als 1.100 Seiten zieht Schmidt, lange FAZ-Kulturkorrespondent in Düsseldorf, die Summe seines langen und offenbar ausgefüllten Krimileselebens. Dessen Früchte hatte er bereits in den achtziger Jahren in Buchform gefasst, allerdings scheiterte die erste Veröffentlichung des zunächst auf 350 Seiten veranschlagten Buchs, nicht am verdoppelten Umfang, sondern weil der Rowohlt Verlag, wie Schmidt in der Einleitung noch immer empört berichtet, seine eigenen Krimiautoren in ein günstigeres Licht setzen wollte. Bevor er nun mit seinem Trumm beim KBV Verlag - hoffentlich gut - untergekommen ist, wechselte Schmidt mehrmals den Verlag, ergänzte das Manuskript um immer neue Autoren und Kategorien, aber er überarbeitete es nur teilweise, so dass man den theoretischen Einleitungskapiteln noch anmerkt, dass sie vor allem die literarische Respektabilität des damals noch verachteten Krimi-Genres unter Beweis stellen sollten. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass Schmidt eisern daran festhält, dass Kriminalromane Detektivromane sind, worunter er dann auch die großen Werke der Verbrechensliteratur subsumiert wie Dostojewskis "Verbrechen und Strafe" oder Sophokles' "König Ödipus".

Aber eigentlich ist Schmidt gar nicht an Systematik, Gattungsordnungen oder literaturwissenschaftlichen Kategorien interessiert, das Buch erhebt weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch fürchtet es den Vorwurf der Subjektivität. Es ist die Geschichte seiner Leidenschaft, die Schmidt hier erzählt, die Weltgeschichte des Verbrechens, so wie er sie gelesen hat. Dabei hegt er eine ganz klare Vorliebe für angelsächsische Krimis, ein Hauptstrang, den er erst nach 600 Seiten verlässt. Den "großen Kombinierern" und der "englischen Häkelschule" erweist er als den unangefochtenen Klassikern seine Reverenz, zieht ihrer "idyllischen Gestrigkeit" aber ganz klar die hartgesottenen Amerikaner vor. Schmidt resümiert die Handlung der Klassiker, erzählt von Dashiell Hammett und Raymond Chandler über Robert B. Parker und den "talentierten Zyniker" Kinky Friedman bis zu Patricia Highsmith und Margaret Millar mit ihren "harmlos grausamen Menschenbestien", und resümiert die ersten Kritiken wie die letztgültigen Urteile der Literaturgeschichte (ohne sich freilich groß um sie zu scheren). Dabei gibt er immer wieder höchst wertvolle Einblicke in die Kriminalgesetze: Den Unterschied zwischen Angelsachsen und Franzosen markiert er etwa damit, dass sich erstere eher für den Detektiv begeistern, letztere für den Polizisten. Dass Harlem erst so spät krimifähig wurde, erklärt er mit der alten, dankenswerterweise von Chester Himes und Ernest Tidyman über Bord geworfenen Regel, dass nur echte Gentlemen literaturfähige Morde begehen. George Bernard Shaws berühmtes Diktum, dass die Deutschen kein Talent für Revolutionen oder Krimis hätten, teilt er nicht, räumt aber ein, dass die von Adenauer kräftig geförderte deutsche Vorliebe für Edgar Wallace schlimme Folgen hatte, die dank Schweizer Unterstützung - Glauser und Dürrenmatt - schließlich überwunden werden konnten.

Seine Vorlieben und Abneigungen verteilt Schmidt dabei rein idiosynkratisch, aber nicht willkürlich: Sara Paretskys Vic Warshawski schmäht er als die wahrscheinlich unsympathischste Detektivin der Literaturgeschichte; Daniel Pennac hält er für einen Kinderbuchautor und Fred Vargas wirft er vor, den Mord als realitätsfernes Kunststückchen wieder in jene chinesische Vase gestopft zu haben, aus der ihn Hammett und Chandler herausgezogen hatten. Vom Semiotiker Umberto Eco hält er so wenig wie von Pathologinnen oder Schlossturmkrimis aus der Feder Oxforder Literaturprofessoren; Ethno-Krimis schätzt er vor allem für die Landeskunde und die Kochrezepte. Erstaunlich seine Sympathie für Pieke Biermann, der er die "besten schlimmen Geschichten" zuspricht. Überhaupt schreibt Schmidt sehr freundlich, wenn auch nicht sehr leidenschaftlich über deutsche Autoren, von Richard Hey über Horst Bosetzky bis Veit Heinichen. Nur einige "Brigitte-Lieblinge" tut er als überschätzt ab.

So kommt Schmidt von einem Autor zum anderen, vom Mord in geschlossenen Räumen zum Superdetektiv, vom italienischen Krimi zu den skandinavischen Ermittlern, von der New Yorker Snobiety zu Japans Schwestern der Nacht. Dabei zeigt er sich mitunter allerdings gnadenlos und verrät, ohne mit der Wimper zu zucken, den Clou und den Täter.

Linus Reichlin: "Der Assistent der Sterne". Roman. Berlin 2009. Galiani Verlag, 384 Seiten, 19,95 Euro (Bestellen)

Jochen Schmidt: "Gangster, Opfer Detektive". Eine Typengeschichte des Kriminalromans. KBV Verlag, Hillesheim 2009, 1127 Seiten, 43,90 Euro (Bestellen)