Mord und Ratschlag

So nah, zu nah

Die Krimikolumne. Von Ekkehard Knörer
23.05.2006. Es ist schon wieder geschehen: Das Morden in Leeds hört auch 1977 einfach nicht auf. Und David Peace lässt den Leser nicht einmal Luft schnappen.
Das erzählerische Prinzip von David Peace ist das medias in res, das Mittenhinein, und zwar in eine Welt des Verbrechens, in die Hölle von Yorkshire. "Leeds", das erste Wort der Erzählung, ist auch der erste Satz des Romans "1977". Die Zeitangabe des Titels wird im zweiten Satz präzisiert, "Sonntag, 29. Mai 1977". Eine Ortsangabe, eine Zeitangabe, das muss als Rahmen der Geschichte genügen. Was folgt, ist nichts als ein Aufgreifen, ein Fortsetzen: "Es ist schon wieder geschehen:" Schon wieder ist ein Mord geschehen. Schon wieder, können wir als Leser uns sagen, schreibt David Peace über eine Mordserie in Leeds. Schon wieder müssen wir hinein, unerbittlich, in den Abgrund, den der Autor sich als Ort gewählt hat. Oder vielleicht hat der Ort auch David Peace gewählt, denn die Morde, von denen er erzählt, basieren, wie eine Vorbemerkung uns informiert, "auf tatsächlichen Straftaten". Der Autor, in Yorkshire aufgewachsen, dem Schauplatz der Romane, hat als Kind die Mordserie miterlebt, den namenlosen Schrecken, den er sich, so geht jedenfalls die Geschichte, nun von der Seele schreibt. (Dass es viele derartiger Geschichten gibt, heißt ja nicht, dass diese hier falsch ist.) Der Schrecken, anders gesagt, hat kein Ende genommen, er wird kein Ende nehmen: "Es ist schon wieder geschehen:" Es setzt sich fort, es geschieht wieder, es gibt kein Entrinnen: Ihr, die ihr in die Welt des David Peace eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.

"1977" ist der zweite in einer Serie von vier Romanen, von irgendwem auf den Namen Yorkshire-Noir-Quartett getauft, mit dem Peace über die oft engen Kreise der Kriminalliteratur hinaus sich einen Namen gemacht hat. Es werden, im Original bereits veröffentlicht, in deutscher Sprache noch "1980" und "1983" folgen (nach dem ersten Teil "1974"). Einen weiteren Roman hat Peace geschrieben, nach der abgeschlossenen Reihe, aber das Prinzip bleibt dasselbe: "GB 1984". Der Ort, das Jahr - ein Rahmen, mehr nicht. Gewiss handelt es sich um historische Romane, aber solche, die auf einen Abstand verzichten, ja, mehr noch: die von nichts so sehr zeugen wie der Unmöglichkeit des Abstands zu den Verbrechen, von denen sie handeln. Die Jahreszahl ist wie die Nummer an einer Tür. Öffnet man sie, tritt man mit dem ersten Wort des Romans über die Schwelle, ist man mittendrin in einer vollständig gegenwärtigen Vergangenheit. Es werden einem sogleich, man weiß erst einmal nicht recht, von wem, man weiß erst einmal nicht recht, warum, Worte um die Ohren geschleudert, Dialoge, Sätze, in einer Sprache, der es an Atem fehlt. Es regiert, wie bei einem Traumatisierten, die Wiederholung, in der sich kein Abstand einnisten kann, in der jede Distanz sofort wieder kollabiert. "Es ist schon wieder geschehen."

Anders als in "1974" gibt es diesmal zwei Helden, den Polizisten Robert Fraser und den Journalisten Jack Whitehead. Helden üblicher Machart sind sie beide nicht, vielmehr Verstrickte. Verstrickt in Geschichten mit Prostituierten, verstrickt in ihre eigenen Traumata und Verletzungen. Whitehead noch zusätzlich dem Trunk verfallen, nur um nicht nachdenken zu müssen, über das, was war. Gerade deshalb aber, als der Verlorene, der er ist, scheint er der richtige Mann für den Job. Und unter Cops, denen alles zuzutrauen ist, nur nicht viel Gutes, scheint Fraser, der kein Heiliger ist, doch einer der eher Aufrechten.

All das aber, die Figuren und ihre Verletzungen, Verstrickungen, werden hineingespült in die große Litanei, die "1977" zuletzt darstellt. Es bleibt oft unklar, was eigentlich geschieht. Aber diese Unklarheit wird Sprache, wird Rhythmus, Wiederholung, drängt im Stakkato der Dialoge, der kurzen, abgehackten Sätze voran, denn es ist eine doppelte Bewegung, die dieser Prosa zugrundeliegt: Wiederholungszwang und Vorwärtsdrang steigern einander ins beinahe Frenetische. Es geht immer schon weiter, ehe wir wissen, wie genau uns geschah, und dieses Weiter ist die nächste Tat, der nächste Mord - wieder und wieder und weiter und weiter - grundiert vom Wissen eines Immer-schon-zu-spät und Immer-schon-vergebens.

"Keine Zukunft." Das sind die Worte, mit denen "1977" endet, letzte Worte. Aber auch hier gibt es eine doppelte Konnotation. Es sind die Jahre des Punk, aber im Innern des Jahres wie auch in der Mitte des Buches liegt ironischerweise - und wie eine Art Aussparung - ein ganz anderes Datum britischer Geschichte: das silberne Thronjubiläum von Königin Elizabeth II. Das Jubiläum liegt in der Luft, aber für das Leben und die Struktur der Leben, die in "1977" zerstört und gelebt werden, hat es keine Bedeutung. Im Gegensatz zum landläufigen historischen Roman geht es David Peace gerade nicht um die Ausstattung mit Zeitkolorit; die "historischen" Ereignisse bleiben dem Geschehen, das so den ganz gegenwärtigen Raum des Mittendrin nie verlässt, rein äußerlich, und sind und werden nur in dieser Äußerlichkeit präsent. Vor jedem Kapitel gibt es, als liefe im Hintergrund ständig das Radio, Ausschnitte aus einer Call-In-Show, in denen die Morde wie das Thronjubiläum verhandelt und in die große Medienmaschine eingespeist werden. David Peace will mit seiner Literatur das genau Gegenteil einer solchen Einspeisung. Die Welt, in die er seine Leser zwingt, ist radikal subjektiv. "1977" fasst eine Zeit in Worte, die selbst aus jeder Fassung gesprungen scheinen. Das ist Literatur als Sprache gewordene Atemnot.


David Peace: "1977". Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2006, gebunden, 396 Seiten, 22 Euro (Bestellen)