Mord und Ratschlag

Hinterkaifeck und München

Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer
12.04.2006. Bayern erleben und sterben: Zwei neue Krimis von Andrea Maria Schenkel und Max Bronski führen in die Abgründe des Schrobenhausener Spargelgebiet und die Hochhäuser des Münchner Hasenbergl.
Zur düsteren bayerischen Folklore gehören die Morde von Hinterkaifeck. In der Nacht zum 1. April 1922 wurden auf einem Aussiedlerhof im Schrobenhausener Spargelgebiet eine Mutter, ihre zwei Kinder, ihre Eltern und die erst am Vortag angekommene neue Magd mit einer Spitzhacke erschlagen. Zum Mythos, der bis heute in Form von Theaterabenden, Vorträgen und Gruselführungen an den Ort des Geschehens bearbeitet wird, wurden die Morde auch deshalb, weil es nie gelang, sie aufzuklären - die letzte Vernehmung gab es 1986! Raubmorde waren es nicht, denn das Geld, das die reichen Bauern im Hof gehortet hatten, war noch da. Verdächtige gab es viele. Vielleicht hatten Rechtsradikale auf dem weitläufigen Anwesen Waffen versteckt und sich verraten geglaubt. Stattdessen oder außerdem kann es sich aber auch um eine Beziehungstat gehandelt haben. Das zweite Kind der 35-jährigen Frau stammte wahrscheinlich von ihrem Vater. Nach den Morden verhörte die Polizei einen Liebhaber der Frau, mit dem sie, um den Skandal zu vertuschen, eine demonstrative Affäre gehabt hatte. In Abwesenheit verdächtigt wurde ihr im Ersten Weltkrieg verschollener Ehemann - war er zurückgekommen und hatte sich für den Inzest gerächt? Akten gibt es noch, aber die Aussage des Pfarrers, der den Täter vielleicht aus der Beichte kannte, fehlt.

Ausgehend von alledem hat Andrea Maria Schenkel ihren ersten Roman geschrieben. Sie nennt das Dorf Tannöd, verlegt das Geschehen in die 50er Jahre, erfindet Figuren, lässt reale Verdächtige weg. Das Buch wäre auch dann stark und glaubwürdig, wenn es die wirklichen Morde nie gegeben hätte. Fasziniert von Hinterkaifeck ist Schenkel trotzdem. Sie kennt die einschlägige Literatur, übernimmt viele wichtige Details und spielt mit erfundenen auf echte Namen an.

Nur auf der ersten Seite tritt explizit eine fiktive Ich-Erzählerin auf. Sie fährt nach den Morden wieder in das Dorf, in dem sie als Kind Ferien verbracht hat. Was die Leute ihr sagen, gibt sie wörtlich wieder, so dass das Buch aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt ist. Von drei Mordopfern - der kleinen Marianne, der Magd Marie und dem alten Bauern Danner - sowie vom Mörder erfährt man auch die stummen Gedanken.

Dieser komplizierten Konstruktion ist Andrea Maria Schenkel gewachsen. Keine zwei Leute klingen gleich. Jeder hat eine eigene Sprache, die ihn charakterisiert. Zum Beispiel die aggressiven Verwaltungsphrasen den rassistischen Bürgermeister, der "nicht viel über die Vorgänge, die zum Tod der Fremdarbeiterin geführt haben", sagen kann; gemeint ist eine zwangsverpflichtete Polin, die sich erhängt hat, nachdem der alte Bauer sie misshandelt hat. Ganz anders klingt Traudl Krieger, die ihre Schwester Marie zum Danner-Hof begleitet hat: "Das Herz hat es mir fast zerrissen" beim Abschied. "Auch vor meinem schlechten Gewissen wollte ich weg." In "Tannöd" gibt es nichts zu lachen. Das würde nicht passen.

"Tannöd" überzeugt durch einen spannungstechnisch wie psychologisch ausgefeilten Polyperspektivismus, der ein Geschehen einkreist und zergliedert. Max Bronski braucht das für "Sister Sox" nicht. Er kann sich ganz auf die Suada seines Ich-Erzählers, des Trödlers und Haushaltsauflösers Wilhelm Gossec, verlassen. Dem Leser genügt es, nur immer genauso viel zu wissen wie Gossec. Dessen Polemik, allgemeiner: seine Subjektivität, ist so erfrischend, dass man sie gar nicht relativiert haben will.

Auch in diesem Buch geht es um sexuellen Missbrauch, diesmal in der Form der Zwangsprostitution. Per Anrufbeantworter bittet Pia um Hilfe. Gossec war mit ihrer Mutter Iris zusammen, bis die nach drei Jahren glaubte, "dass sie etwas Besseres verdient hatte als einen Trödelhändler. Das erwies sich als Irrtum." Jetzt haust sie im so genannten Problemstadtteil Hasenbergl, und überaschend daran ist nur, dass sie überhaupt noch eine Wohnung hat. Gossec sucht Pia und findet in einer Grünwalder Zuhältervilla ihre tote Freundin; er sucht weiter und löst einen Krieg zwischen der italienischen und der russischen Mafia aus. Die Italiener haben etwas Gewinnendes, weil sie schon lange zu München gehören und dort Lebensart verbreiten, nicht zuletzt im Schlachthofviertel. Die Russen dagegen kennzeichnet die schiere Brutalität der Emporkömmlinge. Nachdem die Stadt an mehreren Stellen gebrannt hat, merkt Gossec, dass seine Bemühungen mitsamt diesen Kollateralschäden unnötig waren, da Pia sich schon selbst geholfen hat. Aber nebenbei hat er die Russin Olga aus einem Bordell befreit, und um den toten Zuhälter, über den die Italiener selbstverständlich nicht das Geringste wissen, ist es nicht schade.

Gossec hat alle Eigenschaften eines amerikanischen Schwarze-Serie-Detektivs. Er denkt ständig an Frauen, ist aber meistens alleine. Sein mäßig ehrbarer Beruf bringt ihm vor allem Schulden ein. In einem fort verstößt er gegen Gesetze. Vor allem aber ist er nicht korrumpierbar: nicht durch Geld und nicht durch Sex. Manchmal verhält er sich wie ein Krimineller, aber das täuscht. Auch wenn er das Recht bricht, steht er als "hirnverbrannter Moralist" immer da, wo der Anstand ist.

Die Komik seiner Redeweise ist eine materialistische; er spricht die Dinge so direkt aus, wie es die besseren Kreise nie tun würden, und die schlechteren, weil sie auch genug zu verbergen haben, gleichfalls nicht.
Manchmal kommt es pur ("Ein Sonderangebot, für den nicht mehr ganz neuwertigen Herrn in der zweiten Lebenshälfte"), manchmal kulturell unterfüttert ("Kricket ist, bei allem Respekt, so etwas wie Baseball, während Krocket gern im Garten gespielt wird.").

Max Bronski ist ein Pseudonym. Name, Stil und Frauenbild erinnern stark an einen Autor, der lange in München gelebt hat; auf einen anderen, der schon mehrere Bücher bei Kunstmann veröffentlicht hat, enthält vielleicht schon die erste Seite, und nicht nur sie, eine deutliche Anspielung. Noch darf also spekuliert werden. Jedenfalls verhält sich "Tannöd" zu "Sister Sox" wie Hinterkaifeck zu München, wie altes Landleben zur Moderne, wie Sippe zum Einzelnen, wie gelungene Bearbeitung der Wirklichkeit zu befreitem Genuss eines Genres. Max Bronski ist Stadtmensch.


Andrea Maria Schenkel: "Tannöd". Roman. Edition Nautilus, Hamburg 2006, 125 Seiten, Taschenbuch, 12,90 Euro (Bestellen)

Max Bronski: "Sister Sox". Roman. Verlag Antje Kunstmann, München 2006, 191 Seiten, 16,90 Euro
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