Mord und Ratschlag

Kultur aus Reue

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
29.05.2015. Krimis für Kunstsinnige: Xavier-Marie Bonnot folgt in "Die Melodie der Geister" Kunsträubern und Kopfjägern von Marseille bis zum Sepik nach Papua-Neuguinea. Davide Longo kommt im Piemont einem Massenmörder über Kawabata und japanische Kamelienblüten auf die Spur.
Im Berliner Gropiusbau gibt es gerade eine ungeheuer faszinierende Ausstellung über die Kunst der Papuas, die vor allem von deutschen Kolonialisten und Missionaren aus dem einstigen Kaiser-Wilhelm-Land erbeutet wurde. Im Osten Papua-Neuguineas, am Sepik lebten mehr als hundert ethnische Gruppen, die durch unterschiedliche Sprachen getrennt, durch ähnliche soziale und rituelle Organisation verbunden waren. Zum Beispiel durch die strikte Trennung von Männer- und Frauenwelten. Ein Großteil der Faszination rührt aus dem geheimen Wissen, zu dem nur initiierte Männer Zugang hatten und das in den legendenumwobenen Männerhäusern bewahrt, weitergegeben und zelebriert wurde.


Maske, unterer Sepik. Papua Neuguinea. Vor 1920. © Museum der Kulturen Basel, Foto: Claude Germain. Weiblicher Figurenhaken, Kaiserin-Augusta-Fluss-Expedition 1912-13. Ethnologisches Museum © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Claudia Obrocki

Diese Männerhäuser waren eine Mischung aus Sakralbau, Waffenlager und Orgienhaus, wie man angesichts der sexuell recht expliziten Kunstgegenstände vermuten darf. Aber natürlich rührt die Faszination für die Sepik-Kultur auch aus der Kopfjagd, die zwischen verfeindeten Dörfern betrieben wurde, nicht um Feinde zu unterwerfen, sondern um mit den erbeuteten Trophäen, für die es ebenfalls sehr kunstvolle Schädelhalter gab, das eigene Prestige zu erhöhen. Und absolut betörend sind die Masken. Zum Teil wurden ihnen aus Perlmutt spiralförmige Augen gegeben, wie wir sie nur von Comicfiguren kennen, die unter Drogen oder Hypnose stehen. All diesen Masken ist eigen, was nur die Besten haben: die Macht des Blicks.

Xavier-Marie Bonnot hat mit "Die Melodie der Geister" sozusagen den Krimi zu der Ausstellung geschrieben, die in Kooperation mit dem ethnologischen Museum Quai Branly in Paris und dem Zürcher Museum Rietberg entstanden ist. Wer an dem Roman seine Freude haben will, muss ein gehöriges Maß an kulturhistorischem Interesse aufbringen, denn er richtet sich recht unumwunden an die gebildeten Stände. Er spielt in Marseille und erzählt vordergründig von den fragwürdigen Praktiken im Kunsthandel mit Papua-Werken. (Die Ausstellung verbrämt den einstigen Raub oder ungleichen Handel übrigens hübsch vornehm: "Die Dörfer am Sepik und ihre Bewohner begeisterten auch bald die europäischen Sammler, die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Fluss befuhren und eine Fülle von Gegenständen als Ausdruck einheimischen Kunstschaffens entdeckten.") In Bonnots Roman gibt es drei Tote: Zu Beginn wird der Wissenschaftler Fernand Delorme umgebracht, der sechzig Jahre zuvor an einer berühmten Expedition mit seinem Freund, dem Anthropologen Robert Ballancourt, am Sepik etliche Masken, Flöten und Waffen erwarb. Später wird es einen Ethnologen vom Musée du Quai Branly, einen belgischen Kunsthändler und schließlich einen australischen Schmuggler treffen.

Die Ermittlungen führen den kunstaffinen, opernliebenden Kommissar Michel de Palma, "der Baron" genannt, in wohlsituierte Händlerkreise wie auch in Marseilles Hafenkneipen, in denen die alten Seeleute von den Reisen um die Welt erzählen, während sie ihren Tatterich mit Pastis bekämpfen. So plastisch wie einst Jean-Claude Izzo wird Marseille, dieses sonnendurchflutete Verbrechernest, bei Bonnot nicht, sein Blick auf die Hafenstadt ist ein wenig nostalgisch, wenn nicht gar folkloristisch, obwohl er mit seinen Vermutungen wohl nicht ganz falsch liegt, dass ein Großteil der in Irak, Libyen und Syrien geraubten Kulturgüter über Marseille in die berüchtigten Antiquariate von Brüssel und Antwerpen geschmuggelt werden.

Vor allem aber kämpft sich Kommissar de Palma bei seiner Suche nach dem Täter durch die kanonischen Texte. Der Täter hinterlässt Zitate von Margaret Mead, Lévi-Strauss und Freud, die alten Logbücher der Expedition tauchen auf, an der Universität von Aix-en-Provence diskutiert de Palma die zentralen Thesen von "Totem und Tabu". Bonnot lässt seinen Kommissar nicht wirklich eine kriminalistische Ermittlung führen, es geht ihm nicht darum, einen Mord aufzuklären, sondern den Mord an sich. Er verfolgt die interessante, aber etwas professorale Frage, ob Lévi-Strauss Freud ein für alle Mal widerlegt hat, ob es die Urhorde gab und - deswegen hat er einen Krimi geschrieben - ob die Kultur aus Reue über den ersten Mord entstanden ist.

Xavier-Marie Bonnot: Die Melodie der Geister. Roman. Aus dem Französischen von Unionsverlag, Zürich 2015, 362 Seiten, 21,95 Euro (Bestellen)

Die Ausstellung "Tanz der Ahnen" ist noch bis zum 14. Juni im Berliner Martin-Gropius-Baus zu sehen. Anschließend wird sie im Museum Rietberg in Zürich und im Musée du Quai Branly gezeigt.



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Auch Davide Longos Roman "Der Fall Bramard" ist ein Roman für Leser, die sonst eher keine Krimis lesen. Während Bonnot jedoch ein wenig die erzählerischen Mittel fehlen, um seine interessanten Stoff in eine überzeugende Krimihandlung zu bringen, scheint Longo nicht zu wissen, wohin mit seiner literarischen Potenz. Longo unterrichtet kreatives Schreiben an der Scuola Holden in Turin, er wird in den deutschen Feuilletons in allerhöchsten Tönen gelobt und gilt als die große Hoffnung für die schon seit längerer Zeit etwas schwächelnde italienische Literatur.

Wie die beiden Vorgängerromane "Der Steingänger" und "Der aufrechte Mann" spielt auch "Der Fall Bramard" in den piemontesischen Bergen, nahe an dem bei deutschen Touristen sehr beliebten Alpenwanderweg, der Grande Traversata delle Alpi. Und der Roman ist ganz von der Kargheit der verlassenen Bergwelt geprägt. Tag für Tag verrichten die Menschen hier ihre Arbeit, sie gehen in die Berge, essen ihr Brot, trinken ihren Wein. Das Leben hat sich ihren Gesichtern eingeschrieben wie der raue Wind den schroffen Felsformationen. Und vor allem machen sie nicht viele Worte. Sie schweigen aus stiller Resignation oder aus abgrundtiefer Verzweiflung. So wie Corso Bramard, der vor zwanzig Jahren seinen Dienst bei der Polizei quittierte, weil er den Mörder seiner Frau und seiner Tochter nicht hatte fassen können.

Aus seinem zurückgezogenen Leben als Lehrer an einer Dorfschule wird Bramard durch die Botschaft gerissen, die ihm der Mörder per Post zukommen lässt: "Mann des Friedens oder Mann des Krieges, der Pfau schlägt sein Rad." Es ist ein Zitat aus Leonard Cohens "Story of Isaac"; das Lied erzählt die Geschichte der Opferung aus der Sicht des Neunjährigen, der die Schönheit von Gottes Wort am eigenen Leib erfahren soll.

Zusammen mit einer jungen Polizistin, die in ihrer punkigen Revoluzzerhaftigkeit sehr an Lisbeth Salander erinnert, setzt sich Bramard noch einmal auf die Spur jenes Mörders, der nicht nur die Familie des Polizisten umgebracht hat, sondern etliche weitere Frauen. Der Mann war ein Sadist, der sich für einen Ästheten hielt: Bevor er seine Opfer qualvoll tötete, schnitt er ihnen die Muster japanischer Kamelienblüten in den Rücken. Und über die Liebhaber japanischer Kultur und Yasunari Kawabatas Roman "Die schlafenden Schönen" kommt Bramard auf die Fährte eines Bordells, in dem sich kunstsinnige Adlige an jungen Mädchen vergingen.

Der Roman lebt ganz vom Atmosphärischen, von der schroffen Kargheit der Berge und seiner Bewohner, den ruhigen, kraftvollen Dialogen. Longo schmiedet Sätze wie aus Gusseisen. Aber sein Schreiben hat auch etwas Kunsthandwerkliches und einen Hang zum Effekt: "Du bist zärtlich wie ein Küken", sagt die Hure zum Kommissar, "wie ein schlafendes Kind, wie der Hefeteig der aufgeht, oder ein stolzer Junge, der seine Unterhose verkehrt herum anzieht. Manchmal sogar wie Chopin, wenn er zu berühren versucht und ihm das gelingt. Du bist zärtlich und bist es nie. Du bist mein Keaton in Sandalen." Das grenzt an Kunstschmock.

Es ist seltsam, dass einem Kriminalroman besonders dann gern höhere literarische Weihen zugesprochen werden, wenn sich ein Mörder feinsinnig lächelnd und Leonard Cohen zitierend über seine Opfer hermacht. Dabei sind Serienmörder ja meist Ausdruck vor allem einer monströsen Einfallslosigkeit des Autors. Und wie so oft ist es auch hier komplett an den Haaren herbei gezogen, dass jemand mordet, um sich an ostasiatischer Kunst und der Nähe von Schönheit und Verbrechen zu erquicken. Hoffentlich findet Davide Longo für seinen nächsten Roman wieder einen Stoff, für den sich der ganze literarische Kraftaufwand lohnt.

Davide Longo: Der Fall Bramard. Roman. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Rowohlt. Reinbek 2015, 318 Seiten, 19,95 Euro (Bestellen)