Mord und Ratschlag

Verdammt anständige Leute

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
06.11.2014. In James Lee Burkes Südstaaten-Drama "Regengötter" bringt Sheriff Hackberry Holland Profikillern, FBI-Agenten und vor allem dem Preacher ein bisschen Anstand bei. Gene Kerrigan beleuchtet in seinem irischen Roman "Die Wut" die mörderische Logik der Risikokapitalanlage.
Sheriff Hackberry Holland ist ein sturer alter Hund, der auf den Rest der Welt herzlich wenig gibt. Er hat die Kämpfe in seinem Leben ausgefochten, in Korea, für die ACLU und die Landarbeitergewerkschaft, gegen den Alkohol und den Tod seiner Frau. Er hat gekämpft, viele Niederlagen eingesteckt und einige Siege davongetragen. Mit seinen siebzig Jahren mag seine Hüfte etwas steif geworden sein, aber der Pistolengürtel sitzt noch immer fest.

Aber wenn er etwas auf den Tod nicht ausstehen kann, dann sind das die Typen von den Bundesbehörden, die keine Ahnung vom Leben haben, weil sie den ganzen Tag ihre FBI-Akten wälzen und in Washington Intrigen aushecken. Und wenn diese Typen in sein staubiges County und auf die Idee kommen, an seiner Vaterlandsliebe zu zweifeln, dann bekommen sie zu hören, wie er im Kriegsgefangenenlager in Korea sechs Winterwochen lang in einem Erdloch hocken musste unter einem Abflussgitter, das in Ohio hergestellt worden war. Oder wie schäbig sie die Veteranen behandeln, denen das Land eine Menge schuldig sei. Und Remember the Alamo: Es war ja nicht nur so, dass 188 Männer den Tausenden von mexikanischen Belagerern standgehalten haben, um die alte Missionsstation zu verteidigen, und dass sie allesamt überrannt und getötet und verbrannt wurden. Nein: "Die einzigen Überlebenden waren Susanna Dickinson und ihr achtzehn Monate altes Baby. Nachdem die Regierung ihr eine Unterstützungszahlung in Höhe von fünfhundert Dollar verweigert hatte, sah sich Susanna Dickinson gezwungen, in einem Bordell in San Antonio zu leben."

So sind sie, die Menschen im Südwesten von Texas, zwischen San Antonio und Galveston, wo die Hitze und die Lauffeuer das Land versengen. Die Menschen hier fürchten Gott oder sie zürnen ihm, sie lieben die Freiheit und verabscheuen die Regierung. Sie feiern bei Hinrichtungen vielleicht Partys vor den Gefängnistoren von Huntsville, aber, Teufel noch mal, sie sind verdammt anständige Leute. Und kein Autor setzt dieses verdammt anständige Amerika so verdammt grandios in Szene wie James Lee Burke, der mit "Regengötter" nach langer Zeit wieder auf Deutsch zu lesen ist, und zwar ganz ohne seinen langjährigen Helden, den Louisiana-Sheriff Dave Robicheaux.

Im namenlosen County von Sheriff Holland wurde hinter der Kirche ein Massengrab mit neun Frauen entdeckt, allesamt von einer Maschinenpistole niedergestreckt und anschließend verscharrt. Der junge Kriegsveteran Pete hat das Massaker beobachtet und anonym der Polizei gemeldet. Denn er war zwar bereit, illegale Einwanderer von der mexikanischen Grenze nach San Antonio zu bringen, doch mit dem Organisierten Verbrechen will er nichts zu tun haben. Jetzt ist er mit seiner Freundin Vicky auf der Flucht, die als Countrysängerin in Bars das nötige Geld verdient. Pete hat nicht viel Glück gehabt in seinem Leben, außer vielleicht im Irak, wo er in letzter Minute von seinen Kameraden aus einem brennenden Panzer gezogen wurde. Jetzt sind hinter ihn das FBI, die Einwanderungsbehörde und mehrere Profikiller her, darunter Jack Collins, genannt Preacher, ein religiöser Psychopath, der sich für die linke Hand Gottes hält.

Und natürlich arbeiten auch die Leute von FBI und ICE nicht wirklich daran, den Mord an den neun Frauen aufzuklären, deren Mägen, wie sich bald herausstellt, vollgestopft waren mit zum Teil aufgeplatzten Tüten von Heroin. Die Herren der Bundesbehörden treiben wieder mal ihre politischen Spiele und wollen die Killer nur benutzen, um an den Oberboss heranzukommen. Doch mit einem solchen Kuhhandel will Sheriff Holland nichts zu tun haben, sondern die Dinge auf anständige Art aufklären. Mit seiner Stellvertreterin, Chief Deputy Pam Tibbs, bildet er ein wunderbares Gespann, denn die unerschrockene Pam ist schrecklich verliebt in ihren Boss und passt deswegen rührend auf den alten Kauz auf.

In epische Dimensionen, so weit wie der Himmel über Texas, dehnt Burke sein wuchtiges Drama um Tod und Vergeltung, Licht und Finsternis aus und scheut dabei weder Pathos noch Slapstick. Vor allem aber beschwört er immer wieder die großen amerikanischen Mythen. Hin und wieder tritt ein trinkender Apache auf, der düstere Sätze sagt wie "Die Regengötter haben uns den Rücken gekehrt und werden auch nicht mehr wiederkommen." Aber eigentlich muss man sich als Soundtrack zu dem Roman den zuversichtlichen Country der Carter Family vorstellen, den Vicky auf ihrer Gibson Sunburst so gern spielt. Keep on the Sunny Side.

James Lee Burke: Regengötter. Thriller. Aus dem Amerikanischen von Daniel Müller. Heyne Verlag, München 2014, 672 Seiten, 16,99 Euro (Bestellen).


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Als Dublin noch im geliehenen Geld schwamm, baute es sich auch ein neues Strafgericht. Licht und transparent sollte es im neuen wohlhabenden Irland zugehen, und vor allem effizient, wenn Mord und Totschlag, Raub und Diebstahl und andere Verbrechen abgeurteilt werden. Als das Gerichtsgebäude eröffnet wurde, war Irland zwar pleite und in seinen Vorstellungen von dem, was recht und gerecht ist, erschüttert. Und die lukrativen Zivilsachen werden wie eh und je im altehrwürdigen Four Courts verhandelt, dessen verwinkelte Flure und Nischen sich viel besser für diskrete Absprachen eignen.

Gene Kerrigan erzählt in seinem Roman "Die Wut" vom finanziellen und moralischen Zusammenbruch eines Landes. Und da Kerrigan seit Jahren als Journalist und Kommentator beim irischen Sunday Independent arbeitet, tut er dies mit einer klaren politischen Agenda, aber auch mit Karacho. Für den Roman hat er 2012 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers" Association erhalten, der neue Hamburger Polar Verlag startet damit sozusagen programmatisch. Kerrigan verwebt zwei konträre Handlungsstränge, man könnte sagen von einem Bankräuber und einem Bankgründer. Aber vielmehr geht es noch darum, wie auf jeweils eigene Weise die Risikokapitalanlage an ihr gewaltvolles, aber auch folgerichtiges Ende gelangt.

Mittel- und Ruhepunkt des Romans ist Detective Sergeant Bob Tidey, den die Jahre gelassen gemacht haben. Er verlässt sich darauf, dass ihm früher oder später alle entwischten Ganoven eine zweite Chance geben werden. Nun untersucht er den Mord an dem bankrotten Investmentbanker und Hypothekenvirtuosen Emmet Sweetman, der gerade dabei war, seine Geschäftspartner an die Steuerbehörden zu verraten, um den eigenen Hals aus der Schlinge zu ziehen. Zugleich bekommt der Detective mit, wie eine Gruppe Kleingangster um den unberechenbar aggressiven Vincent Naylor einen Überfall auf einen Geldtransporter plant. Dieser Coup wird wie so viele in einer Katastrophe enden, weil die Dinge bekanntlich immer haarig werden, wenn es um das Teilen der Beute geht. Aber auch weil sich ausgerechnet eine ehemalige Nonne, eine der berüchtigten Unbarmherzigen Schwestern, vorgenommen hat, ihre Augen nicht mehr vor Unrecht zu verschließen. Ernstgemeinte Reue, die trotzdem nur noch mehr Unheil anrichtet.

Von verschiedenen Seiten und Blickwinkeln, in parallelen und gegenläufigen Bewegungen beleuchtet Kerrigan die Systeme von Ökonomie und Verbrechen und die in ihnen wirkende Logik von Gier und Arroganz, von Komplizenschaft und Verrat. Während sich die Herren Investmentbanker zunehmend mafiöseren Methoden bedienen, üben sich die Gauner in der Sprache der erfolgreichen Investition. Es gehört zu den bittersten Passagen des Romans, wie Vincent Naylor und sein Bruder Noel an einem Geschäftsplan für ihr verkorkstes Leben arbeiten: Es bringt doch nichts, nur kleine Räder zu drehen. Für mehr Gewinn braucht man größeres Risiko.

Kerrigan hat seinen Roman sehr ehrgeizig konstruiert, aber er schreibt mit Tempo und Witz und treibt die Ereignisse unaufhaltsam ihrem fatalen Ende entgegen. Und bei aller Wut, die sich unverkennbar auch den Autor motiviert, wird Kerigan nicht eindimensional: Es haben sich schließlich nicht nur die Banker und Broker von der Aussicht auf das schnelle Geld haben korrumpieren lassen. Am Ende, lässt er seinen Detective Tidey seufzen, wird es immer den Toten in die Schuhe geschoben. "Das ist heilige irische Tradition."

Gene Kerrigan: Die Wut. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Antje Maria Greisiger. Polar Verlag, Hamburg 2014, 292 Seiten, 14,90 Euro (Bestellen).