Mord und Ratschlag

Was Poetisches

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
31.07.2015. Ken Bruen lässt in seiner Jim-Thomson-Hommage "Kaliber" viel schwarzes Blut fließen. Charles Willeford schickt in seinem Achzigerjahre-Klassiker "Miami Blues" einen unbekümmerten Psychopathen in die noch ganz und gar unglamouröse Drogenmetropole.
Lou Ford ist einer der hochkarätigsten Psychopathen der Kriminalliteratur. Als Ich-Erzähler in Jim Thomsons Noir-Klassiker "The Killer Inside Me" wurde er zum Inbegriff des manischen Mörders, der hinter der Fassade des pflichtbewussten Hilfssheriffs seine sadistischen Gelüste auslebt beziehungsweise exekutiert. Ein finsterer Roman, der zugleich auch die ganze verzweifelte Tristesse des Kleinstadtlebens zeigt: "Schlimmer als ein Langweiler ist nur ein Langweiler, der sich wiederholt."

Auch in Ken Bruens hochkomischem Roman "Kaliber" gibt es einen Lou Ford. Er ist ein finanziell bestens gestellter Buchhalter, der nichts Besseres mit sich anzufangen weiß, als Krimis in jeder Form zu konsumieren. Als er eines Tages im Urlaub feststellen muss, dass die Nutten in Thailand so viel freundlicher sind als in London, gibt ihm das "richtig zu denken". Er beschließt, den Engländern eine Lektion zu erteilen, "eine Lektion in puncto Manieren". Wer ihm oder anderen blöd kommt, muss dran glauben. Sein erstes Opfer, einen Mann, der am Handy seine Freundin angeraunzt hat, stößt er vor einen Zug. Unnötig zu erwähnen, dass der Express aus Brighton mal wieder verspätet war und keinen Speisewagen hatte, aber befriedigend fand Lou Ford die schnelle Exekution doch: "Von hinten, ein Schubs. Hatte was Poetisches." Als nächstes soll eine Frau dran kommen, gleiches Recht für alle. Aber natürlich hat der Mann feste Prinzipien: "Würde ich ein Kind killen? No way, José. Höchstens eins aus "ner Boygroup."

Auf diesen "Manieren-Mörder" angesetzt ist ein Haufen Polizisten, die es an Gerissenheit mit Lou Ford durchaus aufnehmen können, aber auch an rassistischer, homophober, misogyner Soziopathie. Allen voran Sergeant Brant, ein echtes Schwein, leidenschaftlicher noch als seine Kollegen demütigt er seine Kolleginnen. Mit dem Killer verbindet ihn neben dem manipulativen Charakter auch die Liebe zu Thompson und Ed Mc Bain, von dessen Romanen über das 87. Polizeirevier er sich allen Ernstes ermutigt fühlt, selbst in die Schriftstellerei zu wechseln. Mit Menschen und deren Leben spielen, das kann er schließlich! Weil ihm jedoch jede Spur von Kreativität und Empathie fehlt, kippt er seinem schwulen Kollegen, von dem er sich in dieser Hinsicht mehr Talent erhofft, hin und wieder ein bisschen Koks in den Kaffee.

Ken Bruen hat mit seinen höllisch düsteren Romanen den Noir nach Irland gebracht. Dass schwarzes Blut in ihm fließt, hat Bruen nach eigenem Bekunden in Brasilien entdeckt. Nachdem er etliche Jahre als Englischlehrer durch die Welt gezogen war, landete er - warum, erfährt man nicht - in einem Knast in Sao Paulo, wo er drei Monate lang das brutale Regime brasilianischer Gefängnisse erleben musste.

Einige Tropfen dieser Schwärze sind auch in "Kaliber" eingeflossen, aber mehr noch ein galliger Humor und die kultische Hingabe an das Genre. Dieser Roman ist eine einzige Hommage an Autoren wie Thompson, Mc Bain und Newton Thornburg, dessen "Cutter und Bone" der Polar Verlag ebenfalls in einer neuen und erstmals vollständigen Übersetzung herausgebracht hat. Von Thompsons "The Killer Inside me" kann man sich das auch nur wünschen.

Ken Bruen: Kaliber. Roman. Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Polar Verlag, Hamburg 2015, 180 Seiten, 12,90 Euro (Bestellen).

Newton Thornburg: Cutter und Bone. Roman. Aus dem Amerikanischen von Susanna Mende. Polar Verlag, Hamburg 2015, 350 Seiten, 14,90 Euro (Bestellen).


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Ein weiterer Klassiker, dem Bruen seine Reverenz erweist, ist Charles Willefords "Miami Blues" von 1984, ein Meisterwerk der makabren Ironie. Der 1919 geborene Willeford verdingte sich in der Armee, im Boxring und als Schauspieler, bevor er mit vierzig eine literarische Karriere als Pulp-Autor einschlug und - weitere zwanzig Jahre später - mit seiner Reihe um den lebensuntüchtigen Hoke Moseley zum Vorreiter des Miami-Krimis wurde. Dass der Alexander Verlag die Wiederauflage der Reihe jetzt mit einer Neuübersetzung in Angriff nimmt, ist erfreulich. Lange Zeit schon versorgt allein der Pulpmaster Verlag den deutschen Markt mit Willefords frühen Romanen, wobei "Die schwarze Messe" und "Ketzerei in Orange" ausgesprochen lesenswert sind.

Hoke Moseley ist der etwas lebensuntüchtige Sergeant beim Morddezernat des Miami Police Department, lebt in einer heruntergekommenen Absteige, trägt ein falsches Gebiss und wirkt mit seinen zweiundvierzig Jahren wie sechzig. Die Stadt sieht noch übler aus, vom Glamour der aufstrebenden Drogenmetropole ist hier noch nichts zu spüren, nur die Gewalt und die Trostlosigkeit: Zum Überwintern kommen nicht nur die Rentner von der Ostküste, sondern auch die Obdachlosen aus dem ganzen Land, dazu Zehntausende von Flüchtlingen aus Nicaragua und Haiti. Und Fidel Castro hat der kubanischen Community einen wirklich fiesen Dienst erwiesen: Hunderttausend Flüchtlingen schickte er 1980 gleich noch 25.000 Schwerverbrecher und Verrückte aus seinen Gefängnissen hinterher.

In diese Stadthölle mit Palmen, in der allenfalls um vier Uhr morgens die Temperaturen auf 25 Grad sinken, schickt Willeford den frisch aus San Quentin entlassenen Frederick J. Frenger, genannt Junior. Gleich im ersten Satz stellt Willeford klar, dass es sich bei ihm um einen "unbekümmerten Psychopathen" handelt. Und kaum ist er nach seinem Flug erster Klasse von San Francisco und mit einem Stapel geraubter Kreditkarten in der Tasche gelandet, bringt er in Miami eher aus Versehen einen Hare Krishna um. Genervt von dessen Bettelei, biegt er ihm den Finger so weit nach hinten, dass er bricht. Die anderen Passagiere geben dem Kerl mit ihrer Gehässigkeit den Rest, so dass er leicht verletzt, aber schwer geschockt stirbt.

Kurze Zeit später begegnet Junior in seinem Hotel der Schwester des toten Hare Krishna, die sich dort als Nutte ihr Geld erbettelt. Susan Waggoner ist von heiliger Einfalt, aber großer Zielstrebigkeit. Sie geht aufs College, um später einmal eine Burger-King-Filiale aufzumachen. Ihrem Bruder Marty weint sie keine Träne nach: "Ich nehme an, er war tatsächlich religiös, aber er war auch schrecklich gemein." Es wird sich in einer bösen Volte der Geschichte herausstellen, dass, wenn Marty den Tod verdient haben sollte, dann unbedingt einen solchen. Die beiden tun sich also zusammen, und während Junior tagsüber seine Raubzüge durch die Shopping Malls organisiert, backt Susan zu Hause Süßkartoffeltorte. Junior verkauft ihr dieses Leben ausgerechnet als platonische Ehe, dabei gibt er sexuell wie finanziell die gleichen versauten Regeln vor: "Du fährst zur Bank, holst das ganze Geld und bringst es mir. Ich werde mich darum kümmern."

"Miami Blues" ist ein unglaublich böses Buch, und das nicht nur, weil hier die Psychopathen und Soziopathen ihre Gewalt so beiläufig und dadurch umso entsetzlicher ausüben. Willeford bürstet ganz lakonisch das Genre gegen den Strich und mit ihm die gängigen Vorstellungen von gerechter Ordnung. Einen Fall gibt es so wenig wie Polizeiarbeit. Als Ermittler gibt Hoke Moseley eine beklagenswerte Figur ab, entweder bringt ihn Junior um Gesundheit und Gebiss oder ein korrupter Detective. Für Gerechtigkeit sorgt allenfalls der Zufall. Und wenn er nicht Haikus dichtet, kümmert sich der Psychopath um die Ökonomie, wie er sie im Gefängnis gelernt hat: In San Quentin hatte Junior einen effizienten Wirtschaftsplan erstellt, der die Personalkosten reduziert und den Service verbessern sollte. Zur Strafe verpassten sie ihm eine brutale Abreibung, aus der er als entscheidende Lektion zog: Der größte Fehler eines Menschen ist die Uneigennützigkeit.

In dieser Hinsicht ist "Miami Blues" auch ein sehr sardonischer Kommentar zu den achtziger Jahren und ihre unbarmherzige Neudefinition von Ökonomie, Familie und Gerechtigkeit.

Charles Willeford: Miami Blues. Der erste Hoke-Moseley-Fall. Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt. Alexander Verlag, Berlin 2015, 264 Seiten, 14,90 Euro (Bestellen)