Mord und Ratschlag

Nicht gefangen, aber auch nicht frei

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
05.10.2015. An der Grenze zu den USA wird niemand scheitern, der es durch Mexiko geschafft hat: In seinem Roman "Die Verbrannten" erzählt Antonio Ortuño, wie mexikanische Banden und Behörden die Flüchtlinge aus Mittelamerika zum Raub- und Handelsgut machen. Celil Oker besingt in "Lass mich leben, Istanbul" verruchte Schönheit und die Ineffizienz des Lebens.
Viele hervorragende Autoren haben über die Grenze zwischen den USA und Mexiko geschrieben, die all den Sperranlagen, Militärposten und Bürgerwehren zum Trotz nicht weniger durchlässig geworden ist. Noch immer ist sie eher Verheißung als Abschreckung. James Lee Burke oder Don Winslow in seinen besseren Romanen erzählen von den Tragödien, die sich am großen Zaun abspielen, vom Kampf amerikanischer Bundesbehörden gegen Schlepper, Drogenkartellen und Migranten gleichermaßen. Antonio Ortuño erzählt nun das Drama der großen Flucht als mexikanischer Autor. Dabei verschiebt sich nicht nur die Blickrichtung, sondern auch der Fokus, und das macht seinen Roman zu einem der aufregendsten in diesem Herbst: "Die Verbrannten" ist grandioser Kriminalroman, böse Groteske und kluge Reflexion in einem, vor allem jedoch eine bittere Anklage gegen ein moralisch bis auf die Knochen korrumpiertes Mexiko.

Der 1975 in Guadalajara geborene Ortuño verlegt die Handlung in das fiktive Santa Rita, eine Stadt ohne Eigenschaften im Süden Mexikos, an der Grenze zu Guatemala. Santa Rita ist eine jener Durchgangsstationen, durch die Jahr für Jahr Hunderttausende von Migranten aus Mittelamerika in die USA ziehen - oder geschleust werden: In Güterwaggons oder auf deren Dächern, in Minibussen oder zu Fuß. Wen die Behörden aufgreifen, der wird der Nationalen Kommission für Migration, der NKM, übergeben und, wenn er nicht entkommen oder aus glücklicher Fügung weiterreisen kann, wieder zurückgeschickt. Zu den wenigen Hilfsbereiten innerhalb der Behörde gehört die Sozialarbeiterin Gloria. Sie wird sehr schnell auf sehr mexikanische Art von einem Jungen erschossen, der kaum fünfzehn Jahre alt ist: "Der erste Schuss brachte sie zu Fall. Der zweite, dritte und vierte, der fünfte und der sechste waren ganz und gar überflüssig."

Wenige Tage später wird eine Flüchtlingsunterkunft der NKM angegriffen und in Brand gesteckt. Die Bewohner waren - "nicht gefangen, aber auch nicht frei" - eingeschlossen und so ihren Mördern hilflos ausgeliefert, während sich die Angestellten auf einer Weihnachtsfeier vergnügten. In dem Inferno kommen vierzig Menschen ums Leben. Ortuño schildert medizinisch genau, wie ein Mensch im Feuer stirbt: "Die Haut löst sich wie Stoff vom Fleisch, entblößt es. Die Augen springen aus den Höhlen, Nägel und Haare werden zu Asche." Und auch wer nicht direkt in die Flammen gerät, stirbt qualvoll: "In seiner Umgebung verdunsten alle essenziellen Flüssigkeiten, die Körpertemperatur steigt und die Nerven bersten, der Puls wird immer schneller, bis der Herzmuskel reißt, woraufhin die Lunge kollabiert, da ihr das Blut entzogen wird."

Die Behörden zeigen erschütternd wenig Interesse, die grauenvolle Tat aufzuklären. Ob es rassistische oder kriminelle Banden waren, El Sur oder Los Rojos, ist ihnen herzlich egal. In einer Presseerklärung bekunden sie Abscheu und Empörung und schicken aus der Hauptstadt eine neue Sozialarbeiterin. Irma, genannt La Negra, alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter, soll sich kümmern, die Überlebenden besänftigen, aber bitte niemandem auf die Nerven gehen. Und wenn der Journalist weiter nachfragt? Dann muss sie ihn mit administrativem Detailkram ablenken, vielleicht mit den 200 Schritten, die es braucht, um einen Migranten abzuschieben.

Doch La Negra hält sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze der bequemen Ignoranz. Sie tut sich mit dem Journalisten und einer Überlebenden des Feuers zusammen, Yein aus El Salvador, die mit ihrem Mann dem mörderischen Terror der Jugendbanden entfliehen wollte, dem die Menschen in San Salvador Tag für Tag ausgesetzt sind, die von ihren Schleppern vergewaltigt wurde und jetzt von den konkurrierenden Banden gejagt wird.

Normalerweise funktioniert der Menschenhandel reibungslos. Polizei und Behörden verschließen die Augen, solange sie am Gewinn beteiligt werden, wenn Schlepper die Flüchtlinge durchs Land schleusen oder an Banden weiterverkaufen, die sie dann entführen, erpressen und vergewaltigen - aber selten ermorden, denn sie sollen ja als Raub- und Handelsgut ergiebig bleiben. Doch in Santa Rita soll das Terrain neu verteilt werden unter den Banden und das bedeutet Krieg.

Mit der Präzision eines Ermittlungsrichters untersucht Ortuño die Strukturen und Mechanismen der Gewalt und des Rassismus in Mexiko, aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet er den Fall und zieht für diesen polyfon komponierten Roman alle erzählerischen Register: Er liefert Anweisungen zur Erstellungen nichtssagender Presseerklärungen oder erkundet in Exkursen die Dysfunktionalität der Stadtplanung oder die protokollarischen Feinheiten beim Besuch eines hohen Regierungsbeamten. Besonders erschütternd sind jedoch die inneren Monologen des Kleingeistes, als der Irmas Ex-Mann hier figuriert: In ihnen steigert sich die ganze Selbstgerechtigkeit und die Verachtung der mexikanischen Mittelklasse zu einer ungeahnten Kombination aus Mickrigkeit und Monstrosität: "Wie sind keine Gringos, na gut. Aber wir sind auch nicht wie die anderen, die Zentralamerikaner. Die, denen es nichts ausmacht, dass man sie mit Honduranern verwechselt, sollen die Hand heben."

Antonio Ortuño: Die Verbrannten. Roman. Aus dem Spanischen von Nora Haller. Kunstmann Verlag, München 2015, 206 Seiten, 19,95 Euro (Bestellen).

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Nicht nur geografisch, sondern auch literarisch liegen Kontinente zwischen Antonio Ortuño und dem türkischen Autor Celil Oker. In seinen alles andere als straffen Krimis huldigt Oker vor allem der Schönheit Istanbuls und dem Leben in den Tag hinein. Sein Held ist Remzi Ünal, früher Pilot der türkischen Luftwaffe, heute Privatdetektiv ohne Geldsorgen, aber mit einer anspruchsvollen Geliebten, der schönen und klugen Psychologin Yildiz Turanli. Seine Tage verbringt Remzi vornehmlich im Café Kaktüs in Beyoğlu, nahe der İstiklâl Caddesi und nicht weit vom Taksim-Platz. Für einen gelungen Tag braucht er nicht mehr als einen Adana-Kebab, ein bisschen Leber und einen Raki, aber wenn er dann noch einen Kaffee bekommt, geht die Sonne auf: "Alles in mir öffnete sich. Die draußen vorbeigehenden Frauen kamen mir immer schöner vor, die Männer immer intelligenter."

Remzi genießt allerdings auch einen gewissen Ruf als Privatdetektiv, weswegen er eines Tages vom Arzt Kemal Arsan beauftragt wird, dessen verschwundene Verlobte wiederzufinden, die als Krankenschwester in der gleichen Privatklinik in Mecidiyeköy wie Arsan arbeitete. Remzi braucht nicht lange, um die Frau bei ihrer besten Freundin zu finden, Probleme bereiten ihm eher andere Dinge: Begüm Kalyon will nicht gefunden werden, schon gar nicht von ihrem Verlobten; in der Wohnung ihrer Freundin Firdevs Işin liegt ein weiterer, allerdings toter Arzt, und hinter den beiden Frauen sind einige unangenehme Gestalten her.

Remzi ist ein Detektiv mit einigen klaren Prinzipien: "Fotografieren, Telefonabhören und solche Scherze gibt"s bei mir nicht. Auch keine Quittungen, höchstens Ergebnisse." Im Übrigen hält er sich bei seinen Ermittlungen an schöne Frauen und lässt sich bereitwillig von Schurken wie Baller-Osman einschüchtern ("Keine Mätzchen, ja. Gibt anständig Antwort, sonst kommt mein Kasımpaşa-Blut durch!"). Remzis Stärke liegt eher im Schwadronieren: Als nicht zu stoppende Quasselstrippe gewinnt er Verbündete, bezirzt Frauen, bringt Drahtzieher aus dem Konzept und treibt seine Gegenspieler zur Weißglut.

Es ist die reine Erzähllust, der Celil Oker in seinen Romanen frönt. Dabei schrammt er manchmal haarschart an der Kolportage vorbei, mitunter streift er auch den Klamauk. Aber was dieses ein bisschen aus der Zeit gefallene Erzählen sympathisch macht, ist seine völlige Ineffizienz: So unökonomisch wie sein Held agiert, so wenig spart Oker mit immer neuen Einfällen und Wendungen. Vor allem strotzt sein Istanbul vor Sinnlichkeit und Lebendigkeit, es wird geraucht und getrunken, geflirtet und geflucht, und durch die Straßen von Ortaköy, Kadiköy und Mecidiyeköy geht es immer wieder direkt zum Bosporus oder zum Marmarameer. Was scheren ihn die Kleinbürger und Ganoven aus Kasımpaşa!

In einer wunderschönen Passage lässt Oker seinen Helden Remzi Ünal die Stadt besingen: "Manchmal schoss Istanbul auf mich, aber ich schoss auch manchmal zurück. Ich bat Istanbul, mich leben zu lassen, und gab ihm dafür, was es forderte. Manchmal schüttete es seinen ganzen Dreck über mir aus, und dann verteidigte ich mich." Verlassen könnte er Istanbul niemals, aber er macht sich auch nichts vor: "Wenn es mir die Hand reichte, zählte ich hinterher meine Finger."

Celil Oker: Lass mich leben, Istanbul. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Unionsverlag, Zürich 2015, 314 Seiten, 19,95 Euro (Bestellen).