Mord und Ratschlag

Geisterstimmen

Die Krimikolumne.
27.08.2017. In Hari Kunzrus Roman "White Tears" verirren sich New Yorker Hipster auf der Suche nach dem wahren Blues in der Dunkelheit des Südens. In Zoë Becks Thriller "Die Lieferantin" rollt eine Startup-Unternehmerin mit ihrer App Londons Drogenmarkt auf.
Nirgendwo ist der Süden Amerikas tiefer als im Mississippi-Delta. In die Baumwollfelder zwischen Memphis und Vicksburg sind nicht nur die Wassermassen des großen Stroms eingesickert, sondern Jahrhunderte von Gewalt, Sklaverei und Armut, von Demütigung und verdrängter Schuld. Unter den strahlenden Weiten des amerikanischen Himmels herrscht hier Tag und Nacht Finsternis: Southern Darkness.

Im Binnendelta des Mississippis entstand Anfang des 20. Jahrhunderts der Blues. Die Arbeit war hart, die Not groß, und Jim Crow hielt die schwarze Mehrheit der Bevölkerung rechtlos unter Kuratel: Wer keine Arbeit hatte, konnte wegen Landstreicherei verhaftet werden, dann musste er auf den Gefängnisplantagen wie eh und je Baumwolle pflücken. "Die Zeiten waren so hart", sagte damals der Blues-Singer Jasper Love aus Clarksdale, "wir konnten sie nicht mal mit dem Messer schneiden."

Clarksdale liegt im Herzen des Deltas, hier hat W.C. Handy den Blues erfunden. Mehr denn je sieht man man heute dem verödeten Stadtzentrum mit seinem imposanten Bauten aus der Blüte der Baumwollindustrie an, was ein großer Vorzug des Ortes war: Man kam schnell von hier weg, in den Norden nach Chicago. In Clarksdale kreuzen sich die Highways 61 und 49, nicht weit davon zwei Bahnlinien. "Where the Southern Cross' the Dog", lautet die berühmte Zeile von Handys "Yellow Dog Blues". Blues ist der schwere Sound, aus dem die Härte des schwarzen Lebens klang. Schwarze Musik für ein schwarzes Publikum. "Wenn man den Blues so lange singt wie ich", sagte B.B. King, "fühlt man sich gleich doppelt schwarz".

Der Blues war die Musik aus der Zeit vor der Bürgerrechtsbewegung. Als sich die jüngere Generation der Schwarzen von ihm abwandte und lieber Soul hörte, begannen die Weißen ihn zu lieben. Forscher erkundeten die Seele des Blues, Sammler sicherten sich die alten Schellack- und Vinylplatten, das kulturelle Erbe zu bewahren. Und die Rolling Stones pilgerten voll aufrechter Verehrung zu Muddy Waters, um anschließend aus seinem Gitarrenspiel die kommerziell erfolgreichste Musik aller Zeiten zu machen.


Am Highway 61, kurz vor Clarksdale. Fotos: Thekla Dannenberg

Hari Kunzrus spürt dieser großen Ungerechtigkeit in "White Tears" nach. Der Roman wurde von einigen Kritikern als Kriminalroman gewertet. Doch auch wenn es etliche Verbrechen in diesem Roman gibt, fiktive und historische, erzählt "White Tears" doch keine Kriminalgeschichte: Der Roman ist Satire, Ideenroman und Musikarchäologie, vor allem aber eine Gespenstergeschichte. Die Phantome, die hier gejagt werden, sind der Wille zum Authentischen, der Willen zum Wahren, Echten und Eigenen, weiße Hipster-Ideen von schwarzer Musik. "White Tears" ist der Roman zur Debatte um kulturelle Aneignung.

Es beginnt unter Hipstern in New York. Seth und Carter betreiben in Brooklyn ein gefragtes Musikstudio, das mit analogem Luxus-Equipment neue Musik alt klingen lässt. Die angesagtesten Bands lassen bei ihnen produzieren. Der charismatische Carter entstammt einer wohlhabenden Familie und wurde von ihr mit gutem Aussehen, Selbstbewusstsein und einem gewaltigen Treuhandvermögen ausgestattet. Er trägt Dreadlocks und hört nur schwarze Musik: Dub, Soul, R'n'B, Afrobeat, HipHop, Dance und House Music. Chicago, London, Lagos. Alles Digitale ist aus seinem Universum verbannt, Itunes gelöscht. Er hört schwarze Musik, weil sie so viel authentischer ist als weiße Musik: "'Weiße Leute' klang bei ihm wie der Name einer Gruppe oder Gang, irgendeiner Organisation, zu der er nicht gehörte." Mit Schwarzen hat er allerdings auch nicht so viel zu tun, die sind ihm entweder zu adrett oder zu prollig, zu angeberisch oder zu christlich. "Wir waren es, die zum Soundclash nach Kingston wollten."

Seth dagegen ist eigentlich überhaupt nicht cool, sondern ein Tech-Nerd und erst mit Carter in höhere Sphären aufgestiegen. Er ist der Erzähler, und aus seiner Perspektive gibt Carter eine besonders schillernde Figur ab, wie auch dessen quecksilbrige Schwester Leonie, die sich als Künstlerin versucht und schon beeindruckend viele französische Namen kennt. Seth hat keine besondere Ambitionen, aber etwas gruselige Vorlieben: Er fährt gern mit dem  Fahrrad über die Brooklyn Bridge nach Manhattan und zeichnet heimlich mit Richtmikrofonen die Klänge der Stadt auf.

Bei einem seiner Streifzüge nimmt er am Washington Square zunächst unbemerkt den Song eines Schachspielers auf, in dem man sofort den Wiedergänger eines alten Bluessängers erkennt: "Er trug ein sauberes weißes Unterhemd und weite Jeans, Seine nackten Arme waren erschreckend dürr und sehnig wie verdrehte Kabel." Sein Song ist markerschütternd:

Believe I buy me graveyard of my own.
Put my enemies all down in the ground.
Put me under a man they call Captain Jack
Wrote his name all down my back.

Den Gesang des Unbekannten mischen Seth und Carter mit der Aufnahme eines Straßenmusikers, den sie am Tompkins Square aufgenommen haben. In einem Akt musikalischer Magie, vielleicht auch Alchemie erschaffen sie zusammen mit dem "Graveyard Blues" Charlie Shaw, die vergessene Ikone des Delta-Blues, und setzen Dämonen frei, die sie nicht mehr beherrschen: Ein Sammler, der sich JumpJim nennt, will unbedingt an die Platte herankommen, Carter wird in der Bronx halbtot geprügelt, sein hyperkapitalistischer Bruder, der sein Geld mit privaten Gefängnissen verdient, steigt ins Geschäft ein.

Von da an verändert der Roman seinen Charakter, die Geschichte spaltet sich in mehrere Stränge auf. Seth reist mit Leonie in den Süden, um Licht in die Vorfälle zu bringen. aber auch JumJimp erzählt, wie er fünfzig Jahre zuvor mit der Sammlerlegende Chester Bly durch Tennessee, Mississippi und Alabama zog, um als falscher Reverend verarmten Schwarzen die letzten Schellackplatten abzupressen: Blind Willie McTell, Charlie Patton, Skip James und Bessie Smith. Kann denn ein schlechter Mensch sein, wer so gute Musik hört?


Gleich doppelt schwarz: Der B.B. King Boulevard in Memphis.

"White Tears" ist ein Thesenroman und hat entsprechende Schwächen: Die Figuren sind mitunter mehr als nur satirisch überzeichnet, einige Passagen kippen ins Parabelhafte (etwa wenn Seth in die titelgebenden "weiße Tränen" ausbricht: "Das ist auch meine Geschichte!"), und selbst den erschütterndsten Momenten haftet etwas Unernstes an. Das nimmt dem Roman etwas von seiner literarischen Kraft, aber nicht unbedingt von der Wucht, mit der er sein Thema setzt.

Denn Kunzru schreibt klug und mit Witz, und er hat seinen Roman fantastisch konstruiert. Je tiefer Seth und JumpJim in den Süden vordringen, umso mehr verschiebt sich der Ton vom Satirischen ins Fantastische, ins Horrende: Undurchdringlich werden Rassismus, Polizeigewalt, sexuelle Hysterie. Am Ende wird Charlie Shaw seine Geisterstimme erheben, direkt aus der Erde, und er wird den Tribut einfordern, dem ihm seine Schöpfer schuldig sind.

"White Tears" ist ein aufregender Roman über den Blues und den Süden, das Hipstertum, hohle Gesten und Anmaßung. Das letzte Wort zur Geschichte des Blues und der Frage, wer ihn lieben und wer ihn spielen darf, ist mit ihm nicht gesprochen. Nach dem Roman möchte man gleich auch noch eine Geschichte der schwarzen Musik lesen, die großen Debattentexte zur kulturellen Aneignung und unbedingt noch einmal Michelle Alexanders Buch "The New Jim Crow" über die Masseninhaftierung schwarzer Männer im Süden.

Hari Kunzru: White Tears. Roman. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Liebeskind Verlag, München 2017, 350 Seiten, 22 Euro (Bestellen)


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Auch in Zoë Becks Roman "Die Lieferantin" schlägt sich eine gewisse Zeitenwende im politischen Denken nieder. Bei allem modischen Diskursstoff bleibt sie mit ihrem Roman jedoch auf dem Boden des konventionellen Erzählens. Sie ist eine ungeheuer routinierte Erzählerin. Sie kann Spannung aufbauen, Szenerien entwickeln und gekonnt ineinander verschachteln. Vor allem findet sie für ihre Figuren immer einen stimmigen, sehr heutigen Ton. Kein Wunder: Zoë Beck hat jahrelang als Producerin und Synchron-Regisseurin für die Kirch-Gruppe und den Disney Channel gearbeitet. Wenn Beck erst einmal ihre Erzählmaschinerie angeworfen hat, dann surrt sie ohne zu stocken bis ans Ende durch.

Die "Lieferantin" spielt in naher Zukunft in London nach dem Brexit, und die Stadt steht unter Druck. Selbst Brixton wird gentrifiziert und durch die Straßen marschieren die  Trupps von "Rotweißblau". Die neue Regierung hat dem Land einen neuen politischen Kurs verordnet und plant per Referendum, die Drogenpolitik in nie dagewesener Dimension zu verschärfen. Der "Druxit" soll den Ausstieg aus den Drogen bringen.

Morayo Humphries dagegen ist schwarz und immer wieder Angriffsziel des chauvinistischen Mobs. Auch die zukünftige Drogenpolitik wird sie zu spüren bekommen, denn sie raucht Heroin. Um die Schmerzen zu vergessen, die Monster zu verjagen und für ein paar Stunden Wärme, Ruhe, Verzückung zu verspüren: "Sie schwebte in einer Blase reiner Glückseligkeit. Der rotweißblaue Dreck rutschte dann herunter wie an einer Teflonschicht." Mos Wandlung von der passiven Außenseiterin zur Akteurin in der Mitte des geschehen wird sich als roter Faden durch den Roman ziehen.

Auch die Unterwelt ist nervös, zwischen den Clans brechen Rivalitäten und Revierkämpfe auf, besonders die Boyce-Familie ist gerade arg gebeutelt: Einer ihrer Schutzgeldeintreiber arbeitet auf eigene Rechnung, ein verdeckter Ermittler stirbt, während sie aus ihm Informationen herausfoltern wollen, und der Sohn des Bosses scheint es an Testosteron zu mangeln. Der Junge hat Verstand, aber zu wenig Fußball gespielt und zu viel am Computer gesessen. Beweisen muss er sich bei dem eigentlich größten Problem, das London gerade beschäftigt: Die Lieferantin. Sie verkauft ihren Stoff im Darknet über die Cavendish-App und liefert per Drohne.

Die Lieferantin, Ellie Johnson, ist der neue coole Player und rollt den Drogenmarkt auf wie sonst nur Uber das Taxigewerbe. Die Drohnen sind gerade einmal so groß wie ein Spatz, ausgerüstet mit Kamera, toller Software und super Akkus. Aber das ist noch nicht alles, wie Declan lernen muss. Die Lieferantin bietet nur das Beste: "Topqualität, hergestellt aus afghanischem Opium. Warnhinweise, Dosierungsanleitungen, Wirkungen und Nebenwirkungen." Es geht ihr nicht ums Geschäft, sondern um Freiheit: "Darum, dass es erwachsenen Menschen zugestanden wurde, Entscheidungen für sich zu treffen, nachdem sie sich sich informiert hatten und wussten, welche Risiken sie eingingen. Darum, dass es nicht Sache der Regierung sein sollte, erwachsenen Menschen vorzuschreiben, was sie mit ihren eigenen Körpern anstellten."

Ellie Johnson hat nur eine Verbündete im Kampf gegen die Unterwelt, und das ist die Labour-Politikerin in Catherine Wiltshire. Als Verfechterin einer kompletten Legalisierung und Anwältin einer Drogenklinik organisiert sie die politische Gegenkampagne zum Druxit. Das Geld dafür bekommt sie von Ellie Johnson. Doch diese Verbündete wird nicht lange an ihrer seite bleiben.

Zoë Becks Thriller ist ein politisches Statement gegen alle Restriktionen in der Drogenpolitik. Immer wieder lässt sich die Stimme der Autorin in der Rede ihrer Figuren vernehmen. Dafür greift sie mitunter zu etwas plakativen Mitteln: Die hier agierenden Frauen sind jung, klug und "makellos schön" (die abhängige Mo), am Kunden orientiert und effektiv (Ellie) oder von einem "umwerfend trockenen Humor" (Catherine). Und um den hässlichen, rechten Typen, den gestrigen alten Säcken eins auszuwischen oder an ihre Stelle zu kommen, ist ihnen jedes Mittel recht. Das grenzt an Stammesmoral.

In der kalifornischen Kombination mit digitaler High-Tech, Identitätspolitik und Frauenkarrieren ist das sehr heutig. Auch die Eigenverantwortung, zu der sich Mo immer wieder anhält: "Nicht die Substanz an sich war böse, sondern die Sucht. Und das beste Mittel gegen die Sucht war Disziplin." Das hätte Big Pharma nicht besser auf die Beipackzettel der Schmerzmittel schreiben können, mit denen es ganze Landstriche der USA seit Beginn des Jahrtausends unter Heroin gesetzt hat, mit Millionen Abhängigen und dreihunderttausend Toten.

"Die Lieferantin" ist nicht nur der erste Post-Brexit-Roman, sondern der erste Kriminalroman des neoliberalen Feminismus.

Zoë Beck: Die Lieferantin. Thriller. Suhrkamp, Berlin 2017. 325 Seiten, 14,95 Euro (Bestellen).

Von Mittwoch bis Sonntag findet in Hamburg der Kongress Krimis machen 3 statt. Über "Feministischer Realismus im Kriminalroman" diskutieren unter anderem Zoë Beck, Simone Buchholz, Monika Geier und Doris Gercke.