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Mord und Ratschlag

Der Schwanenfänger von Hamburg

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
26.06.2012. In seinem aufregenden Thriller "Tage des Bösen" zeigt Peter Temple den Detektiv des 21. Jahrhundert als einen Broker des Informationshandels, aus dem internationale Konzerne, Geheimdienste und Journalisten mit allen Mitteln ihren Profit zu schlagen versuchen. Daniel Woodrell erzählt in seinem Roman "Der Tod von Sweet Mister" aus der Gegenwelt: von Ohnmacht, Unwissen und Armut in Missouri.
Nachdem Peter Temple mit seinem tiefgründigen Thriller "Wahrheit" im vorigen Jahr endlich auch hierzulande den Durchbruch geschafft hat, werden nun seine älteren Romane eilig nachgereicht. Die "Tage des Bösen" stammen bereits aus dem Jahr 2002, doch tut ihnen ihr Alter keinen Abbruch, was über die Haltbarkeit dieses Thrillers ebenso viel aussagt wie über seinen Weitblick. Temple erzählt eine verteufelt ausgefuchste Geschichte aus einer internationalen Geschäftswelt, in der Informationen das wertvollste Gut sind, mit dem gehandelt wird. Und zugleich die schärfste Waffe.

Die höchst verwickelte Geschichte beginnt in Johannesburg, wo der Ex-Soldat Constantine Niemand für einen privaten Sicherheitsdienst arbeitet. Das britische Paar, das er beschützen soll, wird prompt von einem Mordkommando getötet, und in Niemands Hände fällt ein Video, das die Verwicklung amerikanischer Soldaten in ein Massaker beweist, bei dem ein ganzes afrikanisches Dorf ausgelöscht wurde. In welchem Land ist unklar, vielleicht im Kongo, vielleicht in Namibia oder Angola. Niemand - der Mann heißt im Original wirklich so, was im Deutschen natürlich für reichlich Irritationen sorgt, vor allem in Sätzen wie "Niemand hörte ihr Schreien" - Niemand also flüchtet nach London, wo er das Video gewinnbringend verkaufen will, während seine Geschäftspartner eher versuchen, ihn aus dem Weg zu räumen, und die sich heillos überschätzende Journalistin eines Boulevardblatts davon träumt, mit der Geschichte einen echten Scoop zu landen.

Niemands Gegenpart ist der Deutsch-Amerikaner John Anselm, der lange als Kriegsreporter gearbeitet hat, bis ihn seine monatelange Entführung in Beirut aus der Bahn geworfen hat. Jetzt ist auch er ein Söldner, aber im Gegensatz zu Niemand trägt er seine Haut nicht zu Markte, sondern bedeckt sie mit Anzügen von Ermenegildo Zegna. Er arbeitet für die vornehme Detektei Weidermann & Kloster in Hamburg an der Schönen Aussicht, im Dienst von Wirtschaftsunternehmen, die sich gegenseitig ausspionieren, abtrünnige Manager jagen oder verschwundene Gelder aufspüren. Dafür zapfen sie die weltweiten Computersysteme an, verschaffen sich Zugang zu allen nur vorstellbaren elektronischen Verzeichnissen, sie kommen an E-Mails, Bankkonten, Personalakten, Kreditkartenabrechnungen, Flugtickets und Hotelbuchungen. Das Geschäft haben sie beim BND gelernt ("Zehn Jahre Abteilung eins, Operative Aufklärung, und vier Jahre in Abteilung drei, Auswertung"). Anselm soll das brisante Video für seinen Auftraggeber besorgen, einen so undurchsichtigen wie unantastbaren Mann des internationalen Handels (Waffen, Drogen, Sklaven), der gern auch Geheimdienste für seine Geschäfte einspannt. Bald tummeln sich auf Hamburgs Ausflugsdampfern CIA und DIA, MI5 und MI6, BND und Mossad wie die Schwäne auf der Alster. Und wie diese Schwäne schwimmen sie unkontrolliert und planlos, wenn sie einmal aus ihren Winterquartieren gelassen wurden. Lechzend nach den Brosamen, die für sie abfallen könnten.

Doch so klug und sympathisch John Anselm mit all seinen Traumata und Karriereknicken auch ist, man wünscht sich, er würde mit der Arbeit aufhören und es sich mit seiner Therapeutin auf Sylt gut gehen lassen. Peter Temple zeigt mit ihm den Detektiv unserer Zeit: einen kleinen Händler im globalen Geschäft mit der Information, bei dem Journalisten und Geheimdienste mitspekulieren, ohne zu ahnen, wessen Kurs sie in die Höhe treiben und wer die Gewinne einstreicht, während in Hamburg, London und Montana die Fußsoldaten auf der Strecke bleiben. Und dass internationale Konglomerate so leicht einen Staatsstreich auf den Seychellen organisieren wie sie Schweizer Nummernkonten eröffnen, glaubt man Temple auch sofort. Der frühere Reporter ist ein äußerst intelligenter Autor, der sein Wissen und seinen souveränen Zugriff auf die Welt nicht einer avancierten Schreibschule verdankt, sondern echter Erfahrung. Insofern ähnelt er mehr Ross Thomas als Don Winslow. Und jemand, der das Grau von Hamburg, von aschfahl bis eisgrau, den tiefen Himmel und die ungesunde Elbe so genau und in allen Schattierungen schildern kann, der weiß einfach, wovon er schreibt.

Peter Temple: Tage des Bösen. Thriller. Aus dem Englischen von Sigrun Zühlke. C. Bertelsmann Verlag, München 2012, 432 Seiten, 14,99 Euro (Bestellen).

***

Daniel Woodrells Roman "Der Tod von Sweet Mister" ist das genaue Gegenteil von Peter Temples weltgewandtem Thriller und dabei nicht weniger faszinierend. Woodrell zeigt nicht die zynische Welt der Macht, des Wissens oder des Geldes, er zeigt Ohnmacht, Unwissen und Armut. Die Menschen, von denen er erzählt, haben nicht einmal einen Reisepass und auch nicht genug Fantasie, um sich vorzustellen, dass die Welt hinterm Trailerpark weniger trost- und hoffnungslos aussehen könnte.

Es ist die Welt des dreizehnjährigen Shug Akins, der in den verarmten Ozarks in Missouri sein trauriges Leben fristet, seine einzigen Freuden im Leben sind Cola, Cracker und Eiskrem. Sein brutaler Vater Red demütigt ihn unentwegt ("Fettsack! Ich schlag dir gleich Feuer aus'm Hintern"), misshandelt ihn und schickt ihn auf Raubzüge, um den Alten und Kranken die Medikamente zu klauen. Seine Mutter Glenda hängt an der Flasche ("Tee" nennt sie den Whiskey-Cola-Mix in ihrer Thermoskanne), und auch wenn sie deutlich liebevoller zu ihrem Sohn ist, in ihrer Hilflosigkeit erscheint sie genauso fatal. Mitunter holt sie sich von Shug auch die Zärtlichkeiten, die sie von ihrem Mann nicht bekommt. Dass sie etwas am Leben ihres Sohnes ändern könnte, kommt ihr nicht in den Sinn. Es reicht ihr schon, wenn er die Welt überlebt, die ihre Familie ist und dabei gefährlicher als ein Männerknast: "Wenn Du in dieser Welt hier aufwachst, Sweet Mister, dann musst du hellwach sein. Wenn Du am Morgen zur Tür hinausspazierst, musst du hellwach sein und zwar bis zum Abend, wenn die Lichter ausgehen."

In diese ganz normale grausame Welt kommt eines Tages Jimmy Vin Pearce. Er hat richtige Arbeit, Manieren und einen spektakulären grünen Thunderbird. Er gefällt sich in der Rolle des Retters, bedenkt Glenda und Shug mit bis dahin unbekannten Aufmerksamkeiten, und während Glenda die Chance wittert, ihrer Familienhölle zu entkommen, beginnt Shug, um seine Höllenfamilie zu fürchten. Woodrell erzählt seine Geschichte voller Sympathie für Shug und Glenda, aber ohne Illusionen. Er dramatisiert nicht, er moralisiert nicht, er lässt seine Protagonisten einfach Sätze sagen, die so stimmig sind, so wahr, so tragisch und so falsch, dass es einem das Herz bricht. Etwa wenn sich Jimmy Vin Pearce der Mutter nähert und Shug mit der dumpfen Aggressivität reagiert, die er von seinem Vater erfahren hat und für Überlegenheit hält ("Wenn er dich anfasst, prügel ich ihm Feuer aus seinem Hintern").

Das Verbrechen, das hier auf sehr rohe Weise geschieht, zahlt sich nicht aus. Leider, möchte man fast sagen, aber natürlich: Wer in einem Sumpf zu versinken droht, dem hilft kein verzweifeltes Strampeln. Das große Unrecht, von dem Woodrell jedoch erzählt, ist das Leben des chancenlosen Shug Akin, dem mit der Geburt ein bitteres Leben aus Alkohol, Gewalt und inzestuöser Abhängigkeit bestimmt wurde.

Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister. Roman. Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München 2012, 192 Seiten, 16,90 Euro (Bestellen)
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