Mord und Ratschlag

Akte der Liebe

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
30.06.2011. "Manhattan Karma" eröffnet Walter Mosley neue Serie um den schwarzen Privatdetektiv und Ex-Boxer Leonid McGill, der rechtschaffen werden will, bloß nicht im Sinne des Gesetzes. In Patrick Pecherots Krimimärchen "Belleville - Barcelona" bilden Nestor Burma und Andre Breton eine surrealistische Waffenschmuggelfront für die spanische Republik.
Siebzehn Jahre lang ließ Walter Mosley seinen schwarzen Privatdetektiv Easy Rawlins im Los Angeles der fünfziger Jahre ermitteln, nach elf grandiosen Romanen hat Mosley seinen kraftvollen Helden 2007 in den Ruhestand geschickt. Mit "Manhattan Karma" beginnt eine neue Serie um den Ex-Boxer und Ex-Ganoven Leonid McGill, der im heutigen New York als Privatdetektiv den Kampf gegen das Unrecht, die Heuchelei und die eigenen Dämonen führt. Und dieser Underdog ist eine unwahrscheinliche, aber absolut plausible Verbindung aus Intellektualität, Muskelkraft und Rhythmusgefühl.

Leonid Trotter McGill ist wie Easy Rawlins also ein sehr maskuliner Held mit ausgeprägtem Familiensinn, auch wenn ihn seine Frau nicht mehr liebt und zwei seiner drei Kinder nicht von ihm sind. Allerdings steht er nicht auf der Seite des Gesetzes, sondern seiner eigenen. Er ist durch und durch hardboiled. Auf seine Vergangenheit ist er nicht sonderlich stolz, und wie seine Zukunft aussieht, ist alles andere als sicher. McGills Lebenstrauma ist sein Vater, ein schwarzer Kommunist, der ihn mit der Mutter sitzen gelassen hat, um in Lateinamerika gegen Imperialismus, Kapitalismus und Faschismus zu kämpfen. Mehr mitbekommen hat McGill von seinem Boxlehrer Gordo, nämlich wie man Schläge austeilt, wie man sie einsteckt und wie man ihnen ausweicht; er hat gelernt zu kämpfen, wenn man k.o. ist, wie ein Schachspieler mehrere Züge vorauszudenken, von hinten kommende Schläge zu spüren und natürlich zu überleben. Die wichtigste Regel für den Straßenkampf und auch sonst lautet: Im Zweifelsfall angreifen.

Das Problem für einen Boxer ist, dass er nie wissen kann, woher die Schläge kommen. McGill hat seine Profikarriere aufgegeben, um sich anschließend von der New Yorker Unterwelt als Privatdetektiv herumschubsen zu lassen. Wenn seine Auftraggeber entsprechend zahlten, spürte er Leute auf, die nicht gefunden werden wollen und brachte mit falschen Beweisen Menschen ins Gefängnis und zur Strecke. Mit Rechtschaffenheit, sagte er sich dann gern, kann man keine Rechnungen bezahlen.

Aber jetzt ist McGill in die Jahre gekommen, seine Vergangenheit verfolgt ihn, er schläft schlecht und hat angefangen, sich seine Gedanken zu machen. Er will sauber werden, doch so schnell lässt einen der Mob nicht los und natürlich kann nichts so verheerend sein wie die gute Absicht. Ein Privatdetektiv aus Albany braucht McGills Hilfe: Er soll für einen Klienten die Jugendfreunde des verstorbenen Sohnes suchen. Kaum hat McGill die Leute, zwei kleine Ganoven und einen großer Banker, aufgespürt, werden sie ermordet, ebenso der Detektiv aus Albany. So viel Schaden, muss McGill feststellen, hatte er nicht angerichtet, als er noch für den Mob arbeitete.

Auch sonst hat McGill alle Hände voll zu tun: Für einen alten Bekannten aus der Unterwelt, Tony The Suit, soll er einen Kronzeugen aus dem Weg räumen, ein Auftrag, den man nicht ablehnen kann, wenn man überleben will. Seine delinquenten Sprösslinge bereiten ihm Sorge, sein jüngster und ihm liebster Sohn Twill plant, den miesen Vater einer Freundin umzubringen, was McGill weiß, da er die E-Mails überwachen lässt (von Vaterschaft hat McGill im Übrigen einen gelassenen Begriff: "Ich konnte ihn nicht davon abhalten zu sein, wer er war. Meine Aufgabe bestand darin, ihn am Leben und auf freiem Fuß zu halten, bis er erwachsen war.")

Die Hiebe, die McGill im Ring nicht mehr einstecken wollte, prasseln nun von allen Seiten und in immer kürzeren Abständen auf ihn nieder, in den Straßen von Manhattan, in billigen Absteigen, in seiner Büroetage im vornehmen Tesla-Building. Mit viel musikalischem Gespür komponiert Walter Mosley aus den Schlägen einen Rhythmus der Gewalt, der seinen Helden mal stolpern lässt, mal niederwirft, aber unaufhörlich nach vorne treibt: Immer in Bewegung bleiben, Schlägen ausweichen und hin und wieder einen kräftigen Punch setzen.

"Manhattan Karma" ist ein toller Boxer-Roman und eine kluge Reflexion über Zweifel, Reue und Wiedergutmachung. Vor allem aber ist das Buch ein wunderschöner, trauriger Gesang über das vertane Leben, das man nicht ändern will, über die Geliebte, für die man seine Frau nicht verlässt, und über die Chance, die zu ergreifen man sich nicht durchringen kann. Reinster Blues.

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Patrick Pecherots Romane sind Akte der Liebe. Der Liebe zu Paris, zum Surrealismus und zu Andre Breton, vor allem aber zu Leo Malet, dem Clochard, Chansonnier und Krimiautor, der mit seinen Romanen um den raubeinigen Nestor Burma die Milieus der Pariser Arrondissements verewigte. Als "Detective du choc" wurde Nestor Burma bereits Filmstar und dank Tardi als "der Mann, der das Geheimnis k.o. schlägt" Comicidol. Bei Pecherot wird er zum Helden eines kriminalistischen Ready-mades.

Wir schreiben das Jahr 1938. In Paris nimmt das Ende der Volksfront seinen Anfang, die rechtsextreme Terrortruppe der Cagoule legt die Lunte an die Dritte Republik und Spanien steht in Flammen. In dieser brenzligen Atmosphäre wird Nes, Detektiv der Agentur Bohman im Arbeiterbezirk Belleville, von einem zweifelhaften Bourgeois beauftragt, eine Fabrikantentochter zu suchen, die mit einem jungen Arbeiter durchgebrannt ist. Der proletarische Verführer ist allerdings verschwunden, und der zweifelhafte Auftraggeber entpuppt sich als ein Waffenschmuggler in Stalins Diensten, der in Spanien rigider gegen unbotmäßige Kommunisten vorgehen lässt als gegen Francos Truppen. "Stalin unterstützt die Republik wie das Seil den Gehängten", schimpfen die französischen Arbeiter bei Pecherot mit bemerkenswertem politischen Scharfsinn.

Waffen nach Spanien schmuggeln wollen deswegen auch Nes' etwas exaltierte Freunde, ein Zauberkünstler und seine medial veranlagte Geliebte. Sie haben ein Depot der Cagoule ausgehoben und wollen mit dem Fund die syndikalistische Poum versorgen, deren Anführer, der charismatische Andreu Nin, gerade von der GPU ermordet wurde. In der Seine wird eine kopflose Leiche gefunden, sie könnte die des jungen Idealisten sein, aber auch die Rudolf Klements, denn Trotzkis ehemaliger Sekretär wird ebenfalls vermisst. Auftritt Andre Breton. Dem Dichter nötigt der Detektiv mit einem geradezu poetischen Sinn fürs Unwahrscheinliche allergrößten Respekt ab: "So viel ist sicher, durch Sie kommt der Zufall ins Spiel."

Pecherot erzählt in seinem "Belleville Barcelona" nicht das Drama des Weltbürgerkriegs, der bildet nur den Hintergrund für dieses heitere Pastiche, in dem die Situation allenfalls etwas turbulent wird. In verrauchten Brasserien tummeln sich Arbeiter, Matrosen und Huren, es singt die Frehel, durch die Luft fliegen blaue Bohnen. Und immer wieder stolpert Andre Breton ins Bild und dichtet kämpferische Schlachtrufe: "Die Waffen, die Waffen, wir müssen sie nach Spanien schaffen!"

Mitunter strengt all die fidele Aufgeräumtheit an, mit der die Arbeiter von Belleville Stalins Schergen ein Schnippchen schlagen. Und hin und wieder wünscht man sich auch ein Detail, das nicht nur atmosphärisches Dekor ist, sondern eins, in dem der Teufel steckt. Dass macht Pecherot allerdings dadurch wieder wett, dass er sich beherzt über alle psychologische, dramaturgische und politische Wahrscheinlichkeit hinwegsetzt. Fröhlich verschachtelt er Zitate, reale Personen und aberwitzige Einfälle. Am Ende dieses Kriminalmärchen bleibt offen, wer der größere Surrealist ist: Breton oder Nestor Burma.

Walter Mosley: Manhattan Karma. Ein Leonid-McGill-Roman. Aus dem Amerikanischen von Kristian Lutze. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 389 Seiten, 9,95 Euro (Bestellen)

Patrick Pecherot: Belleville - Barcelona. Kriminalroman. Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus, Hamburg 2011, 223 Seiten, 14,90 Euro (Bestellen)