Mord und Ratschlag

Wer öffnet heute noch nackt die Tür?

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
17.01.2011. Thomas Willmann zeigt in seinem Alpenwestern "Das finstere Tal", dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor er begonnen hat. Ross Thomas führt mit seinem Thriller "Der Yellow-Dog-Kontrakt" hinab in die höchsten Kreise des Wahlkampfmanagements.
Über Thomas Willmanns bereits Roman "Das finstere Tal" herrscht weithin Einigkeit: Dieser Krimi ist ein Western. Zwar ist er in den Alpen angesiedelt, aber ansonsten bedient er das Genre nach allen Regeln der Kunst. Die dramatische Landschaft spielt eine ebenso wichtige Rolle wie das treue Maultier des Helden. Der ist ein melancholischer Einzelgänger, er tut, was er sich vorgenommen hat, und redet nicht viel darüber. Doch vor allem ist dieser Roman wie alle guten Western eine Geschichte der Selbstbehauptung. Es geht nicht um Recht oder Gerechtigkeit, sondern darum, dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor man ihn begonnen hat.

Als seine Schutzheiligen nennt Thomas Willmann Ludwig Ganghofer und Sergio Leone, und auch wenn deren Kombination ein literarisch durch und durch unseriöses Konzept sein dürfte, so hat der Münchner Kulturjournalist doch immerhin diesen Überraschungsschlag mit ihr landen können.

Wir befinden uns im 19. Jahrhundert in den bayrischen Alpen. Greider, der Maler, kommt auf seinem Maultier in ein entlegenes, fast verschlossenes Hochtal, das von dem alten Brenner und seinen sechs Söhnen beherrscht wird, auch mit Hilfe und Segen des machtlüsternen Pfarrers. Tag für Tag zieht Greider aus, um den winterlichen Tannenwald, den Fluss, die Schmiede zu zeichnen, beobachtet die Bauern bei ihrer Arbeit, die Holzfäller beim Holzfäller und die Kühe beim Kalben. Keiner traut ihm, und er traut auch keinem. Bald kommen zwei Söhne des Brenner-Bauern um.

Willmann treibt im ruhigen, aber stetigen Erzählfluss seine Handlung voran, in einer sehr kräftigen, handfesten Sprache, die aber bei aller Liebe zu Ganghofer manchmal doch etwas sehr altertümelnd und gespreizt daherkommt. Zu allen seinen Figuren hält er die gleiche Distanz, über ihre Absichten und Motive, erfahren wir lange nichts. Innenleben, Psychologie gibt es nicht. Es geht ja auch nicht darum, ein Verbrechen aufzuklären, sondern zu vergelten.

Denn eine Idylle gibt's hier nicht zu malen, und Greider ist nicht wegen der schönen Landschaft gekommen, sondern um abzurechnen. Um das Böse auszuradieren. Und die Menschen aus dieser Falle zu befreien, in die sie vor langer Zeit Hunger und Hoffnung auf ein besseres Leben getrieben haben.

Was für ein großartiger Moment es doch sein kann, wenn ein Maler seine Pinsel aus der Hand legt und zum Gewehr greift. Recht, Rache und Befreiung kulminieren im großen Showdown und bereiten der archaischen Macht, die sich mit Gewalt nimmt, was sie will, ein für alle Mal ein Ende.

Dass man ihn am Ende dafür nicht dankbar sein wird, darüber macht sich Greider keine Illusionen. Natürlich reitet er am Schluss allein auf seinem Maultier davon: "Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gern machen lässt".

***


Verdienstvoller Weise legt der Alexander Verlag seit einigen Jahren die Thriller des großen Ross Thomas wieder auf, der noch immer der Wiederentdeckung harrt und eigentlich in der Klassiker-Reihe neben Eric Ambler gehört. Auch die neueste Übersetzung, "Yellow-Dog-Kontrakt", ist reinstes Krimigenre der Extraklasse, politische Abteilung.

Harvey Longmire ist ein Mann mit Prinzipien, aber ohne Ziel. Zum Beispiel ist er fest überzeugt, dass etwas, wovon man sich richtig gut fühlt, nur schlecht sein kann. Deswegen lässt er die Finger vom Heroin und von der Macht. Früher hat er in Washington als Polizeireporter, Wahlkämpfer und Abgeordneter gearbeitet, heute möchte er seine Zeit in der Politik so gern vergessen wie ein sizilianischer Geschäftsmann seine Anfänge als Auftragsmörder. Auf seiner Farm in Virginia züchtet er Bienen, Ziegen und Weihnachtsbäume, baut und lässt sich einen Bart wie William Powell stehen. Seiner Frau gefällt's, sagt er, sagt sie. Sie malt Glückwunschkarten, manchmal dichtet er die Texte.

Es hätte daher vielleicht gar nicht das viele Geld gebraucht, um Harvey Longmire zum Ausstieg aus dem Ausstieg zu überreden. Von einem reichen Erben, dessen Stiftung sich der Aufdeckung politischer Verschwörungen verschrieben hat, wird er angeheuert, das Verschwinden des Gewerkschafters Archie Mix zu untersuchen. Dessen Nachfolger an der Spitze der Public Employees Union hat eine neue harte Linie ausgegeben und droht, mit Streiks das öffentliche Leben in den größten Städten des Landes lahmzulegen. Die Demokraten sind von so viel Arbeiter-Selbstbewusstsein gar nicht begeistert. Wahlen stehen an, und geschlossene Schulen und stinkende Müllberge würden die Wähler wohl eher abschrecken. Außerdem ereignen sich zwei sehr unschöne Morde. Das riecht nach Republikanern. Oder CIA.

Howey Longmire mischt also wieder mit, wärmt ein paar Kontakte, die Washingtoner Umgangsformen beherrscht er noch ganz gut: Gegner einschüchtern, Gegner kaufen, Freunde manipulieren. Dabei immer einen Bourbon trinken. Und von allen nur das Schlechteste erwarten. Wir befinden uns im Washington der 70er Jahre, kurz nach Watergate. Nur wer nichts macht, macht sich nicht die Hände schmutzig. Und je mehr Profis sich einschalten, um so dreckiger wird's. Zu Weihnachten gibt?s die Gehaltserhöhung.

Bevor Ross Thomas begann, Krimis zu schreiben, hat er selbst als Journalist, Gewerkschaftssprecher und Wahlkampfberater gearbeitet. Und auch wenn er in die tiefsten Tiefen des Kampagnenmanagementes hinabsteigt, hält er immer höchstes Niveau. Sehr anrechnen muss man ihm auch, dass er nie zynisch wird, bei allem Sarkasmus, mit dem er auf die Niederungen zwischen Pennsylvania Avenue, Dupont Circle und Capitol Hill blickt. Überhaupt erinnert "Yellow Dog" daran, wie schnell, geistreich und witzig Politthriller einmal waren. Und wie glamourös, lässig und sexy das heruntergekommene Washington der 70er Jahre war. Wer öffnet heute noch nackt die Tür? So wie Harveys laszive Schwester, die Ross Thomas wirklich großartig zeichnet als junge Millionärswitwe, die ihre Kinder auch noch nach dem dritten Joint französisch erzieht. Und die bei allem Dope auch im entscheidenden Moment nicht die Kaltblütigkeit verliert, einen Mann zu töten. Anschließend muss sie ihren Bruder nur ein bisschen anturnen.

Thomas Willmann: Das finstere Tal. Roman. Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2010, 320 Seiten, 19,80 Euro (Bestellen)

Ross Thomas: Der Yellow-Dog-Kontrakt. Thriller. Alexander Verlag, Berlin 2010, 272 Seiten, 14,90 Euro (Bestellen)