Mord und Ratschlag

Mehr Lump als Advokat

Die Krimikolumne. Von Ekkehard Knörer
27.09.2007. "Er wirkte glücklich wie ein erigierter Schwanz" - Joe Lansdales "Rumble Tumble" ist ein Fest für alle Freunde sprachlicher Drastik. Und Hannelore Cayre lässt in "Der Lumpenadvokat" das französische Rechtssystem so schlecht aussehen, wie es womöglich sogar ist.
Es kommt nicht oft vor, dass ein Ich-Erzähler wesentliche Teile des Romanpersonals kurz und knapp selber vorstellt, also sagen wir, dieser Mühe enthoben, dankeschön und zitieren ganz einfach: "Mann, wir waren vielleicht ein Team. Ein Rausschmeißer aus Osttexas, eine schwarze Schwuchtel, eine ehemalige Süßkartoffelkönigin, ein fast zwei Meter großer Profikiller im Ruhestand und Ex-Pfarrer mit Übergewicht und ein rothaariger Giftzwerg. Das einzige, was uns jetzt noch abging, waren ein paar Gebrauchtwagenhändler, ein Affe und ein Leierkastenmann." Der, der hier spricht, ist der Rausschmeißer, sein Name ist Hap Collins und er ist die eine, und zwar die pazifistisch gesinnte Hälfte von Joe R. Landsdales schrägem Heldenduo, dessen andere, skrupellosere Hälfte der schwarze schwule Vietnam-Veteran Leonard Pine darstellt.

Alles geht damit los, dass Hap Collins sich in Brett verliebt, die rothaarige ehemalige Süßkartoffelkönigin, deren Tochter eine Karriere als Prostituierte eingeschlagen hat. Tillie - die Tochter - ist dabei in üble, wenn nicht übelste Gesellschaft geraten, aus der sie sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien kann. Brett, Hap und Leonard erfahren davon von einem merkwürdigen Duo, entflohener Teil der übelsten Gesellschaft, zu dem ein rothaariger Kleinwüchsiger gehört. Brett bittet nun Hap, ihr zu helfen, Tillie zu befreien. Leonard wieder kann Hap in derartigen Situationen beizustehen nicht lassen. Also machen sie sich auf, aus dem östlichen Texas nach Oklahoma, in einen Ort mit Namen Hootie Hoot, treffen dort auf übles zuhälterisches Schlangengezücht, nicht aber auf Bretts Tochter. Es kommt zur Auseinandersetzung, Leonard schießt einem Zuhälter den Fuß weg, sie schnappen sich den Kleinwüchsigen und bekommen den Tipp, die Tochter bei einer nun wirklich abgrundtief allerübelsten Verbrecherbande jenseits der mexikanischen Grenze zu suchen - das ist dann in etwa der Moment, in dem Ich-Erzähler Hap die oben zitierte Selbstbeschreibung der Reisetruppe abgibt.

Es sind nicht die Plots, für die man Joe Lansdales Romane liest, sondern die "Stellen"; damit ist nicht in erster Linie Pornografisches gemeint, vielmehr geht es um exquisite Exemplare sprachlicher Drastik. Es splattert in diesem Roman, in den nicht seltenen Gewaltszenen sowieso, aber in feinen Zwirn gekleidet ist Lansdales Sprache auch sonst nicht. Das gilt für die Beschreibung von Glück ("Er wirkte glücklich wie ein erigierter Schwanz") und postkoitalem Morgenblues ("Logischerweise fühlte ich mich, als am nächsten Morgen um acht der Wecker klingelte, wie sechs Pfund Dünnschiss, die eine Gans durchlaufen hatten und danach von einer Sturzflut über Land gespült worden waren"), für Wortwechsel ("Du mieser, kleiner Wichser gehst mir wirklich auf den Sack") und für Schusswechsel ("Im selben Moment zog ein Mann, der weiter hinten stand und nicht ganz so hinüber war wie der Rest - oder gar nicht mehr raffte, was er tat -, schneller, als ein Karnickel rammeln kann, eine Pistole und feuerte").

Kurzum: Lansdales Sprache - von Richard Betzenbichler, der um diese Aufgabe nicht unbedingt zu beneiden ist, wirklich exzellent aus den Niederungen der englischen in die der deutschen Sprache übersetzt - defäkiert, koitiert und dekapitiert in allen Lebenslagen, immer erfindungsreich, nie um einen originellen Vergleich verlegen, aber eben etwas monothematisch auf Sex und Gewalt konzentriert. Und auf Gewalt. Und Sex. Das alles ist ein bisschen (oder mehr als ein bisschen) pubertär, aber zynisch wird es eigentlich nie. Denn die beiden Protagonisten haben das Herz am rechten Fleck. Hap ist ja sowieso friedliebend, wenngleich er diesmal doch ein paar wirklich eklige Typen abzuknallen nicht umhin kann. Auch Leonard, der schwule Schwarze, der tut, was ein schwuler Schwarzer manchmal eben tun muss, erweist sich bei aller Herumballerei als gutmütig und tierlieb und adoptiert im Lauf des Romans sogar ein schwer traumatisiertes Gürteltier namens Bob. Das ist und bleibt natürlich dennoch starker Tobak und zielt somit auf ein eher schmales Segment des bürgerlichen Lesepublikums. Für alle Fans fortgeschrittener Drastik ist "Rumble Tumble" aber ein Volltreffer.

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Christophe Leibowitz ist, der Titel sagt's, ein Lumpenadvokat - in Wahrheit aber mehr Lump als Advokat. Als Pflichtverteidiger sitzt er regelmäßig nur am Katzentisch des Rechtssystems, muss zusehen, wie andere reich werden und berühmt. Und das mit Methoden, die mit Recht und Gesetz nur das gemein haben, dass sie darin vorkommen, freilich als in hohem Maße strafbar. Und nicht, weil sie besser sind, sondern weil sie in den diversen Adelspyramiden des französischen Gesellschafts- und Rechtssystems die besseren Startchancen hatten. Also macht Leibowitz die schlecht bezahlte Drecksarbeit, muss, nur zum Beispiel, hoffen, dass er seine neuen Mandanten nicht auf der Stelle freibekommt, weil er dann nämlich die 300 Euro Anwaltshonorar erst gar nicht einstreichen darf. (Es scheint recht klar, was für die Verhafteten daraus folgt.)

Dann aber erhält Leibowitz ein Angebot, das er kaum ausschlagen kann. Millionen soll er verdienen mit einem wirklich krummen Ding, bei dem er einem Gefangenen zur Flucht verhilft. Das gelingt. Und also sitzt Leibowitz selbst im Knast. Mit dieser Situation beginnt der Roman und der Lumpenadvokat erzählt ihn selbst. Wir lernen ihn also kennen, ihn und seine Wehleidigkeit. Die, die gegen das Gesetz verstoßen mit so großem pekuniären Erfolg, die verachtet er keineswegs. Viel eher verachtet er sich, weil er es, obgleich es ihm an Skrupellosigkeit gar nicht mangelt, nicht so weit gebracht hat. Nun aber sieht er einer glorreichen Zukunft entgegen, auf seinem Konto wartet die Kohle, er muss nur irgendwie aus dem Gefängnis wieder heraus, in das ihn der gut bezahlte Befreiungscoup gebracht hat.

Hannelore Cayre, die mit diesem Roman ihr literarisches Debüt gibt, kennt sich mit der Szenerie, die sie beschreibt, bestens aus. Sie ist selbst als Pflichtverteidigerin in Paris tätig und noch in der rasanten Karikatur, die das Buch zeichnet, sind die mitten aus dem Leben der Institution gegriffenen Details nicht zu verkennen. Für den Lumpen von Ich-Erzähler, dem man die Sympathie zuletzt doch nicht ganz verweigern kann, hat sie auf Anhieb eine Sprache gefunden, einen - von Stefan Linster ins Deutsche gebrachten - kurzen Notatstil, dem die Selbstgerechtigkeit des Leibowitz doch mühelos abzulesen ist. Sie tut, wie es sich für eine Französin gehört, ein bisschen Hochliteratur dazu, indem sie nämlich Leibowitz Flauberts "Die Erziehung der Gefühle" lesen - und seinem albanischen Knastbruder Dostom nacherzählen lässt.

"Der Lumpenadvokat" ist ein böses Buch, komisch und genau. Drei weitere Romane um den Anti-Helden Leibowitz sollen folgen, einer davon ist in Frankreich auch schon erschienen. Bleibt zu hoffen, dass man sie auch auf Deutsch zu lesen bekommt.


Joe R. Lansdale: Rumble Tumble. Roman. Übersetzt von Richard Betzenbichler. Shayol Verlag. Berlin 2007. 224 Seiten. 12,90 Euro (Bestellen)

Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat. Roman. Übersetzt von Stefan Linster. Unionsverlag. Zürich 2007. 149 Seiten. 12,90 Euro. (Bestellen)