Mord und Ratschlag

Maulhelden in Neapel

Die Krimikolumne. Von Ekkehard Knörer
10.01.2003. Die Krimikolumne. Heute: Neapel sehen und schimpfen. Die Maulhelden in Kurt Lanthalers "Napule" mögen weder Starbuck Cafes noch Berlusconi. Sie sind eben ganz konservative Sturköpfe. Von Ekkehard Knörer
Für den Schriftsteller Kurt Lanthaler ist in keiner Schublade Platz, schon gar in keiner nationalen. Er schreibt in deutscher Sprache, hatte aber eine rätoromanische Mutter, ist in Bozen, also Südtirol geboren und lebt nun schon seit fünfzehn Jahren in Berlin. Veröffentlicht wird er im Hardcover von einem österreichischen, im Taschenbuch von einem Schweizer Verlag (Haymon bzw. Diogenes). Durch ganz Europa schickt er denn auch seinen Helden Tschonnie Tschenett, ehemals Matrose, dann LKW-Fahrer, zuletzt retiriert nach Thessaloniki, wo er als Dolmetscher und Kaffeetrinker glücklich war. Nicht glücklich genug, um nicht, nun, im ersten Roman seit vier Jahren, im fünften der Serie, aufzubrechen nach Neapel oder, derart süddeutsch kommt's ihm leichter über die Lippen: Napule.

Unterwegs ist Tschenett diesmal nicht, und Neapel kommt einem daher unverdünnt und mit einer Wucht entgegen, die den stärksten Leser umhauen kann. Das Buch riecht nach Neapel, es verführt einen zur Hassliebe zu dieser Stadt, die seine Helden gemeinsam haben, es errichtet einem ein Neapel vor Augen und Ohren und Nase, das die gleiche Überzeugungskraft hat wie Izzos Marseille - und das heißt nun nicht wenig. Ob es dieses Neapel wirklich gibt: keine Ahnung, ich war nie da, aber wenn nicht, hat Lanthaler es aufs Sinnbetörendste erfunden. Nicht zu fassen, andererseits, dass dieser Roman, in Teilen jedenfalls, auf Schloss Wiepersdorf entstanden ist, dem zum Künstlerdorf umgewidmeten einstigen brandenburgischen Landsitz von Achim und Bettina von Arnim: für Tschonnie Tschenett wären das die Antipoden seiner europäischen Lebenswelten, kein Kafenion, kein Verbrechen, keine Reibungsflächen. Ein Ort für Spracharbeiter wie Lanthaler einer ist, Tschenett käme um vor Langeweile.

In Napule hat er dergleichen nicht zu fürchten. Schon bei der Ankunft per Schiff wird er, unter irgendeinem falschen Verdacht, von der örtlichen Polizei zu Boden geworfen und muss von einem Freund, auch Polizist, erst einmal befreit werden. Diesen Freund, Toto, wollte Tschenett besuchen, der ist da für einen Polizeikongress, arbeitet eigentlich, man hat ihn dahin abgeschoben, am Brenner und hat in Neapel einen Freund, Ciro. Gleichfalls einer, den man abgeschoben hat, ins hinterste Zimmer eines höchst merkwürdigen Gebäudes, kein Wunder, dass sich Tschenett sogleich anfreundet mit ihm und seiner Freundin Angela und deren Tochter Sera und Tante Zia. Die meiste Zeit des Romans lernt er, lernen wir, Neapel kennen, ein dort gestrandetes Schiff namens Odessa zum Beispiel, dessen Besatzung seit Jahren auf die Lösung eines Rechtsstreits wartet, auf dem Schiff, das sie nicht verlassen kann.

Viel wird gewettert gegen die neuesten Verhältnisse, alle sind sie konservative Sturköpfe, Tschenett, Toto, Ciro, die sich erregen können über Starbucks-Kaffeepanschereien ebenso wie über die letzten Schurkenstücke des Signore Berlusconi. Man muss ihre Ansichten nicht teilen, um zu sehen, dass sie einen Grund haben, dass hier Charaktere sprechen, die nicht anders können, in einer Sprache auch, die ihnen Lanthaler wunderbar erfunden hat, einem Gemisch aus deutsch und italienisch - und das Deutsche hat einen merklichen, aber unaufdringlichen Beigeschmack des Idioms, das Arno Schmidt seiner Muttersprache geschenkt hat: mit leicht expressionistischen Verbbildungen, nur scheinbar kolloquialen Kurzsätzen, einer radargleichen Aufmerksamkeit aufs äußere Geschehen, das auf knappe Blick- und Beschreibungsformeln gebracht wird. Wenn das alles sitzt, wie bei Lanthaler, wirkt es kaum epigonal, zumal die Welt, die so angeschaut wird, mit den Literatur- und Heidelandschaften Schmidts nichts zu tun hat, sondern eben präzise recherchiert ist und voller wunderlicher Geschichten wie der vom Pizzabäcker Rosario, dessen Schicksal hier nicht nacherzählt werden soll, man muss das, auf lanthalerisch, selber lesen.

Ein Krimi freilich, im gemeinen Verstande, wird daraus erst mal nicht. Das dauert, leise nur spürt man hier und da, wenn sie trinken und reden und durch die Straßen der Stadt laufen, ein kaum merkliches dramaturgisches Grummeln, weiß, dass sich was vorbereitet und weiß auch, dass es wichtigeres gibt und geben wird als das Lösen von Fällen, in Napule. Was dann doch passiert, nach zwei Dritteln des Romans, ist schlimm genug. Sera, Ciros Tochter, Tschenett hat ihr eben noch, mitten in der Nacht, schöne Augen gemacht, ist verschwunden. Dieses Verschwinden könnte zu tun haben mit einer Protestaktion von Polizisten, die mit gutem Grund in Untersuchungshaft gesteckte Kollegen freipressen wollen - oder mit einem norditalienischen Betrugsfall, dessen süditalienische Ausläufer Ciro einigermaßen lustlos untersucht. Die Auflösung erfolgt recht rasch und hat mit Kombinationsgabe der Beteiligten oder dem Einsatz ihrer Fäuste nichts zu tun, die üblichen sei's britischen, sei's amerikanischen Konventionen laufen also ins Leere.

Das macht aber nichts, darauf kommt es nicht an. Denn um Kriminalliteratur handelt es sich ohne Frage, da Ciro und Tschenett und Toto wohin sie sich auch wenden, auf irgendwelchen Dreck stoßen, den Leute, die mächtiger sind als sie, unter den nächstbesten Teppich gekehrt haben. Darin wühlen sie, darüber schimpfen sie, dagegen tun können sie, natürlich, nichts. Sie sind alle miteinander, allen voran der Ich-Erzähler Tschenett, in eigentümlicher Mischung resigniert und rebellisch zugleich. Nie bereit, sich zu ducken, aber auch nie gewillt, sehr viel mehr als Maulhelden zu werden. Im Roman bildet sich das ab, auf originelle Weise. Das Glossar, das schon bisherigen Tschenett-Büchern anhing, ist diesmal beinahe inkorporiert ins Erzählen, indem nämlich, in der Schein-Gestalt der Begriffserklärung, Tschenett oder ein anderer Erzähler, einfach weiterredet, mal erläuternd, mal abschweifend, oft und oft eine Suada gegen die verrotteten Zustände schleudernd.

Was im Haupttext von anderen Geräuschen fast verschlucktes Grollen ist, präzisiert sich hier, im Anhang, der fast keiner ist, zu Anklagen, genauer ausgeleuchteten Hintergründen und Analysen, die über das Erzählen, das trotz allem den Hauptteil ausmacht, hinausschießen. Im Anhang kommt Napule als außerordentlich politischer Roman zu sich selbst, im Hauptteil zeigt sich, was die Helden tun können vom Rand der Gesellschaft her, an den sie mehr oder weniger absichtlich geraten sind: wenig bis nichts, nur reden und schimpfen, sagen, was ist. Und das macht sie zwar nicht zu Sprachrohren, aber doch zu so etwas wie Geistesverwandten ihres Autors, der den italienischen Verhältnissen heimleuchtet mit den Mitteln, die er hat: mit präziser Recherche, mit Sprachgewalt und mit Charakteren, von denen man mehr lesen möchte. Der nächste Tschenett-Roman, angekündigt für 2004, soll in Bologna spielen. Wir sind gespannt.


Kurt Lanthaler: "Napule. Ein Tschonnie-Tschenett-Roman". Haymon Verlag, Wien 2002, 221 Seiten, gebunden, 17,90 Euro (Leseprobe) (Bestellen)