Mord und Ratschlag

Den eigenen Lügen glauben

Von Thekla Dannenberg
07.04.2016. Gianrico Carofiglio erkundet gleich in zwei neuen Romanen aus Bari die Tücken und Feinheiten der italienischen Justiz, der Küche und der menschlichen Seele. Declan Burke lässt in seiner abgedrehten Hardboiled-Comedy "The Big O" einen abgehalfterten Schönheitschirurgen entführen.
Gianrico Carofiglio gehört zu den erfolgreichsten, aber auch interessantesten und klügsten Krimiautoren Italiens. Er hat in Bari als Staatsanwalt gearbeitet, die Antimafia-Kommission des italienischen Parlaments beraten und schließlich von 2008 bis 2013 für den Partito Democratico im Senat gesessen. Dabei haben seine Kriminalromane nichts Abgebrühtes, sie sind ausgesprochen feinsinnig, fast muss man sie sensibel nennen.

In diesem Frühjahr erscheinen gleich zwei neue Romane von Carofiglio. "Trügerische Gewissheit" ist eine Erzählung von nicht einmal 140 Seiten, die sich fast als beiläufiges Werk ausnimmt, doch sie wurde 2014 mit dem Premio Scerbanenco ausgezeichnet, Italiens renommiertestem Krimipreis. Die Geschichte ist ganz schlicht, nüchtern, schnörkellos. Klassisch eben. Carofiglio erweist darin zwar mit etlichen Zitaten Arthur Conan Doyle seine Reverenz, doch erinnert sein Maresciallo Pietro Fenoglio eher noch an Georges Simenons Kommissar Maigret: Wenn er jemanden verhaften muss, dann muss er das eben tun. Aber man kann dabei ja trotzdem ein bisschen Anstand zeigen.

Fenoglio ermittelt in einem ganz unspektakulären Fall: Ein Kredithai wird in seiner Wohnung in Bari erstochen aufgefunden. Die greise Nachbarin Graziella Lattarulo erweist sich trotz schwacher Augen als aufmerksame und auch zuverlässige Zeugin. Bald schon können die Carabinieri einen Verdächtigen festnehmen, den jungen Nicola Fornelli, auf den alle Indizien hindeuten. Nur ein Motiv gibt es nicht.

Wie es sich für einen italienischen Kriminalroman gehört, versehen auch die apulischen Carabinieri ihren Dienst mit einem militärischen Pflichtbewusstsein wie die Piemonteser. Sie nehmen gewissenhaft alle Aussagen auf, klären aber auch die Fragen, ob in die Artischocken-Tiella Zitrone gehört und mit wie viel Kakao man den Espresso verfeinern darf. Und die Anzüge der Offiziere bei der Guardia di Finanza sind so gut geschnitten, dass sich darunter nicht mal die Pistolen abzeichnen.

Maresciallo Fenoglio ist allerdings ein Polizist wider Willen. Er hatte eigentlich Literatur studieren wollen. Doch kurz bevor sein Vater, ein Turiner Carabinieri aus Berufung und Überzeugung, plötzlich an einem Herzinfarkt starb, hatte dieser seinen Sohn zum Auswahlverfahren für die Unteroffiziere angemeldet. Aus Verbundenheit mit seinem Vater ist Fenoglio Polizist geworden, doch die Distanz zum eigenen Metier bewahrt ihn vor dem gravierendsten Fehler: "Das Schlimmste, was ein Ermittler machen kann, ist, sich in die eigene Hypothese zu verlieben."

Auf der Leipziger Buchmesse sagte Carofiglio, dass nicht die Mafia Italiens großes Problem sei, sondern die Unfähigkeit zur kritischen Selbsteinschätzung, zur Selbstkorrektur. Das ist für einen früheren Antimafia-Staatsanwalt eine bemerkenswerte Aussage, und sie spiegelt sich auch in Carofiglios zweitem Roman dieses Frühjahrs wider: In "Eine Frage der Würde" geht es um Korruption, Bestechung und mafiose Strukturen, aber es ist dezidiert kein Mafia-Roman. Im italienischen Original heißt er "La regola dell' equilibrio", und diese oberste Regel lautet: Sich selbst nicht belügen. Carofiglio zitiert Dostojewski aus den "Brüdern Karamasow": "Wer sich selbst belügt und seinen eigenen Lügen Glauben schenkt, der kann letztlich keine Wahrheit mehr unterscheiden, weder in sich selbst noch um sich herum."

Ich-Erzähler des Romans ist wieder der Anwalt Guido Guerrieri aus Bari. Er muss einen Richter verteidigen, dem Bestechlichkeit im Amt vorgeworfen wird. Pierluigi Rocca ist Vorsitzender Richter der Berufungskammer des Amtsgericht, er kommt aus einer vornehmen Familie und hat beste Aussichten, demnächst Gerichtspräsident zu werden. Sein Ruf als Jurist ist exzellent, auch wenn nicht alle seine liberalen Grundsätze schätzen, nach denen die Rechte der Angeklagten so hoch wie möglich gehalten werden müssen: Mitunter werden Schuldige freigesprochen, aber Unschuldige nicht verurteilt. Nun jedenfalls ermittelt die Staatsanwaltschaft in Lecce gegen ihn, sie beschuldigt ihn, für 50.000 Euro einen Mafia-Mann auf freien Fuß gesetzt zu haben.

"Eine Frage der Würde" ist so wenig Mafia-Roman wie Justiz-Thriller. Die Ermittlungen überlässt Guerrieri der Detektivin Annapoala Doria, der stets irgendjemand einen Gefallen schuldet und daher die heikelsten Informationen zukommen lässt. Dramatische Rededuelle vor Gericht und atemraubende Plots sind nicht Carofiglios Sache, sondern eher ausgedehnte Reflexionen, die auch mal vom Thema wegführen können.

Carofiglio ist ein gemächlicher Erzähler und Seelenerkunder, etwas betulich, etwas eitel, aber klug und voller Erfahrung. Er hat viel über Italien, den Zustand des Landes und die Menschen zu sagen. Und es ist durchaus spannend, wenn er aus dem Inneren des italienischen Justizwesen erzählt: Nach welchen Regeln Kronzeugen verhört werden müssen, wie man ihre Glaubwürdigkeit überprüft und wie ihre Aussagen vor Gericht zerlegt. Vor allem jedoch arbeitet er stets an der Frage, wie sich Gerechtigkeit und juristisches Regelwerk in Deckung bringen lassen.

Gianrico Carofiglio: Trügerische Gewissheit. Kriminalroman. Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Folio Verlag, Wien/Bozen 2016, 138 Seiten, 14,90 Euro. (Bestellen)

Gianrico Carofiglio: Eine Frage der Würde. Ein Fall für Avvocato Guerrieri. Aus dem Italienischen von Viktoria von Schirach. Goldmann Verlag, München 2016, 318 Seiten, 19,99 Euro. (Bestellen)



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Karen ist keine Frau, die sich leicht den Schneid abkaufen lässt. Sie hat immerhin einen sibirischen Wolf gezähmt. Wenn sie von ihrem schmierigen Chef mehr Gehalt will, dann bläst sie ihm einen. Und wenn das Geld trotzdem nicht reicht, dann überfällt sie Tankstellen. Die dafür nötige Waffe, eine 44er Magnum, hat sie ihrem Exfreund Rossi abgeluchst, bevor der wegen fortgeschrittener Bösartigkeit in den Knast wanderte.

Bei einem ihrer Überfälle verfällt Karen rettungslos dem freundlich-lässigen Ray, der nicht einmal mit der Wimper zuckt, als sie ihm eine Kugel um die Ohren jagt, sondern einfach sein Eis weiter schleckt. Wie sich sehr bald herausstellt, ist die Begegnung der beiden kein Zufall, sondern echtes Schicksal. Ray verdient sein Geld mit vorgetäuschten Entführungen, und er arbeitet ausgerechnet für Karens aus der Bahn geworfenen Chef Frank. Frank ist ein bankrotter Schönheitschirurg, der nach einer böse verpatzten Operation nicht mehr praktizieren darf, aber auf dem Golfplatz doch immer noch einträgliche Geschäfte zu machen versteht. Frank will Madge entführen lassen, von der er bald geschieden werden wird und die ihm an Geldgier ebenbürtig, an Raffinesse aber deutlich überlegen ist. Alles soll ganz gewaltfrei ablaufen, er will nur von der Versicherung die halbe Million Lösegeld ausgezahlt bekommen.

Allein schon weil ihm seine tägliche Großdosis an Stimmungsaufhellern und -tröstern das Gehirn vernebelt hat, wird Franks bescheuerter Plan nie und nimmer aufgehen. Zwei Querschläger vereiteln jedoch sein Vorhaben komplett: Mit einem unglücklich touschierten Golfball versetzt Frank seinen Versicherungsmakler ins Koma, der nun nicht mehr die abgelaufene Versicherungspolice verlängern kann. Und Rossi ist aus dem Knast entlassen, Karens unberechenbarer Ex, der nicht nur seine Knarre wiederhaben will, sondern auch die Ducati und die 60.000 Euro, die sie ihm noch schuldet.

Das ist nur die verrückte Ausgangslage in Declan Burkes völlig überdrehter Hardboiled-Comedy "The Big O". Mit irrem Spin schraubt sich die Geschichte in eine schräge Höhe, aus der alle Beteiligten selbstverständlich nur sehr böse abstürzen können. Burkes Gestalten sind entweder total verkorkst oder nur ein bisschen neben der Spur, aber sie alle vereint der unbedingte Willen, für sich einen möglichst großen Batzen Kohle herauszuschlagen. Der Witz ist immer hübsch böse, sehr intelligent und nie zynisch. Man kann sich auch zu jeder Zeit sicher sein, dass in Robert Bracks genialer Übersetzung keine einzige Pointe verloren gegangen ist.

Declan Burke ist ein mit allen literarischen Wassern gewaschener Autor, was er auch in "Absolute Zero Cool" bewiesen hat. Die Anspielungen sind auch in "The Big O" ohne Zahl. Doch das große Vorbild, dem er hier folgt, ist Elmore Leonard. Aus dessen grandioser Gangsterkomödie "Get Shorty" hat er dem Roman ein sehr lustiges Zitat voranstellt: "Ich habe ihn mal gefragt, welche Sorte Geschriebenes das meiste Geld bringt, darauf er: Lösegeldforderungen." Doch wo bei Leonard Habgier, Neid und Eifersucht in den funkelnden Schimmer Hollywoods getauchten werden, treten sie bei Burke gnadenlos unglamourös zutage. Eher irisch: Mal schlicht und ein bisschen liebesbedürftig, mal giftig und gehässig, mal schwitzend mit Toupet und Korsett. Aber immer ohne echte Chance.

Declan Burke: The Big O. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Robert Brack. Nautilus. Hamburg 2016. 316 Seiten, 18 Euro. (Bestellen)