Mord und Ratschlag

Dante in Amerika

Die Krimikolumne. Von Ekkehard Knörer
01.03.2004. In Matthew Pearls "Der Dante Club" arbeitet ein Serienmörder strikt nach dem Gesetz des contrapasso - und droht, die erste amerikanische Übersetzung der "Göttlichen Komödie" zu Fall zu bringen.
Wir schreiben das Jahr 1865. Der Ort: Boston, die Universität Harvard. Am Ort: Henry Longfellow, berühmter Poet. James Russell Lowell, weniger berühmter Poet. Oliver Wendell Holmes, Arzt und Schriftsteller. J.T. Fields, berühmter Verleger. Das ist, im wesentlichen, der Dante Club, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Dante nach Amerika zu bringen. Dort nämlich ist der wohl bedeutendste Dichter des Mittelalters weithin unbekannt, und vor allem: unübersetzt. Keine leichte Aufgabe, denn den Herren, die in Harvard das Sagen haben, ist Dante, den sie in erster Linie als Gerücht kennen, zu italienisch, zu gewalttätig und vor allem zu katholisch. So trifft also der Dante-Club auf eine Welt von Widerständen, während Longfellow sich um adäquate Übersetzung müht, die anderen assistieren. So weit, so mehr oder weniger wahr und wirklich geschehen.

Die Morde aber, die sich nun ereignen, hat Matthew Pearl in diese sorgfältig rekonstruierte Wirklichkeit hineinerfunden, nicht ohne auf der Hand liegende Raffinesse. Modelliert nämlich sind sie nach der Fiktion des Danteschen Epos. Mehr als modelliert, genauer gesagt: Abgekupfert, allzu wörtlich. Ein Priester, zerfressen von Maden. Ein Arzt, kopfüber in der Erde, die Füße verbrannt und ein weiteres Opfer, bestialisch zugerichtet. Schnell wird den Dante-Kennern klar, dass hier ein Serienmörder etwas von Literatur versteht, und zwar derjenigen, die ihnen am Herzen liegt. Die Präzedenz nämlich sind die Leidenden in Dantes Hölle, das Muster ist der contrapasso, die Strafe, die der Tat entspricht und die nun für die nicht geringe Dauer der Ewigkeit auszuhalten ist. Was bleibt dem Dante-Club, vom Donner gerührt, anderes übrig, als sich detektivisch zu betätigen und den infernalisch inspirierten Mörder zu schnappen, bevor an seinen Untaten das Übersetzungsprojekt zuschanden geht. So weit, so Plot.

Ein historischer Gelehrtenroman, verquirlt mit Morden und Detektivarbeit von Amateuren, wer da nicht sofort Umberto Eco trapsen hört, ist natürlich selber schuld. Und Matthew Pearl hat durchaus etwas von Eco: Wissenschaftler von Haus aus, dem Roman liegt eine Abschlussarbeit zugrunde, die dem Dante-Club gewidmet ist und der Dante-Rezeption in den USA. Entsprechend genau sind die Hintergründe gearbeitet, vor denen die Schriftsteller als Detektive agieren. Pearl ist auch der Herausgeber einer vor kurzem erschienen Neuausgabe von Longfellows Inferno-Übersetzung, auch hier kennt er sich also bestens aus. Und Matthew Pearl ist ein Wunderkind. Neben der ausgezeichneten anglistischen Abschlussarbeit hat er in Yale Jura studiert und währenddessen, an den Wochenenden, angefangen, diesen Roman zu schreiben, der dann auf der Bestellerliste der New York Times landete und weithin enthusiastische Kritiken erntete. Und das alles vor seinem 30. Geburtstag.

Entscheidend ist freilich, bei allen guten Gründen zum Staunen, auf dem Platz. Und da muss das Urteil einigermaßen zwiespältig ausfallen. Das Buch ist gewiss als historischer gelungener denn als Detektivroman, denn immer wieder hängt der Spannungsbogen gehörig durch. Pearls Interesse an seinen Dichterfiguren ist größer als an der Ausarbeitung des dann doch eher lustlos entwickelten und vor allem nur notdürftig an die Dante-Lektüre geknüpften Kriminalfalls. Manches fiktionale Element bleibt fremd innerhalb des Ganzen, so das Schicksal des regelmäßig, aber ohne zwingend entwickelten Grund auftauchenden farbigen Polizisten Rey. Mit einiger Sorgfalt wird das 19. Jahrhundert, wird Neuengland den historischen Tatsachen nachgebaut, auch und gerade sprachlich. Für Spritzigkeit sind die neuenglischen Gelehrten-Dichter nicht berühmt, entsprechend hat auch Pearls Prosa einen freilich halbwegs gerechtfertigten Stich ins Dröge. Man liest das dennoch nicht ungern, man lernt was, vor allem auch über Dante.

Bleibt summa summarum ein Ja und ein Aber. Der Rezensent darf sich also schon mal gefasst machen auf die Vorhölle, in die Dante die lauen Seelen gesteckt hat, wo sie ruhelos umherziehen, von Ungeziefer umschwirrt auf immer und ewig. Aber was wahr ist, bleibt wahr: "Der Dante Club" ist ein nettes Buch, kein aufregendes, Inferno hin, Seelenpein her.


Matthew Pearl: "Der Dante Club". Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein. Hoffmann und Campe, Hamburg 2003, 480 Seiten, gebunden, 22,90 Euro (Bestellen)