Mord und Ratschlag

Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer
02.05.2002. Die Krimikolumne. Heute: Die faszinierend schöne Malerin Gloria wird mit einem scharfen Messer ermordet. Tatverdächtige Liebhaber gibt es mehr als genug. Eugenio Fuentes versucht in "Mörderwald" den Rätselkrimi als realistischen Roman zu präsentieren.
Die Malerin Gloria liebt das Leben und die Wahrheit. Von ihr verlassen oder erst gar nicht erwählt zu werden kann Männer im Innersten treffen. Als sie in einem Nationalpark der Region Estremadura mit einem scharfen Messer ermordet wird, geraten mehrere Herren unter Verdacht: der alternde Lehrer Manuel Armengol hat für die etwa Dreißigjährige seine Ehe ruiniert und verkommt nun in Einsamkeit; der Bildhauer Emilio Sierra kann wieder richtig arbeiten, seit die faszinierende Frau mit dem überlegenen Talent ihn nicht mehr an die Wand drückt; der Wildhüter Molina tut für Geld fast alles; für ihren pubertär überhitzten Vetter David ist Gloria ein quälend schöner Traum; der Anwalt Octavio Exposito hat mit der Malerin studiert und führt jetzt als Gehilfe der alten Dona Victoria ein psychisch ungesundes Leben; Marcos Anglada, ebenfalls Jurist, behauptet, Gloria habe ihn heiraten wollen - dass er es ist, der den Privatermittler Ricardo Cupido mit Nachforschungen beauftragt, entlastet ihn nicht. Dona Victoria ist zu alt, um selbst zu morden, aber verbittert genug für finstere Wünsche: Die Demokratie hat ihr das Stück Land, das sie erfolgreich gegen francistische Gerichte verteidigt hat, endgültig weggenommen und dem Nationalpark zugeschlagen. Touristen werden darin herumtrampeln, wenn sie nicht abgeschreckt werden, beispielsweise durch eine spektakuläre Bluttat.

"Mörderwald", der neueste Roman des 1958 geborenen Spaniers Eugenio Fuentes, ist ein Landhauskrimi ohne britisches Landhaus, ein Who-done-it. Der Autor widmet jedem, der halbwegs als Täter in Frage kommt, mindestens ein langes Kapitel, um ihn verdächtig zu machen. Er streut Hinweise, die nicht alle in die Irre führen - zur Konvention des Rätselkrimis gehört es, dass der Leser eine kleine Chance hat, den Täter zu erkennen, ehe der Detektiv ihn nennt. Wie Hercule Poirot und Miss Marple, die wohl bekanntesten Erfindungen Agatha Christies, erklärt Privatermittler Cupido kurz vor Schluss im Kreise von Mördern und Nichtmördern, wer's war. Der Staat, hier in Gestalt des tüchtigen Guardia-Civil-Leutnants Gallardo, kommt wie immer etwas später.

Fuentes stellt sein Rätsel also mit ähnlichen Mitteln wie Christie, und er ist darin nicht weniger virtuos als die Meisterin und ihre gelehrigen Schüler. Dennoch liest er sich völlig anders. Er will nämlich auch einen realistischen Roman schreiben, in dem heutige Menschen ein heutiges Leben führen. Geschickt beutet er die Unterschiede zwischen Stadt und Dorf aus: hier ein modernes, kaltes Madrid mit grässlichem Verkehr, Hochhäusern, blitzblanken Küchen gut verdienender Singles und allüberall den Versehrten eines wirren Geschlechtslebens; dort Breda in der Estremadura, wo kein Fremder eine hilfreiche Auskunft bekommt und noch Leute leben, die vor Angst in den Wald gerannt sind, als zum ersten Mal das elektrische Straßenlicht anging. Auch in diesem Milieu zeigt Fuentes, wie der Eros die Menschen schüttelt, was Begehren und Entbehrung aus ihnen machen können.

Die Menschen in den Romanen der Christie-Nachfolger sagen dazu sonst wenig ernst zu nehmendes, nicht unbedingt aus Prüderie, sondern um der Komposition willen: Denn die Autoren der Rätselkrimis müssen aus ihren Romanen alles heraus halten, was widersprüchlich genug ist, um ihre Rätsel am glatten Aufgehen zu hindern - also nicht nur den Sex, sondern fast das ganze Leben. Das macht solche Bücher eskapistisch und langweilig, was durchaus wohltuend sein kann. Auch neue Arbeiten dieser Art, die praktisch in der Gegenwart spielen. wie etwa die Inspektor-Jury-Romane der Amerikanerin Martha Grimes, wirken sofort nostalgisch.

Schriftstellern wie Fuentes genügt so etwas nicht. Sie wollen möglichst viel Welt zeigen und verstehen. Halten sie zugleich am Rätselspiel fest, bekommen sie ein Glaubwürdigkeits- oder Stimmigkeitsproblem oder beides. Die wenigen Menschen, die überhaupt morden, tun es fast nie so ausgetüftelt wie in einem Rätselkrimi. Lässt ein Autor lebensechte Menschen auftreten, kann er kaum plausibel machen, dass sie einen Mord begehen, wie Christie ihn sich ausgedacht hätte; entscheidet der Verfasser sich umgekehrt für einen glaubwürdigen Mord, wird der nicht die unbefleckte Logik einer Denksportaufgabe aufweisen.

Aus diesem Dilemma ergeben sich die Schwächen von "Mörderwald". Man bewundert Fuentes' Kunst, durchschnittliche Menschen interessant zu zeichnen, nimmt aber den Mördern ihren verwickelten Plan nicht ab; man hat Spaß am Mordrätsel, glaubt aber nicht, dass außerhalb des Romans so jemand so etwas tun würde. Gloria verkörpert diese Schwierigkeit: Sie ist als einzige Figur unglaubwürdig wunderbar. Wäre sie fehlerhafter und damit wirklichkeitsnäher, zöge sie nicht so viele Sehnsüchte auf sich, und dann müsste Fuentes die Mordgeschichte anders erzählen. So hat er je einen guten realistischen Roman und einen guten Rätselkrimi geschrieben, doch an den Gelenkstellen knirscht es.

Das fällt dem Leser aber erst hinterher auf. Solange er liest, ist er gefesselt, das Unplausible mindert das Vergnügen nicht. Wenn Realismus und Rätselstimmigkeit sich in die Quere kommen, ist das offenbar kein Fehler, sondern ein Gattungsmerkmal einer ambitionierten Krimisorte; ein Dauerproblem, das der Autor nicht lösen, aber genussbereitend mitschleppen kann. Es gibt ja auch keinen Weg zurück. Romane ohne Menschenkenntnis wären vertane Zeit.

Eugenio Fuentes: "Mörderwald". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Svenja Becker. Klett-Cotta, Stuttgart 2002, 415 Seiten, gebunden, 19,50 Euro (Bestellen)

Links:
Leseprobe zu "Mörderwald".