Mord und Ratschlag

Mit Napalm gesprenkelt

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
25.08.2014. Nic Pizzolatto erzählt in seinem Männerdrama "Galveston" von der Läuterung des todgeweihten Gangsters Roy Cady und seiner großen Liebe zur kindlichen Hure Rocky. Mike Nicol schließt mit "Black Heat" seine Südafrikasaga um die Rachegöttin Sheemina February ab.
Nic Pizzolatto ist der sehr ehrgeizige, selbstbewusste und gerade ungeheuer gehypte Autor der HBO-Serie "True Detective", die einen Großteil ihrer Attraktivität aus dem Spiel des sehnig-anmutigen Matthew McCannaughey zieht. Pizzolattos Romandebüt "Galveston" erschien im Original bereits Jahr 2010, es ist sein erster Versuch im Genre, aber in ihm ist alles angelegt, was aus Pizzolatto den Schöpfer von "True Detective" machen würde: viel Südstaaten-Atmosphäre, der Wille zum großen dunklen Drama und wahnsinnig viel Coolness. So ergriffen von ihrer Maskulinität waren Männer wahrscheinlich seit dem "Dreckigen Dutzend" nicht mehr.

"Galveston" ist die Geschichte des Gangsters Roy Cady, über dessen trostlose Louisiana-Existenz zu Beginn gleich zwei Todesurteile ausgesprochen werden: Sein Arzt eröffnet ihm, dass er Lungenkrebs hat, und sein Boss will ihn aus verschiedenen Gründen aus dem Weg räumen lassen. Doch Cady ahnt den Hinterhalt, er schaltet das auf ihn angesetzte Killerkommando aus und flieht mit der jungen Prostituierten Rocky und deren kleiner Tochter Tiffany vor dem Syndikat und der Polizei nach Galveston in Texas, einem kleinen Städtchen auf einer Insel im Golf von Mexiko. Solche Orte kann Pizzolatto effektvoll in Szene setzen, mit Bars, in denen man schon was aufs Maul bekommt, wenn man nur die falsche Biersorte bestellt, mit schäbigen Motels voller Rednecks und Selbstmördern und mit einer Landschaft, deren immense Weite einen schier erschlägt: "Ein mit Himmel gefüllter Granatwerfer". Der tiefblaue Golf dagegen glitzerte, als hätte ihn "die riesige Sonne mit Napalm gesprenkelt".

Immer den nahen Tod vor Augen, spult sich das Leben der beiden Flüchtigen in Zeitraffer ab. Szenen voller Härte, die ihnen der Wille zur Selbsterhaltung abverlangt, wechseln sich mit Momenten ab, die eine Ahnung vom besseren Leben aufscheinen lassen. Wenn Cady am Strand mit dem vor Vergnügen quietschenden Kind im Wasser spielt, gerät das Glück fast zur Idylle. Auf keinen Fall wird dieser Mann sterben, das wird klar, bevor er für Tiffany nicht eine anständige Zukunft gesichert weiß.

Zwanzig Jahre später ist Cady immer noch am Leben, weder Mafia noch Krebs werden ihn getötet haben. Das wissen wir bald, denn diese Ereignisse von 1987 - alles ist noch ganz analog, das einzige Gadget ist die stets griffbereite Whiskyflasche - werden zwar immer aus der Sicht von Cady, aber auf zwei völlig voneinander unabhängigen Zeitebenen erzählt. Die seltsame Konstruktion der gespaltenen Ich-Erzählung dient dabei weniger dem Thrill der Ereignisse als ihrer Dramatisierung. Stets schwingt ein Raunen mit: Die Ereignisse werden in Galveston ihren schrecklichen und unaufhaltsamen Lauf nehmen und sie werden aus Cady innerlich wie äußerlich ein Wrack machen, das sich nach dem Tode sehnt: "Manche Erfahrungen überlebt man nicht; selbst wenn man es schafft, nicht dabei draufzugehen."

Die dunkle Wolke von tragischer Tiefe, in die Pizzolatto seinen Helden einhüllt, steht in krassem Gegensatz zur der recht durchsichtigen Einfalt der jungen Frau. Wie später auch in "True Detetctive" kennt Pizzolatto genau zwei Sorten von Frauen: Huren mit Herz und Huren ohne. Klasse, Witz oder Intelligenz hat keine von ihnen. Die Darstellung von Rocky als Babydoll grenzt allerdings ans Voyeuristische, sie muss die hilflose Kindfrau geben, das weichgezeichnetes Centerfold und auch mal das Luder, das richtig durchgeprügelt gehört. Die klebrigen Männerfantasien, die hier immer wieder durchbrechen, geben dem Bild der unschuldig-schuldigen Kindfrau und Teenager-Mutter eine verquer katholische Grundierung ("Sie hockte sich hin, faltete ihre Kleider und legte sie mit einer Züchtigkeit im Sand ab, die ich hochgradig erotisch fand.") Cady fände es auch unmoralisch, mit einem jungen Mädchen Sex zu haben, und deswegen rührt er, der eben noch Auftragsmörder und Eintreiber der Mafia in New Orleans war und womöglich die letzten Momente des Lebens verbringt, sie, die achtzehnjährige Hure, nicht an. Mannhafte Männer haben sich unter Kontrolle, wahre Liebe wartet.

Pizzolatto schreibt in einer wuchtigen Überwaltigungsprosa und einem sehr dunklen Ton, er inszeniert auf großer Leinwand das Drohen des Todes und die Ironie des Lebens. Noir ist der Roman in seiner Farbgebung, aber gar nicht in der Deutung der Dinge. "Galveston" interessiert sich eigentlich gar nicht für die Gesellschaft, für die Verbrechen am Menschen, für Recht und Gerechtigkeit. Die Welt hat sich zwischen 1987 und 2008 nicht nur kein bisschen verändert, sie spielt überhaupt keine Rolle. Pizzolatto geht es um das einzelne Schicksal, um Familie und Moral, Läuterung und Erlösung. Die Dramatik des Romans speist sich weniger aus dem Plot als aus Cadys tragischer Liebe zu Rocky, der kindlichen Hure, und dabei scheut Pizzolatto weder Pathos noch Sentimentalität. Insofern hat "Galveston" nicht nur eine neue Spießigkeit in den Noir gebracht, sondern auch die Melodramatik.

Nic Pizzolatto: Galveston. Roman. Aus dem Amerikanischen von Simone Salitter und Gunter Blank. Walde und Graf bei Metrolit. Berlin 2014, 243 Seiten, 20 Euro (Bestellen)

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"Black Heart" ist der dritte und abschließende Teil von Mike Nicols südafrikanischer Saga um Mace Bishop und Pylon Buso, die einst für den ANC die Waffengeschäfte abgewickelt haben und nun eine private Sicherheitsfirma in Kapstadt betreiben. Auch ohne die vorigen Romane gelesen zu haben, kommt man ohne Probleme in die Geschichte rein, man muss nur sehr aufmerksam lesen, denn Nicol lässt die Ereignisse über seinen beiden Helden in einer Rasanz zusammenstürzen, dass man leicht die Übersicht verliert.

Nicol bürdet in "Black Heat" seinen beruflich und privat völlig überforderten Helden gleich zwei Fälle auf, die nur bedingt etwas miteinander zu tun haben. In dem einen Fall übernehmen Mace und Pylon den Schutz eines indianisch-amerikanischen Paares, das in den südafrikanischen Kasino-Markt investieren will, nachdem es bereits erfolgreich die heruntergekommenen Reservate der Choctaws in sprudelnde Kasino-Resorts verwandelt hat. Doch kaum angekommen, wird die Frau, Dancing Rabbit, genannt Veronica, entführt.

Durch dieses Fiasko schwer angeschlagen, können Mace und Pylon den zweiten Fall nicht ausschlagen, der finanziell deutlich lukrativer sein könnte, aber auch riskanter und vor allem moralisch anrüchiger: Der führende Rüstungsfabrikant des alten Apartheid-Regimes, Magnus Oosthuizen, beauftragt sie, den Schutz seines Waffenspezialisten Max Roland zu übernehmen. Dass dessen Vergangenheit als DDR-Ingenieur nicht ganz unbescholten gewesen sein kann, zeigt sich bald: Hinter ihm sind nicht nur undurchsichtige Albaner her, sondern auch Ermittler des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Aus Deutschland muss er über den Jemen nach Kapstadt gebracht werden, denn die Regierung will mit seinem Know-how Waffensysteme für Fregatten entwickeln.

Zusammengehalten wird der Plot von der dunklen Gestalt Sheemina February, der personifizierten Rachegöttin Südafrikas. Sie ist eine Coloured, nicht weiß, nicht schwarz, aber eigentlich beides. Weil der ANC sie für eine Verräterin hielt, wurde sie von dem weißen Mace und dem schwarzen Pylon ziemlich brutal gefoltert: Um sie zum Reden zu bringen, haben sie ihr jeden einzelnen Knochen der linken Hand zertrümmert. Für dieses Verbrechen will sie Vergeltung. Nicht Gerechtigkeit, nicht Wahrheitsfindung, sondern maßlose, alles verschlingende Rache. Und Befriedigung.

Die stets im Hintergrund agierende Sheemina February, die nicht weiß, ob sie die Objekte ihrer Rachegelüste lieber vögeln oder töten will, ist als symbolische Figur bestimmt überzeugender denn als reale Person. Mitunter breitet Nicol die Ambivalenz ihrer Obsession etwas zu explizit aus, aber das ist bei drei voluminösen Bänden vielleicht auch unvermeidbar. Doch durchgehend scharf bleibt sein niemals pessimistischer oder zynischer Blick auf das Südafrika der Transformation in ihrer ganzen Zweischneidigkeit: Ökonomischer Fortschritt bemisst sich an der Avanciertheit der Waffentechnologie und politische Emanzipation an der Vielfalt des korrumpierten Establishment. Auch gesellschaftlich tut sich was: Um ihre soziale Verantwortung unter Beweis zu stellen, konkurrieren Weiße und Schwarze bei der Adoption von Aids-Waisen.

Mike Nicols kennt sich aber nicht nur in Südafrika gut aus, sondern auch in Deutschland. Deswegen kann er der Liste grauenvoller Todesarten - neben den berühmten brennenden Autoreifen um den Hals oder an der Autobahnabfahrt nach Kayelitsha - einen weiteren Schrecken hinzufügen: "An einem gewöhnlichen Donnerstag in Frankfurt an der Oder."

Mike Nicol: Black Heat. Thriller. Aus dem Englischen von Mechthild Barth. btb. München 2014, 473 Seiten, 9,99 Euro (Bestellen)