Mord und Ratschlag

Die Regeln des Südens

Die Krimikolumne. Von Thekla Dannenberg
25.02.2019. Zum Soundtrack von John Lee Hooker erzählt Attica Locke in "Bluebird, Bluebird" von Lieben und Sterben in Shelby County, wo die Arische Bruderschaft das schwarze Texas terrorisiert. Tomás Bárbulo schickt einen Trupp spanischer Kleinganster zum Bankraub nach Marrakesch.
Attica Locke beginnt ihren Roman "Bluebird, Bluebird" mit einer sehr hübschen Szene in Shelby County im Osten von Texas, an der Grenze zu Louisiana. Die alte Geneva Sweet kommt auf den Friedhof, auf dem ihr Mann, der Blues-Musiker Joe Swetey Pie Sweet und ihr Sohn Lil' Joe beerdigt sind. Sie packt ein Picknick mit Teigtaschen aus und dreht das Radio auf, für das sie ein Stromkabel über den halben Friedhof zieht, und hört Muddy Waters: "Have you ever been walking, walking down that ol' lonesome road."

In Ost-Texas gibt es keine wahren Idyllen. Nicht nur liegt der Friedhof so nah am Highway 59, dass man immer auch die riesigen Trucks vorbeidonnern hört. Und natürlich ist Shelby County kein gemütlicher Ort. Gerade wurden die Leichen eines schwarzen Anwalts und einer weißen Frau entdeckt. Toxischer geht es nicht. Der Mann wurde halbtot geprügelt und dann im Bayou ertränkt, die Frau erwürgt. Sheriff Parker van Horn ermittelt sehr widerwillig, es können doch unglückliche Umstände gewesen sein. Doch für Darren Mathews sind die Morde genau die Art von Verbrechen, weswegen er Texas Ranger geworden ist: Hassverbrechen. Obwohl seine Suspendierung vom Dienst noch nicht aufgehoben ist, macht er sich aus Houston auf den Weg in das sumpfige Shelby County.

Hier gelten die Regeln des Südens. No, Sir, thank you, Sir. Yes, Ma'am. Wehe, eine Schwarze aus Chicago lässt es an der nötigen Ergebenheit fehlen! Der Familie der einstigen Plantagenbesitzer gehören noch immer neunzig Prozent des Bodens. Die Schwarzen treffen sich in Geneva Sweets Café, die Weißen in Jeffs Juice House. Hier trägt man Cowboyhut, spielt Pool und trinkt auf das offene Tragen von Waffen. Die Hälfte der Männer hier gehört zur Arischen Bruderschaft Texas, die man sich als eine Art Ku-Klux-Klan vorstellen muss, nur schlimmer.

Darren Mathews ist dagegen eine Art schwarzer Polizeiadel. Sein Vater ist im Vietnam-Krieg gefallen, der eine Onkel war der erste schwarze Texas Ranger überhaupt, der andere Anwalt und Verfassungsrechtler. Darren selbst hat ebenfalls Jura in Princeton studiert,und eine Spezialabteilung für Hassverbrechen durchgesetzt. An seinem Beispiel verhandelt Attica Locke all die großen politischen Fragen, die mit dem Leben von Schwarzen im Süden der USA verbunden sind: Können sich Schwarze in Texas heimisch fühlen? Hilft ihnen das Gesetz oder müssen sie davor geschützt werden? Wiegen Hassverbrechen schwerer als andere Morde? Und überhaupt: Zeigen die USA mit oder nach Obama ihr wahres Gesicht? Diese Fragen tun sich nicht unterschwellig auf, Locke bürdet sie ihren Figuren auf Schritt und Tritt auf, in jeder Unterhaltung auf, bei jeder Autofahrt. Der Roman ist ganz dem aktuellen Diskurs von #BlackLivesMatter verpflichtet. Der Dringlichkeit des Themas kann man sich nicht entziehen, Locke erhielt für "Bluebird, Bluebird" im vorigen Jahr den Edgar Award.

Doch nicht immer verwandelt sie ihr Thema in überzeugende Literatur. Bei Locke ist jeder Satz nach links und rechts abgesichert, alles furchtbar brav, konventionell, und Darren Mathews in seiner beflissenen Tadellosigkeit geradezu ein Abbild an amerikanischer Biederkeit. Auch sprachlich findet Locke keine Entsprechung für die Wucht und das Chaos, das emotional in ihren Figuren toben soll: "Die Worte lösten schwere Selbstzweifel in ihm aus." Literarisch sieht die Zukunft des Krimis so nicht aus.

Natürlich gibt es auch viel Blues, unglückliche Liebe und Erinnerungen an die Baumwollfelder. Für die nötige Atmo sorgt John Lee Hooker, dessen wunderschöner Song "Bluebird" dem Roman den Titel gibt. Das peppt den Roman auf. Manche Passagen, in denen Locke das Leben in Ost-Texas heraufbeschwört, sind durchaus bewegend: Wenn sie beschreibt, wie sehr sich die Menschen gegenseitig ausgeliefert sind. Dann zeigt sie, dass Rassismus, historische Schuld und ungesühnte Verbrechen die Menschen nicht nur auseinanderbringen, sondern zugleich auch aneinanderketten.

Attica Locke: Bluebird, Bluebird. Roman. Aus dem Amerikanischen von Susanne Mende. Polar Verlag, Stuttgart 2019, 280 Seiten, 20 Euro. (Bestellen)

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Cover: Versammlung der TotenTomás Bárbulo legt mit der "Versammlung der Toten" endlich mal wieder einen lesenswerten Roman aus Spanien vor, das seit dem Tod von Manuel Vázquez Montalbán den Anschluss an die internationale Kriminalliteratur zu verlieren droht. Auch Bárbulo wird diese Leerstelle nicht füllen, er sorgt mit seinem Roman aber für eine recht vergnügliche Lektüre, die mitunter auch einen Sinn fürs Doppelbödige erkennen lässt.

"Die Versammlung der Toten" erzählt von einem Trupp junger Verlierer, die in den Sozialbauten von Madrid auf ihre Chance im Leben warten. Sie planen unentwegt den großen Coup und reiten dabei eine Aktion nach der anderen in die Grütze. Chef der Puente de Vallecas ist Guapo, der als Sohn eines berühmten Bankräubers einen gewissen Vertrauensvorsprung genießt. Er fährt einen BMW 525i, trägt stets die gleichen Frisuren wie Ronaldo und hat sich auf den rechten Arm das Wort Champion tätowiert. Falls jemand nicht gemerkt haben sollte, mit wem er es zu tun hat.

Guapo wittert wieder einmal Morgenluft, als ihn ein windiger Juwelier für einen Bankraub anheuert, bei dem es Schmuck im Wert von mindestens zwei Millionen zu erbeuten gibt. Der Clou: Die Bank, um die es geht, befindet sich in Marrakesch. Es gibt also keine Panzerwände, keine Erschütterungsmelder, Bewegungs- oder Temperaturmelder, die in Europa das Ausrauben von Banken zu so einer unergiebigen Angelegenheit machen.

Getarnt als Touristengruppe machen sich Guapo und seine Kumpel im Kleinbus auf den Weg von Madrid über Tanger nach Marrakesch. Mit dabei sind die Freundinnen, die in konsequentem Machismo nur als weibliche Anhängsel firmieren: Zu Chato gehört Chata, zu Chiquitín natürlich Chiquitína und zu Yunque die Yunque. Nur Guapa darf nicht mit, sie ist hochschwanger und bleibt in Madrid, nicht zuletzt auch als Faustpfand für den Juwelier. Denn ziemlich bald wird offensichtlich, dass die Großmäuler aus Madrid nur die Trottel geben sollen, die vom eigentlichen Coup ablenken müssen. Die Fäden zieht dabei Haibala, ein Mann aus der Westsahara, den sie alle nur den Sahraui nennen. Er rächt sich für die Beleidigungen, indem er umso dienstbarer den unterwürfigen Araber spielt.

Tomás Barbulo hat als Korrespondent lange für El Pais aus dem Maghreb berichtet. "Die Versammlung der Toten" ist sein erster Roman und alles andere als ausgereift: Die hastigen Szenenwechsel schaden dem Drive mehr als sie ihm nützen, und einige Figuren geraten ihm arg klischeehaft. Vor allem verspielt Bárburo viel von der Tragik seiner Figuren, wenn er etwa über Chiquitíns Gewalttaten recht leichtfertig hinweggeht. Mehr Mut zur Abgründigkeit hätte dem Roman nicht geschadet.

Doch es gibt großartige, sehr lustige Szenen in dieser schwarzen Komödie, in der spanische Gauner auf marokkanischer Gangster treffen, Ignoranz auf Unverständnis, rohe Gewalt auf alerte Abgebrühtheit. In seinen besten Momenten zeichnet Bárbulo seine Gurkentruppe in ihrer ganzen unsympathischen Gehässigkeit und in ihrer bedauernswerten Verpeiltheit zugleich. In ihrem Hunger nach Bestätigung schreien sie geradezu danach, manipuliert zu werden.

Einmal versucht Haibala, Guapo klarzumachen, wie fatal seine Neigung sei, andere zu unterschätzen. Er erzählt ihm eine dieser Geschichte aus der Wüste: Wenn die Männer mit den Karawanen zu ihren langen Reisen aufbrachen, gingen die Frauen zum Dorfrichter und sagten: Ich bin schwanger! Notier das! Wenn die Männer zurückkamen und ihre Frauen mit dickem Bauch oder einem Kind sahen, konnten sie nichts sagen. Mit feinem Lächeln bemerkt Haibala: "Damals dauerten die Schwangerschaften in der Wüste neun, zehn oder elf Monate, oder ein ganzes Jahr, oder zwei. Ganz unterschiedlich. Das liegt am Klima." Guapo versteht die Pointe nicht. Auch das macht "Die Versammlung der Toten" zu einer geistreichen Parabel über die Unfähigkeit, die Dummheit anderer Menschen zu durchschauen.

Tomás Bárbulo: Versammlung der Toten. Thriller. Aus dem Spanischen von Carsten regling. Suhrkamp verlag, Berlin 2018, 397 Seiten 14,95 Euro. (Bestellen)