Mord und Ratschlag

Die Arisierer

Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer
11.12.2002. Die Krimikolumne. Heute: In Christian von Ditfurths "Mann ohne Makel" wird ein müder Hamburger NS-Forscher in eine Mordgeschichte verwickelt, die schon in der Nazizeit begann...
Christian v. Ditfurth will seine Romane als Historiker schreiben. Historische Romane sollen es aber nicht werden. Die leiden nämlich in der Regel daran, dass sich Fakten und Fiktion gegenseitig schwächen. Erstens ist das Personal zu heutig, kämpft mit sozialen und geschlechtlichen Problemen, die im aktuellen Feuilleton unter "Modernes Leben" verhandelt werden. Zweitens stört die dichterische Freiheit: Gerade wenn es dem Autor gelingt, den Leser auf Forschungsniveau für eine fremde Zeit zu interessieren, will dieser nichts Erfundenes, sondern wissen, wie es eigentlich gewesen ist. Die Mischung aus buchstäblich und künstlerisch Wahrem nervt.

Um dem zu entgehen, trennt Ditfurth klar zwischen Geschichte und Ausgedachtem, Recherche und Spiel. In "Der 21. Juli" (2001) stellt er sich vor, das Attentat vom Vortag sei gelungen. Was er sich in "Die Mauer steht am Rhein. Deutschland nach dem Sieg des Sozialismus" (1999) ausmalt, sagt der Titel. In diesen Romanen ist bei jedem Satz klar, ob er zum Geschichtsbericht oder zur künstlerischen Phantasie gehört. Der Leser erhält beides unverfälscht.

"Mann ohne Makel" nun ist Ditfurths erster Kriminalroman. Den zwei Nicht-Krimis ähnelt er in vielem. Wieder interessiert sich der 1953 geborene Autor für den Nationalsozialismus und seine Folgen. Das Geschichtliche ist diesmal der Streit unter Nazis und Nazibehörden um "arisiertes" Eigentum von Juden. Die Finanzämter zogen Geld und Güter der Emigrierten oder "nach dem Osten Verreisten" als "Fremdeigentum" ein. Einzelne Nazis, vor allem aus SS und SA, versuchten jedoch, solche Hinterlassenschaften einzusacken und, so die Behördensicht, der "Volksgemeinschaft" vorzuenthalten. Juden wurden beschleunigt deportiert, damit ihre Häuser frei wurden. Über all das gibt es erbitterte Schriftwechsel zwischen Finanzbehörden und Parteiorganisationen. Die wissenschaftliche Auswertung wird dadurch erschwert, dass der Bundestag 1988 die Schutzfrist für Finanzamtsakten verlängert hat.

Das sind in "Mann ohne Makel" die Tatsachen. Und das Erfundene, der Krimi: Dem Hamburger Immobilienmakler Maximilian Holler wird 1999 die Frau und in den beiden folgenden Jahren je ein Kind ermordet. Holler ist ein wohltätiger Spender, der keine Feinde zu haben scheint. Sein Vater Hermann gehörte aber zu einer Gruppe von Nazis, die sich wechselseitig beim "Arisieren" von Häusern halfen und so ihre Nachkriegsexistenz im Immobiliengeschäft begründeten. Die Täter leben noch, die Opfer auch. Eine Polizistin, die eine richtige Spur gefunden hat, wird umgebracht, dann einer der alten Makler. Und auch den Historiker Josef Maria Stachelmann stößt jemand vor die U-Bahn, allerdings nicht mit dem gewünschten Ergebnis.

Der Roman-Untertitel "Stachelmanns erster Fall" kündigt wohl eine Serienfigur an. Sie dürfte 1960 geboren sein, hat in Heidelberg Geschichte und Germanistik studiert und war 68er reinsten Wassers, begünstigt dadurch, dass dieses Jahr in der kurpfälzischen Provinz etwas länger anhielt. Stachelmanns Dissertation, natürlich über ein NS-Thema, war ein großer Erfolg. Mittlerweile fürchtet er aber um seine Dozentenstelle an der Hamburger Universität, weil er mit seiner Habilitation zur Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald seit Jahren nicht weiterkommt. In den Holler-Fall zieht ihn ein früherer Kommilitone hinein, Kriminalkommissar Oskar Winter. Auch er versucht nicht mehr, "die Weltrevolution anzufachen", sondern leidet trinkend am Polizeidienst. Mit den Frauen läuft es für beide Herren nicht so toll.

Das Buch fesselt. Wenn einen der Krimi-Bastler Ditfurth mitgerissen hat, blättert man oft zurück, um in Ruhe nachzusehen, was der Historiker weiß. Der Autor verbindet Erfundenes und Erforschtes, indem er es auseinander hält - im Großen. Im Kleinen, von Satz zu Satz, lässt er den Leser mitunter aufstöhnen. Dialoge schleppen sich dahin, weil Leute reden wie in Wirklichkeit ("Aber jetzt mal was anderes, ich habe Hunger."). Sind die Wortwechsel zu echt, so sind die stummen Gedanken nicht echt genug. Ditfurth verlegt Geschichtliches, das er anderswo nicht unterbringt, in innere Monologe: ""Wenn man es so will, dann ist der Zufall der größte Verschwörer, dachte Stachelmann" - nein, so denkt kein Mensch.

Die Verwicklungen der Mordgeschichten, also der Plot im engeren Sinn, werden da mühsam vorangebracht, wo das Erklären das Erzählen auffrisst: Jede neue Ermittlungsidee, ob richtig oder falsch, wird von mehreren Akteuren besprochen oder bedacht, oft zusätzlich von einem mehrmals. Einmal hätte gereicht. Wiederholungen auf noch engerem Raum: In einem Abschnitt fangen vier Sätze mit "Er" an, in einem anderen fünf mit "Sie", und vieles Ähnliche mehr.

Am besten formuliert sind die entlastend geschichtslosen Episoden aus dem heutigen Alltag. Was eifersüchtige Leser gerne wüssten: Wird sich Stachelmanns Kollegin Anne Derling noch länger um den mutlosen Mann bemühen? Oder wird es ihr irgendwann zu blöd? Da gefiele eine Fortsetzung.

"Mann ohne Makel" ist ein spannendes Buch. Aber ein strenger Lektor hätte es noch verbessern können. Streichen ist Liebe.


Christian v. Ditfurth: "Mann ohne Makel. Stachelmanns erster Fall". Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002, 381 Seiten, gebunden, 19,90 Euro (Bestellen)