Mord und Ratschlag

Die Krimikolumne.
Leseprobe zu 'Die Fakultät'  von Pablo de Santis

Pablo de Santis: "Die Fakultät". Roman.
Aus dem Spanischen von Claudia Wuttke.
Unionsverlag, Zürich 2002, 223 Seiten, gebunden, 16,80 Euro




Klappentext:
Homero Brocca ist ein genialer Schriftsteller. Niemand hat ihn je gesehen, nirgends gibt es Bücher von ihm. Seine Texte existieren nur in unendlichen Varianten. Als der junge Esteban Miro seine erste wissenschaftliche Stelle im labyrinthischen, alten Fakultätsgebäude antritt, in dem nur noch obskure Institute ihr Dasein fristen, ahnt er noch nicht, dass er in einen gnadenlosen Kampf um den seltsamen Autor hineingezogen wird. Die wissenschaftlichen Gralshüter von Broccas möglicherweise gar nicht existenten Werken schrecken vor nichts zurück. Das Verhältnis zwischen Literatur und Leben, Fiktion und Realität wird immer unentwirrbarer.


Zum Autor:
Pablo De Santis, geboren 1963 in Buenos Aires, arbeitete lange als Drehbuchautor fürs Fernsehen. Er schrieb - in guter argentinischer Tradition - Comic-Szenarios und wurde mit Jugendbüchern bekannt. Mit den beiden Romanen "Die Fakultät" und "Die Übersetzung" (für die er in die Endauswahl für den Premio Planeta Argentina kam) schaffte er den internationalen Durchbruch.


Leseprobe:

Im vierten Stock angekommen, waren die Massen Papier, die Stille und die Finsternis so vollkommen, dass Novario der Mut verließ.
"Ich glaube, sie haben die Sachen weggeräumt."
"Brauchten Sie nicht gerade die Dunkelheit, um sich zu orientieren?", fragte Granados provokant.
"Die Dunkelheit verändert sich mit den Jahren."
Während Novario sich auf der Suche nach Anhaltspunkten ein Stück vorwagte, redete Selva leise auf mich ein.
"Und wenn er die Papiere findet und uns nichts sagt? Dann kommt er später noch einmal her, holt sie und nimmt sie mit in den Süden ..."
"In diesem Fall bringen wir ihn um."
Selva Granados, die die Angewohnheit hatte, alles wörtlich zu nehmen, lächelte mir zu. Erleichtert, auf dieser Welt jemanden gefunden zu haben, der genauso dachte wie sie.
Nach einer halben Stunde des Zweifelns traf Novario eine Entscheidung. Wir marschierten zuerst nach rechts, dann nach links, bis wir in einen beängstigend kleinen Raum stolperten. Für ein paar Momente waren die Wände wie Würgeeisen. Der Staub brachte mich zum Niesen.
"Sie bleiben hier in der Nähe der Säule", befahl mir Novario. "Hier hat sich die Gruppe damals versammelt, bevor es losging. Und Sie, Frau Professor, müssen dort hinüber."
Er zeigte auf etwas, was wie ein in die Papiere gegrabener Tunnel aussah.
"Warum soll ich da rein?"
"Das ist ein Experiment. Sie müssen einfach zu einem bestimmten Zeitpunkt, sagen wir in einer halben Stunde, aus dem Tunnel laufen, so wie jene Studentin vor zwanzig Jahren. Vielleicht bringt mir das schlagartig die Erinnerung zurück."
Selva Granados zögerte. Entweder verstand sie Novarios Plan nicht, oder ihr missfiel die Vorstellung, in besagten Schacht zu kriechen, der voll hing mit Spinnweben.
"Ich muss diese Nacht wie in einem Theaterstück wiederholen. So erwacht mein Gedächtnis. Einverstanden?"
Nach einigem Nachdenken erklärte Selva Granados sich bereit. Novario verschwand mit Kurs auf ein unbekanntes Ziel.
"Ich bin sicher, das ist eine Falle."
"Was sollen wir tun? Er hat uns in der Hand."
"Immerhin bin ich es, die sich zwischen die Spinnweben legen soll. Nicht, dass ich Angst vor Insekten hätte, aber der Jogginganzug ist neu."
Ich überließ sie ihren Zweifeln.
"Ich werde dort drüben suchen. Schreien Sie, wenn Sie Hilfe brauchen."
Schier endlose Minuten fuhr ich mit dem Strahl meiner Lampe die Wände aus Papier entlang, immer auf der Suche nach einem blauen Zipfel. Es war nicht leicht, unter der grauen Staubschicht eine Farbe zu erkennen. Eine blaue Mappe fand ich, doch sie enthielt eine Arbeit über Jesuitenmissionen. Als sich meine Augen endlich an den minimalen Farbunterschied der Dokumente gewöhnt hatten, fand ich noch ein paar mehr blaue Mappen, gefüllt mit Statistiken, einer Doktorarbeit über Parmenides, einer Monografie zu Thot, dem ägyptischen Gott, über das Verhalten der Vulkane, den Gebrauch der Zwölfsilbentechnik im Werk eines vergessenen Poeten.
Eine Mappe zu sichten war schwierig genug. Entweder lag sie unter Kilos von Papier begraben und man musste sie mit einem schnellen Griff herausziehen, oder sie lag ganz oben und man musste wahre Gebirge erklimmen, um sie zu fassen zu bekommen. Hinzu kam, dass einige der Dokumente in verschlossenen Metallkästen eingelagert waren. Wenn wir sie nicht aufbrechen konnten, um den gesamten Bestand zu inventarisieren (was Jahre dauern würde), kamen wir nie an sie heran.
Ich hatte schon allen Mut verloren, als ich ganz oben auf einer Säule ein blaues Heft entdeckte. Da es nur wenige davon gab, wollte ich mir die Mühe machen. Ich kletterte auf einen Bücherstapel, aber es reichte noch nicht. Ich stieg auf einen riesigen Papierblock, von dem aus ich mit einem Sprung das Heft zu erwischen versuchte. Diesmal funktionierte es. Die Seitenränder waren vergilbt, doch in der Mitte waren die Blätter weiß. Auf der ersten Seite stand in winzigen Buchstaben und mit großem Abstand zwischen den W?rtern warnend geschrieben:
"Dieses Heft ist leer."
Die restlichen Seiten waren unbeschrieben. Als ich mit dem heiklen Abstieg begann, spürte ich den Block unter mir erzittern. Ich versuchte, mich festzuhalten. Die Taschenlampe fiel gegen die Papierkanten prallend zu Boden und erlosch. Die Dunkelheit war absolut und gleichzeitig in Bewegung. Mir war, als würde eine glibberige Bestie unter dem Papierberg entlangrobben, und ich stürzte wie noch eine Mappe mehr hinunter. Ein verlorenes Blatt unter Tausenden.

(Mit freundlicher Genehmigung des Verlags)