Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

301 Presseschau-Absätze - Seite 22 von 31

Magazinrundschau vom 06.06.2014 - Eurozine

In Eurozine möchte Kenan Malik in der Debatte um den Ersten Weltkrieg und seine Ursachen nicht den Imperialismus aus dem Blick geraten lassen: "Es gab vor allem in diesem Jahr viele Diskussionen über die Rolle von Deutschlands Militarismus. Viele, die den Ersten Weltkrieg als einen gerechten, zumindest notwendigen Kampf darstellen wollen, betonen, wie wichtig es war, dass Großbritannien die deutsche Aggression stoppte. Deutschlands expansionistische Tendenzen und sein virulenter Rassismus ergeben nur Sinn vor dem Hintergrund des Imperialismus im 19. Jahrhundert, vor der Aufteilung des Globus unter den großen Mächten, als sich die "lebenden" Nationen das "Territorium der sterbenden" einverleibten. Imperialistische Expansion und die Rivalität der Großen Mächte waren eng miteinander verknüpft, wie Lord Salisbury richtig vorausgesehen hatte. Rivalitäten beförderten die imperialistische Expansion, während die imperialistische Expansion die Rivalitäten nährte."

Im Schweizer Monat unterhalten sich Marc Beise, Frank Schirrmacher und Peter Sloterdijk (online gestellt von Eurozine) über die "amerikanischen Digitalgiganten", und Peter Sloterdijk macht einen etwas überraschenden Punkt, als er Frank Schirrmacher zur Idee für ein europäisches Google beglückwünscht - als hätte Schirrmacher mit seinen apokalyptischen Visionen nicht kräftig dazu beigetragen, jeden Gedanken an digitale Innovationen zu ersticken. Diese Haltung kommt nicht von ungefähr: "In Europa", so Sloterdijk, "haben wir uns als Opfer empfunden, als Spielmasse der russisch-amerikanischen Konfrontation, und haben Lichterketten gebildet. Damit schafft man aber noch keine Kompetenz; es gibt hier ein europäisches Versäumnis, für das wir einen hohen Preis bezahlen. Es ist ja nicht so, dass der Computer ausschließlich auf amerikanischem Boden entstanden ist. Konrad Zuse hat für seinen genialen Computer, den er Ende der vierziger Jahre entwickelt hat, nach 20-jährigem Prozess vor dem Deutschen Patentamt eine endgültige Ablehnung seines Patentantrages erhalten, mit dem Argument, hier liege ein Produkt von mangelnder Erfindungshöhe vor. Das ist ein Ausdruck, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss!"

Außerdem interviewt Geert Lovink die Filmemacherin und Aktivistin Astra Taylor, die in ihrem Buch "The People"s Platform" über Internet und Kapital schreibt und eine große Lücke ausmacht: "Kritisches Denken ist nicht auf dem Stand der heutigen Realität mit ihrem vernetzten Kapitalismus - Deleuze" kurzes Postskriptum über die Kontrollgesellschaften ist so ziemlich das beste, was man zu diesem Thema bekommen, und er erwähnt nicht einmal explizit das Internet."

Magazinrundschau vom 11.06.2014 - Eurozine

Dass Brasiliens Städte zu brutalen Molochen angewachsen sind, kann Tom Hennigan nur zum Teil der bekannten städtbaulichen Unfähigkeit der portugiesischen Kolonisatoren zuschieben. In einem Artikel, den Eurozine von der Dublin Review of Books übernimmt, macht er für Brasiliens städtebauliches Versagen vor allem die Militärs verantwortlich, die mit ihren Architekten von Oscar Niemeyer bis João Batista Vilanova Artiga auch die Moderne aus dem Land getrieben haben: "Während der Militärdiktatur verloren die Architekten das Ansehen, welches sie noch in den Jahrzehnten vor dem Putsch genossen. Das Land litt, seitdem die Militärs an die Macht kamen, unter einem intellektuellen Niedergang. Es waren nicht mehr die Architekten, die über das Design entschieden, sondern die Bauherren. Mit ihnen kam Nachahmung und Kopie in Mode, verbunden mit einem falschen Sinn für Luxus: All die himmelhohen romanischen Eingänge und Hausmann"schen Schnörkel, nur um die hintergründige Billigkeit zu vertuschen. Der Stolz, der die Architekten, Bauherren und Käufer in der Generation der Modernisten antrieb, ein qualitativ hochwertiges Produkt abzuliefern wurde durch die blinde Gier nach Profit der Bauherren verdrängt."

Magazinrundschau vom 09.05.2014 - Eurozine

Auf Initiative von Leon Wieseltier (New Republic) and Timothy Snyder treffen sich vom 16. bis 19. Mai in Kiew einige sehr bekannte Intellektuelle, um über die Maidan-Bewegung zu diskutieren. Zu den Gästen gehören Bernard-Henri Lévy, Slavenka Drakulic, Mustafa Nayem, Serhii Leshchenko, Agnieszka Holland, Adam Michnik, Serhii Zhadan, Ivan Krastev, Wolf Biermann, Timothy Garton Ash, Karl Schlögel und Bernard Kouchner. Die Fragen des Programms klingen ein bisschen abstrakt - aber das muss ja nicht heißen, dass keine Debatten zustande kommen: "Wie können Menschenrechte begründet werden, und welche Motivation ziehen wir aus der Idee der Menschenrechte? Wie geben Sprachen Zugang zur Universalität, und wann dienen sie zur Markierung politischer Differenz?" Das ganze Programm findet sich auf dieser Seite bei Eurozine.

Magazinrundschau vom 11.04.2014 - Eurozine

Jonathan Bousfield erinnert in Eurozine an Milan Kunderas großen Essay "Die Tragödie Mitteleuropas", der vor dreißig Jahren erschien (hier auf Deutsch als pdf). "Für den in Litauen geborenen Polen Czesław Miłosz umfasste Mitteleuropa den gesamten Landstrich, der sich vom "barocken Vilnius" im Norden bis zum "mittelalterlichen Renaissance-Dubrovnik" im Süden zog und ungefähr alles einschloss, was östlich von Deutschland lag und von seinem kulturellen Erbe her katholisch oder jüdisch geprägt war. Auch wenn der ethnische Pluralismus Mitteleuropas hochgehalten wurde, herrschte zugleich eine sehr klare Ansicht darüber, was es nicht war: christlich-orthodox, islamisch oder russisch. Nicht jeder mochte den Begriff. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke sah in Mitteleuropa nichts weiter als einen "meteorologischen Begriff". Der ungarische Erzähler Peter Esterhazy erklärte 1991, dass ein Schriftsteller "einer Sprache angehört, nicht einer Region". Jugoslawiens Danilo Kiš trat vorsichtig auf, als er 1987 schrieb, dass die Vorstellung von einem mitteleuropäischen Kulturraum heutzutage vielleicht im Westen verbreiteter sei als in den Ländern, die logischerweise dazugehörten"."

Wie schreibt man? Welche Rolle spielen Freunde/Autoren, Verlag und Lektor bei der Entstehung eines Buchs? Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård beschreibt das in einem großartigen, ganz dicht an den eigenen Erfahrungen entlang geschriebenen Essay für Samtiden, den Eurozine ins Englische übersetzt hat. Er beginnt mit zwei der berühmtesten Lektoren der jüngeren Literaturgeschichte, Maxwell Perkins und Gordon Lish. Sind die beiden zu weit gegangen, als sie quasi den Ton schufen, für den ihre Autoren berühmt werden sollten? "Um zu begreifen, was sich im Schatten dieser dunklen Zone abspielt, hilft es, ein Gedankenexperiment vorzunehmen: Wie wären diese Bücher ohne Lektoren geworden? In meinem Fall ist die Antwort einfach: Es gäbe keine Bücher. Ich wäre kein Autor geworden. Das heißt nicht, dass mein Lektor [Geir Gulliksen] meine Bücher für mich schreibt, sondern dass seine Gedanken, Ideen und Einsichten für mein Schreiben wesentlich sind. Diese Gedanken, Ideen und Einsichten sind sein Beitrag zu meiner Arbeit, und daher auch zu mir. Wenn er andere Autoren lektoriert, gibt er ihnen andere Dinge. Idealerweise ist der Job eines Lektors undefiniert und offen genug, um den Forderungen, Erwartungen, dem Talent und der Integrität jedes individuellen Autors genau angepasst werden zu können. Über allem beruht er auf Vertrauen und ist viel abhängiger von persönlichen Eigenschaften und einem Verständnis für andere als von formalen literarischen Kompetenzen."

Magazinrundschau vom 04.04.2014 - Eurozine

Seit einigen Monaten tobt in Polen eine hitzige Debatte über die Aufweichung von Geschlechterrollen. Im Interview mit Lukasz Pawlowski in Kultura Liberalna (auf Englisch in Eurozine) empört sich die Regisseurin Agnieszka Holland über die katholische Kirche, die das Thema mit ideologischem Furor auf die Tagesordnung gesetzt hat. Noch schlimmer findet sie allerdings die geringe Gegenwehr, auf die die Kirche dabei stößt: "Ich nehme es der Regierung, den meinungsbildenden Kreisen und den öffentlichen Medien übel, dass sie keine gemeinsame Position beziehen, dass sie nicht erklären, analysieren und die Leute damit vertraut machen, dass die Welt heutzutage nicht homogen ist. Dass es nicht mehr die einzig respektable Lebensform ist, ein weißer, heterosexueller, konservativer, katholischer Pole zu sein."

Das Interview ist Teil einer kleinen Serie in Kultura Liberalna über die "Gender-Diskussion" in Polen (alles auf Englisch bei Eurozine).

Magazinrundschau vom 28.03.2014 - Eurozine

Kenan Malik denkt über sakrale Kunst nach und kommt unter anderem zu dem Schluss, dass sie ihre Erhabenheit nie dadurch erreicht, dass sie das Göttliche beschwört, sondern dass sie es durch Poesie und Transzendenz ersetzt. So sei es bei Mozarts "Requiem" oder Nusrat Fateh Ali Khans "Qawwli", Scheich-Lotfollah-Moschee in Isfahan oder Laotses "Tao Te King": "In der vormodernen Welt war es schwierig, Sinn und Bedeutung anders als im Verhältnis zu Gott oder zu den Göttern zu erfassen, oder als Aspekte des Universums selbst. Daher wurde das Transzendente unweigerlich in einem religiösen Licht besehen. Doch die Moderne hat es möglich gemacht, Sinn und Bedeutung als etwas von Menschen Geschaffenes zu erfassen. Wie der französische Philosoph Denis Diderot feststellte: "Wenn wir den Menschen, das denkende und anschauende Wesen, von der Erde verbannen, dann wird dieses bewegte und erhabene Spektakel der Natur nichts weiter sein als eine traurige und stumme Szenerie." Es sei "die Anwesenheit des Menschen, die der Existenz Bedeutung verleiht"."

Magazinrundschau vom 28.02.2014 - Eurozine

Michael Wiederstein interviewt für den Schweizer Monat (online in Eurozine) den britischen Politologen David Runciman, für den die Begriffe Demokratie und Krise geradezu Synonyme sind. Für Europa empfiehlt er eine Koordination der nationalen Wahlen: "Bezüglich der EU sprechen immer mehr Kollegen von der Notwendigkeit eines 'europäischen Moments' - also einer gleichzeitigen Wahl in allen Nationalstaaten des Kontinents. Die Idee ist reizvoll - vor allem auch, weil das dafür sorgen würde, dass sich nationale Parteien international abstimmen und gemeinsam Politik machen. So wären Allianzen denkbar, die beispielsweise stumpfem Nationalismus, der billigsten Form des etatistischen Populismus, den Riegel vorschieben könnten. Nationale Ausrufezeichen des Protests würden dann bestenfalls durch diplomatische Anstrengungen ersetzt."

Magazinrundschau vom 14.02.2014 - Eurozine

Mag sein, dass die Ukrainer nicht unbedingt bereit sind, nach den Regeln Europas zu leben, aber für ihre Ideale sind sie bereit zu sterben, schreibt der ukrainische Journalist Volodymyr Yermolenko: "Es gibt ein Paradox im Herzen der ukrainischen Rebellion. Sie ist das ideale Milieu, in der die Gesellschaft als ganze leben und wachsen kann wie ein Organismus. Doch außerhalb dieses rebellischen Milieus gibt es tatsächlich keine Gesellschaft: Es gibt nur Individuen und Clans - und der Krieg eines jeden gegen seinen Nachbarn, niemand traut dem anderen. Die Menschen sind geteilt in Familien, Clans und Gruppen, und zwar nicht nur 'die da oben', sondern auch 'wir hier unten'. Trotzdem sind die Menschen Geschöpfe, die von Größerem als nur der kleinen Gemeinschaft träumen. In solchen glauben die Leute zu ersticken, und nur ein kleines bisschen Solidarität reicht ihnen nicht. Es gibt Zeiten, in denen die Leute nach der universalen Brüderlichkeit der Menschheit verlangen. Diese utopische Brüderlichkeit ist die ideale Gesellschaft."
Stichwörter: Clan

Magazinrundschau vom 07.02.2014 - Eurozine

Deutsche Zeitungen sollten ihre Übersetzer mobilisieren! Slavenka Drakulic hat für Eurozine einen großartigen Essay über ein überraschendes Thema geschrieben: Warum gibt es eigentlich so wenige Bücher von Schriftstellerinnen, die sich mit dem Thema des eigenen Alterns befassen? Von männlichen Autoren wie Philip Roth oder J.M. Coetzee findet sie solche Bücher, aber dort geht es neben dem Thema des Verfalls auch stets um Sex. Autorinnen dagegen scheinen das Thema ängstlich zu meiden. Am Ende erinnert sich Drakulic an Susan Sontags berühmten Essay "Krankheit als Metapher" und findet keine Antwort, aber eine Erklärung für ihr Problem: "Die moderne Gesellschaft ist beherrscht von der Vorstellung, das die Leute für ihr eigene Gesundheit und die Dauer ihres Lebens verantwortlich seien, obwohl die Realität dieser Idee kaum entspricht. Da ist es ein wesentlich eleganterer Weg, mit Tod und Sterben zurechtzukommen, indem man über eine neue Krankheit schreibt - vor allem in einer Kultur, die nach Susan Sontag den Tod als ein 'beleidigend sinnloses' Ereignis ansieht." Und welche Krankheit findet Drakulic nach intensiven Recherchen bei Amazon? "Alzheimer ist die neue Krankheit, die alle Anforderungen erfüllt, eine Metapher zu sein."

Stephan Ruß-Mohl macht sich in Gegenworte (online in Eurozine) mal wieder Gedanken, über etwas, das es nicht gibt, aber geben sollte, die "europäische Öffentlichkeit". Allerdings begrenzt er Öffentlichkeit dabei auf den üblichen Journalismus und Europa auf die EU. Er stellt fest, dass der Journalismus den lokalen Horizont kaum je überscheitet - auch und gerade bei der Berichterstattung über Brüssel. Sein Lösungsansatz: "Jede Strategie, die dem Projekt Europa aufhelfen möchte, hätte zunächst bei den Kommunikatoren anzusetzen. Nur wenn es gelingt, unter Journalisten und anderen Medienschaffenden weiterhin eine weltoffene europäische Grundorientierung zu verankern, wird das Projekt Europa auch in den nächsten 50 Jahre florieren." Und dafür fordert er Geld. Natürlich aus Brüssel.

Magazinrundschau vom 31.01.2014 - Eurozine

Jason Wilson nimmt das bei den TED Talks vorherrschende unpolitische Denken auseinander, nach dem es für jedes Problem eine Lösung gibt, wenn wir nur den richtigen Algorithmus finden: "Alle teilen eine gemeinsames Narrativ: Ein Problem, das in seiner derzeitigen Form schon seit Urzeiten besteht, wird gelöst, wenn jemand gegen die eigene Intuition und über den eigenen Tellerrand hinaus denkt, oder wenn ein cleverer Computerfreak einen neuen Blick auf die Daten wirft. Als Struktur entfesselt das die politische Fantasie: Dass Individuen komplexe Ereignisse beherrschen und verändern können, ohne sich über Werte und Ressourcen ernsthaft auseinandersetzen zu müssen. Aber wie die meisten Erwachsenen wissen, ist die Welt selten so für den Willen einzelner empfänglich. Historisch gesehen kamen die größten Veränderungen durch gesellschaftliche Bewegungen und ein gemeinsames abgestimmtes Handeln - das heißt auch, durch Konflikte und Verhandlungen."