Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

301 Presseschau-Absätze - Seite 21 von 31

Magazinrundschau vom 06.01.2015 - Eurozine

Joe McNamee von der Organisation European Digital Rights (Edri.org) erklärt in Eurozine, warum auch das Thema Netzneutralität mit der Frage von Privatsphäre und Bürgerrechten im Netz engstens verknüpft ist. Und er sieht eine unheilige Allianz zwischen Staaten und Internetprovidern heraufziehen: "Access Provider lassen sich sehr gern bitten, bestimmte Online-Inhalte "freiwillig" zu blockieren. Dies erlaubt es Politikern, Verantwortung im Kampf gegen tatsächliche Verbrechen - etwa Kindesmissbrauch und entprechende Videos - abzuschieben. Und sobald solche Blockaden für echte Verbrechen erlaubt sind, können sie für weniger legitime Zwecke wie die Durchsetzung von Urheberrechten genutzt werden. Wie auch immer die Frage, die Antwort lautet: "Sollen doch die Access Provider diesen Inhalt blockieren." Diese begrüßen die Banalisierung der Eingriffe, denn sie schaffen eine Welt, in der die Provider entscheiden, wer auf dem Online-Marktplatz zu den Siegern oder Verlierern gehört."

Magazinrundschau vom 16.12.2014 - Eurozine

Kaya Genç fragt sich in einem Artikel für den New Humanist (online bei Eurozine), was Recep Tayyip Erdogan meint, wenn er von der "Neuen Türkei" spricht und verweist auf eine Kombination von Attributen der Moderne (neunzig Shopping Malls in Istanbul!) und religiösen Symbolen wie dem Kopftuch: "Die Autorin Ece Temelkuran, die ich in einem Straßencafé in Cihangir traf und die eine der prominentesten Unterstützerinnen der Gezi-Proteste im letzten Jahr war, spricht mit Blick auf die "Neue Türkei" lieber von einem "Neuen Dubai", gegen das die Türken sich wehren sollten. "Seit fünf Jahren erleben wir einen Dubaisierungsprozess", sagt Temelkuran. "Und das heißt: Säubere den öffentlichen Raum von allen sozialen Umtrieben, zerstöre die Idee der öffentlichen Sphäre, indem du alle humane Interaktion auf Konsum reduzierst. Die Idee der Politik schwindet dabei natürlich in dramatischer Weise." Hiergegen richteten sich ihrer Meinung nach die Gezi-Proteste." Genç schließt, dass es nicht eine alte und eine neue Türkei gibt, sondern zwei neue: eine säkulare, in der man Alkohol trinken und schwul sein darf und eine islamische mit Hochgeschwindigkeitszügen.

Kirill Rogov begleitet (ursprünglich in vedomosti.ru, auf Englisch in Eurozine) den Aufstieg des russischen Nationalismus mit einigen soziologischen und wirtschaftlichen Daten, nur ein Beispiel: "Von 2005 bis 2007 fiel die Rate der Einkommen aus Sozialtransferts auf 12,1 Prozent und die Proportion der Einkommen aus unternehmerischen Aktivitäten lag bei 20,6 Prozent. Im Zeitraum von 2011 bis 13 dagege stieg die erste Zahl auf 18,4 und die zweite sank auf 14,1 Prozent." Mit weiteren Zahlen kann Rogov untermauern, das in den letzten Jahren die staatliche und staatsnahe Sphäre immer weiter auf Kosten der Wirtschaft gepeppelt wurde.

Magazinrundschau vom 25.11.2014 - Eurozine

Die Klage ist alt und bekannt. Europa hat keine Öffentlichkeit. Eurozine-Macher Carl Henrik Fredriksson will mit Jürgen Habermas die Hoffnung auf die Medien und ihre Fähigkeit, nationale in internationale Debatten zu übersetzen, trotzdem nicht aufgeben und redet ihnen ins Gewissen: "Wenn die vierte Gewalt eine Säule des demokratischen Systems bleiben will, dann sollte sie sich dieser "komplizierten Übersetzungaufgabe" schnellstens stellen und sich "fremden" Perspektiven öffnen. Politik ist längst nicht mehr auf den Nationalstaat begrenzt, während der Standpunkt der Medien und das Wertesystem, auf dem die Berichte der Journalisten basieren, fast ausschließlich national begründet sind. Solch eine Medienlandschaft kann keine Fundamente für eine vereinte Gesellschaft legen."

Ebenfalls in Eurozine: ein aus New Eastern Europe übernommenes Gespräch mit der polnischen Lyrikerin Ewa Lipska, die über ihre Stadt Krakau spricht und neulich gar einen Song für den polnischen Rapper O.S.T.R. schrieb: "Diese Entscheidung fiel in Kalisz, wo man an den hundertsten Jahrestag der Zerstörung der Stadt erinnern wollte. Adam Klocek, der Direktor der dortigen Philharmonie hatte die Idee. Ich mochte die Vorstellung. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mit einem Rapper debütieren würde." Frage des Interviewers Lukasz Wojtusik: "Und wenn Sie heute neu anfangen würden?" Antwort: "Oh nein, heute würde ich Pianistin werden."

Magazinrundschau vom 18.11.2014 - Eurozine

Während sich das Jahr allmählich dem Ende zuneigt, denkt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann darüber nach, ob das allgemeine Gedenken geholfen hat, eine gemeinsame Erinnerung an die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs zu etablieren. Einen Schritt in diese Richtung kann Assmann erkennen, aber noch deutlicher sind die nationalen Unterschiede in der Erinnerung zutage getreten: "Der europäische Gedenktag ist der 11. November, der Tag, an dem 1918 der Waffenstillstand an der Westfront vereinbart wurde. In England wird dieser Tag mit Mohnblumen und zwei Schweigeminuten begangen, einer für die Gestorbenen und einer für ihre Angehörigen. Am selben Tag feiern die Deutschen den Beginn ihrer Karnevalsaison - ein bemerkenswertes Beispiel für die kulturelle Vielfalt in Europa. Auch hierzulande gibt es einen offiziellen Trauertag, aber der Erste Weltkrieg spielt dabei keine Rolle. Die Erinnerung der Deutschen an den Ersten Weltkrieg wurde von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg überlagert, und diese Erinnerung wird wiederum vom Holocaust überlagert."

Magazinrundschau vom 04.11.2014 - Eurozine

Im Wespennest (online gestellt von Eurozine) erzählt die finnische Autorin und Künstlerin Rosa Liksom eine kurze Geschichte Finnlands und vor allem Lapplands, wo sie 1958 geboren wurde - in einem Dorf, das so winzig war, dass die Einwohner zusammen ein Auto besaßen, mit dem sie einmal im Monat nach Schweden zum Einkaufen fuhren. Heute ist die Grenze in Lappland zwischen Finnland und Schweden vollkommen offen. Aber auch mit Russland gibt es wenig Berührungsängste: "Weder Russland noch die Sowjetunion wurde in der arktischen Region sonderlich bestaunt, denn wir Finnen sind mit den finnisch-ugrischen Völkern verwandt, die die gesamte arktische Zone Russlands bis hin zum Pazifik besiedeln. Die finnisch-ugrischen Völker verbindet ein spezielles Zusammengehörigkeitsgefühl, obschon in allen arktischen Völkern, auch in denen, die nicht zu den Finno-Ugriern gehören, ein gemeinsamer Geist herrscht. Als ich in Christiania lebte, wo es viele Inuit aus Grönland gab, freundete ich mich zuerst mit ihnen an. Eine gemeinsame Sprache hatten wir nicht, aber wir verstanden uns sofort."

Magazinrundschau vom 20.10.2014 - Eurozine

In einem Rückblick auf die Geschichte der Ukraine und die jüngste Debatte übt Timothy Snyder auch scharfe Kritik an der deutschen Öffentlichkeit (der Text steht auf Deutsch in Transit, auf Englisch online in Eurozine): "Deutsche erkennen die Verbrechen gegen Juden und gegen die Sowjetunion an (die fälschlich mit Russland gleichgesetzt wird), aber fast niemand in Deutschland konzediert, dass die Ukraine das zentrale Objekt deutschen kolonialen Denkens war. Deutsche Politiker von der Prominenz eines Helmut Schmidt schließen die Ukrainer aus der normalen Geltung des Völkerrechts aus. Die Idee, dass die Ukrainer nicht "normal" sind, bleibt bestehen, mit dem bösartigen Dreh, dass man Ukrainer für Verbrechen verantwortlich macht, die deutsche Politik waren und ohne den deutschen Krieg und die Kolonisierung nicht geschehen wären." Auch bei Transit selbst stehen einige aktuelle Texte zur Ukraine online.

Empfehlenswert in Eurozine außerdem Sonja Pyykkös Porträt über den aus Rumänien stammenden ungarischen Autor György Dragomán, dessen Roman "Der weiße König" auch die deutschen Kritiker tief beeindruckte. Er spricht über das Leben in der Diktatur und seine Enttäuschung über Ungarn, wo er heute lebt: "Ein Hauptproblem in Ungarn ist, dass die alten Akten niemals geöffnet wurden und die Ära der Geheimnisse niemals endete. Heute ist es zu spät, 25 Jahre sind vergangen. Es geht nicht um Prozesse, sondern um das Recht zu wissen. Das schlimmste am Leben in totalitären Systemen ist das Ratespiel, man ist nie sicher, wer die Informanten sind."

Magazinrundschau vom 16.09.2014 - Eurozine

Sehr überzeugend leitet der Rechtsextremismus-Experte Anton Shekhovtsov die Doktrinen von Wladimir Putins Lieblingsdenker Alexander Dugin aus der Geschichte des europäischen Faschismus ab. Als Einflüsse benennt er den französischen Autor René Guénon und den italienischen Faschisten Julius Evola und vor allem die "Neue Rechte". Und dann ist da schließlich der belgische Kollaborateur Jean-François Thiriart: "1939 pries er den Molotow-Ribbentrop-Pakt, weil er die Allianz von Sowjets und Nazis als starke Gegenkraft zu den Vereinigten Staaten sah. Auch für Dugin ist die Berlin-Moskau-Achse entscheidend für sein eurasisches Reich. Hier sind Moskau und Berlin Symbole zweier geopolitischer Machtzentren. Moskau ist das Zentrum des Russland-dominierten Raums mit Russland, dem nördlichen Balkan, Moldawien, Ukraine (außer der Westukraine), Weißrussland, Zentralasien und Mongolei. Berlin ist das Zentrum eines Deutschland-dominierten Raums namens "Mitteleuropa", das Deutschland, Italien und die meisten Gebiete des ehemaligen Österreich-Ungarn einschließt."

Magazinrundschau vom 11.09.2014 - Eurozine

Der russische Soziologe Boris Dubin zeichnete kurz vor seinem Tod im August diesen Jahres ein deprimierendes Bild der Gesellschaft in Russland, die Putin seit der Annexion der Krim ungewöhnlich hohe Zustimmungsraten beschert: "86 Prozent der Befragten erklärten im Juli 2014 bei einer repräsentativen Umfrage in Russland, das Referendum auf der Krim habe allen Rechtsvorschriften Genüge getan. Auch die Abstimmung im Donbass wurde von 77 Prozent für legal gehalten. Fast 70 Prozent waren der Meinung, dass Russland gezwungen gewesen sei, Truppen in die Ukraine zu schicken. Die Ukraine ist in solchen Aussagen bereits kein reales Land mehr mit realen Menschen, einer realen Kultur und einer realen Geschichte. Sie ist eine Projektionsfläche für die Spannungen und Defizite der russländischen Gesellschaft, sie dient dazu, eigene Konflikte, die nicht anerkannt und ausgesprochen werden, zu verdrängen, indem sie symbolisch übertragen werden. Das Verhältnis der meisten Russen zur Ukraine ist ein Ausdruck davon, dass sie sich weigern, über die Probleme Russlands nachzudenken, ein Ausdruck der eigenen Machtlosigkeit."

Außerdem: Tanya Richardson beschreibt in einer sehr anschaulichen Reportage das Leben in Odessa nach dem gewaltsamen Zusammenstoß von Anti-Maidan- and Euromaidan-Aktivisten im Mai. Der ukrainische Philosoph Wolodimir Jermolenko fordert von Europa schärfere Sanktionen gegen Russland: "Kompromisse und Rückzieher werde von Putin immer als Schwäche ausgelegt werden. Diese Schwäche erweckt die agressiven Instinkte des Kremls wie ein Tropfen Blut den Vampir erregt." Alain Finkielkraut erklärt im Interview glasklar, warum er einen Multikulturalismus, wie Martha Nussbaum ihn in ihrem neuen Buch "The New Religious Intolerance" vertritt, ablehnt. Martha Nussbaum wiederum bleibt im Interview zu diesem Thema freundlich vage.

Magazinrundschau vom 08.07.2014 - Eurozine

Eurozine übernimmt ein ausführliches Interview, das The New Left Review und Esprit mit Thomas Piketty zur Dynamik der Ungleichheit geführt haben. Besonders wenig gibt der französische Ökonom auf den Wettbewerb als Instrument des Ausgleichs: "Wenn man den EZB-Präsidenten Mario Draghi fragt, was getan werden muss, um Europa zu helfen, dann sagt er, dass wir die Rentenökonomie bekämpfen müssen, womit er meint, dass geschützte Branchen wie Taxis und Apotheken geöffnet werden sollten, als ob nur Wettbewerb die ökonomische Rente beseitigen würde. Aber das Problem, dass die Erträge aus dem Kapital höher sind als die Wachstumsrate, hat nichts mit Monopolen zu tun und kann nicht durch mehr Wettbewerb gelöst werden. Im Gegenteil: Je reiner und kompetitiver der Kapitalmarkt, umso größer die Kluft zwischen Kapitalerträgen und Wachstumsraten. Das Endergebnis ist die Trennung von Eigentümer und Manager. In diesem Sinne läuft das Ziel der Marktrationalität der Meritokratie zuwider. Das Ziel von Märkten ist nicht, soziale Gerechtigkeit zu befördern oder demokratische Werte zu stärken, das Preissystem kennt weder Grenzen noch Moral. Unersetzlich wie er ist, kann der Markt nicht alles tun, dafür brauchen wir bestimmte Institutionen."

Weiteres: Joanna Warsza erinnert an Antanas Mockus, der als Bürgermeister von Bogotá Politik mit den Mitteln der Kunst zu betreiben versuchte. Der polnische Theaterautor Krzysztof Czyzewski weiß: Ohne Solidarität führt Freiheit in die Sklaverei.

Magazinrundschau vom 01.07.2014 - Eurozine

Geleitet von der Frage ob Filme eine Metapher für eine seltene und vor allem gänzlich eigene Art von Wahrheit sein können, stellt der finnische Autor Kristian Blomberg eine Collage von Ideen über Authentizität sowie das Erinnerungspotential und Gedächtnis von (bewegten) Bildern zusammen. Diachron, entscheidende Wegmarken - wie Eadweard Muybridge, Marcel Proust und Roland Barthes - abschreitend, zeichnet Blomberg die Entwicklung in der Wahrnehmung von "Realitäts"-Abbildungen nach: "Natürlich besteht ein Film selten aus einem Schnitt(Take). Die Frage ist, ob die Wahrheit, die dem Film anhaftet, bestehen bleibt, wenn man die einzelnen Schnitte, aus denen sich der Film als Ganzes konstituiert, betrachtet. Nach Barthes tilgt die kinematografische Zeit die Erfahrung eines "damals". Dieses wurde ersetzt durch eine eingeschränkte Realität, in der der Menschen und Ereignisse verbindende Symbolismus - beispielsweise die abgekauten Fingernägel oder Falten um die Augen auf die Maserung der verblichenen Holzwand im Hintergrund abgestimmt sind - vereint. Im Film aktivieren (oder triggern) solche Details nicht die Phantasie. Wenn die Kamera (oder die Sprache) diese aber aufnimmt, verwandeln sie sich in Symbole, Motive oder Risse. So wie wenn Schauspieler vergessen ihre Armbanduhr abzunehmen, bevor sie vor der Kamera römische Soldaten darstellen."

Außerdem: Timothy Snyder und Tatiana Zhurzhenko haben Tagebucheintragungen und Erinnerungen verschiedener ukrainischer Maidan-Aktivisten gesammelt.