Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

301 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 31

Magazinrundschau vom 14.01.2014 - Eurozine

Die ungarische Ökonomin Yudit Kiss zeigt am Beispiel der ungarischen Roma, in welchem Ausmaß die Herkunftsländer dieser Minderheit für ihre jetzige Lage - und ihre Emigration nach Westen - verantwortlich sind: "Die Roma haben seit der Wende von 1989, als noch 85 Prozent der männlichen Roma-Bevölkerung Arbeit hatten, immer mehr an Boden verloren. 1993 war diese Zahl schon auf 39 Prozent gefallen, heute liegt sie um 20 Prozent (nur 10 Prozent der Roma-Frauen sind wirtschaftlich aktiv). Parallel zu ihrer Ausstoßung vom Arbeitsmarkt wurden sie durch radikale Kürzungen im staatlichen Gesundheits- und Wohlfahrtswesen weiter marginalisiert. Nach und nach wurden sie wieder in die kleinen Dörfer in den am wenigsten entwickelten Regionen Ungarns gedrängt."

Außerdem schreibt Hamze Bytyci über Kulturprojekte von, mit und für Roma und Sinti.

Magazinrundschau vom 16.12.2013 - Eurozine

Der ukrainische Schriftsteller Mykola Rjabtschuk hat die bisher besten Argumente, warum Europa die Ukraine aufnehmen sollte. Er verweist auf eine besondere Ungerechtigkeit: "Innerhalb weniger Jahre riss der enge Zirkel um Präsident Janukowitsch (genannt 'die Familie') alle Macht an sich, zerstörte das Rechtssystem, häufte qua Korruption enorme Ressource an und beschnitt die Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten. Eigentlich müsste es ein Segen sein, dass diese Leute das Abkommen mit der EU zurückzogen und dass ein Land mit einem solchen Regime nicht von Europa aufgenommen wird. Das Problem ist aber, dass sie schon in Europa sind - mit ihren Villen, dem gestohlenen Geld und den Diplomatenpässen, was die Visafreiheit für den Rest der Ukraine in ihren Augen unnötig macht. Sie profitieren von der Rechtsstaatlichkeit und dem Eigentumsrecht im Westen, während sie diese Dinge in ihrem eigenen Land systematisch unterminieren. Nicht sie, sondern die 40 Millionen Ukrainer werden von Europa ausgeschlossen, während die herrschende Elite la dolce vita in den Resorts des Westen genießt und das verarmte Land bis auf den letzten Tropen aussaugt."

Weiteres: Ivan Krastev sieht die Ukraine am Ende ihres internationalen Schlingerkurs angekommen, der sie nach Europa bringen sollte, aber nicht von Russland entfernen. Anton Schechowzow erklärt, dass die Proteste nicht von der Opposition angeführt werden, sondern von der Zivilgesellschaft.

Magazinrundschau vom 22.10.2013 - Eurozine

Alle zwei Wochen, heißt es, verschwindet eine Sprache. In Litauen herrscht große Sorge, dass es aufgrund der hohen Abwanderungsrate und der zunehmenden Dominanz des Englischen auch mit dem Litauischen bald zu Ende gehen könnte. Unfug, meint der Lituanist Giedrius Subacius: "Auch wenn in unserem Wörterbuch eine halbe Million Wörter stehen, benutzt eine belesene Person meist nur etwa zehntausend Wörter, und für den Alltagsgebrauch reichen gar rund dreitausend Wörter aus. Aber dass wir nur ungefähr zwei Prozent des litauischen Vokabulars kennen, bedeutet nicht, dass die litauische Sprache ausstirbt. Andere Sprachen zeigen ganz ähnliche Tendenzen. Es ist nun einfach einmal so, dass Wörter kommen und gehen, während die Sprache bleibt. Wörter sind nicht die Steine, aus denen der Sprachpalast errichtet ist, sie sind das Mobiliar."
Stichwörter: Litauen, Dominanz

Magazinrundschau vom 01.10.2013 - Eurozine

Die Politik hat in der Ukraine völlig dabei versagt, dem Land eine Geschichte und ein Narrativ zu geben, die Schriftsteller aber haben Großes geleistet, meint Peter Pomerantsev und singt eine Hymne auf Juri Andruchowytsch, Serhij Zhadan und Oksana Sabuschko: "Die zeitgenössischen Autoren der Ukraine sind so etwas wie Europas salzigere Version der Lateinamerikaner, sie kombinieren Magischen Realismus mit häuslicher Gewalt, Mafia und Folklore. Und wenn man die großen Klassiker näher betrachtet, die in der Ukraine geboren wurden, aber in anderen Sprachen schrieben, stellt man fest, dass sie von der gleichen surrealen Tradition geprägt sind. Der auf Russisch schreibende Gogol führte die ukrainische Folklore in die russische Literatur ein... Diese Folklore transformierte das Judentum und popularisierte chassidische Erzählungen mit Geistern und fliegenden Rabbis. Der israelische Klassiker Aharon Appelfeld, aufgewachsen in Czernowitz und ausgebildet in Deutschland, erinnert sich an Kindermädchen und Dienstboten, die ihm auf Ukrainisch Lieder vorsangen oder Märchen erzählten. Vielleicht fand die ukrainische Folklore über die Kindermädchen auch ihren Weg in die halluzinatorischen Visionen von Bulgakows sprechenden Katzen und Teufeln, die durch das kommunistische Moskau streunten, in Joseph Roths Hotelwände, die sich bis zur Durchsichtigkeit auflösten, als wäre es die normalste Sache der Welt."

Magazinrundschau vom 17.09.2013 - Eurozine

Zwischen Populismus und Partizipation changieren die Pole der Demokratie in Zeiten des Internets, das neue Verfahren ermöglicht, schreibt Nadia Urbinati in einem etwas trockenen, aber instruktiven Artikel für Esprit (auf Deutsch bei Eurozine). Eine ihrer Erkenntnisse: "Die Internet-Demokratie lässt den Mythos der direkten Selbstverwaltung (das alte demokratische Versprechen autonomer Selbstbestimmung) in veränderter Form wiederaufleben, birgt jedoch die Gefahr identitätspolitischer, demagogischer oder populistischer Aktionen, eines politischen Handelns also, das ausschließt und diskriminiert, und damit, wie in Ungarn auch, die Voraussetzungen für eine regelrechte Tyrannei der Mehrheit schafft."

Während sich der Kunsthistoriker Hubertus Kohle im Perlentaucher dezidiert für Internet und Open Access in den Geisteswissenschaften einsetzt, profiliert sich der Mittelalter-Historiker Valentin Groebner zusehends als die Stimme des Kulturkonservatismus in diesem Feld. In einem Artikel für den Mittelweg, online in Eurozine, diagnostiziert er einen "theologischen Ton" bei den Befürwortern des Internet und rät dringend, an den überkommenen Formen des wissenschaftlichen Publizierens festzuhalten: "Das Netz ist wunderbar für Unfertiges und Provisorisches; für erste Entwürfe und für das rasche Hin-und Her zwischen kritischer Stellungnahme und Replik. Aber mit der Stabilisierung und positiven Validierung der dort produzierten Information -also mit verbindlich festgelegten Resultaten - hapert es. Und zwar, soweit es sich nach zwanzig Jahren World Wide Web beurteilen lässt, wohl dauerhaft."

Außerdem sucht der Soziologe Paolo Gerbaudo in einem Artikel für Soundings, auf Englisch bei Eurozine, nach den Quellen des Coups in Ägypten.

Magazinrundschau vom 10.09.2013 - Eurozine

Sergej Khazow schildert das schwierige, aber nicht hoffnungslose Leben Homosexueller in Russland. Unter anderem erzählt er die Geschichte des in einer Provinzstadt lebenden Michail Tumasow, der Opfer von schwulenfeindlicher Gewalt wurde und daraufhin beschloss, sich für die Rechte der Schwulen einzusetzen. Er organisierte Beratung und Seminare, die sich mit rechtlichen und sozialen Fragen befassen. Dabei muss er allerdings wegen der neuen Antipropaganda-Gesetze, die ein Ansprechen junger Leute verbieten, sehr vorsichtig sein: "Sie schreiben uns, aber unsere Hände sind oft gebunden", sagt er im Gespräch mit Khazow. "Wir versuchen ihnen auf individueller Basis zu helfen. In unsere Seminare können wir sie nicht einladen." In Sankt Petersburg gibt es auch eine Notruflinie für Schwule, in der aus ganz Russland jährlich über tausend Anrufe eingehen: Es rufen Menschen an, "die Probleme haben, ihre Sexualität zu akzeptieren, Lesben deren Ex-Ehemänner ihnen das Sorgerecht für die Kinder nehmen wollen, Transsexuelle, die neue Personalausweise brauchen."

Magazinrundschau vom 20.08.2013 - Eurozine

Das pure Leben ohne jede literarische Veredelung hat Pawel Majewski in den intimen Tagebüchern von Witold Gombrowicz gefunden, die gerade unter dem Titel "Kronos" in Polen erschienen sind. Ob die Notate einen Text ergeben, vermag Majewski in Kultura Liberalna (von Eurozine ins Englische übersetzt) nicht genau zu sagen, aber dass sie der Nachwelt überlassen werden sollten, das schon: "'Kronos' nimmt das Klima der derzeitigen Ära vorweg, in dem nichts verborgen bleibt: Jeder redet mit jedem über alles, doch niemand hört zu. Als würde Gombrowicz nur vor sich hin murmeln, wenn er über die Unwägbarkeiten des Lebens schreibt und sich zugleich den Schanker kratzt, oder im Café Hegel liest und den Jungen auf der Straße draußen nachguckt. Er bringt all die Dinge ans Tageslicht, die sonst den Biografen mit voyeuristischer Neigung überlassen bleiben. Im zwanzigsten Jahrhundert waren die Franzosen die Meister in diesem Spiel, aber niemand spielte es mit solcher Respektlosigkeit. Gombrowicz erledigte seine Hausarbeiten wagemutiger als sie."

Dazu gibt es auch ein Interview mit dem Herausgeber der Tagebücher, Jerzy Jarzebski.
Stichwörter: Gombrowicz, Witold

Magazinrundschau vom 18.06.2013 - Eurozine

Peter Pomerantsev ist ein britischer Fernsehproduzent mit russischen Wurzeln, der jahrelang bei russischen Fernsehsendern gearbeitet und einen faszinierenden Blick ins Innere einer postmodernen Diktatur geworfen hat, in der selbst der Anschein von Opposition noch vom Regime organisiert wird. Allerdings bekommt das System Brüche. Putins virtuoser Chefpropagandist Wladislaw Surkow musste im Mai abtreten und die neue Opposition bricht mit dem Nihilismus der jetzigen Medieneliten: "Bei ihrer Suche nach einem moralischen Code, in dem sie sich wiederfindet, greift die neue Opposition auf die Dissidenten der siebziger Jahre zurück: Aus den Witzfiguren der zynischen nuller Jahre sind plötzlich wieder Helden geworden. Die Punkerinnen von Pussy Riot verglichen ihren Prozess mit dem Schauprozess gegen Andrej Sinjawskij in den Sechzigern, zitierten in ihren Schlussstatements Joseph Brodsky und pfefferten ihre Reden mit Siebziger-Jahre-Begriffen wie 'dostojnstwo' (Würde) und 'Sowest' (Gewissen). Teile der neuen Opposition sind auch eifrige Leser der französischen Situationisten. Ernste junge Studenten diskutieren bis spät in die Nacht Guy Debords kürzlich übersetzte 'Société du spectacle', deren Sprache ideal ist, um die virtuelle Realität der gelenkten Demokratie zu beschreiben."

Magazinrundschau vom 11.06.2013 - Eurozine

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder arbeitet weiter mit starken Thesen daran, die Geschichte des Holocausts umzuschreiben und bezweifelt jetzt sogar, dass der Antisemitismus die eigentliche Ursache für die Ermordung der europäischen Juden war: "Wenn Antisemitismus einen Holocaust verursachen könnte, dann hätte es in Deutschland schon einen vor 1939 geben müssen. Aber obwohl einige hundert Juden getötet wurde und ungefähr die Hälfte der jüdischen Bevölkerung zwischen 1933 und 1939 emigrierte, kam keine Aktion im Vorkriegsdeutschland einem antijüdischen Massenmord gleich. Auf jeden Juden, der in den dreißiger Jahren in Deutschland getötet wurde, kamen dagegen hundert, die in der Sowjetunion getötet wurden. Der Holocaust traf zuerst die Juden, die zuvor keiner systematischen Diskriminierung und Separierung unterworfen waren. Sie wurden getötet, als die deutsche Herrschaft an die Stelle der sowjetischen trat."

Magazinrundschau vom 04.06.2013 - Eurozine

Frederik Stjernfelt beklagt zunehmende Angriffe von gläubigen Fundamentalisten auf die Meinungsfreiheit. Vor allem ist ihm ein Dorn im Auge, dass die UN jedes Jahr, und jedes Jahr schärfer, die "Herabsetzung der Religion" verurteilt: "Das bildet den offiziellen Hintergrund für eine wachsende Zahl von Fällen, in denen Galerien nach Drohungen gezwungen sind zu schließen, Universitäten ihre Vorträge abzusagen, Verlage bedroht werden, Autoren angegriffen, Karikaturisten und Künstler unter Druck geraten, wenn nicht tatsächlich ermordet werden - und dies geschieht in der westlichen Welt ebenso wie in muslimischen Ländern. Kaum eine Woche vergeht ohne einen neuen Fall dieser Art. Rechtsextreme Christen, extremistische Juden, Hindu-Nationalisten lernen schnell von den Islamisten - und tragen zu einem gemeinsamen - zum Teil sogar koordinierten - extrem rechten Angriff auf auf die Pressefreiheit durch gläubige Fundamentalisten bei, auch wenn sie ihnen nur gemein ist, dass sie die Standards der Moderne und Aufklärung ablehnen."