Magazinrundschau

Noch etwas Allzuwörtliches

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
01.07.2014. Osteuropa begutachtet die neue russische Kampfpropaganda. In Open Democracy erklärt Nadja Tolokonnikowa rechten und linken Anhängern Putins: Menschenrechte sollten nicht nur im Westen gelten. Der Merkur bittet, zwischen digitaler Literatur und Netzliteratur zu unterscheiden. Eurozine untersucht Film als Metapher. Die NYRB erklärt, warum die Stärkung von Konsumentenrechten eine Stärkung Amazons zur Folge hat. Atlantic denkt über Afghanistan nach Karzai nach. Und Tablet porträtiert BHL als homme d'honneur.

Osteuropa (Deutschland), 30.06.2014

Bisher war die Forderung nach Föderalisierung der Ukraine vor allem ein Instrument von lokalen Eliten oder Moskau, um die Kiewer Regierung zu schwächen. Der ukrainische Autor Mykola Rjabtschuk überlegt, ob mehr Autonomie und demokratische Selbstbestimmung das Land nicht auch stärken könnten: "Das kann möglich werden, wenn es einer Gruppe gelingt, der anderen Gruppe eine gewisse Autonomie mit der nötigen Achtung vor deren Werten zu garantieren. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine autoritäre Ukraine demokratisch gesinnten, europäisch orientierten Bürgern eine solche Autonomie bieten kann. Aber es ist gut möglich, dass eine demokratische Ukraine einen Weg finden würde, ihren paternalistisch, sowjetophil und russisch orientierten Landsleuten Rechnung zu tragen. Das haben Lettland und Estland für ihre sowjetophil, panslawisch gesinnten Mitbürger recht erfolgreich getan." Vielleicht hat Kiew aber auch gar keine andere Wahl: "Die Lage erinnert daran, dass man sich nachts auf der Straße auch nicht weigert, einem Fremden, der einen bedroht, einen Ziegelstein abzukaufen."

Auch als Ergebnis des wachsenden Zynismus in den russischen Medien betrachtet Johannes Voswinkel die Medienkampagne des Kremls gegen die Ukraine, die vor antiwestlicher Kampfpropaganda, gekauften Zeugen und gefälschten Reportagen über Konzentrationslager nicht zurückschreckt: "Die Hochphase der russischen Ukraine-Propaganda begann im Januar. Noch im Dezember reagierte nach Umfragen des Moskauer Levada-Zentrums die Mehrheit der Russen gelassen auf die Vorgänge in der Ukraine. Sie hielten das für eine innere Angelegenheit Kiews. Dann setzte eine beispiellose Kampagne ein. "Weder in Lebhaftigkeit und Aggressivität noch in Totalität und Demagogie kenne ich ähnliches aus der sowjetischen Zeit", urteilt der Direktor des Levada-Zentrums, Lev Gudkov. "Eine solch systematische Desinformation, 24 Stunden am Tag, gab es damals nicht." Eine Operation wie die Übernahme der Krim, das war den Polittechnologen im Kreml klar, musste von einer umfassenden Kampagne begleitet werden."
Archiv: Osteuropa

Open Democracy (UK), 27.06.2014

Bei einer Diskussionsveranstaltung im Berliner Wissenschaftskolleg am letzten Freitag beschrieb Irina Scherbakowa von der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial die Situation in Russland ähnlich deprimierend: Noch vor drei Jahren habe die Zustimmung für Putin bei 30 Prozent gelegen. Nach Annektierung der Krim stieg sie auf 80 Prozent! Auch viele Intellektuelle ließen sich anstecken. Nadja Tolokonnikowa, die nach ihrer Freilassung zusammen mit Maria Aljochina die Gefangenenhilfsorganisation "Zone des Rechts" gründete, nimmt in Open Democracy die Hauptvorwürfe auseinander, die von rechts und links gegen NGOs in Russland erhoben werden: "Konservative (von der Russisch-Orthodoxen Kirche bis zu Putin) kritisieren Menschenrechtsaktivisten, weil sie fremde "westliche Werte" einführen wollten. Laut dem Partriarchen Kirill "maskiert das Konzept der Menschenrechte Lügen, Unwahrheiten und beleidigt religiöse und nationale Werte". Hisbollah und Al Kaida belegen Menschenrechtsaktivisten mit ähnlichen Vorwürfen, damit seht er also in guter Gesellschaft, denke ich."

Merkur (Deutschland), 01.07.2014

In einem sehr lesenswerten Text räumt Hannes Bajoh mit völlig veralteten Vorstellungen von digitaler Literatur auf. Hypterext, Rhizome, nichtlineares Erzählen sind Schnee von gestern, und selbst die in die Bildende Kunst spielende Google-Poesie, Stephen McLaughlins Puniverse oder Douglas Couplands in Acryl gemalte, QR-Code-Lyrik bleiben spärliche Vorstöße: "Womöglich haftet flarf und ähnlichen Experimenten, die das Internet zur Textproduktion heranziehen, wie etwa twitlit, wo Twitter zum literarischen Operationsfeld wird, noch etwas Allzuwörtliches an, das es leicht macht, sie zu ignorieren. Sie fischen nur die Oberfläche des Internet ab, ohne sich an die Untiefen des Digitalen zu wagen. Das Internet ist auch Google, ist auch das Stimmengewirr der sozialen Netze, aber darin erschöpft sich das Digitale nicht. Wie es in der Gegenwartskunst den Unterschied zwischen net art und digital art gibt, sollte man auch Netzliteratur von digitaler Literatur trennen. Das eine sind Schnappschüsse eines kulturellen, linguistischen und technologischen Augenblicks, der sich in der Geschwindigkeit verändert, mit der Meme und Plattformen auf- und wieder abtauchen; das andere sind Versuche, die Affektorganisation und Weltwahrnehmung durch das Digitale überhaupt darzustellen."

Hat die CIA das Creative Writing erfunden? Eric Bennett erzählt die Geschichte des Iowa Writers" Workshop, der in den dreißiger Jahren junge AutorInnen aus aller Welt in die USA holen sollte und den Boom für Kreatives Schreiben losgetreten hat: "Keinem anderen Programm wurde von der Asia Foundation, dem Außenministerium und der CIA solches Interesse entgegengebracht. Und der Niedergang der Unternehmung "Kreatives Schreiben" muss zumindest teilweise von diesem Unterschied herrühren."

Weiteres: Jens Soentgen erzählt die Geschichte der deutschen Kunstgummi-Produktion. Edith Lynn Beer setzt ihre Erzählung aus der Bukowina fort.
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Archiv: Merkur

New York Magazine (USA), 30.06.2014

Vor 25 Jahren lief die erste "Seinfeld"-Folge. Für Matt Zoller Seitz ein Meilenstein der TV-Geschichte. Aber was genau macht "Seinfeld" eigentlich so einzigartig? "Vor "Seinfeld" gab es einfach keine Sitcoms mit derart egoistischen Charakteren, die ihre Mitmenschen als Mittel zum Zweck oder Hindernis ansahen, während sie ihre eigenen Tricksereien mit zynischer Abgeklärtheit betrachteten. Davids Ethos des Nichtslernenwollens wurde insofern zum Mantra des Mediums, als es die Sitcom-Autoren ermutigte, authentisch zu sein, gleich, wie ihre Vorstellung auch aussah, und sich nicht zu sehr damit aufzuhalten, ob das, was die Charaktere sagen und tun, auch korrekt ist."

Außerdem: Boris Kachka fragt sich, was Ellar Coltrane nun anfängt, nachdem er 12 Jahre seines Lebens Richard Linklaters "Boy" war. Und in der Cover Story findet Andrew Rice heraus, wer in New York die ganz fetten Immobilien einkauft? Schwerreiche ausländische Investoren mit Geldkoffern.
Stichwörter: Seinfeld, Sitcom

Eurozine (Österreich), 25.06.2014

Geleitet von der Frage ob Filme eine Metapher für eine seltene und vor allem gänzlich eigene Art von Wahrheit sein können, stellt der finnische Autor Kristian Blomberg eine Collage von Ideen über Authentizität sowie das Erinnerungspotential und Gedächtnis von (bewegten) Bildern zusammen. Diachron, entscheidende Wegmarken - wie Eadweard Muybridge, Marcel Proust und Roland Barthes - abschreitend, zeichnet Blomberg die Entwicklung in der Wahrnehmung von "Realitäts"-Abbildungen nach: "Natürlich besteht ein Film selten aus einem Schnitt(Take). Die Frage ist, ob die Wahrheit, die dem Film anhaftet, bestehen bleibt, wenn man die einzelnen Schnitte, aus denen sich der Film als Ganzes konstituiert, betrachtet. Nach Barthes tilgt die kinematografische Zeit die Erfahrung eines "damals". Dieses wurde ersetzt durch eine eingeschränkte Realität, in der der Menschen und Ereignisse verbindende Symbolismus - beispielsweise die abgekauten Fingernägel oder Falten um die Augen auf die Maserung der verblichenen Holzwand im Hintergrund abgestimmt sind - vereint. Im Film aktivieren (oder triggern) solche Details nicht die Phantasie. Wenn die Kamera (oder die Sprache) diese aber aufnimmt, verwandeln sie sich in Symbole, Motive oder Risse. So wie wenn Schauspieler vergessen ihre Armbanduhr abzunehmen, bevor sie vor der Kamera römische Soldaten darstellen."

Außerdem: Timothy Snyder und Tatiana Zhurzhenko haben Tagebucheintragungen und Erinnerungen verschiedener ukrainischer Maidan-Aktivisten gesammelt.
Archiv: Eurozine

New York Review of Books (USA), 10.07.2014

In seinem Buch über Jeff Bezos und sein "Everything Store" beschreibt Brad Stone, wie Amazon die Verlage vor sich her treibt, um ihnen immer mehr Zugeständnisse abzuverlangen (in Bezos Worten: "wie ein Gepard eine lahme Gazelle"). Steve Coll sieht dennoch wenig Chancen für ein Antitrust-Verfahren, denn seit dem Verfahren gegen A&P, das mit ähnlichen Methoden agierte, habe sich die Ökonomie komplett verändert: "Auf der politischen Linken kam die Bewegung für die Rechte der Konsumenten als Reaktion auf unsichere Autos und die industrielle Umweltverschmutzung auf. Im Kampf gegen mächtige Konzerne setzte die Bewegung eher auf Konsumenten als auf kleine Firmen. Auf der Rechten bastelten die Ideologen des freien Markts an ihren Think Tanks und langfristigen Strategien, um Regulierungen aller Art zu verhindern und die Reichweite der einst fortschrittlichen Antitrust-Gesetze zu verringern. Große Konzerne perfektionierten ihr Lobbying in Washington, während kleine Buchläden und Einzelhändler mitansehen mussten, wie ihr Einfluss auf die Politik und die amerikanische Vorstellungswelt schwand. Heute spaltet sich die ökonomische Landschaft der USA in zwei Teile: die gestärkten, aber atomisierten, flatterhaften Konsumenten vor ihren Bildschirmen und die globalisierten, hochprofitablen Konzerne, die ihnen alle Wünsche erfüllen wollen."
Stichwörter: Amazon, Jeff Bezos, Washington

Magyar Narancs (Ungarn), 12.06.2014

Rita Szentgyörgyi unterhält sich mit dem Filmregisseur Kornél Mundruczó über dessen Film "Weißer Gott", der in diesem Jahr in Cannes als bester Film in der Reihe "Un certain regard" ausgezeichnet wurde (in der FAZ fand Verena Lueken den Film viel besser als den neuen Cronenberg). Es ist ein Film über einen Mischlingshund, den seine Besitzerin, ein junges Mädchen, aussetzen muss, weil ihr Vater die hohe neue Steuer für Mischlingshunde nicht bezahlen will. Auf der Straße schließt sich der Hund mit anderen zusammen und es kommt zu einer Revolte gegen die Menschen. "Dieser Film ist eine Metapher", sagt Mundruczó. "Sicherlich ist es wichtig, dass eine Diskussion über den Film stattfindet. (...) In Cannes ist es gelungen. Vor den Kinos stand das Publikum in Schlangen, in einer Woche sahen sieben bis achttausend Menschen den Film, was die durchschnittliche Besucherzahl eines Autorenfilms in Ungarn entspricht. Sie wollten es dort verstehen und wollten darüber sprechen. Wir können nur hoffen, dass dies auch in Ungarn der Fall sein wird."

The Atlantic (USA), 01.07.2014

In The Atlantic skizziert der afghanische Journalist Mujib Mashal das Erbe, das Präsident Hamid Karzai seinem Nachfolger hinterlässt. Karzai hat viele verfeindete Gruppen versöhnt und die Gesellschaft auf den Weg der Modernisierung geschoben. Das Problem dabei ist, so Mashal: Seine Politik beruhte fast vollständig auf persönlichen Beziehungen. Stabile Institutionen hat er nicht aufgebaut: "Meine Altersgenossen - ausgebildete Städter, die mit der Welt verbunden sind und Meinungsfreiheit genießen - empfinden eine wachsende Nostalgie für Karzai. Er wird als Mann mit großer persönlicher Würde eingeschätzt, der trotz seiner Fehler alles versucht hat, das Blutvergießen zu verringern, in das meine Generation hineingeboren wurde. Unser Afghanistan ist geformt von den Prinzipien, die Karzai als wesentlich und unverhandelbar ansah. Aber wegen seines Führungsstils erscheinen diese Fortschritte jetzt gefährdet. Unter Karzai konnte eine relativ freie Presse aufblühen, aber immer wenn sie bedroht wurde, wurden diese Angriffe nicht von den Institutionen abgewehrt oder neuen Gesetzen, sondern vom Präsidenten selbst. Dasselbe kann man für Frauenrechte sagten, die enorm verbessert wurden, aber ohne den Schutz institutioneller Wächter blieben."
Archiv: The Atlantic

Guardian (UK), 28.06.2014

Susan Pedersen blickt mit Helen McCarthys "Women of the World" auf die vergeblichen Kämpfe britischer Diplomaten zurück, Frauen aus dem Foreign Service rauszuhalten: "Viel Zeit wurde auf das Problem "betrunkener Seeleute" verwandt (mein persönlicher Favorit): Die Frage, ob Frauen mit unbändigen Einheimischen und streitsüchtigen Briten zurechtkommen würden, denn Matrosen nahmen in den Konsulaten viel Zeit in Anspruch. Und es gab das Problem des diplomatischen Ehemanns - die Angst, das weibliche Beamte an Männer mit lockerer Zunge geraten könnten, die - anders als nützliche Frauen, nicht kontrolliert werden könnten."

Weiteres: Mancher Humor ist gar nicht original britisch, sondern römisch, lernt Mary Beard beim Blick in die antike Witzesammlung "Philogelos". Allerdings fragt sie sich mit Unbehagen, ob die Kalauer über Kreuzigungen damals wirklich für witzig gehalten wurden. Isabel Hilton empfiehlt nachdrücklich den neuesten Roman "I am China" der chinesischen Autorin Xiaolu Guo, die seit 2002 im britischen Exil lebt und mittlerweile auf Englisch schreibt.
Archiv: Guardian
Stichwörter: Frauenemanzipation

Gatopardo (Kolumbien), 27.06.2014

"Debütantinnenball." Arturo Lezcano berichtet von dem aberwitzigen Luxus, mit dem die neuen brasilianischen Eliten ihren weiblichen Nachwuchs in die Gesellschaft einführen: "Alle 27 Minuten gibt es in Brasilien einen neuen (Dollar)Millionär. Waren es 2013 noch 221.000, sollen es 2017 bereits 675.000 sein. Wie ist es da noch möglich, sich von der Masse (der Millionäre) abzuheben? Etwa durch Veranstaltung einer möglichst spektakulären Feier zum 15. Geburtstag der Tochter. Nach Angaben von Abrafesta, dem brasilianischen Verband der Eventveranstalter, machen die Ausgaben hierfür mittlerweile etwa ein Drittel des in den letzten fünf Jahren um 400 Prozent gestiegenen Partymarktes in Höhe von siebeneinhalb Milliarden Dollar aus. Entscheidend dabei ist letztlich, welchen Nachhall die Veranstaltung in den sozialen Netzwerken auslöst: Bloß reich sein reicht nicht mehr, alle müssen es wissen. "Welche Netzwerke benutzt ihr?", frage ich die feiernden Mädchen. "Instagram, Twitter, Snapshot." "Und Facebook?" "Facebook war gestern: Wenn auf einmal dein Großvater im Netz auftaucht, stimmt irgendwas nicht.""
Archiv: Gatopardo

Tablet (USA), 26.06.2014

Vladislav Davidzon schreibt eine wunderbare Hommage auf die "noble Frechheit" des Bernard-Henri Lévy, der bei näherem Hinsehen wohl als die exotischste Figur des aktuellsten Geisteslebens gelten darf. Er beschreibt ihn als "zeitweiligen Berufsrevolutionär", ja "freelance Stateman", der eine parallele französische Außenpolitik betreibt, und als einen Verteidiger eines altmodischen Ehrbegriffs aus dem 18. Jahrhundert, der unter europäischen Intellektuellen längst démodé ist. Mit Bewunderung schildert er überdies, mit welcher Unbefangenheit sich Lévy (der ja in Algerien geboren wurde und seine Kindheit in Marokko verbrachte) in der muslimischen Welt bewegt: "Erst jetzt bemerkte ich, dass dieser makellose Franzose, und offen bekennende Jude, dieser unerschrockene Bon vivant, auch eine tiefe Verbundenheit zur arabischen Kultur hat. Die meisten seiner Engagements und ganz sicher die leidenschaftlichsten - von Afghanistan bis Libyen und von Pakistan bis Bangladesch - galten muslimischen Ländern. Er war wohl der größte Fürsprecher der Muslime Bosnien-Herzegowinas und ihres Präsidenten Alija Izetbegović.... Während der libyschen Invasion legte er wert darauf, dass alle Rebellen über sein Judentum informiert waren. Er fühlt sich wohl in der muslimischen Welt, weit wohler als die meisten europäischen Intellektuellen, die darüber sprechen, oder dort intervenieren wollen, oder nach Entschuldigungen für sie suchen."
Archiv: Tablet

MicroMega (Italien), 25.06.2014

Nichts macht Kräfte der Beharrung froher als vermeintliche Revolutionäre auf dem Rückweg zum Status quo. In Italien hat ein Kollektiv angeblich libertärer Hacker namens Ippolita ein Pamphlet gegen das Netz verfasst, das Micromega begeistert zitiert: "Das Internet macht uns nicht weiter und bereichert uns nicht. Google macht die Welt nicht demokratischer. Facebook macht uns nicht besser. Apple macht uns nicht kreativer. Amazon gibt uns keiner größere Auswahl. Twitter ist nicht unser Ohr für kommende Revolutionen. Sie sind nur ein Grüppchen von Protagonisten, die neuen Herren Digitaliens, die großen Mediatoren der Information, die den Raum in immer homogenere Unternetze aufteilen." Im Auszug bei Micromega fehlt leider der Ausblick der Autoren: Sollen wir Google enteignen?
Archiv: MicroMega

New York Times (USA), 29.06.2014

In einem Beitrag des neuen Hefts stellt Kim Tingley die In-vitro-Fertilisation der nächsten Generation vor, bei der Mitochondrien-DNA einer dritten Person in die Eizelle der Frau eingebracht wird, um die Chancen der Befruchtung zu erhöhen. Für viele wird damit eine rote Linie hin zum Designkind überschritten: "Das Ziel ist nicht, Unfruchtbarkeit zu heilen, sondern durch DNA-Mutation verursachte Erkrankungen zu verhindern. Die in den USA und Großbritannien erprobte Technologie ("mitochondrial-replacement therapy") ist weitaus fortschrittlicher als herkömmliche Cytoplasma-Injektion und wurde an tierischen und menschlichen Zellen erprobt, und zwar bis zu dem Punkt, wo lebensfähige Embryonen mit drei Eltern tatsächlich möglich wären. Man bräuchte sie bloß noch einer Frau einzupflanzen; noch verbietet dies das Gesetz … Die Verteidiger der Technologie streiten allerdings ab, dass sich mit ihr Babys designen ließen. Die Risiken seien die gleichen wie in der herkömmlichen Reproduktionsmedizin. Aber geht es um Technologie oder vielmehr um die Unantastbarkeit der DNA? Blockieren unsere Befürchtungen die Chance, das Leben von Menschen zu verbessern, und wenn ja, sind die Befürchtungen selber etwas, was uns Angst einjagen sollte?"
Stichwörter: Reproduktionsmedizin