Szene aus Maria Lazars "Die Eingeborenen von Maria Blut" am Wiener Burgtheater. Foto: Susanne Hassler-Smith
"Katholizismus und Nationalsozialismus gehören in Österreich irgendwie fest zusammen." Das erkannte lange vor Thomas Bernhard schon die Autorin Maria Lazar, erinnert in der NZZ Bernd Noack anlässlich von Lucia Bihlers Adaption des Lazar-Romans "Die Eingeborenen von Maria Blut" am Wiener Burgtheater. Die jüdische Wienerin hatte mehrere Romane geschrieben, musste jedoch in den dreißiger Jahren fliehen und nahm sich 1948 im Exil in Stockholm das Leben. Jetzt wird sie in Österreich wiederentdeckt. Und wie schon Lazars "Der Henker" vor vier Jahren schlägt dem Kritiker auch "Die Eingeborenen von Maria Blut" aufs Gemüt: "Die extreme Künstlichkeit, in die Lucia Bihler im Wiener Akademietheater die Figuren stellt, verstärkt das Beklemmende noch. Der Tratsch der gesichtslosen Unschuldigen schwillt an zum Bocksgesang, sie verstecken sich hinter ihrer Anonymität, fühlen sich in Sicherheit, wenn ihnen Querdenker, Verschwörungstheoretiker, Heilsbringer und schwadronierende Visionäre das Blaue vom Himmel versprechen: Im Dorf soll 'Raumkraft' produziert werden, und keiner weiß, was das ist. Man vertraut blind und dumm, denn die Jungfrau wird es schon richten in ihrem österreichischen Lourdes."
Die Münchner Kammerspiele sind in der Krise, das Publikum läuft ihnen weg. In der SZ macht Christine Dössel den "Kurs wokerpolitischer Theaterkorrektheit" von Intendantin Barbara Mundel und Kulturreferent Anton Biebl dafür verantwortlich: "Ästhetisch und inhaltlich ist vieles sensationell dürftig. Langweilig, vordergründig, sofort durchschaubar. Das Gros der Inszenierungen begnügt sich damit, Botschaften zu vermitteln, queere, feministische, antirassistische Positionen zu vertreten oder - Lieblingswort - zu 'empowern'. Oft genug werden dabei vor einem eh schon überzeugten Publikum weit offene Türen eingerannt, so wie in dem Stück 'Das Erbe': peinsames Leitartikel- und Betroffenheitstheater vor dem Hintergrund der rassistischen Anschläge in Mölln. Selbst die zum Theatertreffen eingeladene 'Nora', eine Ibsen-Überschreibung, ist geprägt von dieser Offensivhaltung, mit der die Figuren ihre Stimme erheben und sich selbst erklären. Platz für Feinheiten, Brüche, Abgründigkeit: nein."
Besprochen werden noch Rieke Süßkows Adaption von Ferdinand Schmalz' Roman "Mein Lieblingstier heißt Winter" am Schauspiel Frankfurt (FR), Lilja Rupprechts Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" Schauspiel Hannover (nachtkritik) und Thomas Bockelmanns inszenierung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" am Hessischen Landestheater in Marburg (FR).
"Parsifal" am Goehteanum. Bild: Maik Mühlbrandt. Fasziniert ist NZZ-Kritiker Christian Wildhagen von Jasmin Solfagharis Inszenierung des "Parsifal" am Goetheanum in Dornach, dem Sitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, deren Gründer Rudolf Steiner ein großer Wagner-Fan war. Steiners anthroposophische Ideen findet der Kritiker in der Inszenierung kaum wieder, dafür die Eurythmie: "Die insgesamt 36 Mitglieder des Stuttgarter Else-Klink- und des Dornacher Eurythmie-Ensembles zeichnen nicht nur die Spannungskurven der Musik mit ihrer fließenden Körpersprache nach, sie begleiten als emotionale Spiegelfiguren auch einzelne Protagonisten. Vor allem aber verkörpern sie, im Wortsinne, die zentralen Requisiten des Stücks, nämlich die Gralsschale und den heiligen Speer, die in modernen Inszenierungen oft zum ästhetischen Problem werden. Hier gibt es diese ideell über und über mit Bedeutung aufgeladenen Gegenstände nur in der symbolischen Darstellung durch die Eurythmisten - ein kluger Schachzug, der zugleich auf Steiners Postulat einer immateriellen Welt hinter allem Materiellen verweist." Tagesspiegel-Kritiker Bernhard Doppler fehlte es an kritischer Distanz zu Wagner, er ließ sich aber gern von der Musik "umfluten".
Ulrich Seidler stellt in der Berliner Zeitung Peter Laudenbachs Buch "Volkstheater" vor, in dem Laudenbach beklagt, dass die meisten Angriffe auf die Kunstfreiheit von Rechts kommen. Er stützt sich dabei auf Vorkommnisse und Daten, die der linke Verein "Die Vielen" gesammelt hat: "Der subventionierte Kulturbetrieb wird als Feindbild markiert, bietet in seiner Offenheit eine Angriffsfläche und gerät zunehmend unter Legitimationsdruck. Das gilt allgemein, richtet sich aber auch gegen konkrete Personen, deren Privatadressen durch die sozialen Medien verbreitet, deren Auftritte gestört, deren Autos abgefackelt werden. Die vielen Akteure bilden laut Laudenbach eine Bedrohungsallianz, die wesentlich besorgniserregender ist als 'die echte oder vermeintliche Beschädigung der Kunstfreiheit durch eine Cancel Culture', die 'die Feuilletons häufig, ausführlich und in vielen Variationen beschäftigt'."
Besprochen werden das Tanzstück "T.I.M.E." des Xiexin Dance Theatre aus Shanghai im Staatstheater Darmstadt (FR), Andreas Dörings Bearbeitung von Bachtyar Alis Roman "Die Stadt der weißen Musiker" für das Theater Celle (taz), Lonny Prices Inszenierung von Leonard Bernsteins "West Side Story" an der Alten Oper Frankfurt (FR), Richard Strauss' "Die Frau ohne Schatten" bei den Osterfestspielen in Baden-Baden (van), Emanuel Gats Tanzstück "Träume" bei den Osterfestspielen in Salzburg (Standard), Karl Barratas Inszenierung von Daniel Wissers Stück "Unter dem Fußboden" in der Theaterarche Wien (Standard) und die Uraufführung von Christian Josts Oper "Reise der Hoffnung" in Genf (van).
Szene aus "König Lear". Foto: Armin Smailovic "So geht Shakespeare im 21. Jahrhundert", jubeltNachtkritiker Stefan Forth, nachdem er am Hamburger Thalia Theater in Jan Bosses Inszenierung einen genderfluid kostümierten König Lear, der Strukturen von Machtmissbrauch unabhängig von Geschlecht mit viel Glamour und Glitzer in Frage stellt, gesehen hat: "Mal schweben dutzende Glühbirnen von der Decke und sorgen für schummriges (Sternen-)Funzellicht, dann lässt im Moment der größten Katastrophe eine Armada weißer Tischtennisbälle an fette Hagelkörner einer Naturgewalt oder an brutal herausgerissene Augäpfel denken. Und die Discokugel taugt im Zweifel ebenso als Unterschlupf in einer unwirtlichen, stürmischen Nacht draußen auf der Heide wie als fulminantes Bild einer sinnbefreiten, kalten Erde." Leicht genervt von Bosses bedingungslosem Unterhaltungswillen hat Till Briegleb in der SZ zumindest an Wolfram Koch als Lear Freude. Auch wenn das Grenzen hat: "So brillant er die aufbrausende Naivität, die missglückende Staatsräson in der Disco, den nutzlosen Mann in ständiger Selbstüberschätzung spielt, so wenig erkennt man in ihm den gefährlichen Herrschertypus, der Gewaltpolitik aus persönlicher Kränkung forciert." In der FAZ lässt Irene Bazinger das Stück "seltsam kalt".
Vergangene Woche wurde Avishai Milsteins Stück "Die Friedensstifterin" über eine deutsche Cellistin im Gaza-Streifen in der Inszenierung von Josua Rösing am Staatstheater Kassel uraufgeführt. Es ist ein Stück, das einen Kulturbetrieb aufs Korn nimmt, "der seine tiefsten Gefühle immer dann entdeckt, wenn es um Israel und die Juden geht", schreibt Jakob Hayner, der mit Milstein in der Welt auch über Antisemitismus und die Vorwürfe gegen Wajdi Mouawads Stück "Die Vögel" (Unsere Resümees) gesprochen hat: "Das ist eine groteske Mode. Ich habe 'Vögel' drei Mal gesehen, in Deutschland und Österreich, das kam mir nicht wie ein antisemitisches Stück vor. Es ist ein Trend, den Antisemitismus in solchen Texten zu suchen und zu vergrößern. Das kann ich nicht ernst nehmen. Und es tut mir leid, dass Leute darauf hineinfallen." Dass die "Menschen in Deutschland antisemitisch denken", habe er schnell gelernt. "Die europäische Kultur hat sich seit Tausenden Jahren mit Antisemitismus vollgesogen. (...) Wenn ich hier leben will, muss ich mich mit dem Antisemitismus abfinden. Und ich weiß, dass eine antisemitische Bemerkung nicht dieGaskammer von Auschwitz ist."
Außerdem: Für die tazspricht Robert Matthies mit Branko Šimić, Leiter des Hamburger Krass-Festivals, das Leben von Rom*nja und Sinti*zze in Europa in den Mittelpunkt stellt. Berndt Schmidt bleibt bis 2029 Intendant im Friedrichstadt-Palast, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. In der FAZdenkt Boris Motzki darüber nach, weshalb Joseph Roths Romane so oft für das Theater adaptiert werden.
Besprochen werden Manuel Schmitts Inszenierungen von Benjamin Brittens Kirchenparabeln "The Prodigal Son" und "The Burning Fiery Furnace" in der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot (FR), das Stück "lil'pieces - Body Particles" der Lil'Luke Dance Company im Frankfurter Gallustheater (FR), Jessica Glauses Stück "Female Peace Palace" an den Münchner Kammerspiele (taz), Sergio Morabitos Inszenierung von Monteverdis "Il ritorno d'Ulisse in patria" an der Wiener Staatsoper (Standard), Laura N. Junghanns Inszenierung von Nava Ebrahimis "Die Cousinen" am Wiener Volkstheater (Standard), Ricky Simonds' und Simon Vaughans Berlusconi-Rockoper "I am the Jesus Christ of politics" im Southwark Playhouse Elephant in London (NZZ), Søren Nils Eichbergs Inszenierung von Margaret Atwoods "Oryx and Crake" am Staatstheater Wiesbaden (nmz), Romeo Castelluccis "Tannhäuser" bei den Osterfestspielen in Salzburg (nmz) und Ricardo Fernandos Inszenierung von Henry Purcells Shakespeare-Adaption "The Fairy Queen" am Staatstheater Augsburg (nmz).
Szene aus "Tannhäuser". Bild: Monika Rittershaus Mit seinem "Tannhäuser" bei den Salzburger Osterfestspielen straft Jonas Kaufmann, der in Romeo CastelluccisInszenierung sein Rollendebüt gibt, "jene Unkenrufe Lügen, die mitunter behaupten, es gebe keineWagner-Tenöre mehr", staunt Egbert Tholl in der SZ. Und das trotz Andris Nelsons oft schleppender "schattenhafter Klangverweigerung", fährt Tholl fort: "Es ist berückend zu erleben, mit welcher Sorgfalt sich Jonas Kaufmann auf diese Partie vorbereitet hat. Man versteht jedes Wort, weil er jedes Wort denkt. Die Höhe hat er, mal mit Kraft, mal mit Überlegenheit, er weiß inzwischen längst, wie er das Fundament seines baritonal grundierten Timbres farbenreich gestalten kann." Im Standardlobt Ljubisa Tosic diesen "Tannhäuser" wegen der Unbestimmtheit Castelluccis: "Die Uneindeutigkeit seiner Ideen ist zweifellos eine Magiequelle seiner Arbeiten. Er ist der Bilder malende Regisseur, der assoziative Gestalter szenischer Gemälde, deren Charisma aus dem Poetischen ebenso schöpft wie aus dem Drastischen." Weitere Besprechung in der FAZ.
"Pointen, Pobacken und Posaunenpupse" bekommt Simon Strauss in Antú Romero Nunes'Inszenierung von Nona Fernández' Stück "Molière - der eingebildete Tote" in Basel geboten - und ist dabei rundum glücklich. "Eine dringend nötige Befreiung des Theaters von allen winterlichen Schwermut- und Tiefsinnsexzessen", jubelt er: "Nunes setzt dem Basler Bürgerpublikum selbstbewusst eine herzhafte Portion Comédie Française vor, eine molièrehafte Mogelpackung über Molière", dessen "Eingebildeter Kranker" hier als Treppenwitz erzählt werde, in dem Moliere als Geist herumspukt: "Während seine Truppe um ihren legendären Maestro trauert, während sie ihn zu Grabe trägt, das Glas auf ihn erhebt und - typisch wankelmütiges Schauspielergemüt - sich gleichzeitig von seinem ärgsten Widersacher verführen lässt, während sich all das zuträgt und sein Nachruhm droht, den Bach herunterzugehen, steht der untote Molière dabei und begreift nicht, was um ihn herum geschieht."
Außerdem: Florentina Holzinger ist mit ihrem Stück "Ophelia's Got Talent", das im September Premiere an der Volksbühne hatte (Unsere Resümees) zum Theatertreffen eingeladen, für den Standard hat deshalb Stephan Hilpold mit Holzinger über Lust an der Provokation und Geschlechtervorstellungen gesprochen.
Besprochen werden: Lydia Steiers Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Die Frau ihne Schatten" bei den Osterfestspielen in Baden-Baden ("Dieses schwere Stück lächelt. Ein Opernfest der Extraklasse", schreibt Eleonore Büning im Tagesspiegel, "Große Musik, mangelhafte Inszenierung", meint Jan Brachmann in der FAZ, weitere Besprechungen: FR), Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Funny-van-Dannen-Liederabend "Forever Yin Forever Young" am Deutschen Theater (Tagesspiegel), Christoph Mehlers Inszenierung von Erich Kästners "Fabian" am Staatstheater Darmstadt (FR) , das Stück "Hear Eyes Move. Dances with Ligeti" der Compagnie Making Dances beim Tiroler Opernfestival (Standard),Markus Olzingers und Elisabeth Sikoras Inszenierung "Briefe von Ruth" beim Musical-Frühling in Gmunden (Standard), Bernhard Mikeskas Inszenierung "Going Home :: Wer ist Gerda?" am Mecklenburgischen Staatstheater (nachtkritik), Grzegorz Layers Inszenierung "Der Widerspenstigen Zähmung" am Theater Freiburg (nachtkritik), Rikki Henrys Inszenierung von Anton Tschechows "Onkel Wanja" am Theater Dortmund (nachtkritik), Jonas Knechts Inszenierung "Selig sind die Holzköpfe!" am Theater St. Gallen (nachtkritik), Ulrich Rasches "Johannes-Passion" an der Staatsoper Stuttgart (nachtkritik), Mateja Koležniks Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Wiener Burgtheater (Welt) und Jessica Glauses "Anti War Women - Wie Frauen den Krieg bedrohen" an den Münchner Kammerspielen (SZ).
Szene aus "Bilder von uns". Foto: Arno Declair Christian Stückl braucht nur wenige Striche, um in seiner Inszenierung von Thomas Melles "Bilder von uns" am Münchner Volkstheater das ganze Ausmaß sexuellen Missbrauchs an katholischen Einrichtungen zu skizzieren, staunt Egbert Tholl in der SZ. Melle ging es vor allem darum, zu erzählen, was der Missbrauch im Inneren der Opfer anrichtet, Stückl, der selbst einige Jahre am Kloster Ettal verbrachte, inszeniert den Text "kühl, analytisch, in jeder Geste, jedem Ton wahr", lobt Tholl: "Es gibt bei Melle keine Anleitung, wie sich Opfer richtig verhalten könnten. Das wäre auch degoutant, alles erscheint falsch und manches möglicherweise richtig. Und auch Christian Stückl macht gar nichts anderes, als vier Haltungen, die in sich permanent changieren, mit äußerster Klarheit auf die Bühne zu bringen. Daraus entsteht ein Erkenntniskrimi, wenn sich die vier mühevoll, schmerzhaft, immer wieder auch verneinend, abwiegelnd in die eigene Erinnerung hineinbewegen. Soll man das, was man dort findet, ans Licht holen?" Zu "eindimensional" findet indes Nachtkritikerin Christa Dietrich die Inszenierung.
Besprochen werden "Linie 1", eine musikalische Revue von Volker Ludwig unter der Regie von Tim Egloff am Berliner Gripstheater (nachtkritik), Markus Öhrns Inszenierung "Szenen einer Ehe" nach dem Film von Ingmar Bergman am Wiener Volkstheater (nachtkritik, Standard),Alexander Eisenachs Inszenierung des "Götz von Berlichingen" am Münchner Residenztheater (nachtkritik, SZ), Tom Kühnels Stück "Forever Yin Forever Young. Die Welt des Funny van Dannen" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik), Armin Petras' Inszenierung von Fritz Katers "blut wie fluss" am Theater Bonn (nachtkritik), Jessica Glauses "Anti War Women - Wie Frauen den Krieg bedrohen" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik) und Andrea Amorts Tanzsstück "Glückselig. War gestern, oder?" im Brut Theater Wien (Standard).
Szene aus "Die gefesselte Phantasie" am Burgtheater in Wien. Foto: Matthias Horn. Köstlich amüsiert hat sich Standard-Kritiker Stephan Hilpold mit Herbert Fritschs Inszenierung von Ferdinand Raimunds Stück "Die gefesselte Phantasie" am Wiener Burgtheater. Fritsch hat das Stück in gewohnter Manier mit "grellem Slapstick" angereichert, aber so anarchisch hat Hilpold das noch nie erlebt. Betört ist er vor auch von der Hauptdarstellerin: "In Gestalt von Maria Happel ist diese Hermione zum Anbeißen gut. Die Krone rutscht ihr von den Lockenwicklern, die Pausen in ihren Versen setzt sie gekonnt falsch. Mit Bless Amada als geheimem Liebhaber hat sie zudem einen Mitspieler, der mindestens genauso verstrahlt ist wie sie selbst. Mit einem multilingualen Gedichtungetüm erobert der unerkannte Königssohn ihre Hand, bevor die zwei schlussendlich der grenzenlosen Liebe huldigen." Ein bisschen wie im Drogenrausch hat taz-Kritiker Uwe Mattheis den Abend erlebt und ist noch ganz erhitzt: "Fritschs Hochtemperaturtheater gelingt es, den Zuckerguss einzuschmelzen und darin einstige plebejische Lebenslust und die natürliche Missachtung weltlicher und geistlicher Autorität freizusetzen."
Der Intendant der Staatsoper Unter den Linden, Matthias Schulz, erklärt im Interview mit der Berliner Zeitung, warum Anna Netrebko wieder an der Staatsoper singen darf: "Sie hat sich in der Zwischenzeit, soweit es ihr möglich ist, mit einem Statement von dem Angriffskrieg auf die Ukraine distanziert und vor allem ihr Handeln in den letzten Monaten war kongruent. Das war immer eine Grundvoraussetzung für eine Zusammenarbeit. Ich finde man muss dieser Künstlerin dann auch eine Chance geben. ... Ich hatte ein Gespräch mit ihr und mein Eindruck war, dass ihre Distanzierung authentisch ist und wir mit ihr als Künstlerin wieder zusammenarbeiten können."
Weiteres: Im Tagesspiegelstellt Frederik Hanssen das neue Programm der Deutschen Oper Berlin vor. Besprochen werden Elmar Goerdens Inszenierung von Maxim Gorkis Stück "Sommergäste" am Josefstadt-Theater Wien (Standard), Maud Haddons und Céline Vajens Inszenierung von Katrin Schyns' Solostück "Valeska und ihre Schritte" im Theaterhaus Frankfurt (FR) und Wang Ping-Hsiang Inszenierung von Travis Jeppesens Stück "Ghosts of the Landwehrkanal" am Berliner Ringtheater (Tsp).
FAZ-Kritiker Werner M. Grimmel ist ergriffen von Christian Josts Oper "Voyage vers l'Espoir" im Genfer Grand Théâtre. Der Regisseur hat den gleichnamigen Film von Xavier Koller, der 2016 einen Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann, für die Bühne adaptiert. Der Stoff ist so aktuell wie erschütternd, schreibt Grimmel, erzählt wird die Flucht einer alevitisch-kurdischen Familie in die Schweiz. Die Inszenierung von Kornél Mundruczó und die musikalische Verarbeitung des Stoffes findet Jost ganz fabelhaft: "Unaufdringlicher Einsatz der Drehbühne und die magischen Beleuchtungskünste von Felice Ross ermöglichen rasch wechselnde Blicke auf die Handlung. In einem veritablen Lastwagen fährt der sympathische Matteo bis vor an die Rampe und nimmt die im strömenden Regen marschierende Familie mit. An der Schweizer Grenze ist ohne Pässe freilich kein Durchkommen. In einer verrauchten Spelunke wartet der Landsmann Haci Baba, ein Mafioso-Mephisto übelster Sorte, der für Haydars letztes Geld das Paradies verspricht. Die konzise Reduktion von Kollers Filmhandlung in Josts Oper lässt Raum für wirkmächtiges Erzählen in Tönen. Die sinfonisch konzipierte Partitur fordert ein großes Orchester mit viel Schlagwerk. Atmosphärische Farben und bewegte, häufig rhythmisch durchpulste Klangflächen schaffen einen reichen, manchmal dissonant eingetrübten Soundtrack."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelstellt Frederik Hanssen das Programm der letzten Saison des Intendanten der Berliner Staatsoper, Matthias Schulz, vor. Unterdessen macht sich Michael Maier in der Berliner ZeitungGedanken über die Nachfolge Barenboims an der Staatsoper. Andreas Hartmann unterhält sich für die FR mit Alexander Bernstein über dessen Vater Leonard Bernstein, dessen "West Side Story" Ostern an der Frankfurter Oper gespielt wird.
Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Moritz Eggerts Operette "Die letzte Verschwörung" unter der Regie von Lotte de Beer an der Wiener Volksoper (nmz), ein Gastspiel von Till Lindemanns Zirkusschau "The Greatest Comedian Freakshow" in Berlin (Tsp), Markus Öhrns Stück "Szenen einer Ehe" am Volkstheater Wien (Standard), Natalie Baudys Inszenierung von "Absence" im Wiener Kosmos-Theater (Standard), die Erinnerungen des Schauspielers Samuel Finzi (nachtkritik), Oliver Frljics Inszenierung von Heiner Müllers "Schlachten" am Gorki-Theater Berlin (SZ) und Marlon Tarnows Inszenierung von Martin McDonaghs "Der einsame Westen" am Anhaltischen Theater Dessau (FAZ).
Kampf und Rausch in Heiner Müllers "Schlachten" Foto: Ute Langkafel/Gorki-Theater Bewegt kommttaz-Kritiker Tom Mustroph aus Oliver Frljićs Inszenierung von Heiner Müllers Textcollage "Schlachten" am Berliner Gorki-Theater. Die Sprache sei poetisch, aber der Blick auf den Krieg finster: "Ein Kommandeur (Tim Freudensprung) nutzt die Selbstverstümmelung eines Untergebenen (Mehmet Yilmaz), um ein Exempel zu statuieren und die willenlose Horde Menschen unter ihm zu einem Bataillon zu schmieden. Schmiedehammer ist das Erschießungskommando, besetzt aus Kameraden des zum Tode Verurteilten. Der Rest der Truppe schaut zu. Es ist ein Initiationserlebnis. Ein Weg zurück, zu Recht und Moral des zivilen Lebens, bleibt denen, die mittun, und auch denen, die tatenlos zuschauen, nicht mehr. Der Rausch des Kampfes ist der einzige Ausweg. Frljic, aufgewachsen im Balkankrieg, dürften derartige Mobilisierungs- und Brutalisierungspraktiken vertraut sein."
Besprochen werden die Volksbühnen-Produktionen "Die Chor" und "Stechen und Sterben" zur Eröffnung des Prater-Studios ("irgendwie schrill und schaurig", notiert Irene Bazinger in der FAZ), Thomas Birkmeirs Inszeneirung von Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" am Freitag im Wiener Renaissance-Theater (Standard) und die Neuauflage des Grips-Klassikers "Linie 1" (Tsp).
Katharine Mehrling in "... und mit morgen könnt ihr mich!" an der Komischen Oper Berlin. Bild: Barbara Braun. Welt-Kritiker Manuel Brug hat noch selten so eine kraftvolle Performance von Kurt-Weill-Songs gesehen wie bei Barrie Koskys Liederabend "... und mit morgen könnt ihr mich!" an der Komischen Oper Berlin. Das liegt vor allem an einer sehr wandelbaren Katharine Mehrling, die "mit neun Kostümen und viel mehr Stimmen ihre eigene Power-Show ist. Die nie außer Atem kommt, die die Stille des 'blinden' wie des 'ertrunkenen Mädchens' traumverloren melancholieverbrämt auskostet, sich aber auch fast schreiend durch lauter neue 'Mackie Messer' Facetten rockt und der 'Seeräuber Jenny' rasante Schifffahrt schenkt." Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz musste sich vor lauter musikalischer Rasanz an ihrem Sitz festhalten: "Kai Tietje, der die Songs arrangiert hat, sorgt am Pult für schmissige Tanzrhythmen, mit Saxofon, E-Gitarre und opulentem Bigband-Sound. Ob orientalische Oboe mit Trommel, Slowmotion-Tango mit Flamenco-Einsprengseln bei der 'Zuhälterballade', Rumba oder Swing: Die Damen in der Reihe vor uns katapultiert es fast aus den Sitzen." Über minutenlange stehende Ovation berichtet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. In der FAZ bespricht Stephan Speicher Barrie Koskys gerade erschienene Autobiographie "Und Vorhang auf, hallo!": "In allem zeigt sich eine selbstverständliche, kindlich-jünglingshafte und niemals verlorene Freude an der Kunst und der Bühne. Der Vorhang geht auf, gleich geschieht etwas Wunderbares, und alle sind dabei."
Besprochen werden Rieke Süßkows Adaption von Ferdinand Schmalz' Roman "Mein Lieblingstier heißt Winter" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik, FAZ), Mateja Koležniks Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Burgtheater Wien (SZ) und Sabrina Sadowskas Inszenierung von Sergej Prokofjews "Cinderella" am Theater Chemnitz (FAZ).
Szene aus "James Brown trug Lockenwickler" am Residenztheater München. Bild: Sandra Then Die identitätspolitischen Themen in Yasmina Rezas Stück "James Brown trug Lockenwickler" greift Regisseur Philipp Stölzl in seiner Inszenierung am Residenztheater München mit bewundernswerter Leichtigkeit auf, freut sich Christine Dössel in der SZ. Das Stück handelt von einem Mann in der Psychiatrie, der glaubt, er sei Céline Dion, und von einem Weißen, der sich für schwarz hält. Auf Provokation kommt es Reza dabei nicht an: "Es ist ein menschenfreundlicher Theaterabend, der jedem das Seine und alles offen lässt. Er hat etwas unergründlich Bezauberndes. Man geht ein wenig verstört heraus. Nicht belehrt, sondern befragt, beschwingt, mit einem Nachklang. 'Moderne Harmonie. Mischung aus Großzügigkeit und Verwirrung', notierte Reza zu ihrem Stück. Das trifft es gut." FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier ist vor allem der Hauptdarsteller aufgefallen: "Philippe schaukelt in schwarzem Anzug mit kurzen Hosenbeinen, weißem Hemd und schwarz-weißen Lederschuhen im Park, Céline tritt als Diva im knallroten Trainingsanzug auf, mit meterlangem blauem Schal und Sonnenbrille. Leises Vogelgezwitscher. Vincent zur Linden spielt Céline bezwingend weiblich, nur gelegentlich ironisiert er die Figur."
Im Kongo geboren: Dieudonné Niangounas "Portrait Désir". Foto: Compagnie Les Bruits de la rue Als Abend voller Theatermagie erlebt eine überwältigte taz-Kritikerin Esther Boldt das Tanzstück "Portrait Désir" von Regisseur Dieudonné Niangouna und seiner Compagnie Les Bruits de la Rue im Frankfurter Mousonturm: "Es verwebt Biografien historischer Frauenfiguren Westafrikas und den Widerstand gegen Kolonisierung und Sklavenhandel mit europäischer Mythologie und fragt nach der Rolle der Frau in der Geschichte. Die Kindsmörderin Medea und die Seherin Kassandra treffen auf die westafrikanischen Königinnen Pokou und Nzinga und eben auch auf die Prophetin Kimpa Vita, die in einer fulminanten Szene den Kapuziner (Mathieu Montanier) umtanzt, als wolle sie einen Exorzismus an ihm vornehmen, während sie (Dariétou Keita) ihm klarzumachen sucht, wie anmaßend es sei, dem Kongo einen weißen, fremden Gott vorsetzen zu wollen: Gott sei vielmehr im Kongo geboren, und sie sei eine Frau!"
Besprochen werden Oliver Frljić Adaption von Heiner Müllers "Die Schlacht" am Gorki-Theater Berlin (nachtkritik, Tagesspiegel, Berliner Zeitung) Mateja Koležniks Inszenierung von Ödon von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Burgtheater Wien (FAZ), Moritz Eggerts "Die letzte Verschwörung" auch in Wien, an der Volksoper (Standard, FAZ), Stef Lernous Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" am Staatstheater Kassel (FR), Tilmann Köhlers Inszenierung von Pedro Calderón de la Barcas "Das Leben ist Traum" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Richard Siegals "Ballet of (Dis)obedience" in Köln (das SZ-Kritikerin Dorion Weickmann sehr innvoativ und herrlich ausgelassen findet), Bérénice Hebestreits Adaption von Lucy Kirkwoods Roman "Moskitos" am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik).