Szene aus "Tristan und Isolde" in Gent. Foto: Annemie Augustijns
Zwei fantastische Sänger - Samuel Sakker und Carla Filipcic Holm - in den Titelpartien hat nmz-Kritiker Joachim Lange in Wagners "Tristan und Isolde" in Gent gehört, aber angesichts der Inszenierung von Philippe Grandrieuxging ihm der Hut hoch: "Bevor Alejo Pérez den Taktstock für die ersten Töne des Vorspiels hebt, taucht im Dunkel der Bühne andeutungsweise eine Person auf und verschwindet wieder. Mit dem Einsetzen der Musik aber wird dann eine filmische Studie über den weiblichen Körperund seine Obsessionen im bühnenfüllenden Großformat auf einer Gazewand entfesselt. Ambitioniert verwackelt und unscharf wird das als ein Overkill des Begehrens mit oft offensiv gespreizten Schenkeln und Blick auf das Geschlecht, der Verkrümmung des Körpers, obendrein mit einem Dauerzittern zelebriert. So wie man manchmal den Doppeltitel Wagners auf 'Tristan' verkürzt, macht Grandrieux daraus 'Isolde'. Eigentlich einen 'Fall Isolde'. Könnte gut sein, dass es aber nur ein 'Fall Grandrieux' ist."
In der NZZ ist Lilo Weber froh, dass viele Bühnen, allen voran in Berlin, die Choreografien Marco Goeckes weiter zeigen. Goecke hatte seine Stelle als Ballettdirektor der Staatsoper in Hannover verloren, nachdem er einer Tanzkritikerin Hundekot ins Gesicht geschmiert hatte. Das ist kein Grund, ihn zu canceln, findet Weber, schließlich sei der Mann ja so begabt: "Goeckes Stück 'Petruschka' weiß nichts von der abstoßenden Tat des Hundekot-Werfers Goecke, und das nicht nur deshalb, weil es zu einer Zeit entstand, da sein Erschaffer für die Öffentlichkeit noch frei von Schuld war. Sondern vielmehr, weil sich Kunstwerke von ihrem Urheber loslösen und im besten Fall ein Eigenleben führen. Dann sprechen sie zu uns, vielstimmig, wenn sie gut sind, und vermögen in jedem andere Saiten zu berühren. Sofern wir uns - auch in einem moralisch schwierigen Fall wie diesem - darauf einlassen wollen. Genau das wollen offenbar die Tanzinteressierten. Ballettabende mit Goecke-Stücken sind derzeit auffällig gefragt, etliche Vorstellungen ausverkauft." Fragt sich nur, ob das wirklich mit Goeckes Choreografenkünsten zu tun hat.
Weitere Artikel: In der nachtkritikberichtet Andreas Thamm über Streit am Theater Bamberg vor dem Hintergrund der neuerlichen Vertragsverlängerung von Intendantin Sibylle Broll-Pape. In der FAZ fragt Jan Brachmann entgeistert, warum sich Bernd Loebe mit Lebenslauf und allem pipapo neu für die Leitung der Tiroler Festspiele in Erl bewerben soll, obwohl er sie seit 2018 erfolgreich leitet.
Besprochen werden Reiner Holzemers Dokumentarfilm über Lars Eidinger (nachtkritik) und die Uraufführung von Marc Schubrings Musical "Mata Hari" im Münchner Gärtnerplatztheater (nmz).
Nach den Antisemitismus-Vorwürfen jüdischer Studentenverbände (Unsere Resümees) hatte Regisseur Jochen Schölch seine Inszenierung von Wajdi Mouawads Stück "Die Vögel" am Münchner Metropoltheater stark überarbeitet, das wiederum untersagte nun die Agentur, die den libanesisch-kanadischen Autor weltweit vertritt. Jetzt wurde die Inszenierung endgültig aus dem Programm genommen, für Bernd Noack in der NZZ "ein weiteres Beispiel für das bedenkliche Ausmaß der Cancel-Culture". Dabei hatten zahlreiche prominente, auch jüdische Stimmen in Deutschland für die Wiederaufnahme plädiert: "StefanieSchüler-Springorum, Historikerin und Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung ... fragte sich, was passieren würde, wenn man dem Protest nachgäbe. Theaterstücke, die sich mit dem Nahostkonflikt oder auch mit dem Holocaust befassen, dürften dann wohl nicht mehr in Deutschland aufgeführt werden. Tatsächlich finden die Kritiker, die mit ihrem Protest die offene Auseinandersetzung verhindern, dass die deutschen Zuschauer nicht in der Lage sind, mit der Komplexität der jüdischen und israelischen Geschichte angemessen umzugehen."
Vielleicht wird unter dem designierten Intendanten Christian Spuck, seit elf Jahren Intendant des Balletts Zürich, in der kommenden Spielzeit am krisengebeutelten Berliner Staatsballett ja doch noch alles gut, hofft Michaela Schlagenwerth, die Spuck für die Berliner Zeitung porträtiert hat. Im April wird er seine erste eigene Arbeit am Haus, die Verdi-Hommage "Messa da Requiem", vorstellen - ein gut abgehangenes Erfolgsstück, mit dem man wenig falsch machen kann, meint Schlagenwerth. Nur dass Marco Goeckes "Petruschka" trotz des Hundekot-Eklats im Spielplan geblieben ist, sei doch recht mutig: "Er ist vorsichtig, aber nicht feige. 'Ich verurteile die Tat. So etwas darf man nicht tun', sagt er. Aber er macht auch sehr entschieden klar, dass Goecke ein Freund sei, ein großer Künstler, und dass es nach einer angemessenen Zeit auch eine Goecke-Uraufführung in Berlin geben werde. Den Teamplayer nimmt man Spuck ab. Dass er über die Goecke-Premiere nicht über den Kopf der Compagnie entschieden hat, war auf alle Fälle strategisch klug."
Weiteres: Kinsun Chan wird neuer Ballettdirektor der Dresdner Semperoper, meldet die FAZ. Die SZ geht der Faszination für die Stücke von Yasmina Reza nach.
Szene aus "Cabaret" am Schauspiel Stuttgart. Bild: Toni Suter. Eine so "zeitlose" "Cabaret"-Inszenierung wie die von Calixto Bieito am Schauspiel Stuttgart hat Egbert Tholl (SZ) selten gesehen. Bieito braucht "kein einziges Hakenkreuz, keine Naziuniform, um das Grauen erfahrbar zu machen", schreibt er: Das Lied "Willkommen, bienvenue, welcome" spielt der Schauspieler Boris Burgstaller … krächzend auf der Geige, dann wandelt sich ein Foxtrott des Ensembles in einen sturen Marsch, aus dem sich der Song herausschält. Mehr Nazi braucht es nicht, um der Utopie der Freiheit beim Untergehen zuzusehen. Am Ende versinkt das fabelhafte Orchester, im ersten Stock über dem eigentlichen Club platziert, in der Unterbühne, die Figuren verschwinden im gleißenden Gegenlicht des Bühnenhintergrunds. Der schöne Traum ist aus."
Ob in Wien, Köln, München oder Berlin - auf deutschsprachigen Bühnen kommt man kaum an Yasmina Reza vorbei. Und die Kritik überschlägt sich nach jeder Inszenierung vor Begeisterung. In der SZ versucht Christine Lutz dem Phänomen auf die Schliche zu kommen: "Yasmina Reza ist zu einer Art Erlösungsversprechen geworden, einer Erlösung vom Schweren. Das Drama von Rezas Figuren: Alle behaupten stets, nach Höherem zu streben und kommen doch nicht über den eigenen Ego-Vorgarten hinaus. Das berührt und amüsiert, weil man sich im Kleinsein nicht allein wähnt."
Besprochen werden Helena Jacksons Inszenierung von Chris Thorpes "Victory Condition" am Schauspiel-Frankfurt (FR), David Littles Opern-Adaption von Judiths Budnitz' Kurzgeschichte "Dog Days" am Staatstheater Braunschweig (taz) und Antje Schupps Inszenierung von Lydia Haiders Buch "Du Herbert" am Schauspielhaus Wien (nachtkritik).
Besprochen werden Tobias Kratzers Inszenierung von Richard Strauss' "Araballa" an der Deutsche Oper Berlin (die Donald Runnicles zur Freude von FAZ-Kritiker Gerald Felber gern mal überkochen ließ, im Gegensatz zu Simons Rattles computergrafik-kühlem "Idomeneo" an der Staatsoper) sowie das Rosenstolz-Musical "Romeo und Julia" im Berliner Theater des Westens (taz).
Aile Asszonyi in "Elektra" an der Oper Frankfurt. Bild: Monika Rittershaus Begeistert ist FAZ-Kritiker Jan Brachmann von Claus Guths Inszenierung von Richard Strauss' "Elektra" an der Oper Frankfurt, der den antiken Mythos als inneres Geschehen in der gepeinigten Seele der Hauptfigur inszeniert: "Alle Elektra-Klischees des Tierhaften fallen in diesem Moment ab. Nicht das Monster zeigt sich, sondern ein Mensch in seiner unausgelebten Liebesfähigkeit. Anfangs, in der Phrase 'die Stunde, wo sie dich geschlachtet haben', setzt Asszonyi das hohe As auf 'Stunde' im Pianissimo an, lässt es anschwellen und stürzt eine Dezime abwärts aus dem reinsten, schönsten Gesang fast ins Sprechen." In einen regelrechten "Musikrausch" wurde FR-Kritikerin Judith von Sternburg während des Stückes versetzt: "Strauss' Musik ist zwar übergroß, sie ist aber auch fürchterlich filigran - nun erst recht in Frankfurt, wo Sebastian Weigle und das Opern- und Museumsorchester ein Zauberwerk an disziplinierter Losgelassenheit veranstalten, die anspruchsvolle Kultur des Außer-sich-Seins bis in die Spitzen der Holzbläser feiern, und da ist sie wieder, die von Strauss angeforderte 'Elfenmusik' (Elfen sind Rowdies, aber wendig und von kaltem Feinsinn)."
In der Nachtkritikspricht der Regisseur Yiannis Panagopoulos über die Proteste der griechischen Kunstwelt gegen ein Dekret, das SchauspielerInnnen zu unqualifzierten Arbeitskräften herabstuft. Die Forderungen sind dabei bescheiden: "Das Dekret beschreibt vier Stufen von Arbeitnehmern. Diejenigen, die nur die Pflichtschule absolviert haben, die Abiturient:innen, die "technisch Gebildeten" und diejenigen mit einem Universitätsabschluss. Wir würden gerne als 'technisch gebildete Arbeitnehmer:innen' gelten, damit unsere Ausbildung zumindest symbolisch anerkannt wird. Das würde auch bedeuten, dass wir zumindest ein bisschen mehr Einfluss haben, wenn wir über unsere Gagen verhandeln."
Besprochen werden Mozarts "Idomeneo" unter der Leitung von Simon Rattle an der Staatsoper Berlin (SZ, BlZ), die Choreografie "Wakatt" von Serge Aimé Coulibaly und seinem belgisch-afrikanischen Faso Danse Théâtre beim Tanzmainz-Festival (FR) Anna-Sophia Mahlers Inszenierung von Uwe Johnsons Literaturkoloss "Jahrestage" in Leipzig (SZ), das Kriegsstück "Was man im Dunkeln hört" des ukrainischen Dramatikers Andriy Bondarenko an der Neuen Bühne Senftenberg (taz).
Arabella in der Deutschen Oper Berlin. Bild: Thomas Aurin.
Auch wenn für Udo Badelt im Tagesspiegel einige Fragen zur Strauss-Oper "Arabella" offenbleiben, lobt er die Bemühungen des Regisseurs Tobias Kratzer, "dreieinhalb Stunden mit üppig blühendem Strauss-Sound" auf die Bühne der Deutschen Oper zu bringen, "mit einem Schlagsahnenklang, der bei allen Kalorien eine gewisse Schlankheit bewahrt, der nicht alles zuckrig zukleistert. So eine Balance ist beim späten Richard Strauss gar nicht so einfach zu finden." In dem Vexierspiel um Liebe, Geschlecht und Rollenbilder "fangen die Geschlechtsidentitäten an zu erodieren wie Sandskulpturen während eines Gewitterschauers", was allerdings nicht allen im Publikum gefällt. Es gibt Buhrufe, lesen wir. In der SZ ist Helmut Mauró zwiegespalten: Einerseits erscheint ihm die Regie einfallslos und zu pathetisch. Doch dann blitzt ein "Gender-Rührstück vom Feinsten" auf, "das zeigt, wie menschlich es zugehen kann, bevor das Spielerische in Ideologie aushärtet". FR-Kritikerin Judith von Sternburg lernt: "Ironiefreies, aber gutgelauntes Liebesglück ist möglich."
Sabine Devieilhe in "Les Mamelles de Tirésias". Foto: Vincent Pontet Beglückt zieht SZ-Kritiker Reinhard Brembeck durch die Pariser Opernhäuser. Gar nicht fassen kann er, was ihm das Pariser Théâtre des Champs-Élysées präsentiert: die schräge Kurzoper "Les Mamelles de Tirésias" von Francis Poulenc und Guillaume Apollinaire, in der die Frage geklärt werden soll, ob Frauen oder Männer mehr Spaß am Sex haben: "Diese Minioper ist hinreißend, überwältigend, doppelbödig, rasant. Warum wird sie so gut wie nie gespielt? Vielleicht, weil es dafür eine Sängergroßmeisterin wie Sabine Devieilhe braucht, aber die gibt es eben weltweit nur einmal. Es braucht auch ein genauso geniales männliches Gegenstück, im Text schlicht 'mari' (Ehemann) genannt. Jean-Sébastian Bou sing-albert hinreißend den 'mari', der, von Thérèse verlassen, komisch wutentbrannt zur Frau wird und als Mutter an einem Tag 40 049 Kinder gebärt. Die ihn, Marketing ist alles, im Gegensatz zu allen anderen kinderreichen Existenzen, reich machen. Kein Wunder, dass der im Stück und erst recht im Finale zu hörende Aufruf an die Franzosen 'faites des enfants', macht Kinder, penetrant wiederholt wird. Ist das Ironie, Blödsinn oder Ernst?"
Fünfzig Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes kommen Uwe Johnsons monumentale "Jahrestage" in einer Inszenierung von Anna-Sophie Mahler im Schauspiel Lepizig zum ersten Mal auf die Bühne: Andreas Platthaus zeigt sich in der FAZ nicht ganz einverstanden mit der Praxis, das Leben Gesine Cresspahls im Jahr 1967 mit Beatles-Musik zu unterlegen. So "bekommt Johnsons Roman in Leipzig den Charakter eines Thesenbuchs verliehen, während seine literarische Bedeutung doch darin liegt, die Gemeinsamkeiten repressiver Strukturen in den unterschiedlichen ideologischen Systemen erzählerisch vermittelt zu haben. Das leistet Mahlers Inszenierung gerade nicht, und eine Nummernrevue ist auch kein Montagekunstwerk à la Johnson." Auch Nachtkritiker Matthias Schmidt befällt das Gefühl, "als habe bereits das Eindampfen des enormen Stoffes so viel Energie gekostet, dass keine Kraft mehr blieb, den Johnson-Sound herauszuarbeiten".
Besprochen werden außerdem Andrea Breths Theatercollage "Ich hab die Nacht geträumet" am Berliner Ensemble (taz) und das Anatomiestück "Katharsis" des Regie-Duos Dead Centre im Wiener Akademietheater (Standard)
Szene aus "Ich habe die Nacht heut geträumet". Bild: Ruth Walz Ziemlich ernüchtert resümierte Nachtkritiker Christian Rakow gestern bereits Andrea Breths lyrischen Liederabend "Ich habe die Nacht geträumet" am Berliner Ensemble (mehr hier). Sehr viel positiver fallen auch die heutigen Kritiken nicht aus: "Es ist eine Absurditätenrevue, doch Andrea Breth keine Lady Dada", meint ein über weite Strecken von "seichten" Ansätzen ziemlich gelangweilter Peter von Becker (Tsp), während Ulrich Seidler (Blz) seufzt: "Dass in dem Papiergeraschel und Vorführkunstgestelze doch ab und zu einmal ein Lebensfunke aufflackert und etwas im Zuschauer berührt, ist sicher auch dem von der Komischen Oper ausgeborgten musikalischen Leiter Adam Benzwi zu verdanken, der sehr sparsam und diskret dem einen oder anderen Wort zum Flug verhilft. Dennoch: Die Melancholie des Abends wirkt einerseits angeschafft und andererseits unfreiwillig - und sie kommt als schlechte Laune mit nach Hause." Im Standardattestiert Christine Wahl dem Stück eine kurze Halbwertzeit, in der FAZ hätte Simon Strauss das glänzende Ensemble unter Breths Leitung gern mal am Stück spielen sehen.
"Eine schöne Dosis des vitalsten Irrsinns" verdankt hingegen Peter Laudenbach in der SZ der "auf das Schönste versponnenen Musik- und Textcollage" - nicht zuletzt dank des Ensembles: "Eine beschwipste Mondäne stakst über die Bühne, vielleicht ist sie der letzte Gast einer aus dem Ruder gelaufenen Büroparty. Grade als man denkt, dass sie gleich aus ihren Highheels kippt, fängt sie an, eine französische Version von 'Fever' zu singen, so mitreißend, dass Peggy Lee und sogar Nancy Sinatra daneben einpacken können. Sie verheddert sich aufs Abenteuerlichste und Komischste in ihrem Mikrofonkabel, tänzelt und torkelt mit aberwitziger Grandezza. Johanna Wokalek legt diesen Auftritt mit einer umwerfenden Spielfreude und Komik hin. Was immer auf der Büroparty im Champagner war, offenbar knallt es prächtig."
Besprochen werden Performances des Ballet national de Marseille und von CocoonDance beim Tanzmainz-Festival (FR), Sebastian Schugs Inszenierung von Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" am Theater Bamberg (nachtkritik) und Alexandra Holtschs Inszenierung der "Walküre" nach Caren Erdmuth Jeß am Staatstheater Braunschweig (nachtkritik).
Szene aus "Ich habe die Nacht geträumt". Foto: Ruth Walz
Mit "Ich habe die Nacht geträumet" hat Andrea Breth einen Mix von Eichendorff über Herta Müller bis David Lynch mit Musik von Edvard Grieg bis Dmitri Schostakowitsch auf die Bühne des Berliner Ensembles gebracht, die Berliner Prominenz versammelte sich in den Rängen - und doch wirkt der lyrische Liederabend auf Nachtkritiker Christian Rakow zu altbacken: "Fraglos wählt sich Breth die gediegene Antiquiertheit ganz bewusst, gräbt ihren Stoff aus dem tendenziell bundesdeutschenVorwende-Kanon, situiert sich mit Telefon-Witzchen weit vor den Internet-Flatrates ('Du Junge, das wird doch zu teuer jetzt.') Aber sie schafft es nicht, das Historische existenziell heranzurücken, so wie es in Liederabenden von Christoph Marthaler gelingt (dessen Theater hier ganz offensichtlich Pate gestanden hat). Gute drei Stunden schleppt sich der Abend in absolut gleichförmigem, gebremstem Tempo dahin, malt Genrebilder und verstört sie durch surrealistische Kontrapunkte: Vorn deklamiert jemand einen Erzähltext und seitlich wird eine Figur hereingeschoben, die offenbar gerade eine Karambolage mit einem Sitzmöbel erlitten hat. Spätestens wenn die dritte derartige 'Brechung' eingeführt ist, hat man das Prinzip verstanden. Doch Dutzende folgen."
Anlässlich seiner "Elektra-Inszenierung", die an diesem Wochenende an der Oper Frankfurt Premiere feiern wird, spricht Regisseur Claus Guth im FR-Interview mit Judith von Sternburg darüber, was ihn an Richard Strauss fasziniert: "Vieles an ihm ist mir hochgradig unsympathisch, aber dann gibt es auf der anderen Seite dieses Phänomen, das ich bei keinem anderen Komponisten so erlebt habe: Wie kann dieser bayerische Bierkrugsammler gleichzeitig diese tiefblickenden Seelenschauen erschaffen? Da spricht dann doch einiges dafür, dass die Gleichung Künstler - Werk eine differenziert zu betrachtende Angelegenheit ist."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitungporträtiert Ulrich Seidler die in Berlin lebende Dramatikerin und Performerin Sivan Ben Yishai, die mit dem Theaterpreis Berlin ausgezeichnet wurde. "Es gab kein Zerwürfnis, keinen Streit", betont man bei den Berliner Festspielen nach dem plötzlichen Ausscheiden von Marta Hewelt aus dem Leitungsteam des Theaterteffen-Festivals, berichtet Ronja Merkel im Tagesspiegel: "Nach und nach zeigte sich, es passt einfach nicht'." Für die Welt besucht Manuel Brug Peter Plate und Ulf Leo Sommer bei den Proben zu ihrem Musical "Romeo und Julia" im Berliner Theater des Westens. Im Tagesspiegelwirft Patrick Wildermann einen Blick auf die heute und morgen zum siebten Mal im Radialsystem V stattfindende Ausgabe des Forecast Festivals, in dem erfahrene Mentoren mit ihren Mentees gemeinsam an Projekten arbeiten.
Besprochen werden Lajos Wenzels Inszenierung von Henrik Ibsens "Nora" am Theater Trier (nachtkritik), Jasper Brandis' Inszenierung von Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig" am Theater Ulm (nachtkritik), die Performance "youAI" der Gruppe H.A.U.S. im Wiener Brut-Theater (Standard) und Axel Ranischs Inszenierung von Giacomo Puccinis "Il trittico" an der Hamburgischen Staatsoper (FAZ).
Die Regisseurin Andrea Breth, deren neue Inszenierung "Ich habe die Nacht heute geträumt" heute am Berliner Ensemble uraufgeführt wird, hat den Aufruf von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht unterschrieben. Dialogpassagen aus dem Zeit-Interview mit Peter Kümmel, in denen sie sich zum Krieg gegen die Ukraine und den Umgang mit Putin äußert, hat sie nicht autorisiert, sie wolle lieber über Kunst reden, lesen wir. Ihre Position macht sie dennoch deutlich: "Wir stecken in einer Situation, von der wir nicht wissen, wie es ausgeht. Und wir hinterlassen einen riesigen Scherbenhaufen. Wenn Politiker schon nicht in der Lage sind, die kleinsten Dinge zu lösen, wie sollen sie dann die Weltprobleme lösen, mit denen wir es jetzt zu tun haben. Ich habe unglaubliche Angst davor, dass diese permanente Aufrüstung, die besinnungslos ist, eskalieren wird. Zu Frieden wird sie meines Erachtens nicht führen."
Szene aus "Cosi fan tutte". Bild: Monika Rittershaus Hinterlegt mit aktuellen Kriegsbildern hat Kirill Serebrennikov Mozarts "Cosi fan tutte" auf die Bühne der Komischen Oper in Berlin gebracht, als rasante als "Comedy verkleidete Dystopie", lobt eine beeindruckte Julia Spinola in der SZ: "Während bei Mozart die in die Irre geleiteten Liebesgefühle im zweiten Akt beginnen, sehr reale Wunden in die Herzen der Liebenden zu schlagen, werden hier die Grenzen zwischen realer Empfindung und bloßer Selbstdarstellungs-Performance aufgehoben. Im ersten Stock optimieren die Frauen ihre Figur mit Yogaübungen und Stepper, unten pumpen die Männer ihre Muskeln mit Gewichten auf und polieren minutenlang einem Box-Dummy seine Gummi-Fresse. Anstelle von Zärtlichkeiten tauschen sie Selfies aus, und sie himmeln nicht einander, sondern die Bilder an, die sie voneinander posten."
Den hart umkämpften Olymp der Opernwelt nimmtAnna Schorsch für das Van Magazine unter die Lupe: Sind Pay-to-Sing-Programme ein Weg, sich in die Branche einzukaufen oder bringen sie eher die Geldbeutel der Veranstalter zum Klingen? Das Vorsingen war dilettantisch organisiert, erzählt eine anonym bleibende deutsche Gesangsstudentin: "Auch nützliche Kontakte gab es nur teilweise: 'Uns war ein Vorsingen bei Agenturen versprochen worden - es handelte sich um die Agenten der beiden Academy-Leiter. Jeder von uns bekam genau 5 Minuten, um bei denen vorzusingen, und am Ende erhielten wir nicht mal das versprochene Feedback. Viele der Sänger:innen, die aus den Staaten angereist waren, hatten große Hoffnungen in diese Akademie gesetzt.'"
Weiteres: "Die Oper ist nicht rassistisch, homophob oder misogyn", sagt Barbara Vinken im Zeit-Gespräch mit Christine Lemke-Matwey über ihr neues Buch "Diva. Eine etwas andere Operverführerin". Vielmehr habe die Oper heutige Geschlechterdebatten schon vorweg genommen: "Die Oper zertrennt den Kurzschluss, Gender und Rolle hätten etwas mit Biologie zu tun. Das fängt bei den heroischen Sopranen an, den Kastratenstimmen, die stärker sind, leuchtender als alle weiblichen Stimmen, die wir heute kennen und uns vorstellen können." Marta Hewelt verlässt zum Ende dieses Monats das Leitungsteam des Theatertreffens, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. In der FAZ singt Gerhard Stadelmaier der Theaterschauspielerin Kirsten Dene eine Hymne zum achtzigsten Geburtstag: "Eine gigantische Schauspielerin. Der Größten eine. Der Komischsten sowieso. Der Tragischsten und Gewaltigsten auch." Besprochen wird die Uraufführung der Dogville-Oper in Essen (die Eleonore Brünning im Van Magazin als "mächtig und durchsichtig zugleich" lobt).
Szene aus "Dogville" am Aalto-Theater Essen. Foto: Matthias Jung Vom ersten Moment an gepackt hat FR-Kritikerin Judith von Sternburg Gordon Kampes Opern-Adaption von "Dogville", Lars von Triers minimalistische Film-Parabel, am Aalto-Theater Essen. Die düstere Geschichte vom Niedergang eines Dorfes findet sie überzeugend als Musiktheater inszeniert: "Musikalisch bietet Kampe eine ausgefeilte Polystilistik, flirrende Glissandi begleiten die Liebe, die nie auf festen Füßen stehen wird, finster massiv drohen Schlagwerk und Blech. Aber noch gespenstischer ist das scheinbar so arglose Geploinger und Geplinker, das Kampe dramatisch äußerst versiert immer wieder einbaut, um Dogville zu charakterisieren, Ort des stillen Schreckens und des züchtig auf den Nächsten geträufelten Gifts. Man tanzt auch in Dogville, man feiert mit ein wenig Folklore, man singt Kinderlieder. Es ist entsetzlich."
"Die Wahrheit liegt im Theater auf dem Platz, also auf der Bühne", schreibt Jakob Hayner in der Welt und freut sich, dass Wajdi Mouawads Theaterstück "Die Vögel" in München wieder gespielt wird. En detail geht er dabei noch einmal den Vorwürfen nach, die die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) gegen das Stück erhoben hat und findet sie nicht triftig: "Das Spiel mit den Bedeutungen muss man auf der Bühne sehen können, sonst wird es schwierig, egal ob 'Der Kaufmann von Venedig' oder 'Vögel'." Klar sei, dass sich niemand hinter der Figurenrede wegducke.
Besprochen wird außerdem "Letzte Station Torgau" am Schauspiel Leipzig, inszeniert von Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura (SZ).
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