Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2023 - Film

Genial: Cate Blanchett als Genie in "Tár"


Todd Fields "Tár" mit Cate Blanchett als Meister-Dirigentin, die auf Abstand zu woken Ideen geht und ihre Macht missbraucht (hier unser erstes Resümee), zählt für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte wie Ruben Östlunds Cannes-Gewinner "Triangle of Sadness" zu jener Sorte Film, die derzeit vielleicht das Kino rettet - einfach, weil sie kontrovers genug sind, dass man sie gesehen haben muss, um mitreden zu können: "Ähnlich Östlunds Satire 'The Square' zielt dieser Film auf einen elitären, scheinheiligen und von kommerziellen Interessen bestimmten Kulturbetrieb, der Verfehlungen begünstigt." Dabei "zieht Field immer wieder verfremdende Register, die das Vertraute anders klingen lassen. Oder eine Atmosphäre dario-argento-haften Horrors streifen. ... Dass sich Blanchetts Filmfigur vor unseren Augen scheinbar unaufhaltsam in eine überwirkliche Disney-Schurkin verwandelt, ist nur ein weiterer Verfremdungseffekt. Man kann sich an Stanley Kubricks 'Eyes Wide Shut' erinnert fühlen, so virtuos ist der Umgang mit Details - gerade, um uns die Grenze zum Irrealen übersehen zu lassen." Perlentaucher Jonas Nestroy sieht in dem Film eine Kritik am Geniebegriff, dem sie dennoch verfallen ist: "Wie Tár vor Mahler, verbeugt sich auch Field vor jenen, die als Meister der Filmkunst gelten, macht sie immer wieder für kurze Zeit zur unverkennbaren Dominante: einmal das Spirituelle Apichatpong Weerasethakuls, manchmal eben das Faunische eines Andrei Tarkowski, das Unheimliche Michael Hanekes und immer wieder die erhabene Räumlichkeit Stanley Kubricks. Dass Field dem augenscheinlich nicht entkommt, worauf er kritisch blickt, zeigt an: Ganz so einfach will es sich 'TÁR' mit seinem Angriff auf ein scheinbar überholtes Projekt nicht machen." Weitere Besprechungen in taz, NMZ und Standard.

Lebensecht gespielte Figuren im Kultfilm in spe: "Sonne und Beton"

David Wnendt hat Felix Lobrechts Coming-of-Age-Roman "Sonne und Beton" über eine Meute 16-Jähriger im Rekordsommer 2003 in der Berliner Gropiusstadt verfilmt. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hatte viel Freude daran: "Es gibt keine Helden, es gibt auch keine Antihelden, es gibt nur bewundernswert lebensecht gespielte Charaktere. Selbst wenn einige von ihnen wenig Gutes mit sich und dem etwas schmächtigen Protagonisten Lukas anzufangen wissen, von dem sie Schutzgeld erpressen und den sie verprügeln, bleiben sie doch immer menschlich. ... Eine solche Seltenheit von einem Coming-of-Age- und Großstadtfilm dürfte sich recht schnell zum Kultfilm mausern." Auch Annett Scheffel von der SZ ist hin und weg: "Besonders die Dialoge sind - dank Lobrechts Beteiligung - authentisch und stets angriffslustig. Verfickte Scheiße, Wallah, bist-du-behindert, du Hurensohn, ich ficke deine Mutter, Scheiß Opfer-Deutscher, du Missgeburt - das ist der Ton in dieser Welt. Und das ist wichtig: Denn Sprache ist nicht nur vulgär, sie ist Experimentierfeld und verbale Kampfarena, in der Posen geübt und Grenzen ausgetestet werden."

Reformen bei der Deutschen Filmakademie "sind nach der Berlinale nötiger denn je", findet Andreas Busche im Tagesspiegel in Bezug auf das Debakel, dass Christian Petzolds von der Berlinale-Jury ausgezeichneter und von Kritik wie Publikum gefeierter "Roter Himmel" der Jury der Filmakademie nicht einmal eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis wert gewesen ist. "Die Intransparenz bei der Vergabe der Lolas, die - wenn man ehrlich ist - primär die Existenz der Deutschen Filmakademie rechtfertigt, steht schon lang in der Kritik. Dass Steuergelder dazu verwendet werden, dass eine Branche dieses Geschenk unter sich aufteilt, ist schwer vermittelbar. Und in Deutschland auch einmalig. Forderungen nach einer unabhängigen Jury wurden schon unter Roths Vorgängern abgebügelt."

Weitere Artikel: In der FAZ bekräftigt Jan Brachmann seinen Kollegen Simon Strauß in dessen Trauer (unser Resümee): Schade, dass die Berlinale Hans-Jürgen Syberbergs Dokumentarfilm "Demminer Gesänge" abgelehnt hat. In der Welt stimmt Peter Huth auf die neue Staffel der Star-Wars-Serie "The Mandalorian" ein.

Besprochen werden Li Ruijuns "Return to Dust" (SZ), der dritte Teil des "Rocky"-Spinoffs "Creed" (SZ, ZeitOnline, Tsp), Charlotte Wells' "Aftersun" (NZZ), die DVD-Ausgabe von David Hollanders "Ray Donovan: The Movie" (taz), die neue Staffel der Mockumentary-Sitcom "Abbott Elementary" (ZeitOnline), Außerdem erklären die SZ-Kritikerinnen und -Kritiker, welche Filme sich diese Woche wirklich lohnen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2023 - Film

Cate Blanchett in "Tár"

Nichts in der Welt ist nur Schwarz oder Weiß: Daran lässt sich die SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh von Todd Fields "Tár" sehr gerne erinnern. Cate Blanchett spielt darin eine Meisterdirigentin, die jenseits der Bühne mit ihrer Neigung zum Machtmissbrauch allerdings alles andere als ein Prachtexemplar Mensch ist und sich alsbald in einem Fäkalunwetter wiederfindet. "War es nötig, diese Geschichte über Macht und Sex und Cancel Culture an einer Frau durchzuexerzieren? ... Vielleicht schon. Wenn man nicht von einer Moralsortiermaschine träumt, ist es hilfreich, wenn die Dinge von Anfang an schön kompliziert sind." Denn "wann gibt es schon mal einen Film, der lauter kluge Fragen stellt und nicht eine dumme Antwort darauf gibt? Ob Lydia Tár verdient, was mir ihr geschieht, oder doch eher Mitleid - das liegt allein im Auge des Betrachters. Wer gerne eine einfache Antwort darauf hätte, ob das, was man Canceln nennt, richtig ist oder falsch, dem wird Todd Field nicht helfen können." FAZ-Kritikerin Maria Wiesner staunt Bauklötze über Cate Blanchetts souveränes Spiel. Auch der Film überzeugt sie: "Schlaglichter auf Cancel-Culture- oder Metoo-Fragen haken nur Zeitgebundenes ab. Field fasziniert aber das Zeitlose der Geschichte, der Absturz des Genies Lydia Tár.

Auf ZeitOnline erklärt die Intimitätskoordinatorin und Pornoproduzentin Paula Alamillo Rodriguez ihre Arbeit - wie ein Stuntkoordinator Verletzungen verhindern soll, bestehe ihre Aufgabe darin, bei entsprechenden Szenen das "hohe emotionale Risiko" zu senken. Das ist nicht immer konfliktfrei: "Zum einen ist da die Regie, die manchmal sagt: 'Ich mach das schon seit 20 Jahren so. Intimitätskoordination brauche ich nicht.' Regieführende fühlen sich dann angegriffen in ihrer professionellen Ehre. Sie denken, ich würde ihnen böse Absichten unterstellen." Aber "so wie man Kostüm- oder Maskenbildnerinnen hat, die den kreativen Prozess mit ihrer Expertise unterstützen, genauso sind Intimitätskoordinierende da, um die Vision der Regie zu fördern. Nicht um sie zu gängeln oder auszubooten."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.02.2023 - Film

Die Berlinale klingt noch immer nach. Mit dem Wettbewerb kann es so nicht mehr weitergehen, findet Christiane Peitz im Tagesspiegel: Er verkomme zur Resterampe für risikoarmes Arthouse, während die aufregenden Filme abseits davon laufen. "Hier wird die Contenance gewahrt, da der Rahmen gesprengt, hier das Solide, da die verwegenen Stimmen: Mit dem von ihm ins Leben gerufenen Encounters-Wettbewerb hat Chatrian der Berlinale keinen Gefallen getan. Die Halbherzigkeit seiner Reform wird immer deutlicher. Sie schwächt den Bären-Wettbewerb und macht das Forum als Sektion fürs Innovative immer obsoleter. Das Wagemutigste aus beiden Wettbewerben, dazu die erstaunlichsten Werke aus den übrigen Reihen: So ginge eine Top-Auswahl ins Bärenrennen. Und die Berlinale hätte ein Top-Profil gegenüber der internationalen Konkurrenz. Alle Welt wüsste dann: Hier spielt das Kino von morgen."

Rüdiger Suchsland von Artechock sorgt sich um das deutsche Kino: Der aktuelle Bären-Erfolg werde nötige Reformen wohl eher behindern - und die vor allem mit Preisen bedachte "Berliner Schule" weise auch nicht mehr ins Kino der Zukunft. Der Nachwuchs, wie er etwa in der "Perspektive Deutscher Film" gezeigt wird, gehe derweil in der Berichterstattung unter, "weil ja schon fünf deutsche Filme im Wettbewerb laufen und diverse andere deutsche Filme in den anderen Reihen. ... Indem sie dies ignoriert und ihr Programm immer weiter maßlos mit Durchschnittsware vollstopft, versäumt die Berlinale genau ihren ureigenen Auftrag: Der lautet nämlich, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was sonst übersehen wird. Filme von Christian Petzold werden nicht übersehen, ganz egal, wo sie laufen. Sie finden in Deutschland statt und sie finden ihre Aufmerksamkeit. Selbstverständlich muss man sie trotzdem bei der Berlinale zeigen, auch im Wettbewerb, erst recht einen Film wie 'Roter Himmel'. Darum geht es nicht. Aber die anderen deutschen Filme bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben."

Außerdem: Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Retrospektive Julien Duvivier im Berliner Kino Arsenal. Fritz Göttler schreibt in der SZ zum Tod des Hollywoodproduzenten Walter Mirisch. Der Tagesspiegel meldet den Tod der Experimentalfilmerin Birgit Hein.

Besprochen werden Sonja Heiss' Verfilmung von Joachim Meyerhoffs Bestseller "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" (FAZ), die Amazon-Serie "The Consultant" mit Christoph Waltz (ZeitOnline) und die Sky-Serie "Drift" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.02.2023 - Film

"Sur l'Adamant" von Nicolas Philibert

Die Berlinale ist mit einem Goldenen Bären für Nicolas Philiberts Dokumentarfilm "Sur l'Adamant" über eine schwimmende psychiatrische Tagesklinik zu Ende gegangen - ein Film, der erst spät im Wettbewerb gezeigt wurde und den fast niemand auf dem Schirm hatte (unsere Kritikerin Thekla Dannenberg mochte ihn allerdings gern). Noch zu Beginn der Berlinale hatte Jurypräsidentin Kristen Stewart von ihrer Vorliebe für "schludrige" Filme gesprochen. Ihr wurde von den Kollegen offenbar der Kopf gewaschen, glaubt die mit Wettbewerb und Auszeichnungen alles in allem sehr unzufriedene Standard-Kritikerin Valerie Dirk: Zu erleben war ein "eklektisch zusammengewürfelter Wettbewerb: Polizeithriller, Romanzen, Animationsfilme und knallhartes Kunstkino, alles war dabei, nur nichts Herausragendes. Da konnte man zu dem Schluss kommen, dass Carlo Chatrian einen Verlegensheitswettbewerb zusammenstellen musste - wahrscheinlich weil Festivals wie Cannes und Venedig die besseren und größeren Filme des letzten Jahres abgeworben hatten. Der Goldene Bär an 'Sur L' Adamant' ist denn auch Ausdruck dieser Verlegenheit. Ein solide inszenierter Dokumentarfilm über eine psychiatrische Tagesklinik am Seine-Ufer in Paris, ja. Aber etwas Schludriges, Neues, Wagemutiges? Eher nicht." (Hier alle ausgezeichneten Filme auf einen Blick)

Hanns-Georg Rodek zürnt in der Welt: Es hätte in diesem Wettbewerb nun weißgott Preisverdächtigeres gegeben. Die Jury verzwerge mit ihrer Entscheidung für einen braven, allein wegen seines Themas interessanten Films eines der wichtigsten Filmfestivals zum Achtsamkeitsfestival - aber "Berlin ist größer als das neue Umweltfilmfestival, das Ex-Berlinale-Chef Dieter Kosslick ab nächstem Jahr in Potsdam leiten soll." Immerhin: Die drei deutschen mit Bären ausgezeichneten Filme "Roter Himmel", "Music" und "Bis ans Ende der Nacht" seien "keine Bären durch Heimvorteil, sondern völlig verdient; es gab ein gutes halbes Dutzend exzellente deutsche Filme, die das Gerede von der Filmförderung, die nichts Anspruchsvolles zustande bringe, eindrucksvoll widerlegten." Philipp Bovermann von der SZ ist schier verzweifelt: Dass Philiberts Film "und seine erschreckend banale Wir-sind-doch-alle-Menschen-Botschaft dieses Jahr den Goldenen Bären gewinnt, ist zum Heulen. Schlimmer noch: Zumindest teilweise hat das Festival diesen Sieger auch verdient."

Abgesehen von dem Silbernen Bären für Philippe Garrel kann Clarisse Fabre in Le Monde mit den Auszeichnungen für all die alten weißen Männer - Nicolas Philibert, Christian Petzold, Joao Canijo - gut leben, auch mit dem Goldenen Bären für "Sur L'Adamant": "Philibert lässt seine Kamera glücklich auf diesem Hausboot voller unvergesslicher Menschen ruhen, wie diesem alten Mann, der davon überzeugt ist, dass sein Bruder und er selbst Van Gogh zu seinen Porträts inspiriert haben. Aus einem Ort der Zerbrechlichkeit macht der Regisseur ein Königreich: Er erfindet ihn nicht, dieser Ort existiert, aber er enthüllt ihn mit der großen Menschlichkeit, die er gewohnt ist - der Film."

Andreas Kilb von der FAZ durchlitt einen "Wettbewerb, der von viel Mittelmaß und wenigen Höhepunkten geprägt war." Der Goldene Bär für eine Dokumentation deutet er als "Statement über die Qualität der Spielfilme im offiziellen Programm: Augenscheinlich haben die Juroren ... keine fiktive Kinoerzählung gefunden, den sie mit ihrer wichtigsten Auszeichnung belohnen wollten." Immerhin: Auch Kilb ist mit den drei Silbernen Bären für deutsche Filme sehr zufrieden. Aber "die übrigen Auszeichnungen passen ins Bild einer ambitionierten, aber insgesamt glanzlosen und am Ende enttäuschenden Festival-Auswahl". Das "neue, junge, kompromisslose Kino" fand man derweil in den Nebensektionen. Ähnlich sieht es Andreas Busche im Tagesspiegel: "Immer klarer wird, dass die von Chatrian eingeführte Reihe Encounters den Wettbewerb qualitativ überschattet."

Auch tazler Tim Caspar Boehme sieht in der Auszeichnung für eine dokumentarische Form ein Eingeständnis, dass die Fiktion zum ganz großen Wurf derzeit nicht taugt.  Sehr zufrieden zeigt sich alleine FR-Kritiker Daniel Kothenschulte - sowohl mit den Entscheidungen, die er für ihre Zielsicherheit lobt, als auch mit dem Festival, das hier und da sogar ein bisschen kinomagisch wurde: "Die Berlinale hat diesen Zauber unter Carlo Chatrians Leitung wieder an vielen Ecken entfacht, mehr als man auf Anhieb vielleicht bemerkt hat."

Mehr vom Festival: Bert Rebhandl erzählt in der FAS von seiner Begegnung mit dem Hongkong-Regisseur Soi Cheang, der seinen Film "Mad Fate" auf der Berlinale zeigte. Bert Rebhandl (Standard) und Andrey Arnold (Presse) gratulieren der österreichischen Schauspielerin Thea Ehre zur Auszeichnung mit dem Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung. Christiane Peitz berichtet im Tagesspiegel von der Abschlussgala. Nadine Lange (Tsp) und Stefan Hochgesand (BLZ) berichten von der Verleihung des queeren Teddy Awards, der in diesem Jahr an Babatunde Apalowo und Damilola Orimogunjeam für "All the Colours of the World Are Between Black and White" ging. Nachgereicht besprochen wird außerdem Christoph Hochhäuslers "Bis ans Ende der Nacht" (ZeitOnline).

Abseits vom Festival: In der NZZ blickt Silke Wichert skeptisch auf den Trend, dass jeder Promi aus Film und Pop sich heute eine Doku auf den Leib maßschneidern lässt: "Wahrscheinlich hat Netflix längst eine eigene Hotline eingerichtet, wo sich am eigenen Denkmal interessierte Prominente melden können." Und die Agenturen melden, dass der legendäre Produzent Walter Mirisch, der unter anderem "Manche mögen's heiß" und die "Pink Panther"-Filme produziert hat, im gesegneten Alter von 101 Jahren gestorben ist.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.02.2023 - Film

Der Berlinale-Wettbewerb ist gezeigt, heute Abend wird ausgezeichnet. Andreas Busche blickt im Tagesspiegel auf einen fraglos bilderstarken Wettbewerb zurück. "Noch besser wäre es allerdings, wenn die Bilder auchim Dienste einer besonderen filmischen Erfahrung stehen würden. Das war in diesem Jahr nur selten der Fall." Dem Wettbewerb mangelte es an Filmen, "die noch nicht in der Komfortzone des Arthousekinos, die man zunehmend auf internationalen Festivals beobachten kann, erstarrt sind." Ausnahme: Angela Schanelec. Sie "erschließt die Welt nicht durch die bloße Ausstellung von visuellen Eindrücken, sondern durch die Befragung ihrer Bilder. Man kann sich getrost dem Halbwachzustand von 'Music' hingeben, Schanelec gibt einem nie das Gefühl, dass ihre Darstellerinnen und Darsteller eine Welt konstruieren, sondern sie sich durch Gesten und Bewegungen lediglich zu dieser in ein Verhältnis setzen wollen. ... Ein Goldener Bär wäre ein Bekenntnis der Jury zu einem künstlerisch gewagten Kino."

Angekündigt war im Wettbewerb ein "Kino der Poesie", doch wurde "dieses Versprechen nur teilweise eingelöst", schreibt Perlentaucherin Thekla Dannenberg, "Ganz sicher mit den starken Filmen von Christian Petzold und Lila Avilés." Doch "ein Gefühl des Aufbruchs, des Umstürzenden ging von den Wettbewerbsfilmen nicht aus." Das war "eine ziemlich triste Ausbeute in diesem Jahr", stöhnt Peter Körte in der FAS. Die Berlinale wirkt auf ihn "wie gelähmt. Das Alte funktioniert nicht mehr, neue Ideen, um aus der Defensive zu kommen, sind nicht in Sicht. In der U-Bahn-Station Potsdamer Platz hängt derzeit ein Wandplakat, das dem Traditionsort viel zutraut: 'Redefining the Future of Urban Life, Work and Culture'. Wer sich dort auch nur eine Viertelstunde umschaut, muss das als Drohung verstehen."

Für Katrin Doerksen vom CulturMag war Christian Petzolds "Roter Himmel" ein Höhepunkt im Programm, denn wie in einem Brennglas bündeln sich hier Motive des Festivals: "Nach Volker Koepps dokumentarischer Annäherung an Uwe Johnson in 'Gehen und Bleiben' wird der Schriftsteller hier noch einmal zum Symbol, an dem es sich abzuarbeiten gilt. Wir haben in Sreemoyee Singhs Dokumentarfilm 'And, Towards Happy Alleys' - einer poetischen Bestandsaufnahme der iranischen Kulturszene - den erst kürzlich wieder aus der Haft entlassenen Jafar Panahi gesehen ... Dann kam Hong Sang-soos 'in water', in dem eine eindeutige Alter-Ego-Figur von den Anzeichen schwerer Depressionen gezeichnet einen tieftraurigen Kurzfilm dreht, der ebenfalls am Strand endet. Und schließlich 'Roter Himmel': Noch ein Künstler, den es auf der Suche nach dem kreativen Funken zum Meer hin zieht."

Abseits der Kunst, also "im symbolisch-politischen Bereich zeigt man sich in Berlin auf Höhe einer äußerst schwierigen Weltlage", lobt Andreas Fanizadeh in der taz: "Die so brutal bedrängte Ukraine, aber auch die iranische Frauen- und Demokratiebewegung waren auf dem Filmfestival in Berlin überaus präsent. Auch wenn man aufgrund der jeweiligen Situation nicht mit Filmen im Wettbewerb vertreten ist. Umso erstaunlicher die Funde in den Nebenreihen, gerade in Hinblick auf Beiträge mit iranischen Bezügen. Was den Nahen Osten und den Iran betrifft, scheint die Kulturszene begriffen zu haben, dass sie auch die Perspektive Exilierter stärker in den Blick rücken sollte." Dazu passend wirft Carolin Ströbele von ZeitOnline einen abschließenden Blick auf den Ukraine-Schwerpunkt des Festivals.

In den Nebensektionen schlummert die Zukunft des Kinos: "Between Revolutions"

FAZ-Kritiker Bert Rebhandl begab sich in den Nebensektionen auf die Suche nach der Zukunft des Kinos und stößt darauf in Bas Devos' "Here" ("bewegt sich an den Rändern des Erzählens"), "Do You Love Me?" von Tonia Noyabrova ("einer der besten Filme im Panorama, wenn nicht des ganzen Festivals") und "Between Revolutions" von Vlad Petri - letzterer steht für "die spannenden Erweiterungen der dokumentarischen Form, die in jüngster Zeit vielfach zu beobachten sind. ... Die beiden Revolutionen, von denen im Titel die Rede ist, wirken beide bis in die Gegenwart nach: Iran 1979 und Rumänien 1989/90. Zwei verhinderte, umgelenkte, ihrer ursprünglichen Intentionen beraubte Bewegungen. Petri lässt zwei junge Frauen über ein Jahrzehnt lang miteinander korrespondieren. ... Dazu stellt der Regisseur Bilder aus einem Jahrzehnt der Weltgeschichte, das er auf originelle Weise in den Blick bekommt. Solange Revolutionen so viel Uneingelöstes hinterlassen, wird auch das Kino, wird auch die Berlinale im historischen Dazwischen die Chance der Kunst nutzen können. In diesem Jahr ist das außerhalb des Wettbewerbs vielfach mustergültig gelungen."

Interessant an den Nahtstellen: "Bis ans Ende der Nacht"

Ein paar Filme liefen gestern aber noch. Zum Beispiel Christoph Hochhäuslers "Bis ans Ende der Nacht", durch die der Regisseur einen schwulen Cop und dessen Trans-Geliebte schickt, um einen Drogendealer auffliegen zu lassen. Claudius Seidl von der FAZ fragt sich, was Hochhäuslers Film "sein will. Und vor allem: warum so vieles zugleich. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist sich nicht sicher, ob der Film überhaupt schon in einer finalen Fassung gezeigt wurde: "Kälter als der Tod ist dieser merkwürdige Liebeskrimi zwar nicht, aber er vermag auch nur zu streifen, was er gern berühren würde. Dazu passt es, dass die Schlagerplatten, die in den Szenen laufen, so merkwürdig sauber klingen, als habe man sie noch eilig hineingemischt." Tazlerin Arabella Wintermayr kann mit dem Film nicht viel anfangen, aber "Thea Ehre als einnehmende Femme fatale immerhin ist ein Ereignis".

Mehr vom Festival: Anke Leweke spricht für ZeitOnline mit Ayşe Polat über deren Dokumentarfilm "Im toten Winkel" über die Lage der Kurden. Valerie Dirk resümiert das Festival für den Standard aus österreichischer Perspektive. Andreas Busche spricht für den Tagesspiegel mit Alexander Skarsgård, der auf der Berlinale in Brandon Cronenbergs Horrorfilm "Infinity Pool" zu sehen war. Sadia Khalid Reeti wirft für den Tagesspiegel ein Schlaglicht aufs Kurzfilmprogramm des Festivals. Anne-Kattrin Palmer berichtet in der Berliner Zeitung von ihrem Besuch beim Filmmarkt der Berlinale.

Aus dem Festival besprochen werden Nicolas Philiberts Wettbewerbsfilm "Sur L'Adamant" (Perlentaucher), João Canijos auf Wettbewerb und Encounters aufgestreckter Doppelfilm "Mal Viver" und "Viver Mal" (Perlentaucher, taz), Nicolas Philiberts Wettbewerbsfilm "L'Adamant" (Tsp, Perlentaucher), Makoto Shinkais im Wettbewerb gezeigter Animationsfilm "Suzume" (taz, mehr dazu hier), Yevhen Titarenkos und Vitaly Manskys Dokumentarfilm "Eastern Front" über das Frontgeschehen im Ukrainekrieg (Tsp), Stefano Savonas "The Walls of Bergamo" (Tsp), Paul B. Preciados "Orlando, ma biographie politique" (Tsp), Tizian Stromp Zargaris Dokumentarfilm "Atomnomaden" (taz) und die Installation "An Atypical Orbit" im ForumExpanded (Tsp),

Abseits vom Festival: Bert Rebhandl spricht für den Standard mit dem ukrainischen Regisseur Juri Rechinsky, der in Wien seinen Film "Signs of War" über den russischen Angriff auf die Ukraine präsentiert. Auf zwei Seiten spricht die SZ ausführlichst mit Christoph Waltz. Besprochen wird die ZDF-Serie "Der Schwarm" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2023 - Film

Morgen abend endet die Berlinale. Andreas Kilb zieht in der FAZ schon mal Bilanz: Er beobachtet eine Homogenisierung des Festivals - früher war mehr Reibung zwischen den Sektionen: "Unter dem neuen Programmdirektor Carlo Chatrian hat sich diese Spannung aufgelöst. Das ohnehin geringe Gefälle zwischen Wettbewerb und Nebenreihen ist fast völlig verschwunden, und die von Chatrian erfundenen 'Encounters' haben nur eine weitere Arthouse-Schublade aufgezogen. Das heißt aber nicht, dass es mehr gute Filme gibt. Es bedeutet, dass sich wenige gute Filme auf immer mehr Sektionen verteilen, die voneinander immer schwerer zu unterscheiden sind. Wenn sich das Kunterbunt des Mittelmäßigen, das diese Filmfestspiele geprägt hat, auf Dauer durchsetzt, dann schadet die Berlinale nicht nur ihrem Ansehen. Sie gefährdet auch ihren Status als A-Festival."

Mit Hocker gegen nationale Traumata: "Suzume" im Wettbewerb

Auf der Zielgeraden laufen aber noch ein paar Filme im Wettbewerb. Makoto Shinkais japanischer Animationsfilm "Suzume" etwa, eine Fantasy-Geschichte rund um ein Mädchen, das zur Retterin der Welt wird - stets auf der Spur eines Gottes in Kätzchengestalt und an der Seite eines dreibeinigen Stuhls, in den Leben gefahren ist. Der Regisseur gilt seit "Your Name" und "Weathering With You" als der neue großen Star am Anime-Firmament. "Zum Teil ist der Film ein überdrehter Jugendspaß mit Märchenelementen", schreibt Philipp Bovermann in der SZ, "aber das Mädchen und ihr Hocker-Held reisen eben auch in die japanischen Traumata, in die Gegenden, wo ganze Stadtteile von Erdbeben zerstört und unter Erdrutschen begraben wurden." Andreas Busche vom Tagesspiegel hatte viel Freude an diesem "Crowdpleaser, dessen Seltsamkeit und J-Pop-Gefühlskitsch man sich schwer entziehen kann". Perlentaucherin Thekla Dannenberg bleibt skeptisch: Ein Nachfolger für den großen Hayao Miyazaki ist mit Makoto Shinkai nicht gefunden: "Mitreißend ist der Film durchaus, aber an die Stelle der Poesie tritt hier der Eskapismus, an die Stelle der Fantasie der Einfall."

In der taz spricht die ukrainische Regisseurin Alisa Kovalenko, deren noch vor dem Krieg gefilmter Dokumentarfilm "My ne zgasnemo" junge Ukrainer porträtiert, über ihre eigenen Erfahrungen an der Front im letzten Jahr: "Es war meine eigene Entscheidung, an die Front zu gehen, niemand hat mich gezwungen. Ein paar Mal gab es so heftige Schusswechsel, dass ich dachte, ich werde sterben. Das waren traurige Momente, weil ich befürchtete, meinen Sohn nicht wieder zu sehen, ihm nicht mehr meine Liebe geben zu können. ... Dieser Krieg wird lange dauern, darauf müssen wir uns einstellen. Aber trotzdem weiß ich, dass wir Licht in uns haben und dieses Licht wird gegen die Dunkelheit gewinnen. Daran glaube ich."

Mehr vom Festival: Christiane Peitz berichtet im Tagesspiegel von einem Talk mit Cate Blanchett, die als Special-Gala ihren neuen (ebenfalls im Tagesspiegel besprochenen) Film "Tár" zeigt. NZZ-Kritiker Andreas Scheiner hat viel Freude an Anthony Ings auf dem Festival gezeigten Kurzfilm "Jill, Uncredited", der sich vor der Statistin Jill Goldston verneigt, die in über 2000 Filmen durchs Bild huscht. Susanne Kippenberger porträtiert für den Tagesspiegel die Filmemacherin und Plattformbetreiberin Nadia Parfan und den Kinobetreiber Ilko Gladshtein, die beide aus der Ukraine das Festival besuchen. Nadine Lange spricht im Tagesspiegel mit dem Festivalmacher Bohdan Zhuk, der ein queeres Festival in Kiew plant. Auf dieser Berlinale wurde mit "The Good Mothers" erstmals eine Serie mit einem Preis ausgezeichnet, berichtet Kurt Sagatz im Tagesspiegel.

Aus dem Festival besprochen werden Christian Petzolds "Roter Himmel" (ZeitOnline, taz, mehr dazu hier), die Dokumentarfilme "In Ukraine" und "Iron Butterflies" (taz), die zwei im Wettbewerb und in Encounters gezeigten Filme von João Canijo (Tsp), Vitaly Manskys und Yevhen Titarenkos "Shidniy front" (taz) und Tanja Egens "Geranien" (Tsp).

Weitere Texte vom Festival im Laufe des Tages in unserem Berlinale-Blog. Außerdem liefert Artechock kontinuierlich Kurzkritiken und längere Texte vom Festival. Cargo schickt SMS vom Festival, daneben schreibt Ekkehard Knörer von Cargo hier etwas ausführlichere Notizen. Und für den schnellen Pegelstand beim Festival unverzichtbar: Der Kritikerinnenspiegel von critic.de.

Aus dem regulären Kinobetrieb besprochen werden Ari Folmans Animationsfilm "Wo ist Anne Frank" (Perlentaucher, FAZ) und Sonja Heiss' "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.02.2023 - Film

Geschmeidig wie nie: Christian Petzolds "Roter Himmel"

Christian Petzolds neuer Film "Roter Himmel" lief im Berlinale-Wettbewerb und jetzt, da man sich selbst ein Urteil bilden kann, findet es FR-Kritiker Daniel Kothenschulte geradezu lachhaft, mit was für Tomaten auf den Augen die Deutsche Filmakademie offenbar an ihr Werk geht: Nicht den Hauch einer Chance gab man diesem Film auf eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis. "Vierzig Prozent der Einreichungen kamen dagegen weiter. Es ist eine Schande, ein Skandal, aber vielleicht auch ein Komödienstoff." Der Film um einen erfolglosen Schriftsteller, der an einem sommerlichen Rückzugsort blind ist für alle Köstlichkeiten des Savoir Vivre, die seine Mitreisenden umso genussvoller auskosten, ist "wie jeder Sommernachtstraum, der seinen Namen verdient, Farce und Drama zugleich - nicht erst, als ein sich nähernder Waldbrand und ein Tischgespräch über Heine und Kleist die dichterische Umarmung der Katastrophen selbst zum Thema macht."

Auch Claudius Seidl von der FAZ flaniert sehr gerne durch diesen Sommerfilm: "Petzold hat die strengen, kargen, stilisierten Inszenierungen hinter sich gelassen. Er filmt heute weicher als früher, geschmeidiger, gönnt sich Schnitte und Gegenschüsse, die er sich früher versagt hätte. So verliert sein Stil an Eindeutigkeit, gewinnt aber eine Offenheit, die den Eigenarten seiner Menschen mehr Raum lässt. Und den Widersprüchen auch. ... Die Schönheit von Petzolds Inszenierung offenbart sich auch darin, wie hier der schwere, träge Thomas Schubert und die schmale, nervöse Paula Beer den Schlafwandel und die Weckrufe als Spiel der Körper spielen. 'Roter Himmel' ist ein Melodram, in dem erst Naturgewalten die wahren Gefühle entfesseln: Der Waldbrand ist am Schluss ganz nah." Sehr ähnlich sieht das auch Patrick Holzapfel im Perlentaucher: "Petzold setzt ein Publikum voraus, das nicht überzeugt werden muss. Sein Filmschaffen zielt mehr und mehr auf eine Regelmäßigkeit, die sich befreit von den großen Auteurgesten und hinwendet zur reinen, ausgestellt naiven Freude am Kino." Der Tagesspiegel unterhält sich mit der Hauptdarstellerin Paula Beer und dem Regisseur. Der erklärt seine Motivation für den Film so, dass es in Deutschland einfach keine sinnlichen Sommerfilme gebe wie in Frankreich.

In der Unschärfe über Sehgewohnheiten nachdenken: "In Water" von Hong Sang-Soo

Der Koreaner Hong Sang-Soo ist als Komplett-Filmstudio auf zwei Beinen mittlerweile so unabhängig von der Industrie und so schnell in seiner Arbeit, dass er jedes Jahr problemlos alle großen Festivals jeweils mit einem eigenen Filmen versorgen kann, schreibt Till Kadritzke im Tagesspiegel. Sein für die nächsten Monate aktueller Film "In Water" handelt mal wieder von den Problemen, einen Film zu drehen - ist aber diesmal bewusst komplett unscharf gehalten. Das ist "kein Gimmick", sondern "passt zur Bewegung vom Konkreten zum Abstrakten, die Cézanne-Fan Hong immer schon interessiert. Wie Angela Schanelecs Filme lässt sich auch Hongs Werk als Einladung verstehen, über Sehgewohnheiten im Kino nachzudenken. Und wer braucht schon Schärfe für drei Personen, die schweigend aufs Meer blicken, für eine Schauspielerin, die ihre Taekwondo-Künste vorführt, für einen Spaziergang, auf dem über die Existenz von Geistern sinniert wird?"

Außerdem vom Festival: Ein Strang des Berlinale-Wettbewerbs handelt von "Paaren, die das Paarsein nicht leben können", beobachtet Katja Nicodemus in der Zeit. Katrin Doerksen resümiert im CulturMag die letzten Festivaltage. Das Jugendfilmprogramm des Festivals lässt tazlerin Sophia Zessnik auf eine bessere Zukunft hoffen. Susanne Kippenberger porträtiert für den Tagesspiegel Helen Mirren, deren neuer Film "Golda" auf dem Festival läuft. In der SZ verneigt sich Philipp Bovermann vor Steven Spielberg, den das Festival mit einem Ehrenbären würdigt.

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden zwei neue Filme des Iraners Mehran Tamadon über die Traumata der Regime-Opfer Irans (Tsp), Ulises de la Ordens "The Trial", der die 530 Stunden Videomaterial vom Prozess gegen Argentiniens Militärjunta zu einem dreistündigen Dokument montiert (Perlentaucher), Estibaliz Urresola Solagurens "20.000 Species of Bees" (Tsp), Todd Fields' "Tár" mit Cate Blanchett (NZZ), Sreemoyee Singhs "And, Towards Happy Alleys" (Perlentaucher), Lois Patiños "Samsara" (SZ), Volker Koepps Uwe-Johnson-Dokumentarfilm "Gehen und Bleiben" (taz), D. Smiths "Kokomo City" (taz), Vuk Lungulov-Klotz' "Mutt" (Tsp) und Roman Liubyis Dokumentarfilm "Iron Butterflies" (Tsp).

Weitere Texte vom Festival im Laufe des Tages in unserem Berlinale-Blog. Außerdem liefert Artechock kontinuierlich Kurzkritiken und längere Texte vom Festival. Cargo schickt SMS vom Festival, daneben schreibt Ekkehard Knörer von Cargo hier etwas ausführlichere Notizen. Und für den schnellen Pegelstand beim Festival unverzichtbar: Der Kritikerinnenspiegel von critic.de.

Abseits der Berlinale: Für den Freitag spricht Laura Ewert mit Sonja Reiss, die Joachim Meyerhoffs Roman "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" verfilmt hat. Den Presse-Lesern legt Lukas Foerster eine dem "Gossenkino-Magier" Jess Franco gewidmete Hommage im Wiener Metro-Kino ans Herz. Besprochen werden Ari Folmans Animationsfilm "Wo ist Anne Frank" (taz), Alli Haapasalos Coming of Age-Komödie "Girls, Girls, Girls" (Perlentaucher), Will Merricks und Nick Johnsons Thriller Missing" (SZ) und die ZDF-Serie "Der Schwarm" (ZeitOnline). Außerdem erklärt die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.02.2023 - Film

Wichtig ist auch, was nicht im Bild ist: "Music" von Angela Schanelec

Mit ihrem im Berlinale-Wettbewerb gezeigten und in der Gegenwart spielenden Film "Music" orientiert sich Angela Schanelec am antiken Ödipus- und Orpheus-Mythos: "Größere Filmkunst dürfte während dieses Festivals schwer zu finden sein", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR, der hier in einem bislang "höchst durchwachsenen Wettbewerb" eine Ruheoase findet: "Jede Einstellung dieses Films führt einmal mehr bei dieser Regisseurin auf einen traumhaften Weg, in einen poetischen Schwebezustand." Auch Patrick Holzapfel vom Perlentaucher gleitet durch diesen spröden, aber sinnlichen Film: "Mit Kameramann Ivan Markovic hat Schanelec erneut ein Gespür für Orte entwickelt, die diese ganz gegenwärtig erscheinen lassen. Mit nur wenigen Bildern gelingt es, die Schroffheit von Felsen oder die Wärme eines Raums spürbar zu machen. Die Liebe zu Licht und Schatten übernimmt aber nie die Überhand hier, sie entspricht vielmehr exakt dieser dünnen Schicht, durch die ein Verlust wirklich wird. Das ist abstrakt und ganz konkret zugleich." Tazler Fabian Tietke sah "einen hermetischen Film voller Symbole, ohne dass es einen klaren Schlüssel gäbe. Ein Film, in dem gut aussehende Männer schweigsam vor sich hin starren, in dem jeder Gegenstand, der die Hände wechselt, jede Berührung, bisweilen jeder Blick wie eine Verabredung, eine intime Verschwörung wirkt."

"Wer in dieser Geschichte das mythische Vorbild erkennt, hat in der Schule gut aufgepasst", kommentiert ein unzufriedener Andreas Kilb in der FAZ. Wie stets bei "Schanelec sind die Leerstellen zwischen den Kamerabildern genauso wichtig wie die Bilder selbst, aber diesmal wirken auch die Bilder manchmal wie Leerstellen. Sie behaupten etwas, das nicht zu sehen ist: Liebe, Grausamkeit, Bestürzung, Selbsterkenntnis, Glück. Für dieses Unsichtbare springt in 'Music' die Musik ein: Arien von Händel, Pergolesi, Purcell und Songs des Kanadiers Doug Tielli. Aber die Verbindung zwischen Gesungenem und Gezeigtem bleibt vage, die Töne sind den Figuren mehr in den Mund gelegt, als dass sie aus ihnen herausströmen." Ähnliches beobachtet Andreas Busche im Tagesspiegel, bewertet es aber anders: "Die Ellipse ist spätestens seit 'Der traumhafte Weg' Schanelecs bevorzugte erzählerische Figur. So konsequent wie in 'Music' hat sie sich ihrer aber noch nie bedient. Im diesjährigen Wettbewerb sticht sie damit formal weit aus den abgesicherten Arthouse-Konventionen der Konkurrenz heraus. Aus dem deutschen Kino sowieso."

Mehr von der Berlinale: In der taz spricht Ulises de la Orden über seinen im Forum gezeigten, dreistündigen Dokumentarfilm "The Trial", der aus den insgesamt 530 Stunden Videomaterial aus den Gerichtsverhandlungen gegen die argentinischen Junta-Machthaber in den Achtzigern zusammengestellt ist. Christian Schröder unterhält sich für den Tagesspiegel mit Steven Spielberg, den das Festival mit einem Ehrenbären und einer Hommage ehrt. Gunda Bartels erzählt im Tagesspiegel von ihrer Begegnung mit Vicky Krieps, die in Margarethe von Trottas Wettbewerbsfilm "Die Reise in die Wüste" Ingeborg Bachmann spielt (unsere Kritik). Simon Rayß (Tsp) und Julia Lorenz (ZeitOnline) berichten von einem Auftritt des schwedischen Auteurs Ruben Östlund bei den Berlinale Talents.

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Philippe Garrels "Le Grand Chariot" (Perlentaucher), Tina Satters "Reality" (Tsp), Jennifer Reeders "Perpetrator" (taz), Moyra Daveys Experimentalfilm "Horse Opera" (Tsp), Guy Nattivs Biopic "Golda" mit Helen Mirren als Golda Meir (ZeitOnline), Babatunde Apalowos "All the Colours oft the World are Between Black and White" und Hannes Hirschs "Drifters" (taz) sowie die chinesische Serie "Why Try to Change Me Now" (Tsp).

Abseits der Berlinale: Der litauische Schriftsteller Marius Ivaškevičius hat viele Stunden mit Ana Bilobrowa, der Lebensgefährtin des in Mariupol von russischen Soldaten ermordeten Filmemachers Mantas Kvedaravičius, gesprochen, um die Geschichte dieses Todes für ein Theaterstück zu rekonstruieren. In der FAZ erzählt er von seinen Begegnungen: Kvedaravčius befand sich zu Dreharbeiten in Uganda, als "sie von der Nachricht vom Krieg in der Ukraine überrumpelt wurden. Mantas' erste Reaktion war: Nein - in die Ukraine fährt er um keinen Preis. Er hat schon einen Krieg gesehen, er war in Tschetschenien, wo er seinen ersten Film 'Barzakh' gedreht hat - ihm reicht es. Er will mit Ana Kinder großziehen. Aber dann begann die Belagerung von Mariupol. Der Stadt, in der er während der Arbeit am ersten 'Mariupolis'-Film viele Monate verbrachte. Wo noch die Menschen aus diesem Film lebten, die seine Freunde geworden waren. Sie wurden jetzt bombardiert und versteckten sich in Kellern. ... Mariupol begrüßt sie mit langen Straßen verbrannter Wohnblocks" und "die Menschen, die noch am Leben sind, wirken wie Zombies. 'Im Frieden', sagt Ana, 'würdest du denken, dass alle Junkies sind. Du schaust einem Menschen in die Augen, und es wirkt, als sei er dort nicht.'"

Der Bundesverband Regie protestiert mit der Initiative "Regie jetzt" gegen zu viel Einmischung in Inszenierung und Herstellungskosten, berichtet Jörg Seewald in der FAZ.  "'Die Branche leidet unter Praktikantismus', sagt Rolf Silber und benennt einen Präzedenzfall, als ein Kalkulator vom Sender die Ansetzung eines 90-minütigen Films mit 22 Drehtagen kommentierte: 'Kann der Regisseur seinen Job nicht? Nehmen Sie doch einen jungen Regisseur vom Theater und sagen ihm, wies gemacht werden soll. Der dreht ihnen das Ding in 20 Tagen.' Silber kommentiert das mit den Worten, dass sich da 'Altersdiskriminierung mit dem Thema Ausbeutung der Jungen' treffe: 'Auf eine verquere Art leiden alte und junge Kollegen gemeinsam.'"

Abseits vom Festival: Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod des Regisseurs Michel Deville. Nachrufe auf Nadja Tiller schreiben Claudius Seidl (FAZ), Jan Feddersen (taz), Manuel Brug (Welt), Harry Nutt (FR), Christian Schröder (Tsp) und Fritz Göttler (SZ). Besprochen werden Ari Folmans Animationsfilm "Wo ist Anne Frank?" (SZ) und Robin Barnwells von Arte online gestellter Dokumentarfilm "Die Überlebenden von Mariupol" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2023 - Film

Eine Ahnung von Zeit und Möglichkeiten: "Past Lives" von Celine Song

Philipp Bovermann zeigt sich in der SZ vom Berlinale-Wettbewerb bislang sehr überzeugt - von wenigen Ausnahmen abgesehen. Vor allem Celine Songs "Past Lives" - vielleicht "einer der schönsten, klügsten Liebesfilme des Jahres" - ließ ihn "wie berauscht und mit einem Kloß im Hals" aus dem Berlinale-Palast taumeln (auch den Kritikerspiegel von ScreenDaily führt der Film gerade mit erheblichem Vorsprung an). Es geht um ein jugendliches Liebespaar, das sich in Korea aus den Augen verliert und viele Jahre später in New York wieder begegnet: "Nun reden sie in einer New Yorker Bar über diese Liebe, die sie wohl in einem anderen Leben ausleben müssen, denn der aus den USA stammende Ehemann der Frau sitzt nebendran. Er ist Schriftsteller und weiß, dass in einer Geschichte nun eigentlich er es wäre, der dem Schicksal im Weg steht. Jede Dialogzeile ist ein kleines Kunstwerk, die Liebeshandlung spielt gewissermaßen gegen die von Migrantenträumen aufgeladene Filmkulisse von New York an und verliert freiwillig. Alles wird virtuell und löst sich auf in einer Ahnung von Zeit und Möglichkeiten, wie sie das Kino in seinen besten Momenten zu erzeugen vermag." Hm.

Auch Carolin Ströbele von ZeitOnline ist von diesem "bemerkenswerten Debüt", das von der amerikanischen Kritik nach seiner Premiere dort in höchsten Tönen gelobt wurde, begeistert: "Es geht hier nicht nur um eine Frau zwischen zwei Männern, zwei Kulturen, zwei Leben, sondern auch um ihre Rolle als Künstlerin und Schriftstellerin. Ist sie der Mensch, der sie als Kind war - die Zwölfjährige, die auswandern will, 'weil es keine koreanischen Literaturnobelpreisträger' gibt - oder ist sie die andere Zwölfjährige, die sich nach den Straßen, den Klängen ihrer Heimatstadt sehnt?" Im Perlentaucher ist Patrick Holzapfel sehr viel verhaltener: "Was möchte 'Past Lives' von uns? Wahrscheinlich vor allem, dass wir ähnlich empfinden wie die Protagonisten. Tatsächlich fühlt man sich aufgefordert, nach dem Film längst vergessene Freunde aufzusuchen. Manche werden auch weinen, weil sie das nie getan haben. Diese existenzialistische Rührseligkeit ist Symptom eines egozentrischen Kinos wohlgestellter, kulturaffiner Denkweisen, das seinen höchsten Wert darin erkennt, wenn Menschen nichts mehr auf der Leinwand sehen außer sich selbst."

Ferien für immer, sagen "Sisi und ich"

Für FAZ-Kritiker Claudius Seidl ist derweil Frauke Finsterwalders im Panorama gezeigter Film "Sisi & ich" nichts weniger als "der schönste aller Filme" - gerade weil dieser im verregneten Berlinale-Februar mit seinen sommerlichen Farben und der mediterranen Urlaubsstimmung "ein Glück und ein unverdrängbares Schaulustgefühl" hervorruft: Es geht ums Verhältnis zwischen Kaiserin Sisi und einer Gräfin aus ihrer Entourage - aber vor allem ums Reisen. "'Ferien für immer' heißt ein Buch, das Christian Kracht vor langer Zeit mit Eckhart Nickel geschrieben hat; und die erste Hälfte des Films, dessen Drehbuch Kracht und Frauke Finsterwalder gemeinsam verfasst haben, sieht so aus, als wäre das auch das Motto für den Film gewesen. ... Man vertreibt sich die Zeit, spricht, trinkt und schläft. Und die Inszenierung scheint, mit einer blasierten Ernsthaftigkeit, diesem Lebensstil in jeder Szene recht zu geben. Nur wer von Arbeit befreit ist, kann sich den wirklich wichtigen Dingen widmen." Standard-Kritikerin Valerie Dirk sah einen Kostümfilm, "der nicht auf Perfektion oder einen männlichen Blick setzt - der Film spielt fast nur unter Frauen -, sondern auf fließende Schnitte und Bequemlichkeit. Die Kleider sind schließlich der Webstoff zwischen den drei Filmen - und die Moral: Je loser die Taille, desto befreiter die Frau."

Tastend und zart: "Tótem"

Lila Avilés' Wettbewerbsfilm "Tótem" erzählt auf kleinem Raum von den Ritualen rund um einen Geburtstag, der wohl ein letzter sein wird. "Reizvoll undurchsichtig fügen sich die verschiedenen Fragmente der familiären Beziehungen allmählich zu einem komplexen Ganzen zusammen", beobachtet tazlerin Eva-Christina Meier. "So scheinen in 'Tótem' auch die Objekte zu sprechen. Diego Tenorios Kameraführung unterstreicht diese Dramaturgie mit tastenden, neugierigen Einstellungen." FAZ-Kritiker Claudius Seidl sah einen Film, "der seinem Schauplatz und seinen Figuren eine ganz erstaunliche Zartheit und Lebensfreundlichkeit entlockt." Und es ist auch ein Tierfilm, schreibt Patrick Holzapfel im Perlentaucher: "Ein Netz wird sichtbar, in dem der Tod als Teil zyklischer Abläufe besiegt wird. Selbst wenn man nicht an Geister glaubt, beginnt man in den Katzen, Vögeln und Insekten jene Totems zu entdecken, die die Seele dieser Gemeinschaft ausmachen."

Weitere Artikel: Claudia Reinhard berichtet in der Berliner Zeitung von einer Diskussionsveranstaltung mit der Wettbewerbsjury. Büşra Delikaya porträtiert für den Tagesspiegel die indische Regisseurin Sreemoyee Singh. Fabian Tietke (taz) und Verena Lueken (FAZ) verneigen sich vor Steven Spielberg, der auf dem Festival mit dem Goldenen Ehrenbären und einer Hommage geehrt wird.

Aus dem Festival besprochen werden Sean Penns "Superpower" sowie Piotr Pawlus' und Tomasz Wolskis "In Ukraine" (Perlentaucher), Ira Sachs' "Passages" mit Franz Rogowski (taz, Tsp), Margarethe von Trottas "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" (Tsp, Perlentaucher), Alex Gibneys Porträtfilm über Boris Becker (NZZ), Dustin Guy Defas "The Adults" mit Michael Cera (Tsp) und die ZDF-Serie "Der Schwarm" nach dem gleichnamigen Ökothriller von Frank Schätzing (taz).

Weitere Texte vom Festival im Laufe des Tages in unserem Berlinale-Blog. Außerdem liefert Artechock kontinuierlich Kurzkritiken und längere Texte vom Festival. Cargo schickt SMS vom Festival, daneben schreibt Ekkehard Knörer von Cargo hier etwas ausführlichere Notizen. Und für den schnellen Pegelstand beim Festival unverzichtbar: Der Kritikerinnenspiegel von critic.de.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2023 - Film

Bromance im Kriegskeller: Sean Penns "Superpower"

Es war ein Coup: In der Nacht des russischen Angriffs auf die Ukraine befand sich auch Sean Penn in Kiew, der eigentlich nur gekommen war, um für Vice ein Porträt über Wolodomir Selenski zu drehen. Sein im Lauf des Jahres 2022 ergänzter Film "Superpower" hatte nun Weltpremiere auf der Berlinale. Mit diesem Film finde die "Berlinale am zweiten Tag ihren Ton", schreibt Philipp Bovermann in der SZ: Es ist ein beklemmender Ton." Hollywood-Star und Kriegspräsdient - diese "Begegnung hatte einen kulturellen Aspekt, denn hier trafen zwei Männlichkeitskulturen aufeinander, die viele Parallelen erkennen ließen", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Tiefere Erkennntisse sind allerdings nicht zu holen: "Der hektische Duktus von 'Superpower' lässt ohnehin niemals zu, dass ein Thema so weit vertieft würde, dass man auch wirklich verstehen könnte, worum in der Ukraine tatsächlich gerade gekämpft wird. Nämlich um mehr als nur territoriale Integrität."

Penn "baut eine echte 'Bromance' zum Porträtierten auf", schreibt Andrey Arnold in der Presse, der sich allerdings etwas mehr Erkenntnisse gewünscht hätte. Der Film sei "nicht auf Substanz aus", schreibt Andreas Scheiner in der NZZ, "sondern auf den Effekt". Stimmt ja alles, findet auch Barbara Schweizerhof in der taz: In den Händen eines erfahrenen Dokumentarfilmers wäre hier noch mehr zu holen gewesen. Aber "es ist fast zu leicht, sich über Sean Penns Eitelkeit zu mokieren. Alles geschenkt. In Wahrheit reicht das Drumherum, das zufällig Mit-ins-Bild-Gekommene, die Seitenblicke derer, die auch mit drauf sind, um aus 'Superpower' ein super-spannendes Dokument zu machen."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hingegen ist offen verärgert über diesen Film und die Berlinale, die hier in alte Muster zurückfalle: Mittelmäßige Filme einladen, um Starpower auf den Roten Teppich zu bringen. Denn an sich entspricht dieser Film "jener Sorte Dokumentarfilm, die man im Fernsehen schon nach ein paar Minuten aufgrund der unerträglichen musikalischen Untermalung und einer forcierenden Dramaturgie abschalten würde."



Vielleicht läuft ja doch im Forum der bessere Ukraine-Film? Dort zu sehen ist jedenfalls Piotr Pawlus' und Tomasz Wolskis "In Ukraine", Dokument einer Reise vom Westen in den Osten des Landes im Jahr 2022. "Am Anfang, ganz im Westen des Landes, ist der Krieg sehr weit weg", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Doch die Reise geht weiter "bis das Regie-Duo mit Soldat:innen im Wald hockt, wo Schüsse und Bomben fallen." Dieser "meist stille, aber eindrückliche Dokumentarfilm verzichtet auf jegliches Interview, und auf Protagonisten. Vielleicht bringt 'In Ukraine' einem die Menschen in den Kulissen des Krieges gerade deshalb so nahe. Als Zaungast registriert man die Zähigkeit all dieser Menschen, in der Provinz und Metropolen, wenn sie dem Krieg Alltag, Weiterleben, Normalität abtrotzen."

Hallo wach für den Wettbewerb: "Disco Boy" von Giacomo Abbruzzese

Andreas Kilb zieht in der FAZ ein erstes Zwischenfazit des Wettbewerbs, "in dem in diesem Jahr viele Filme laufen, die mit unausgegorenen Drehbüchern und ziellosem ästhetischen Ehrgeiz ihre Sujets in den Griff zu bekommen versuchen". Das gelte auch für Giacomo Abbruzzeses Debütfilm "Disco Boys", dem es trotz starker Bilder an einer Idee fehle. Auch Perlentaucherin Thekla Dannenberg sieht den Wettbewerb bislang auch nicht so richtig in Fahrt kommen. Aber immmerhin verpasse Abbruzzeses "Disco Boys" ihm einen dringend benötigten "gehörigen Adrenalistoß": Der Film erzählt von einem belarussischen Flüchtling in der Fremdenlegion (Franz Rogowski), der in Nigeria in Scharmützel gerät, wo eine Befreiungsbewegung die Petrol-Industrie zum Teufel jagen will. "In dem hochaufgeladenen Film ist alles Energie, Lebenshunger und dunkle Poesie", lobt Dannenberg. Für die taz bespricht Arabella Wintermayr den Film.

Und noch etwas Technisches zur Berlinale: Dort muss man sich jetzt als akkreditierter Journalist für alle Vorstellungen (kostenlose) Tickets ziehen. Damit geht jede Spontanität flöten, bemerkt ein ungehaltener Peter Körte in der FAS. Zumal der Entzug der Akkreditierung droht, wenn man mehr als zwei Tickets verfallen lässt. "Abgesehen davon, dass nun lückenlos dokumentiert ist, wer welche Filme gesehen (und gemieden) hat, dass sich auch keinerlei Angaben zum Datenschutz finden, schafft das ein Problem, das es vorher gar nicht gab. Dass man auf einem Festival leicht mal eine Vorführung verpasst, weil ein Gespräch länger dauert, weil man sich in letzter Minute für einen anderen Film entscheidet, ist doch bekannt. Ohne Buchung und Stornopflicht wäre das nicht der Rede wert. Kommt einer zu spät, bestraft ihn oder sie das Leben, und kein Platz muss leer bleiben; jetzt wacht und straft die Festivalbürokratie."

Weiteres vom Festival: In der taz spricht Ayşe Polat über ihren Film "Im toten Winkel". Christiane Peitz berichtet im Tagesspiegel vom Iran-Panel des Festivals. Jan Künemund vom Tagesspiegel sieht auf dem Festival neue queere Filme aus Berlin. Gunda Bartels porträtiert für den Tagesspiegel die Schauspielerin Leonie Bensch. Weitere Texte vom Festival im Laufe des Tages in unserem Berlinale-Blog. Außerdem liefert Artechock kontinuierlich Kurzkritiken und längere Texte vom Festival. Cargo schickt SMS vom Festival. Und für den schnellen Pegelstand beim Festival unverzichtbar: Der Kritikerinnenspiegel von critic.de.

Aus dem Festival besprochen werden außerdem Matt Johnsons "BlackBerry" (Perlentaucher), Margarethe von Trottas "Ingeborg Bachmann" (Perlentaucher), John Trengoves "Manodrome" (taz, Perlentaucher), Celine Songs "Past Lives" (Perlentaucher), Zhang Lus "Der schattenlose Turm" (Perlentaucher), Claire Simons Dokumentarfilm "Notre Corps" (Perlentaucher), İlker Çataks "Das Lehrerzimmer" (taz), die Doku "I Am Noise" über Joan Baez (Perlentaucher), Maite Alberdis Dokumentarfilm "The Eternal Memory" (Tsp), Alex Gibneys Boris-Becker-Doku "Boom! Boom!" (ZeitOnline, Tsp), David Wnendts "Sonne und Beton" (Tsp) und Chhatrapal Ninawes "Ghaath" (Tsp).