Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.03.2023 - Film

"Einmal alles auf einmal bitte": Michelle Yeoh im aktuellen Oscar-Abräumer

Die Feuilletons resümieren die Oscarnacht (hier unsere erste Zusammenfassung). Der Großteil der Goldjungs ging an "Everything, Everywhere all at Once" des Regie-Duos Daniels, eine ziemlich durchgeknallte Science-Fiction-Sause, die sich in den Kinos im letzten Jahr als ziemlicher Kulthit erwiesen hat. In der SZ trauert Susan Vahabzadeh aber auch ein wenig den Zeiten nach, als Hollywood, die Oscars und das Kinopublikum noch Komplizen waren. "In den Achtzigern haben Sydney Pollacks 'Out of Africa', Barry Levinsons 'Rain Man' und Oliver Stones 'Platoon' bei den Oscars jeweils die Haupttrophäe bekommen, sie gehörten zu den besucherstärksten Filmen des Jahres. In einer Jahres-Top-Ten von heute kommen Schriftstellerinnen-Porträts, Vietnamkriegsfilme und einfühlsame Brüder-Dramen nicht mehr vor. Im Jahr 2022, das am Sonntagabend prämiert wurde, waren die elf erfolgreichsten amerikanischen Filme ausnahmslos Fortsetzungen oder Teil irgendeines Superhelden-Universums. Das ist nicht gerade ein Beweis holder Inspiration oder bahnbrechender Ideen. Und da ist es eine logische Konsequenz, einen Film auszuzeichnen, der vielleicht kein Meisterwerk ist - aber immerhin anders als alles, was man vorher gesehen hat."

Für ZeitOnline-Kritikerin Carolin Ströbele bleibt diese Verleihung "als ein Abend der Hollywood-Auferstehungen" in Erinnerung: "So viele Darstellerinnen und Darsteller, deren Karriere eigentlich beendet zu sein schienen, hielten plötzlich eine goldene Statuette in Händen." Susanne Gottlieb freut sich im Standard für die Auszeichnung von Michelle Yeoh als bester Schauspielerin: Yeoh kennen Freunde des asiatischen Films seit Jahrzehnten als taffe Fighterin diverser Hongkong-Filme. Nun mit über 60 erhält sie auch von Hollywood endlich Anerkennung - und das mit "einer Rolle, die an ihren langjährigen Co-Star Jackie Chan hätte gehen sollen. Dass sie für sie umgeschrieben wurde, ist für Yeoh ein wichtiges Statement. Denn wo Männer noch bis in ihre 70er die Superhelden spielen, ergibt sich diese Möglichkeit für Frauen seltener." Daniel Haas freut sich auf ZeitOnline über den Oscar als bester Schauspieler für Brendan Fraser, der in den 90ern mit Teenie-Klamauk begonnen hatte, aber bei dem sich seit den Nullern "Genrekalkül mit Autorenkino-Ambitionen zu einer ziemlich stringenten Hollywoodkarriere zusammen" geschlossen haben.

Der Sieger hinter den Kulissen ist A24, schreibt Philipp Bovermann in der SZ. Seit knapp zehn Jahren steht das unter Hipstern gefeierte Indie-Studio für künstlerisch ambitioniertes und/oder verqueres Kino-Material. "Sein Erfolg, zuerst im Netz, dann an den Kinokassen, lässt sich mindestens zum Teil damit erklären, dass A24 die fatalistisch-düstere Hyperironie des Spiels mit Zeichen und Bildern im Netz für die Leinwand ausformuliert - jene Remixkultur, die keine geschlossenen Werke kennt, nur noch Bilder, die man aus dem allgemeinen visuellen Rausch schlägt, um sie, wie eine Trophäe, zum Objekt neu zu schaffender Kulte zu erheben. ... Früher erfolgreiche Indie-Labels wie Miramax waren unter Kennern bekannt und beliebt, A24 aber ist noch mehr: eine Markenwelt, wie man das heute nennt. Darin liegt eine erst auf den zweiten Blick ersichtliche Ähnlichkeit des Indie-Studios mit anderen gegenwärtig erfolgreichen Großprojekte der Branche, etwa den Markenuniversen von Marvel und DC, deren Superheldengeschichten in einem gemeinsamen Filmuniversum spielen. Die Filme von A24 sind selbständig - aber eben doch Teil eines Marken-Multiversums in einer medialen Gegenwart, in der immer alles gleichzeitig passiert, all at once."

Max Florian Kühlem spricht in der Berliner Zeitung mit dem Komponisten Volker Bertelmann alias Hauschka, der für seine Musik zu "Im Westen nichts Neues" ausgezeichnet wurde. Mit dessen Regisseur Edward Berger spricht Michael Maier für die Berliner Zeitung. Weitere Resümees des Abends schreiben Valerie Dirk (Standard) und Jenni Zylka (taz).

Außerdem: Büşra Delikaya ärgert sich im Tagesspiegel, dass Berlin-Neukölln in deutschen Serien immer nur als migrantischer Sündenpfuhl des Verbrechens dargestellt wird. Sandra Kegel (FAZ) und Fritz Göttler (SZ) gratulieren Michael Caine zum 90. Geburtstag. Besprochen werden der Science-Fiction-Film "65" mit Adam Driver (taz), die Amazon-Serie "Luden - Könige der Reeperbahn" (Welt) und die ZDF-Serie "Der Schwarm" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.03.2023 - Film

Michelle Yeoh in "Everything Everywhere all at once"

In der Nacht wurden die Oscars verliehen - hier alle Auszeichnungen im Überblick. Es sind gleich zwei Sensationen auf einmal: Nicht nur haben Daniel Kwan und Daniel Scheinert mit ihrem Indie-Fantasyfilm "Everything Everywhere All at Once", der vor einem Jahr mit gerade einmal zehn Kopien an den Start gegangen ist, ihren phänomenalen Erfolgszug fortgesetzt und ganze sieben Oscars (darunter die wichtigsten Kategorien "bester Film" und "beste Regie") abgeräumt, sondern auch Edward Bergers "Im Westen nichts Neues" wurde in vier Kategorien (darunter "bester internationaler Film" und "beste Kamera") ausgezeichnet - mehr als je zuvor für einen deutschen Film. Mit Michelle Yeoh aus Malaysia wurde zudem erstmals eine Asiatin in der Kategorie "beste Schauspielerin" (für ihre Leistung in "Everything...") geehrt. Valerie Dirk und Marian Wilhelm (Standard), Marie Wiesner (FAZ), Inga Barthels (Tsp) und Peter Huber (Presse) resümieren den Abend.

Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek kann mit dem Oscar-Regen für "Everything..." mehr als gut leben: Ausgezeichnet wurde "der gedanklich kühnste und filmisch wagemutigste Film, der seit langer Zeit einen Oscar gewonnen hat". Vollkommen anders sieht es ein erboster Andreas Scheiner in der NZZ: "Everything..." ist für ihn "ein hypernervöser, durch und durch sinnbefreiter Fantasy-Schwank, in dem eine chinesische Einwanderin, die in Kalifornien einen Waschsalon betreibt, durch Paralleluniversen geschleudert wird, um eine kosmische Bösartigkeit in Gestalt eines Bagels zu bekämpfen. Oder so ähnlich. Ein höherer Blödsinn jedenfalls, eine Handlung wie durch die Waschtrommel gedreht, am Ende ist man ordentlich zerknittert, fühlt sich wie intellektuell abgepumpt. Aber der ostentative Schwachsinn steht nicht ohne Grund ganz zuoberst in der Gunst der Academy. Der Film ist hip, divers und ungezogen. Er lässt sich in den sozialen Netzwerken bewirtschaften, das ist mittlerweile matchentscheidend."

Jesko zu Dohna beschwert sich in der Berliner Zeitung über die zahlreichen historischen Darstellungsfehler und Klischees in "Im Westen nichts Neues": "Verglichen mit anderen Filmen die diesen Oscar gewonnen haben, handelt es sich sogar um einen der schlechtesten Filme aller Zeiten. Leider."

Außerdem: In seiner Serienkolumne für die Zeit ärgert sich Matthias Kalle darüber, dass die Drehbuchautoren bei der Oscarverleihung nicht die eigentlichen Stars sind. Besprochen werden Steven Spielbergs "Die Fabelmans" (Jungle World, unsere Kritik), der neue Teil der "Scream"-Horrorreihe (NZZ), die Netflix-Serie "Too Hot to Handle" (NZZ), der Fotoband "Oscars - Glamour auf dem roten Teppich" (BLZ) und die ARD-Serie "Unsere wunderbaren Jahre" (FAZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2023 - Film

Warten auf Sonntagnacht: "Im Westen nichts Neues" von Edward Berger


In der Nacht von Sonntag auf Montag werden in Los Angeles die Oscars verliehen. Edward Bergers geradezu inflationär mit Nominierungen beworfene Remarque-Verfilmung "Im Westen nichts Neues" lässt das Filmfeuilleton mit besonderer Aufmerksamkeit über den großen Teich blicken. Den Sprung darüber unternimmt aus diesem Anlass auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth - auch wenn in dem Film keinerlei Geld aus ihren Filmfördertöpfen steckt, wie Daniel Kothenschulte in der FR schreibt. "Bezahlt haben alles die Amerikaner. Vermutlich ist dies der erste größere deutsche Kinofilm seit mehreren Jahrzehnten, der komplett ohne öffentliche Mittel produziert wurde. Der Traum vom großen deutschen Unterhaltungsfilm, der weltweit wahrgenommen wird, ist also nur in dieser Richtung denkbar: Wenn ein Hollywoodstudio ihn bestellt hat. Das Netflix-Geschäftsmodell verlangt global wachsende Nutzerzahlen. Dazu werden in allen Weltgegenden Filme in Auftrag gegeben, die in den jeweiligen Landessprachen gedreht werden, aber wie Hollywoodfilme weltweit attraktiv gefunden werden. Eine spezifisch deutsche Filmsprache ist weder gewünscht, noch ließe sie sich bei Bergers Special-Effect-Feuerwerk ausmachen."

Laut Wettbüros sind die Chancen aufs ganz große Abräumen für Bergers Film ohnehin gering, schreibt Tobias Kniebe in der SZ. Aber "der Preis für den 'Best International Feature Film', früher Fremdsprachen- oder Auslands-Oscar genannt, sollte auf jeden Fall drin sein." Überhaupt zeigt sich dem Kritiker nochmal, wie sehr sich die Oscars geändert haben: Vor ein paar Jahren wäre Steven Spielbergs "Die Fabelmans" (unsere Kritik) noch der glasklare Favorit gewesen, doch "jetzt will kaum einer mehr daraufsetzen, dass der Film groß etwas gewinnt". Stattdessen glauben alle, dass die amerikanisch-chinesische Co-Produktion "Everything Everywhere All At Once" das große Rennen machen wird. Für diesen Film ist auch Jamie Lee Curtis nominiert - als beste Nebendarstellerin. In der SZ drückt Susan Vahabzadeh der US-Schauspielerin dafür alle vorhandenen Daumen.

Auch in diesem Jahr wird Wolodomir Selenskij bei der Gala keinen Raum für eine Ansprache erhalten, berichtet Philipp Bovermann in der SZ. Zwar gebe es zu diesem Entschluss keine offizielle Stellungnahme. Doch Variety "zitiert anonyme Quellen, denen zufolge Will Packer, der Produzent der Show, darüber gesprochen habe, warum er schon im vergangenen Jahr dem ukrainischen Präsidenten keine Airtime geben wollte: Beide Kriegsparteien seien weiß, frühere Konflikte außerhalb der westlichen Welt hätten keine entsprechende Aufmerksamkeit erhalten."

Mehr zu den Oscars: In Hongkong regt sich Widerstand dagegen, dass Donnie Yen bei der Gala einen Oscar überreicht, berichtet Kai Strittmatter in der SZ: Der chinesische Action-Schauspieler ist überzeugter KP-Anhänger und hatte vor kurzem in einem GQ-Interview den Protest in Hongkong 2019 diffamiert. Für einen milden Branchen-Skandal sorgt derzeit auch Tom Cruise' ebenfalls nominiertes Flieger-As-Spektakel "Top Gun: Maverick" (unsere Kritik): In dem Film stecke wohl durchaus ansehnliches, über allerlei Umwege und Briefkastenfirmen in die Produktion eingeschleustes Oligarchengeld aus Russland, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt.

Sergei Loznitsas "Luftkrieg - Die Naturgeschichte der Zerstörung"

Abseits der Oscars: In der taz spricht Sergei Loznitsa über seinen neuen Dokumentarfilm "Luftkrieg - Die Naturgeschichte der Zerstörung", für den der ukrainische Filmemacher nach "Austerlitz" erneut auf einen Text von W.G. Sebald, den Essay "Luftkrieg und Literatur", zurückgegriffen hat. Fragen, ob er mit dem Film die Bombardierungen deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg zum Kriegsverbrechen erklärt - worüber Historiker streiten - und ob er damit nicht rechten Narrativen entgegen arbeitet, stellt sich Loznitsa entgegen: Der Bereich Propaganda ist "ein Thema, mit dem ich mich im Film nicht auseinandersetze. Das Beispiel erinnert mich an die Sowjetunion, in deren Zeiten ich aufgewachsen bin. Immer wenn es dort interne Kritik gab, weil etwas schieflief, gab es eine typische ausweichende Antwort der Art: Aber in den Vereinigten Staaten gibt es auch Missstände! ... Hier schien mir immer das Verfahren des Philosophen Platon ratsam, der im entscheidenden Moment zur Sache zurückkehrte und zu sagen pflegte: Aber wir sprechen doch von Griechenland! Mir geht es darum: Jeder Krieg ist Wahnsinn. Es spielt keine Rolle, welcher Krieg und wer die Kriegsparteien sind - er ist immer ein Akt des Irrsinns. Krieg wirkt wie eine Art Virus, das sich ausbreitet. Ab einem bestimmten Zeitpunkt des Krieges wird die Ursache des Kriegskonflikts irrelevant - das Töten wird zum Selbstzweck."

Außerdem: Für den Tagesspiegel porträtiert Andreas Busche die französische Filmemacherin Alice Diop, deren "Saint Omer" (unser Resümee) aktuell in den Kinos gestartet ist. Dlf Kultur bringt eine "Lange Nacht" von Martina Müller über Fritz Lang.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.03.2023 - Film

Im Standard porträtiert Bert Rebhandl den österreichischen Kameramann Niki Waltl, der den oscarnominierten Film "Nawalny" fotografiert hat. Rüdiger Suchsland freut sich auf Artechock sehr darüber, dass die Filmkritikerin Barbara Wurm künftig das Forum der Berlinale leiten wird: "Das ist eine wunderbare Entscheidung!" Die Agenturen melden, dass der aus "Anatevka" bekannte, israelische Schauspieler Chaim Topol gestorben ist.

Besprochen werden Steven Spielbergs "Die Fabelmans" (Standard, NZZ, Welt, unsere Kritik), Alice Diops "Saint Omer" (Zeit, mehr dazu bereits hier), der Dokumentarfilm "Die Eiche - mein Zuhause" (Welt), die auf Sky gezeigte, italienische Mystery-Serie "Christian" (FAZ), Santiago Mitres oscarnominierter Film "Argentinien 1985" über die Prozesse gegen die Junta (FAZ) und Sara Dosas auf Disney+ gezeigter Dokumentarfilm "Fire of Love" über das Vulkanologen-Ehepaar Krafft (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.03.2023 - Film

Sprache als undurchdringliche Maske: "Saint Omer" von Alice Diop

Mit ihrem ersten Spielfilm "Saint Omer" ist die bis dahin mit dokumentarischen Formaten arbeitende Regisseurin Alice Diop die erste schwarze Französin, die für einen Oscar nominiert ist. Es geht um eine an der Sorbonne Philosophie studierende Senegalesin, die sich vor Gericht wegen der Tötung ihres 15 Monate alten Babys verantworten muss - die Vorlage dafür lieferte ein tatsächlicher Fall im Jahr 2013, dessen Prozess Diop beobachtete. "Saint Omer" ist eine "Reflexion, die sich zugleich in unterschiedliche Verästelungen von Frausein, Mutterschaft, Herkunft und Krise begibt", schreibt Carolin Weidner in der taz. "Katalysator dafür ist Rama (Kayije Kagame), eine Pariser Literaturprofessorin, die, ähnlich Diop, dem Prozess beiwohnt und erschüttert ist von den Aussagen einer Frau, in der sie sich auch ein bisschen selbst erkennt." Dabei wirkt der Film "wie ein sehr akkurater, beschreibender und dennoch nicht immer zugänglicher Text, einer, der nie auffordert, sondern vielmehr anbietet, der möchte, dass man sich zumindest in die Nähe des Unverständlichen begibt. Es ist eine Herangehensweise, die sich ebenfalls in ihren Dokumentarfilmen zeigt, die nicht zuletzt immer wieder nach der eigenen Position forschen: der einer in Frankreich geborenen und sozialisierten Intellektuellen, deren Eltern in den sechziger Jahren aus dem Senegal kamen."

Die Täterin weiß selbst nicht recht, was in sie gefahren ist und erhofft sich vom Prozess Aufklärung über sich selbst, erklärt Philipp Stadelmaier in der SZ: "Sie spricht davon, verhext worden zu sein, eine senegalesische Jeanne d'Arc unter dem Einfluss von übersinnlichen, unerklärlichen Kräften. Kulturelle Unterschiede scheinen in ihren Aussagen auf, der Rassismus der weißen Franzosen." Und stets betont sie, "die Dinge nicht genauer darstellen zu können. Sie wollte zu Ludwig Wittgenstein arbeiten, dem Philosophen der Sprache. Dass die Sprache eine Grenze und eine undurchdringliche Maske ist, die die Dinge, über die sie spricht, immer auch verschleiert, ist die einzige Wahrheit, die hier enthüllt wird." Marie-Luise Goldmann von der Welt ist davon nicht überzeugt: Der Film "weidet sich etwas zu sehr an seiner eigenen Inkohärenz, Lückenhaftigkeit und Zähigkeit - was sich lediglich mit der Idee rechtfertigen ließe, so seien Gerichtsprozesse und die menschliche Psyche eben: Eine Tat wie diese kann nicht erklärt werden, also müssen alle Versuche zwangsläufig im Sand verlaufen." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel, Standard und auf Artechock.

Autobiografischer Kern: "Die Fabelmans" von Steven Spielberg

Rajko Burchardt geht im Perlentaucher vor Steven Spielbergs "Die Fabelmans" (mehr dazu bereits hier) auf die Knie: Eine wunderschöne Szene reiht sich an die andere. "Nach über 50 Jahren produktiven Hollywood-Schaffens hat Spielberg sich an den dezidiert autobiografischen Kern jener Motive und Sujets gewagt, die seine Erfolgsformel begründen. ... Erstaunlich mutet die von Idealisierung und Scham befreit wirkende Aufrichtigkeit seines Selbsttherapiefilms an, mit der Spielbergsche Erfahrungswirklichkeiten sowohl humorvoll als auch angemessen sentimental auf links gedreht scheinen." Weitere Besprechungen in FR, taz und Artechock. Philipp Bovermann porträtiert in der SZ die Schauspielerin Michelle Williams, die Spielbergs Mutter spielt.

Weitere Artikel: Julia Lorenz von ZeitOnline beobachtet im Kino einen Trend zur schlecht gelaunten Schauspielerin. Klassik-Kritiker Frederik Hanssen ärgert sich in seiner Tagesspiegel-Kolumne über die zahlreichen "faktischen Fehler" bei der Darstellung des Orchesteralltags in Todd Fields "Tár" (unsere Kritik).  Ulf Vogler und Cordula Dieckmann (Tsp) und Michael Hanfeld (FAZ) schreiben Nachrufe auf den TV-Schauspieler Heinz Baumann.

Besprochen werden Walter Hills im Video-on-Demand erhältlicher Western "Dead for a Dollar" mit Christoph Waltz und Willem Dafoe ("Als Liebhaber des Genres dürfen einem durchaus die Tränen kommen", schwärmt Lukas Foerster im Perlentaucher), Matt Bettinelli-Olpins und Tyler Gillets "Scream 6" (FR), Katharina Wolls "Alle wollen geliebt werden" (Artechock) und eine Arte-Doku über den Reichstagsbrand (taz).Außerdem erzählt uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2023 - Film

Im Welt-Interview spricht Ari Folman über seinen neuen Animationsfilm "Wo ist Anne Frank", noch mehr aber über die aktuelle Lage in Israel und den BDS-Antisemitismus, der für ihn allerdings nicht gegeben zu sein scheint. Auch um die filmische Darstellung des Holocaust geht es in dem Gespräch: Empfehlen kann er "Der Pianist", denn "der ist mit den persönlichen Erfahrungen von Roman Polanksi verknüpft. Danach kommt Claude Lanzmanns 'Shoa', die beste Dokumentation aller Zeiten. Ich war auch sehr schockiert von 'Son of Saul'. Ich hatte László Nemes nicht zugetraut, dass er die Geschichte eines Sonderkommandos in den Gaskammern erzählen konnte." Spielbergs "Schindlers Liste" hingegen taugt ihm auf sehr ambivalente Weise nicht: "Ich hasse ihn. Jedenfalls aus künstlerischer Perspektive. Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll, bei den Zeitlupeneinstellungen, der Darstellung der Lager - aber ich will nicht bestreiten, dass das einer der wichtigsten Filme ist, die je gedreht wurden. Denn er hat den Holocaust einem Publikum vermittelt, das sich ansonsten nie dafür interessiert hätte."

Weitere Artikel: Die bislang im offiziellen Auswahlkomitee der Berlinale tätige Filmkritikerin Barbara Wurm wird künftig als Nachfolgerin von Cristina Nord das Forum leiten, meldet der Tagesspiegel. Für epdFilm porträtiert Thomas Abeltshauer die Kostümbildnerin Bina Daigeler, die Cate Blanchetts Look in "Tár" (unsere Kritik) gestaltet hat. Übrigens Blanchett: Andreas Kilb hofft in der FAZ sehr, dass die Schauspielerin am 12. März ihre dritten Oscar erhält. Das Kino wendet sich derzeit mit Vorliebe der Vergangenheit zu, beobachtet Tim Lindemann in epdFilm. Jörg Taszman empfiehlt im Filmdienst die Retrospektive Julien Duviver im Berliner Kino Arsenal.

Besprochen werden Steven Spielbergs "Die Fabelmans" (SZ, FAZ, mehr dazu hier), der die gleichnamige Serie abschließende Netflix-Spielfilm "Luther" mit Idris Elba (NZZ), die BBC-Serie "The Gold" (taz), die Amazon-Serie "Daisy and the Six" (Presse) und die ZDF-Serie "Der Schwarm" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2023 - Film

Widersprüchliche Erfahrungen von Glück und Schmerz: Steven Spielbergs "Die Fabelmans"

Für Filmmythen-Surfer Georg Seeßlen ist Steven Spielbergs "Die Fabelmans" - die deutlich autobiografisch gefärbte Geschichte der Familie Fabelman, deren Sohn erst Filme liebt und dann selber welche dreht - ein gefundenes Fressen: Ganz tief dringt Spielberg hier ins Gewebe der eigenen Familienerfahrung vor. "In jeder Familiengeschichte stecken Geborgenheit und Albtraum, große Zuwendung und schlimmer Verrat, Inspiration und Trauma", schreibt er in der Zeit. "Und manchmal bleibt einem zur Bewältigung dieses Widerspruchs nichts anderes als die Kunst. Genau davon handelt Steven Spielbergs 'Die Fabelmans'. Von einem jüdischen Jungen aus Ohio, der unbedingt Filmemacher werden musste, um mit der Kamera die widerstrebenden Erfahrungen und Erinnerungen von Glück und Schmerz zu kontrollieren. Und davon, dass dieses magische Selbstbild, bevor es selbst wieder zum Klischee wird, erst buchstäblich ver-rückt werden muss, um richtig interessant zu sein." Auch "ist der Film ein Vorschlag, das mittlerweile doch recht umfangreiche Filmwerk des Steven Spielberg noch einmal ganz anders zu lesen. Zum Beispiel als ver-rückte Soziologie der amerikanischen Mittelschicht in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Oder als Mittelstück einer Mytho-Poetik der Angst und der Sehnsucht, die ein John Ford begründete und ein David Lynch dann wieder zerlegte."

Außerdem: Für ZeitOnline befasst sich Julian Dörr mit Geschichte, anhaltender Beliebtheit und Wandel der romantischen Komödie.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.03.2023 - Film

Schnoddrig und kaputt: Aaron Hilmer spielt den "schönen Klaus" (Amazon)

FAS-Kritiker Harald Staun traut seinen Augen nicht: Amazon macht mit "Luden - Könige der Reeperbahn" dem deutschen Fernsehen vor, wie man einen historischen Stoff - Aufstieg und Fall der "Nutella"-Bande, die in den Achtzigern die alten Zuhälter auf St. Pauli ablöste - mitreißend erzählt und aus dem teils altgedienten Cast das Beste rausholt: "Schon lange hat keine deutsche Serie mehr so viel richtig gemacht wie 'Luden'. Das beginnt damit, wenig falsch zu machen." Von Anfang an sparten sich Produzenten, Autoren und Regisseure "jede überflüssige Handreichung, jeden unnötigen Erklärdialog, jedes zu oft gesehene Bild. Wie ein Trailer werden die Motive der kommenden Folgen kurz angespielt. Und dann ist man schon mittendrin in der Geschichte, die zwar auf einer wahren Legende beruhen mag; die sich aber vor allem auf die Kraft der eigenen Fiktion konzentriert." Wichtig sind dabei "Stil und Ton, Tempo und Timing: die schnellen Schnitte, die flüchtigen Blicke, der Dreck. Die Unschärfen und Tiefen, die Anmut, Schnoddrigkeit, Kaputtheit. ... Nichts ist echt, alles ist richtig."

Außerdem: In der Berliner Zeitung spricht der Regisseur Edward Berger über seine Remarque-Verfilmung "Im Westen nichts Neues". In seiner Serienkolumne für die Zeit erinnert Matthias Kalle an "Der Doktor und das liebe Vieh".

Besprochen werden Steven Spielbergs "The Fabelmans" (FAS), Todd Fields "Tár" (Standard, unsere Kritik), Alice Diops "Saint Omer" (FAS), Martin Schilts Dokumentarfilm "Krähen" (NZZ), die Zombie-Serie "Last of Us" (taz) und die Ausstellung "Phantome der Nacht. 100 Jahre Nosferatu" in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2023 - Film

Die Agenturen melden, dass der Regisseur David Grieco und der Drehbuchautor Giovanni Giovannetti den Mordfall Pasolini wiederaufnehmen lassen wollen. Für Artechock resümiert Wolfgang Lasinger den letzten Forumsjahrgang der Berlinale unter der Leitung von Cristina Nord. Dazu passend widmet sich Silvia Bahl im Filmdienst dem Caligari-Preisträger des Forums, "De Facto" von Selma Doborac. Im Filmdienst freut sich Karsten Munt, dass die "Woche der Kritik" während der Berlinale auch das Genrekino feierte. Paula Ruppert wirft für Artechock einen Blick aufs Programm des Mittelpunkt Europa Filmfests in München. Die SZ spricht mit Cate Blanchett über ihren neuen Film "Tár". In der Literarischen Welt erinnert sich Georg Stefan Troller an seine Begegnung mit Orson Welles.

Besprochen werden Natalia López Gallardos auf Mubi gezeigter Film "Robe of Gems" (Tsp), Todd Fields "Tár" (Artechock, Filmdienst, unsere Kritik), die Serie "The Consultant" mit Christoph Waltz (FAZ, Welt), David Wnendts Verfilmung von Felix Lobrechts Roman "Sonne und Beton" (ZeitOnline, unsere Kritik), Li Ruijuns "Return to Dust" (Artechock, Filmdienst), die 70s-Rock-Serie "Daisy Jones & The Six" auf Amazon (ZeitOnline) und eine BluRay-Ausgabe von Josef von Bákys 50s-Krimi "Gestehen Sie, Dr. Corda" (Robert Wagner von critic.de attestiert "ein Flair, als greife Nosferatu persönlich nach den Seelen der Leute").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.03.2023 - Film

Fährt Richtung Zukunft durch die Nacht: "Knight Rider"

Frankfurter Allgemeine Quarterly spricht mit Jan Oliver Schwarz, der als Professor im Bayerischen Foresight-Institute erforscht, wie Filme die Zukunft prägen. Denn als die 80s-Trashserie "Knight Rider" ein verbal kommunizierendes Auto zeigte, das in der Lage war, eigenständig zu fahren, wirkte dies damals wie eine Vision aus Wolkenkuckucksheim - und ist heute ein Ausblick auf die unmittelbar bevorstehende Zukunft: "Ich schaue Sci-Fi-Filme oder Literatur immer mit der Frage an: Was ist da Neues drin? Filme formen das Denken vor." Sie "schauen voraus, aber der Zeitgeist hängt eher zurück. Nachhaltigkeit und Digitalisierung gelten als aktuelle Themen, sind aber eigentlich rund 50 Jahre alt." Was er daraus gelernt hat: "Erstens, die Zukunft kann ganz anders werden, als wir es uns vorstellen. Zweitens, wir können viel Inspiration aus diesen Filmen ziehen. Ich habe keine Zukunftsangst mehr. Wenn ich all die Horrorszenarien höre, was bald alles kaputtgehen soll, frage ich immer zweifelnd nach. Das hat die Science-Fiction mich gelehrt: Es gibt immer Alternativen, es könnte immer auch anders kommen. Und wir können die Zukunft mitgestalten."

Außerdem: Im Tagesspiegel empfiehlt Till Kadritzke die Berliner Filmreihe "Cinema of Relocation" mit in Deutschland entstandenen Filmen von Einwanderern, darunter die in den Siebzigern entstandenen Kreuzberg-Porträts des späteren Schriftstellers Aras Ören. Besprochen werden David Wnendts "Sonne und Beton" (Perlentaucher, taz, mehr dazu hier), Todd Fields "Tár" (Welt, Standard, mehr dazu hier), Michael B. Jordans "Creed 3" (Presse) und die Amazon-Serie "Luden - Könige der Reeperbahn" (taz). Außerdem wirft der Standard Schlaglichter auf die Filme der Woche.