Kampf gegen die Willkür: "Sieben Winter in Teheran"
SteffiNiederzoll hat mit "Sieben Winter in Teheran" einen nun in der "Perspektive" der Berlinale gezeigten Dokumentarfilm über die sieben Jahre in Teheran inhaftierte Studentin ReyhanehJabbari gedreht, die am Ende ihrer Haftzeit hingerichtet wurde. Dafür war die Filmemacherin auf Hilfe angewiesen, erzählt sie im taz-Gespräch: "Es ist Wahnsinn, wie viel diese Menschen riskiert haben, indem sie Handys rein- undFotos rausgeschmuggelt haben." Jabbaris Angehöre hatten sie "gefragt, ob ich nicht aus den Ton- und Videoaufnahmen aus Reyhanehs Haftzeit einen Film machen möchte. In Iran haben sie niemanden gefunden, der sich das traute, für mich als Deutsche war es sehr viel weniger gefährlich. Das war ein ziemlicher Vertrauensvorschuss. 2017 habe ich dann SholePakravan kennengelernt, Reyhanehs Mutter. In dem Moment wusste ich, dass ich diesen Film unbedingt machen möchte und muss." Sie "hat nach der Hinrichtung ihrer Tochter weiter gegen die Todesstrafe gekämpft. Zusammen mit anderen Müttern, deren Kinder teilweise auf Demonstrationen während der grünen Bewegung 2009 erschossen worden sind, hat sie sich gegen willkürliche Verhaftungen eingesetzt."
Die Zwänge der Inszenierung: Emily Atefs "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" EmilyAtefs Wettbewerbsbeitrag, eine gleichnamige Verfilmung von DanielaKriensDebütroman "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" hat Perlentaucher Thierry Chervel insbesondere in den Sexszenengenervt: Der Film erzählt vor dem Hintergrund der Wende, wie eine junge Frau vor dem Hintergrund der Wende ihren Freund mit einem doppelt so alten Mann betrügt, welcher im Bett zum Grobian wird - was die Frau gerade seine Nähe suchen lässt: "Das war immer schon das Problem dieser Filme. Sie basieren auf einem Roman, aber Sex in einem Roman, in dem die Leser ihre eigenen Fantasien mit der Erzählung des Autors verknüpfen können, ist etwas ganz anderes als die äußerliche Inszenierung von Sex, die so gut wie immer peinlich ist. Nichts durchbricht den guten Willen eines Filmzuschauers mehr als eine Sexszene, der man plötzlich all die Zwänge der Inszenierung anmerkt. Die meisten Regisseure der Filmgeschichte von Hitchcock bis Godard waren klug genug, niemals eine Sexszene zu inszenieren. Wem (außer vielleicht David Lynch) ist je eine gelungen? Was in der Beschreibung pulsierende Lust ist, wird im Film zu einem Schnaufen und Hecheln und eruptiven Gebaren, gegen das man im Kino nicht mal eine Fast-Forward-Taste zu Hilfe nehmen kann."
Flächig im Dreidimensionalen: "La Sirène" von Sepideh Farsi SepidehFarsis Animationsfilm "La Sirène" (Panorama) erzählt vom Aufwachsen zur Zeit des Kriegs zwischen Iran und Irak. "Farsi inszeniert den Film zügig, mit viel Musik und einer Prise Humor, zeichnet dabei dennoch ein differenziertes Bild der iranischen Gesellschaft", berichtet Simon Rayß im Tagesspiegel. "Die Animationen von ZavenNajjar sind einfach gehalten. Realitätsbezug und künstlerische Verfremdung treten bei ihm in ein Spannungsverhältnis: Die Figuren wirken flächig, doch durch die vielen beweglichen Details entsteht um sie herum ein dreidimensional anmutender Raum." Sören Kittel staunt in der Berliner Zeitung: "Dieser beeindruckende Animationsfilm schafft etwas, das eigentlich unmöglich sein sollte: Er bringt schöne Bilder des Krieges auf die Leinwand. Da ist gleißendes Orange, wenn ein Ölturm in die Luft fliegt, da sind die großen Augen von Omid, die in allem ein Abenteuer sehen, und da ist die Distanz, die entsteht, wenn der Nebel sich verzieht und der Junge vor einem Leichenfeld steht, das immer größer wird."
Weiteres vom Festival: Im Tagesspiegeldankt Till Kadritzke dem Forum für den nunmehr dritten Schwerpunkt "Fiktionsbescheinigung" mit migrantischenPerspektiven in der deutschen Filmgeschichte: Es sind gerade diese "marginalisierten Perspektiven, die deutsche (Film-)Geschichte nicht nur bereichern, sondern tradierte Vorstellungen davon, was damit eigentlich gemeint ist, fundamental in Frage stellen". Moritz Baumstieger wirft in der SZ anlässlich des Ukraine-Schwerpunkts der Berlinale einen Blick auf die ukrainischeFilmindustrie, die versucht, im Kriegswahnsinn zu einem Produktionsmodus zurückzufinden: Zwar wird wieder produziert, doch viele Regisseure kämpfen im Krieg oder sind geflohen. Christian Schröder empfiehlt im TagesspiegelDominik Grafs heute in der (das Festival flankierenden) "Woche der Kritik" gezeigtem Essayfilm "Jeder schreibt für sich allein" über Schriftsteller, die in Nazi-Deutschland geblieben sind. Kirsten Taylor hat für den Tagesspiegel Filme aus der Jugendfilmsektion gesichtet. Dlf Kultur spricht hier mit HannesHirsch über dessen schwulen Club-Film "Drifter" und dort mit FraukeFinsterwalder über deren "Sisi und ich". Andreas Scheiner amüsiert sich in der NZZ über die desaströseInfrastrukturBerlins (überhaupt erst seit gestern Nacht ist der Potsdamer Platz wieder anders als zu Fuß oder per Bus zu erreichen) und die teils in blumigem Kitsch und Stilblüten versinkenden Filmbeschreibungen des Festivals.
Aus dem Festivalprogramm besprochen werden außerdem TatianaHuezos Dokumentarfilm "El eco" über das Leben und Arbeiten in einem mexikanischen Bergdorf (taz), MattJohnsons "Blackberry "(taz, Perlentaucher), Rolf de Heers Wettbewerbsbeitrag "The Survival of Kindness" (Perlentaucher) und MarioMartones "Massimo Troisi: Somebody Down There Likes Me" (taz). Daneben liefert Artechock kontinuierlich Kurzkritiken und längere Texte vom Festival. Und für den schnellen Pegelstand beim Festival unverzichtbar: Der Kritikerinnenspiegel von critic.de.
Außerdem: Im Tagesspiegel-Gespräch reagiert die Regisseurin BarbaraEder auf FrankSchätzings öffentliche Geringschätzung ihrer ZDF-Adaption seines Bestsellers "Der Schwarm": "Ich hab' das Gefühl, dass er am Ende doch nicht loslassen konnte". Der Standardplaudert mit dem Schauspieler PaulRudd, der sich für die Marvel-Superheldenreihe erneut ins "Ant Man"-Kostüm gezwängt hat.
Besprochen werden MarkCousins' "The Story of Looking" (Filmfilter), JörgAdolphs Dokumentarfilm "Vogelperspektiven" (FAZ) und die Klimaaktivisten-Serie "A Thin Line" (ZeitOnline).
Mit ihrem lang erwarteten Aufschlag zur Reform der deutschenFilmförderung (unser Resümee) bestimmt ClaudiaRoth die Debatten zum Beginn der Berlinale. Der Reformdruck ist ja auch akut: In der Zeit führt Katja Nicodemus durch den wahnwitzigen Förder-Irrgarten, in dem Filmproduktionen quer durchs ganze Land reisen müssen, um in München spielende Szenen wegen der Förderkohle in Bielefeld zu drehen, während erfolgreiche Filmschaffende mit jedem Film mühsamst bei Null anfangen müssen und am Ende ohnehin jeder Film so niedrig budgetiert ist, dass er international kaum konkurrenzfähig ist. Claudius Seidl in der FAZ freut sich nach Roths Vorschlägen jetzt schon auf die Eiertänze, wenn künftig der Ruf nach mehr Diversität an der gesellschaftlichen Wirklichkeit abprallt: Ein Film über die Clanmafias in Neukölln, aber ohne sexistische Sprüche und bitte auch ohne Verbrenner-Karren? Oh weh. "Man kann sich fragen, ob das ganze System nicht auf der falschen Annahme beruht, dass die Kinogänger noch immer auf dem Stand von vor 15 Jahren seien - obwohl doch die erwachseneren Bilder und Storys in die Serien ausgewandert sind. Man kann sich erst recht fragen, ob, wenn immer mehr Fördermillionen den deutschen Film immer weniger bedeutend haben werden lassen, man es mal mit dem Gegenteil probieren sollte: wenigerFörderung. Mehr Netflix, mehr Kommerz, mehr Wettbewerb. Am Ende bringen solche Verhältnisse auch wieder radikalbillige, böseFilme in der Tradition von Schlingensief und Achternbusch hervor."
Für keine gute Idee hält es Tobias Kniebe in der SZ, ausgerechnet auf der Erfolgswelle der deutschen Netflixproduktion "Im Westen nichts Neues" den Streamer mit einer Investitionsverpflichtung an die Kandare zu nehmen. Der deutsche Film ist vielleicht ja doch besser als sein Ruf, scheint Hanns-Georg Rodek von der Welt zu denken - viele Turbulenzen in der aktuellen Debatte haben für ihn wohl eher mit der Tradition des Hasses der Deutschen auf den deutschen Film zu tun.
ArtechockdokumentiertDominikGrafs bei einer Tagung im Vorfeld der Berlinale gehaltene Keynote zur Lage des deutschen Films: Kommt mal bitte alle wieder runter vom Content-Wahn, ruft er seiner Branche zu. Denn Film "will und ist etwas ganz anderes. Film ist nicht Inhalt-Transfer sondern geformte Erzählung. Nicht Look, sondern Ästhetik. Ich sehe das, was ich mit Film meine, als eine flüssigeForm an." Doch in der Realität gehe jedes Drehbuch "in 17 Fassungen, wird um- und umgedreht, und vor allem: jeder Funktionär aus der 3. Reihe darf auch zur 17. Fassung nochmal seinen Senf geben. Viel zu viele Mitredner wetzen an jeder Figuren-Charakterisierung oder Story-Wendung oder auch mal Einzelszene oder Dialog ihr Messer, um zu schlachten, was nicht in ihrem Sinn des Verkaufbaren ist, was nicht vorhersehbar ist, und um all das zu verhindern, wo sich Unberechenbares plötzlich Bahn bricht und den Zuschauer verwirren, verstören, abstoßen könnte. ... Content-Denken und vor allem - ja - Content-Handeln greift in seiner hemmungslosen Banalität den Kern des Filmischen an, es entwertet das Medium selbst."
Aber wie steht es denn konkret um den Nachwuchs? Auf der Berlinale ist dafür die Sektion "Perspektive Deutsches Kino" zuständig, deren Programm sich tazler Michael Meyns angesehen hat. Wobei: Nachwuchs? "Dieser Begriff ist dehnbar: Etliche der Regisseur:innen sind um die 40 und würden wohl in kaum einer anderen Branche als Nachwuchs durchgehen. Aber die Strukturen des deutschen Films sind zäh". Und wenn man in diesen Filmen "etwas vermisst, dann ist das stilistischer und erzählerischer Wagemut, ein Ausbrechen aus den Konventionen. Allzu glatt muten viele der Filme an, bewegen sich in den Bahnen ihrer jeweiligen Genres und Sujets, zeigen schon jene Stromlinienförmigkeit, die das deutsche Kino meist hat, in der es aber oft auch feststeckt, ja, es sich allzu gemütlich eingerichtet hat." Tagesspiegel-Kritikerin Gunda Bartels hingegen sah in der "Perspektive" mit regem Interesse einen Dokumentarfilm aus dem Video-Material des im Hambacher Fort verstorbenen Aktivisten und Filmstudenten SteffenMeyn und starkeComing-of-Age-Filme.
Anne Hathaway und Peter Dinklage in Rebecca Millers "She came to me"
Ein Eröffnungsfilm wurde auf der Berlinale im übrigen auch noch gezeigt: RebeccaMillers Großstadtbeziehungsfilm "She Came to Me" über einen Komponisten in der Schaffenskrise. Der ziemlich unzufriedene FAZ-Kritiker Andreas Kilb sah "viel unausgegorene Drehbuchpoesie" über die Leinwand fließen und ist froh, dass dieser außer Konkurrenz laufende Film der Jury gar nicht erst vorgelegt wird. Auch SZ-Kritiker Philipp Bovermann windet sich zuweilen vor Schmerzen angesichts wehleidiger Kitschangebote und warmer Lebensweisheiten. "PeterDinklage darf immerhin ausgiebig verzweifelt gucken", schreibttazler Tim Caspar Boehme, dem dieser Film viel zu schematisch ist, um seine Figuren zum Leben zu erwecken. Den versprochenen Neustart des Festivals sucht auch Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche in diesem Film vergebens: Dieser stehe doch deutlich eher für "die Sorte von Hollywoodkino, die dem Festival zum Auftakt ein paar große Namen beschert, welche die glamoursüchtigen Berliner:innen zufriedenstellt". Immerhin ist der Cast hübsch anzusehen. "Man kann Millers Film als gelungene Pflichtübung festhalten, die die Fallhöhe noch nicht zu hoch ansetzt, aber schon mal eineoptimistischeBotschaftandieFilmwelt sendet." Cornelia Geißler erzählt den Lesern der Berliner Zeitung, wer Rebecca Miller ist.
Der Film "landet konventionell in seichten Gewässern", schreibt auch Thekla Dannenberg im Perlentaucher. Sie bleibt aber frohen Mutes, denn der Wettbewerb voller unbekannter Namen bietet schließlich auch ein Versprechen: "Junges Kino muss nicht zwangsläufig ein Zeichen von Zweitklassigkeit sein. Wenn es gut für Chatrian und die Berlinale läuft, werden die vielen jungen und unbekannten Namen im Wettbewerb nach den Jahren von Kino-Krise und Pandemie einen neuen Aufbruch fürs Kino markieren."
In der Berliner Zeitungkann sich Harry Nutt nicht vorstellen, dass die Berlinale als politischesFestival allzu viel gegen die akuten Krisen der Gegenwart ausrichten kann: "Die Hoffnung auf die Wirkung künstlerischer Gegenreden oder ästhetischer Interventionen fällt angesichts monströser Manifestationen von Macht gering aus. Was hat die Berlinale zum russischen Krieg gegen die Ukraine anderes aufzubieten als einen Aufschrei gegen die Zerstörung des Kulturlebens in Kiew, Charkiw und anderswo sowie filmische Reaktionen auf die obszöne Ausübung der Gewalt? Eins der vorrangigen Ziele des russischen Krieges ist die Auslöschung der ukrainischen Kultur. Dagegen drohen Filmbilder und die Stimmen des Protests auf fatale Weise zu verblassen."
Und: Katrin Doerksen reicht im CulturMag den Berlinalegängern Tipps für den Ticketkauf. Andreas Busche porträtiert im Tagesspiegel die Berliner Regisseurin AyşePolat, deren Film "Im Toten Winkel" auf dem Festival läuft. Im Perlentaucherempfiehlt Fabian Tietke die japanische Science-Fiction-Sause "Shin Ultraman", die in der "Woche der Kritik" läuft. Barbara Schweizerhof wirft in der taz einen Blick auf die Retrospektive des Festivals, die sich diesmal dem Thema "Coming-of-Age" widmet.
Außerdem: Hollywood wäre gut beraten, sich mal weniger keusch und prüde zu zeigen, findet Adrian Hortin im Guardian-Kommentar. Dazu passend: Die Nachricht, dass "Emmanuelle" neu verfilmt wird, lässt Christian Schachinger vom Standard nostalgisch ans Hinterkofkino seiner Jugendtage denken. Dirk Peitz spricht für ZeitOnline mit der Schauspielerin SaskiaRosendahl, die in der neuen (in Welt und FAZ besprochenen) Serie "A Thin Line" eine Klima-Aktivistin spielt. Für die Weltrekonstruiert Martin Scholz das Zerwürfnis zwischen dem Bestseller-Autor FrankSchätzing und dem ZDF, das dessen Besteller "Der Schwarm" in den Augen des Autors sehr unbefriedigend adaptiert hat. Nachrufe auf RaquelWelch schreiben Jürg Zbinden (NZZ), Fritz Göttler (SZ) und Harry Nutt (BLZ). Besprochen werden Rosa von Praunheims von der ARD online gestelltes Rex-Gildo-Biopic "Der letzte Tanz" (taz), M. NightShyamalans "Knock at the Cabin" (Filmfilter) und JörgAdolphs Dokumentarfilm "Vogelperspektiven" (SZ).
Peter Dinklage in Rebecca Millers Berlinale-Eröffnungsfilm "She came to me"
Heute Abend beginnt die Berlinale. Philipp Bovermann von der SZ sieht das Festival auf dem absteigendenAst: Nicht nur löst sich der Potsdamer Platz, mit seiner früher hohen Kinodichte einst als Zentrum des Festivals konzipiert, wo sich öffentliches und Fachpublikum noch gut durchmischten, zusehends vor den Augen des Festivals in Nichts auf. Auch der Wettbewerb liefert kaum noch das, was ein Wettbewerb zumindest ansatzweise liefern sollte: Namen. "Wer die meisten erst mal googeln muss, braucht sich nicht zu schämen. Estibaliz Urresola Solaguren, kennt die jemand? Zhang Lu, anybody?" Hinzu kommen Zweitverwertungen aus dem Sundance-Festival und eine Special Gala von "Tár", der bereits in Venedig gefeiert wurde - nur damit CateBlanchett kommt: "Die schrumpfende Zahl großer Autorenfilme setzt entweder auf Social-Media-Marketing - der rund um die Festival-Wettbewerbe entfachte Presserummel verliert zusammen mit den klassischen Medienhäusern gegenüber Videoblogs, Influencern und Viraleffekten an Bedeutung - oder sie setzen auf Cannes. Und in Berlin landen die kleinenAutorenfilme, deren Zahl durch die sinkenden Kosten digitaler Filmproduktion seit Jahren explodiert. Cannes und Venedig kriegen die Wolkenkratzer, Berlin das um sie herum sich ausbreitende Gewimmel der Flachbauten."
Auch taz-Filmredakteur Tim Caspar Boehme kriegt beim Blick auf den in Baustellen versinkenden Potsdamer Platz eher Depressionen als Euphorieschübe, aber tröstet sich mit dem Programm, das im Wettbewerb Neuentdeckungen und übers Festival verteilt Filme aus der Ukraine und Iran bietet. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht das Festival an einem "Scheideweg", denn "gerade das Arthouse-Kino kämpft nach dem Ende der Lockdowns um sein Überleben; die kommerziellen Streaming-Dienste bieten anspruchsvollen Filmemacherinnen und Filmemachern nur in wenigen Fällen sichere Häfen. Filmfestivals sind da wichtiger als je zuvor." Und unter Chatrian "zieht sich mehr denn je eine Schneise zwischen einem auf Filmkunst orientierten Wettbewerb und populären 'Specials': Sie dienen mehr denn je dazu, Prominenz nach Berlin zu holen. Das Wagnis, das Festival mit einem Film aus dem Wettbewerb zu eröffnen, wird zugunsten einer populären romantischen Komödie aufgegeben." Auch Rüdiger Suchsland ist auf Artechock eher verzweifelt: Fürs internationale Fachpublikum gibt die Berlinale derzeit ein desaströses Berlin-Bild ab. "Es sind von der Berlinale keine Aktivitäten erkennbar, dem Festival irgendeine stadtpolitische, urbaneVision zu geben."
In der Berliner ZeitungsprechenMelikaGrothe und SebastianMarkt (der für den Perlentaucher auch als Filmkritiker tätig ist) über die Jugendfilmsektion des Festivals, das sie in diesem Jahr erstmals leiten. Fabian Tietke empfiehlt in der taz das Forum-Programm "Fiktionsbescheinigung", das in Vergessenheit geratene deutsche Filme mit migrantischerPerspektive präsentiert. Im Tagesspiegelverneigt sich Andreas Busche vor KristenStewart, die in diesem Jahr die Wettbewerbsjury der Berlinale leitetet. Andreas Hartmann berichtet in der taz von Warnstreiks in den Berliner Yorck-Kinos, die teils Spielstätten des Festivals sind. Ebenfalls in der tazlobt Michael Meyns die Kuratorenarbeit der vom Verband der deutschen Filmkritik veranstalteten "WochederKritik", die die Berlinale mit einem separaten Programm flankiert.
Der Filmproduzent PhilippeBober, der unter anderem RubenÖstlunds Festival- und Publikumshit "Triangle of Sadness" zu verantworten hat, spricht in der SZ über die sich ändernde Festivallandschaft und die RahmenbedingungenfürsAutorenkino. Europa hat es noch einigermaßen gut, aber jenseits des Atlantiks sei immer weniger zu holen, findet er: "Wenn Sie in den letzten Jahren die Auswahl-Entscheidungen betrachten, die in Toronto oder in Sundance getroffen wurden, gibt es für mich nur noch eine Erklärung - das sind Political-Correctness-Entscheidungen. Korrektheit tötet die Kunst." Und "mit dem Ziel, die breitesten, am einfachsten zu erwerbenden Zielgruppensegmente zu erreichen, sind die Streamingdienste standardisierten Formeln, Genre-Diktaten und Remakes zum Opfer gefallen. Stream heißt Strömung, es geht um Datenmengen, nicht um Regisseure, sie werden von der Strömung erfasst. Das ist wie ein schwarzes Loch. Die Zukunft der Filmkunst liegt allein im Kino."
Die deutscheFilmförderung hat akuten Reformbedarf. Das rufen seit geraumer Zeit nicht nur Branche und Filmkritik, sondern jetzt auch Kulturstaatsministerin ClaudiaRoth in einem Gastbeitrag für die SZ zum heutigen Berlinale-Auftakt. Der deutsche Film soll in Zukunft endlich wirklich alles auf einmal können: Wirtschaftlich solide, künstlerisch brillant, gesellschaftlich relevant und repräsentativ sein. Dafür schlägt Roth unter anderem eine modernisierte Entwicklungsförderung vor, eine Stärkung des künstlerischen und dokumentarischen Films sowie höhere Anreize, um Produktionen nach Deutschland zu holen oder hier zu binden. Außerdem will sie "die FFA mit der Branche weiterentwickeln zu einer Filmagentur, die alle filmpolitischen Aufgaben der Bundesförderungen gebündelt übernehmen kann. Dazu gehört auch, dass wir über bessere und mehr Daten über Förderung und Verwertung verfügen. Das Ziel sind zügigere Verfahren und eine bessere Abstimmung zwischen wirtschaftlichen und künstlerischen Aspekten. Dafür soll dann auch die bisherige kulturelle Förderung durch meine Behörde von dieser neuen Filmagentur wahrgenommen werden." In der FRlistet Daniel Kothenschulte zahlreiche Baustellen auf, die die deutsche Filmförderung, aber auch der DeutscheFilmpreis zu bewältigen haben.
Außerdem: Im Zeit-Gespräch lässt der BestsellerautorFrankSchätzing an der ebenfalls auf der Berlinale und wenig später im ZDF gezeigten Adaption seines Science-Fiction-Thrillers "Der Schwarm" kein gutes Haar: "Es pilchert mehr, als es schwärmt." Die Agenturen melden, dass RaquelWelch gestorben ist.
Besprochen werden MichelHazanavicius' Meta-Zombiekomödie "Final Cut of the Dead" (Perlentaucher, Tsp), M. NightShyamalans "Knock at the Cabin" (critic.de) und die deutsche, auf Paramount+ gezeigte Serie "A Thin Line" (taz) und ein neuer "Ant Man"-Superheldenfilm (Tsp, ZeitOnline, FAZ). Außerdem erklärt die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Im ZeitOnline-Gespräch fordernGesineCukrowski, JasminTabatabai und RuthReinecke mehr und bessere Rollen für Schauspielerinnenin der zweiten Lebenshälfte. Reinecke geht es "auch um Sensibilisierung. Welche Altersbilder sind in unserer Gesellschaft sichtbar? Wir leben in Deutschland in einer offenen Gesellschaft, aber die zweite Lebenshälfte wird gerne ausgeblendet. Wie viele Menschen über 50 siehst du auf einem Plakat, siehst du irgendwo abgebildet, siehst du als role model? Es gibt sie nicht. 21 Millionen Frauen, ein Viertel der Gesellschaft, werden nicht abgebildet. ... Die fiktionalen Rollenangebote für Frauen in der zweiten Lebenshälfte stimmen alle nicht mehr. Frauen sind nicht mehr nur Ehefrauen, bis sie in die Grube gehen. Wir brauchen Geschichten, die anders erzählt werden, mutiger."
In der NZZempfiehlt Martin Walder die Zürcher Filmreihe "As Time Goes By" über filmischeLangzeitbeobachtungen von MichaelApted über VolkerKoepp bis zur HelenaTřeštíková. Letztere ist eine "Spezialistin für Langzeitstudien, mitunter auf prekäremsozialemTerrain. Nach der Premiere von 'René' (2008), dem Porträt eines Gewohnheitsverbrechers, dessen Leben bald nur zwischen dies- und jenseits von Knastmauern pendelt, musste sie ihre eigene Rolle reflektieren: Durch den Film ist der Mann zur öffentlichenPerson geworden. Man bleibt im Briefkontakt, sie hat René mit Büchern versorgt, später sogar einer Kamera (die er für Pornos missbraucht). Er beginnt zu schreiben, wird publiziert, gewinnt an Statur, schafft es als 'asozialer Intellektueller' (Třeštíková) schließlich in Tabloids und in Talkshows, wo er rasch weiß, wie man Pointen setzt. Mehrere Frauen wollen ihn retten. ... Der Folgefilm 'René - The Prisoner of Freedom"' (2021) hat sich aufgedrängt; er führt ins Herz der Problematik. Immerhin scheint es dem Mann zwischen Freiheit und Knast zu gelingen, sich als eine Art Sisyphus im Sinne Camus', den er zitiert, zu akzeptieren."
Außerdem: Hanns-Georg Rodek erinnert in der Welt an Godards Science-Fiction-Film "Alphaville". Valerie Dirk porträtiert im StandardJaneFonda, die beim Wiener Opernball zu Gast ist.
Besprochen werden StevenSoderberghs "Magic Mike: The Last Dance" (critic.de), FannyLiatards und JérémyTrouilhs SF-Coming-of-Age-Film "Gagarine" (Standard), die in der ARD-Mediathek gezeigte ORF-Serie "Tage, die es nicht gab" (FAZ) und ein neuer "Ant-Man"-Superheldenfilm (taz, SZ).
Steven Soderberghs "Magic Mike: The Last Dance": Männerkörper zum Anfassen Der dritte Teil von StevenSoderberghs Stripper-Filmreihe "Magic Mike" lässtNZZ-Kritiker Daniel Haas, der in der Kinovorführung wohl von den ausgelassen feiernden Frauen im Raum wohl auch ein wenig von der Seite angequatscht wurde, über die fetischisierteDarstellungdes männlichenKörpers nachdenken: "Eine auf der Höhe der Zeit verfahrende Zurschaustellung des Männerkörpers steht noch aus", findet er. "Sie müsste immer auch eine Bloßstellung sein, eine Verletzung, eine Offenlegung. Was müsste offengelegt werden? Dass Blickverhältnisse Machtverhältnisse sind. Dass Machtverhältnisse nicht in Stein gemeißelt sind, was gut so ist. Und dass die Inspektion, verstanden als Dominanzgeste, nicht an das Geschlecht gebunden bleibt. 'Hey, daisteinMann!' Selten habe ich mich mehr gesehen gefühlt. Und weniger Herr der Lage."
Außerdem: Angaben des PEN-Zentrums zufolge ist der iranische Regisseur MohammadRasoulof aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen worden, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ. Für die Welt spricht Hanns-Georg Rodek mit M. NightShyamalan, der diese Woche seinen neuen Horrorfilm "Knock at the Cabin" in die Kinos bringt.
Die Filmkritik trauert um den spanischen Autorenfilmer CarlosSaura, der einen Tag vor seiner Ehrung für sein Lebenswerk durch die Goya Awards im Alter von 91 Jahren gestorben ist. Groß war Sauras Kino, weil es geprägt war von der "Suche nach dem, was man Spanischkeit nennen könnte", schreibt Georg Seeßlen auf ZeitOnline, "einer Verfasstheit von Eros, FamilieundGesellschaft, nach der Kontinuität von Schuld, Unterdrückung und Schweigen, nach der Ungleichzeitigkeit zwischen dem Archaischen, dem Bürgerlichen und der Moderne". Entstanden sind Sauras Filme unter den Eindrücken der Franco-Diktatur, doch es geht in ihnen "nicht um die äußere Grausamkeit des Regimes, sondern um die innere Grausamkeit seines familiären und erotischen Unterbaus. Hier wird man schon in der Kindheit schuldig, und die Unfähigkeit, mit dieser Schuld in einer Art umzugehen, wie sie die Moderne damals ringsum erlaubte, die Traumarbeit bei Federico Fellini und ihre Aufklärung bei Ingmar Bergman zum Beispiel, bewirkt, dass Sauras Menschen in einem Gefängnis der Bilder und Worte leben."
Saura floh sich schon als kleiner Junge "traumspielend in die Welt der Märchenwunder und Sagengestalten", schreibt Thomas Bauermeister in der Welt: "Das Onirische prägte sein Leben. ... Wie im Märchen brennen sich die Bilder von staubweißen Einöden, blitzenden Säbeln und Uniformknöpfen, vom Schweiß eines Pferdes und grundlos verschütteter Milch in unsere Netzhaut, erzählen von Seelenzuständen, bruchstückhaften Identitäten wie bei Borges, vom Ineinandergreifen der Zeiten, sich verdichtenden und wieder verfließenden Orten. Der zermürbende Kampf mit der Zensur ließ ihn seinen poetischen Stil der Uneigentlichkeit entdecken. Die filmische Allegorie als vitriolgetränkte politische Farce. Mit Sujets, die auf den ersten Blick unverfänglich erscheinen, konnte er Spaniens verinnerlichte Symbole von Macht, Religion und Militär, patriarchaler Unterdrückung und Selbstrepression nach Herzenslust als scheinbar zeitlose Parabel vorführen. " Weitere Nachrufe schreiben Fritz Göttler (SZ), Daniel Kothenschulte (FR) und Andreas Kilb (FAZ).
Außerdem: Christiane Peitz weint im Tagesspiegel den Schlangen am Ticketcounter, die sonst immer das Bild der Berlinale prägten, eine kleine Träne nach: Das Festival verkauft in diesem Jahr sämtliche Tickets online. Julia Pühringer wirft für den Standard einen Blick auf ChanningTatumsFilme. In der FAZgratuliert Maria Wiesner KimNovak zum 90. Geburtstag.
Besprochen werden M. NightShyamalans "Knock at the Cabin" (FAZ, SZ), AlexSchaads "Aus meiner Haut" (Presse), die Miniserie "Das Geständnis der Frannie Langton" (FAZ) und die Serie "A Thin Line" (Tsp).
Dominik Grafs "Jeder schreibt für sich allein" (Lupa Film) In seiner Artechock-Kolumne ärgert sich Rüdiger Suchsland unter anderem darüber, dass die Berlinale die neuen Filme von HansJürgenSyberberg (mehr dazu hier) und DominikGraf abgelehnt hat. Um den letzteren hat sich immerhin die "Woche der Kritik" gekümmert, eine das Festival zwar flankierende, aber unabhängige Filmreihe von Filmkritikern, die Grafs Film "Jeder schreibt für sich allein" ins Programm aufgenommen haben: Dieser sei "ein Stich ins Herz unserer derzeitigen deutschen Debatten und Probleme. Es ist ein historischer Film, ein Dokumentarfilm" nach dem "gleichnamigen Buch von AnatolRegnier. Es ist ein Film, der von Kompromissen und von Opportunismus, von moralischenAbgründen und Empathielosigkeit handelt, von Verhaltenslehren der Kälte und der Wärme, von Bücherverbrennungen und Arrangements. Es ist ein Film, der Linien zieht zu unseren eigenen Verhältnissen, zum Totalitarismus der Gegenwart - und zwar dem in den westlichen Demokratien - und zum Terrorismus der jüngeren Vergangenheit, von Will Vesper zu Bernward Vesper, dem Mann von Gudrun Ensslin, der Linien zieht von Gottfried Benn zu Günter Rohrbach, von Erich Kästner zu Dominik Graf selber, zu unseren Eltern und Großeltern und unserer eigenen Zukunft. Es ist ein großer Film, der schön und extrem schmerzhaft ist." Grafs zweiter neuer Film "Gesicht der Erinnerung" (mehr dazu hier) steht derzeit bei der ARD online.
Außerdem: Dunja Bialas resümiert für Artechockhier und dort das Internationale Filmfestival Rotterdam. Dirk Knipphals macht in der taz darauf aufmerksam, dass in der neuen Ausgabe von Sinn und Form ein bislang unveröffentlichtes Film-Exposé von WolfgangKohlhaase zu finden ist - "man kann den Text aber auch gut als Erzählung lesen". Der Tagesspiegel macht weiter Lust auf die Berlinale: Gunda Bartels und Kirsten Tayler haben vorab Filme aus dem Programm der Jugendfilm-Sektion gesehen. Christian Schröder wirft einen Blick ins Programm der Retrospektive, die sich in diesem Jahr mit Coming-of-Age befasst. Martin Walder freut sich in der NZZ, dass die Berlinale eine restaurierte Version von HansTrommers und ValérienSchmidelys nach Gottfried Kellers gleichnamiger Novelle entstandenem, Schweizer Klassiker "Romeo und Julia auf dem Dorfe" aus dem Jahr 1941 zeigt. Andrey Arnold schreibt in der Presse einen ersten Nachruf auf CarlosSaura. Im Dlf Kulturerinnern Martin Hamdorf und Jeanine Meerapfel an den spanischen Regisseur.
Zustand schöner Agonie: "Pacifiction" In der Zeitkommt Georg Seeßlen nochmal auf AlbertSerras bereits vergangenen Woche angelaufenen Kolonialismus-Kunstfilm "Pacifiction" zu sprechen (unsere Kritik): Er sieht darin eine "postkoloniale Farce, ein Spiel mit sexuellen und politischen Rollen." Aber "auch eine böseSprach- undDenkkomödie steckt in 'Pacifiction'. Die Dialoge erinnern oft mehr an ausgefeilte rhetorische Bühnenduelle als an einen Handlungsfilm. Manchmal überlässt sich der Film aber auch einfach der gefährdeten Schönheit oder der Schönheit der Gefährdung, wie man es nimmt, wenn es in die hohen Wellen geht oder im Propellerflugzeug über die Insel. Wir erleben einen tropischen Fiebertraum, einen Zustand der schönen Agonie. ... Noch mehr als das Ende des Kolonialismus (und den Beginn neuen geopolitisch-militärischen Wahns) erkennt man das Ende der europäischen Aufklärung. Im letzten Bild ist der Pazifik blutrot und die Nacht über der Insel endlos."
Außerdem: Marcus Stiglegger schreibt in epdFilm über die Filme von ParkChan-wook. Bei den Solothurner Filmtagen wurde auch über den Umgang mit historischemArchivmaterial diskutiert, berichtet Irene Genhart im Filmdienst. Sofia Glasl führt im Filmdienst durch die weite Welt der Körpertausch-Komödie. Und in einem Essay für epdFilmgesteht Georg Seeßlen seine Liebe zum schnittig-schnellenActionfilm ohne ein Gramm Fett.
Besprochen werden SarahPolleys "Die Aussprache" (ZeitOnline, SZ, mehr dazu hier), FlorianZellers "The Son" (NZZ) und die Serie "Funny Woman" (taz).
In Szene gesetzte Schönheit: Dominik Grafs "Gesicht der Erinnerung" (SWR) DominikGrafsneuer Fernsehfilm "Gesicht der Erinnerung" handelt von einer Frau, die in einem jüngeren Geliebten einen Wiedergänger jenes damals deutlich älteren Mannes erkennt, mit dem sie als junge Frau eine Affäre hatte. FAZ-Kritikerin Heike Huppertz erlebte einen von dunkler Liebesmystik geprägten Film. "Die Nacht- und Tagseiten der Bewegungen der Geschichte geben Einsichten, verhüllen wieder, geben scharfkantige, schmerzhafteErkenntnisblitze, gebärden sich mystisch oder spirituell und schwelgen vor allem in rasch wechselnder Szenenfülle. ... Man könnte den Liebeswahn dieses Films für überkandidelten Schmus halten, aber seltsamer- und geheimnisvollerweise glaubt man VerenaAltenberger alles aufs Wort und jede Gebärde, die Offenheit, die quasimediale Präsenz, Verwirrung, Schmerz und Abwehr, und ihr Leiden. Graf beglaubigt sie durch in Szene gesetzte Schönheit."
Sylvia Staude meldet in der FR Zweifel an: "Allerdings können die Hast zwischendurch, das Raunen und Mystifizieren, die unnötig aufdringliche Symbolik auch stören, können die Spinnen und Halluzinationen Christinas übertrieben ominös erscheinen, ebenso die dunkle Geschichte vom Schweigeengel (der den frisch Geborenen den Finger auf die Lippen legt, so dass sich die Vertiefung unter der Nase bildet) und vom 'Schatten' auf einer Kinderzeichnung." Welt-Kritiker Elmar Krekeler hingegen greift zu Superlativen: Vielleicht läuft hier im Februar schon der "schönste Liebesfilm des Jahres. EinerderschönstenDominik-Graf-Filme ist er auf jeden Fall."
"On the Field of God in 1972-73" von Judit Elek Das FilmfestivalRotterdamlud dazu ein, die ungarische Regisseurin JuditElek wiederzuentdecken. In den Siebzigern dokumentierte sie das Leben in einer Bergarbeitergegend, schreibt Friederike Horstmann im Perlentaucher: So "entstand eine Milieustudie über eine Dorfgemeinschaft, in der überkommene Strukturen eine hartnäckige Diesseitigkeit aufweisen. Die soziografische Studie zeigt Eleks Faszination für Menschen, Behausungen, Orte. Sie handelt von Lebensbedingungen junger Frauen in einem kleinen Dorf, von ihren Widerständen, ihren Sehnsüchten. ... Die 14-jährigen Mädchen - die gerade die achtjährige Volksschule beenden - denken nach, über eine mögliche Zukunft. Ein Leben, noch ohneFeminismus, aber mit allen Gründen dafür. In der Klasse tragen die Mädchen aufrecht stehend ihre Wünsche vor: Wünsche nach Selbstverwirklichung. Wünsche, die Nachdenklichkeit verlangen, denn die Lebenswege scheinen in Istenmezején nur allzu vorbestimmt. Die Mädchen wollen vor allem eins: Nicht so leben wie es ihnen von den Eltern festgelegt wurde."
Der ungarischenObrigkeit waren ihre Filme übrigens immer suspekt, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ: "So sensibel und genau, wie sie die Realitäten in der ungarischen Provinz in den Blick bekam, wollte das dann auch niemand von den Autoritäten sehen, und Elek hatte sich einmal mehr als Filmkünstlerin unmöglich gemacht. ... In Rotterdam konnte man sie bei einigen Vorführungen erleben, gebeugt, aber auch im hohen Alter noch stark, die Überlebende mehrerer Systeme, dadurch nun im Grunde sogar für die orbanistischeKulturbürokratie anschlussfähig. Aber mit der Widerspenstigkeit und Zärtlichkeit ihrer Filme lässt sich kein Staat machen."
"Dass das Kino am Ende sein soll, ist eine glatte Lüge", ruft M. NightShyamalan, dessen neuer (im Standardbesprochener) Film "Knock at the Cabin" diese Woche anläuft, im SZ-Gespräch. "Das behaupten viele wichtige Player, allein um ihre Streamingdienste zu pushen und weil die Aktionäre so was hören wollen. ... Durch die Pandemie haben die Studios ihre Pläne für weniger Kino und mehr Streaming plötzlich blitzschnell durchgezogen, anstatt nach und nach - und alle, wirklich alle haben brutal viel Geld verloren. Wir reden hier von Milliarden, die verheizt wurden, weil große Filme nicht im Kino liefen. ... Die Studios haben Selbstmord begangen, wollten es der Öffentlichkeit aber als Mord verkaufen."
Außerdem: Der Tagesspiegel macht Lust auf die Berlinale: Christiane Peitz stellt hier Filme aus dem Forum vor und dort welche aus dem zweiten Wettbewerb Encounters und aus dem Special. Nadine Lange hat in den Vorab-Pressevorführungen Filme aus dem Panorama gesehen. In der FAZgratuliert Jürgen Kaube dem Schauspieler JoePesci zum Achtzigsten. Der Historiker Michael Brenner erinnert in der SZ daran, wie die Rechten vor hundert Jahren Kinoaufführungen einer "Nathan der Weise"-Verfilmung zu sabotieren.
Besprochen werden KaterynaGornostais "Stop-Zemlia" (Perlentaucher, FAZ), SarahPolleys "Die Aussprache" (FR, mehr dazu hier), StevenSoderberghs "Magic Mike's Last Dance" (FR, taz), BujarAlimanis "Luanas Schwur" (SZ) und AlejandroLoayzaGrisis "Utama - Ein Leben in Würde" (taz). Außerdem erklärt uns die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.
Subjektwerdung durch Sprache: "Die Aussprache" SarahPolleys oscarnominiertes Drama "Die Aussprache" befasst sich mit sexuellemMissbrauchineinerMennoniten-Gemeinde: Im amerikanischen Hinterland martern sich die gläubigen Frauen derselben, ob sie ihre übergriffigen Männer samt und sonders verlassen sollten. "Die Antwort auf diese Frage scheint eindeutig zu sein", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Doch wie nuanciert" Polley "die unterschiedlichen Positionen der Frauen abwägt, wie klug sie durch bloßes Zuhören - 'Women Talking' heißt Polleys Film, fast lakonisch, im Original - und die Interaktion der Frauen (und der Kamera mit ihnen) einen fast sakralen Raum schafft, in dem die Worte nachhallen, öffnet den staubigen Heuschober, durch dessen Fenster und Ritzen das Tageslicht hereinbricht, in die Welt." Der Film fühle sich dabei "nicht nur groß an, er sieht auch ebenso aus. Polley hat ihr Kammerspiel im historischenScope-Format 1:2.76 gedreht." Sie "versteht die Weite der Perspektive, selbst in einem geschlossenen Raum, als integral für ihre Geschichte, die von einem Aufbruch handelt. 'Das Beste am Breitbildformat ist, dass wir selbst bei Close-ups zwei oder drei Menschen im Bild sehen können. So bleiben die Frauen immer miteinander verbunden.'"
Für Marie-Luise Goldmann von der Weltsteht der Film in der Tradition hochspannender Dialogdramen, wenn die Frauen beratschlagen und abwägen und Szenarien durchdenken: "Das Austarieren dessen, was geschehen könnte, trägt sich so detailliert zu, dass man beinahe mit den Hufen unter dem Kinosessel scharrt, und sich fragt, ob sich die Frauen nicht besser beeilen sollten, möglichst schnell abhauen oder sich für den Kampf rüsten - sich unterhalten können sie ja auch unterwegs noch. Aber nein, es ist eine Entscheidung, die demokratisch erfolgen soll, auch vor zeitweiliger Redundanz schreckt niemand zurück. Alle Stimmen sollen gehört werden. Das feministische Projekt, es ist eines der Subjektwerdung durch Sprache." Araballa Wintermayr lobt in der taz die Gravitas, die die Inszenierung dieser Buchadaption verleiht und den Stoff damit aus der Theaterhaftigkeit erlöst: "Eine entsättigte Farbpalette verstärkt das Gefühl von zeitloser Bedeutung des Thematisierten, insbesondere der Einsatz fahler Blautöne schafft eine überaus ansprechende, eigeneÄsthetik."
Besprochen werden außerdem DominikGrafsneuer ARD-Film "Gesicht der Erinnerung" (FR), VeraBrückners Dokumentarfilm "Sorry Genosse" über eine Liebe zwischen Ost und West (Tsp), der Kinder-Animationsfilm "Maurice der Kater" nach einer Vorlage von TerryPratchett (Standard) und CarlGierstorfersauf Arte gezeigter Dokumentarfilm "Ukraine - Kriegstagebuch einer Kinderärztin" (ZeitOnline).
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