
Im letzten Jahr, 35 Jahre seiner der
Ermordung durch eine vergifteten Regenschirmspitze, verjährte der tödliche Anschlag auf den bulgarischen Schriftsteller
Georgi Markov in London. Sein Cousin Luben versucht zwar immer noch, Beweise für die Verantwortung des
Geheimdienstes SSS zu finden, aber Dimiter Kenarov erscheint das in seinem
riesigen Text über Markov für
The Nation nicht sehr aussichtsreich. "'In Bulgarien gab es
keine echte Dekommunisierung, keine Lustration und die Geheimdienstakten des SSS wurde sehr spät geöffnet, um einen kontrollierten Übergang in die Demokratie zu erreichen', sagt der
Journalist Hristo Hristov. 'Aber im Endergebnis wird die Gesellschaft immer noch durch die selben Apparate manipuliert, in denen die ehemaligen Mitgliedern des SSS präsent sind - in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien. Das ist der Grund, warum wir
keine Erinnerung an Georgi Markov haben. Und die Erinnerung an Markov fehlt, weil es insgesamt keine Erinnerung an die Opfer des Kommunismus gibt." In Bulgarien sei es viel einfacher die Memoiren des ehemaligen kommunistischen Staatschefs Todor Schiwkow zu finden als Markovs Romane
"Das Porträt meines Doppelgängers" oder
"Die Frauen von Warschau".

Über dreißig Jahre ist es her, dass der französische
Soziologe Pierre Bourdieu sein Opus magnum "Die feinen Unterschiede" vorlegte. Zeit also, einmal zu überprüfen, ob seine Thesen zur Entstehung und Funktion des "Klassengeschmacks" sowie seine Konzepte und Begriffe auch heute noch Gültigkeit haben. "
Klassifiziert kulturelles Kapital noch?" lautet denn auch die Überschrift der
Besprechung eines
Sammelbandes zum Thema in
La vie des idées. Der Band beinhaltet auch aktuelle internationale Forschungsbeiträge, etwa zur
Dominanz eines "
traditionellen Geschmacks" der reichsten Einwohner von Sao Paulo, der jeglichen Avantgardismus ablehnt, oder "zu einem Vergleich zwischen Großbritannien und Dänemark, der sich unter anderem auch auf Forschungen in Serbien bezieht und zu zeigen versucht, dass in diesen sehr unterschiedlichen Kulturen nach wie vor eine wenn auch schwächer werdende
legitime Wissenskultur existiert, mittels derer die Angehörigen der dominanten Gesellschaftsklassen sich weiterhin abgrenzen."
In einem flankierenden Gespräch
bestätigt Herausgeber Philippe Coulangeon die
erstaunliche Anpassungsfähigkeit von Bourdieus Analyseinstrumentarium auch an andere historische und kulturelle Kontexte. Natürlich könne man sagen, was in den Siebzigerjahren über soziale Positionen und gewisse Merkmale wie Geschmack, Lebensstil geschrieben wurde, heute nicht mehr funktioniere. Aber sie existierten immer noch, manifestierten sich allerdings nicht mehr in gleicher Weise. "Ich persönlich glaube, dass die
Matrix absolut zutreffend und aussagekräftig ist, um gewisse Sachverhalte zu verstehen, auch wenn sich deren Erscheinungsformen stark verändert haben."