Spätaffäre

Das alte Kapital ist allerdings ausdauernd

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
03.04.2014. Roberto Saviano sorgt sich in L'Espresso um die Lesefähigkeit seiner Landsleute. Der Bayerische Rundfunk bringt James Joyces "Dubliner" als vielstimmiges Hörerlebnis. Hans-Ulrich Treichel spricht im NDRKultur über Theorie und Praxis des Schreibens. Und zwei sehenswerte Dokumentationen über Ai Weiwei und Lars von Trier.

Für die Augen

Heute wurde Ai Weiweis Ausstellung "Evidence" im Martin-Gropius-Bau eröffnet - alle großen Zeitungen berichteteten darüber (siehe unsere heutige Presseschau). Ai Weiwei durfte selbst nicht zur Ausstellungseröffnung kommen. Eine Arte-Dokumentation begleitete ihn bei der Vorbereitung zu seiner Ausstellung und zeigt die Lebensumstände des Künstlers, der unter ständiger Bewachung der Regierung steht: Dutzende Kameras rund um sein Haus dokumentieren jede Bewegung Ai Weiweis, seiner Familie, von Freunden und Besuchern. Alle Telefonate werden abgehört, und er hat Ausstellungsverbot in allen öffentlichen Museen Chinas. (52 Min.)

Ganz so weit ist es mit Lars von Trier noch nicht gekommen, aber zur Persona Non Grata in Cannes hat er es immerhin schon gebracht. Heute läuft sein neuer Film "Nymph()maniac Vo. II" an (siehe unsere Kinokolumne sowie die Presseschauen von gestern und heute). "Ich bin klein, aber wenn ich von einer kleinen Anhöhe aus schreie, bin ich sicher, dass die Welt mir gehorchen wird", sagt er über sich in der sehr sehenswerten Doku "Tranceformer" von 1997, die bei Youtube zu sehen ist. (52 Min.)



Im Alter von 75 Jahren ist gestern der virtuos ironisch-fantastische Fabulierer Urs Widmer gestorben. Bei 3sat ist er auf der Buchmesse 2009 im Gespräch mit Ernst A. Grandits über seinen Roman "Herr Adamson", den Tod und das Schreiben zu sehen. (15 Min.)
Stichwörter: Virtuosen, Ai Weiwei

Für die Ohren

James Joyces "Dubliner" als Hörspiel. er Protest der Leser der ersten drei im Irish Homestead abgedruckten Geschichten war so heftig, dass sich die Zeitschrift weigte, eine vierte zu drucken. Heute gelten die 15 Erzählungen als idealer Zugang zu seinem Gesamtwerk; thematisch verweisen sie auf den "Ulysses", der zunächst als eine weitere Geschichte der Dubliner geplant war. Nach der Übersetzung von Dieter E. Zimmer bearbeitete Ulrich Lampen die Erzählungen für den Bayerischen Rundfunk. Die Inszenierung löst den Prosatext in mehrere Stimmen auf (u.a. Bibiana Beglau, Brigitte Hobmeier, Sylvester Groth und Thomas Thieme). Das Hörspiel kennt keine Szenen, keine Rollen und keinen Erzähler: Die Stimmen teilen sich die subjektive Erzählperspektive. (12 Folgen à 46 Min.)

Hans-Ulrich Treichel gab NDRKultur im Gespräch mit Martina Kothe Auskunft über seinen neuen Roman "Frühe Störung" über eine missglückter Mutter-Sohn-Bindung und spricht über Theorie und Praxis des Schreibens. (40 Min.)

Für Sinn und Verstand

Im Bookforum geht Doug Henwood anhand von Thomas Pikettys voluminöser und, wie Henwood findet, enorm wichtiger Studie "Capital in the Twenty-First Century" der Frage nach, wo sich innerhalb der Gesellschaft in den vergangenen zwei Jahrhunderten bevorzugt Kapital gebildet und vermehrt hat. Henwood gefällt, dass der Autor die 400 Forbes-Kandidaten in seine Darstellung mit aufnimmt, die meist durch alle Statistiken rutschen, weil sie so VIP sind. Ansonsten beschränkt Piketty sich allerdings im Wesentlichen auf die USA, England, Frankreich, Deutschland und Japan, wenn er Konstanten, wie die Kapitalakkumulation beim berühmten einen Prozent der Bevölkerung, und Veränderungen festhält, wie diese hier: "Gehörten zu dem einen Prozent früher vor allem Rentiers, wird es heute von den großen CEOs dominiert, die so selbstgefällig sind anzunehmen, sie würden für ihre außerordentlichen Talente entlohnt … Das alte Kapital ist allerdings ausdauernd. Zwar gibt es die neuen Reichen. Bill Gates und Mark Zuckerberg kommen nicht aus dem Geldadel. Dennoch schätzt Piketty, dass die Hälfte der großen Vermögen aus Erbbesitz stammen. Meine Vermutung war übrigens immer, dass die treibende Kraft hinter der Aufhebung der Vermögenssteuer die Tech-Mogule waren, die sich um ihr Vermächtnis sorgten. Damit schließt sich der Kreis."

Außerdem in dieser Ausgabe: Geoff Dyer erkennt in August Sanders Fotografien verloren gegangene Gesichter. Und David Marcus beobachtet, wie der Schriftsteller Benjamin Kunkel stramm nach links rückt.

Die Italiener lesen kaum noch, stellt ein tief besorgter Roberto Saviano in L'Espresso fest und zitiert die Studie 'L'Italia dei libri 2011-2013' (hier als pdf), die herausgefunden hat, dass nurmehr 20 Prozent der Italiener in der Lage seien, komplexere Sachverhalte lesend zu rezipieren. Ein Heilmittel könnte ausgerechnet das Fernsehen sein, meint Saviano und weist nicht ganz uneitel auf die erfolgreiche Gesprächssendung "Che tempo che fa" hin, die er im italienischen Staatsfernsehen moderiert hat. "Als ich auf Rai 3 über Warlam Schalamows Gulag-Erfahrungen sprach, als ich die Geschichte von Ken Saro Wiwa erzählte, als ich Gedichte von Wisława Szymborska vorlas oder über Anna Politkowskaja sprach, wurden unglaublicherweise die Bücher in den Tagen nach der Sendung in die Regale der Buchläden gestellt."