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Spätaffäre

Er ist Ästhet

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
07.04.2014. In der London Review of Books verfolgt Seymour Hersh weiter die Spur des Giftgasangriff auf Damakus und kommt über die Rattenlinie in die Türkei. Der New Yorker empfiehlt vegetarische Kochbücher für Fleischesser. In seiner Hommage auf den Grimme-Preis setzt Dominik Graf auch dem Niedergang des deutschen Fernsehens ein Denkmal. Und der SWR huldigt dem modernen Flaneur als Bürger und Kritiker.

Für Sinn und Verstand

In einer Riesenrecherche verfolgt Seymour Hersh für die London Review of Books weiter, wer für den Giftgasangriff von Damaskus im August 2013 verantwortlich ist. In seinen Augen spricht alles für die Türkei, die ihre Felle davon schwimmen gesehen habe, als die sogenannte "Rattenlinie" geschlossen wurde - also als der CIA verboten wurde, über die türkische Grenze Waffen aus Libyen nach Syrien zu schmuggeln. Hersh Report ist voll von solchen wahnwitzigen Geschichten: "Ein amerikanischer Geheimdienstberater sagte mit, dass er einige Woche vor dem 21. August ein streng geheimes Dossier für Dempsey und Verteidigungsminister Chuck Hagel gesehen hatte, das die aktuelle Befürchtung der Regierung Erdogan über die 'schwindenden Aussichten der Aufständischen' beschrieb. Die Analyse warnte, dass die türkische Führung es für erforderlich halte, 'etwas zu tun, was eine militärische Reaktion Amerikas herbeiführen würde'. Im Spätsommer hatte die syrische Armee noch immer die Oberhand über die Aufständischen, erklärte der frühere Geheimdienstmitarbeiter, und nur amerikanische Luftschläge könnten das Blatt wenden. Im Herbst, fuhr der Geheimdienstler fort, spürten die Analysten der Nachrichtendienste, die an den Ereignissen vom 21. August arbeiteten, 'dass Syrien die Angriffe nicht geführt hat. Aber die große Frage war, wie das geschehen ist? Der unmittelbare Verdacht fiel auf die Türken, denn sie hatten alles, was es dafür braucht.'"

Für den neuen New Yorker liest Jane Kramer aktuelle vegetarische Kochbücher für Fleischesser und kann keinen Widerspruch erkennen: "Ich selbst würde mich als vorsichtigen Fleischesser bezeichnen, der seinen Speck zum Frühstück nicht missen möchte oder den Lachs auf dem Bagel … Der Grund für Leute wie mich, Gemüse zu essen, hat weniger mit Vegetariern und ihren Theorien zu tun, als mit Köchen und Kochbuchautoren, die irgendwann damit anfingen, Gemüse wirklich schmackhaft zuzubereiten, indem sie sich zum Beispiel eines Blumenkohls mit der gleichen kulinarischen Inspiration annahmen wie gedünsteten mexikanischen Rippchen oder einem Schweinerollbraten. Höchste Zeit, dass so etwas passierte, wenn man sich die drögen vegetarischen Kochbücher ansieht, die seit Martha Brothertons erstem Buch dieser Art in englischer Sprache, also seit Anfang des 19. Jahrhunderts, erschienen sind. Brothertons 'A New System of Vegetable Cookery' war eine bibeltreue, sehr erfolgreiche Mission, dem Gemüse alles sündig Freudvolle auszutreiben. Das wirkte bis in die streitbaren vegetarischen Landkommunen und Kollektive der 60er und 70er nach mit ihren Brotlaibern und Möhrenkuchen, die fast genauso viel wogen wie die Leute, die sie sich einverleibten."

Außerdem im Heft zu lesen: "Box Sets", eine taufrische Erzählung von Roddy Doyle, in der wir erfahren, was es heißt, im goldenen Zeitalter der TV-Serien zu leben.

Für die Ohren

Über den Philosophen Walter Benjamin und seine Schwägerin, die "Rote Hilde" unterhalten sich auf NDRkultur Ulrich Wickert und Uwe-Karsten Heye, der eine Biografie der Familie Benjamin geschrieben hat. "Wenn man auf diese Familie schaut, dann war klar, dass sie alle in eine Welt hineinragen würden, die von ihnen alles verlangen würde, was man überhaupt von einem Menschen verlangen kann", sagt Heye und beschreibt in dem Interview, wie aus seiner Faszination für Hilde Benjamin, die ehemalige Justizministerin der DDR, ein Buch entstand. (40 Min.)

"Der Flaneur als Lebensform", ein Gespräch beim SWR mit Tina Saum, Sylvia Stöbe und Andreas Urs Sommer über die Renaissance des Flanierens in unseren Städten. Aus dem Programmtext: "Der Flaneur alten Typs hat ein schlechtes Image. Er gilt als Snob oder Dandy und: Er ist Ästhet. Er konnte es sich leisten. Wie sieht der moderne Flaneur aus? Was tut er, wo ist sein Revier, wie erobert er sich die Stadt als Lebensraum zurück? Der moderne Flaneur als Bürger und Kritiker, nicht als Edelmann oder Künstler - ist er nur eine Wunschfigur?" Hier zum Nachhören. (44 Min.)

Für die Augen

Mit "Es werde Stadt - 50 Jahre Grimme-Preis in Marl" hat Dominik Graf weniger eine Hommage an einen der wichtigsten hiesigen Medienpreise gedreht, als sich vielmehr essayistisch mit dem Niedergang des deutschen Fernsehens befasst. Das Ergebnis ist melancholisch, zärtlich, wütend - und entsprechend nicht zu verpassen! Beim WDR kann man sich den Film online ansehen. (104 Min.)

Gestern ist der Schauspieler Mickey Rooney gestorben, der nicht nur den sommersprossigen Knirps geben konnte oder mit Judy Garland tanzte, sondern auch echten Noir. Hier spielt Rooney in Don Siegels Gangsterfilm "Baby Face Nelson":