Spätaffäre

Dann lieber naiv und unreif

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
25.03.2014. Eine Doku mit Claudio Abbado, Pierre Boulez und Henry-Louis de la Grange über Gustav Mahler. Ein interstellarer Ambient-Trip. Schwabing Ende der 60er Jahre und ein Porträt der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichies. Dies alles und mehr in der Spätaffäre.

Für die Augen



Andy Sommers Dokumentation über Gustav Mahler ist interessant, weil sich dort unter anderem Claudio Abbado, Pierre Boulez und Henry-Louis de la Grange, Autor einer monumentalen Mahler-Biografie, äußern. De la Grange zitiert den berühmten Satz, den Mahler als Leiter der Wiener Oper zu seinen Musikern und Sängern sagte: "Was ihr eure Tradition nennt, das ist nichts anderes als Schlamperei." Für Mahler, so de la Grange, musste jede Note neu gedacht werden. Auch Boulez spricht die für Mahler eigentümliche avancierteste Modernität im Blick auf die musikalische Tradition an. Die Doku ist zur Zeit in der Mediathek von Arte zu sehen und dauert knapp 90 Minuten.

Wer will schon schlafen, wenn er auf einen interstellaren Ambient-Trip in Endlosschlaufe gehen kann: Wir empfehlen die Symphonies of the Planet mit Bildern von der Erde, aufgenommen aus der Voyager (30 Minuten). Nicht neu, aber absolut hypnotisch.


Für die Ohren



Eine Zeitreise ins Schwabing Ende der 60er Jahre, in einem Feature von Friedemann Beyer für den Bayerischen Rundfunk: "Im Sommer 1967 brachten die beiden Brüder Anusch und Temur Samy das Lebensgefühl des 'Swinging London' nach München. In Schwabing eröffneten sie das 'Drugstore', Deutschlands ersten 'Beatschuppen', es folgten das legendäre 'Blow up' und das 'Citta 2000'." Hier zum Anhören. (53 Min.)

Das Hörspiel "Was sie trugen" gehört in die Reihe "Krieg und Traumata" von Deutschlandradio Kultur und entstand nach einer Erzählung von Tim O'Brien, der seine Erlebnisse im Vietnamkrieg in einer Sammlung von Geschichten verarbeitete. Über den Erzählband schrieb James McKenzie 1999 in der Berliner Zeitung: "Die Absicht dieses Erzählers besteht in dem entschiedenen Versuch, das Erzählen selbst am Leben zu erhalten, obwohl er weiß, daß es Dinge gibt, die er nicht mitteilen kann. Die Kriegserfahrung ist die brennende Kerze, um die dieses Buch kreist; das Gelingen seiner Stories liegt unzweifelhaft darin, daß sie nie zu nah an die Flamme kommen." In der Bearbeitung von Marion Czogalla & Gaby Hartel und in der Regie von Harald Krewer sind u. a. Christian Redl, Tino Mewes, Nicolai Despot, Trystan Pütter zu hören (70 Min.)

Für Sinn und Verstand

Emma Brockes porträtiert in der Guardian Book Review die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, deren neuer Roman "Americanah" gerade erschienen ist. In den USA, erzählt Adichie, fühlte sie sich eher als Frau denn als Schwarze zurückgesetzt. Den Unterschied zwischen westlichem und afrikanischem Sexismus erklärt sie so: "Obwohl es eine ganze Menge sexistischen Mist in Nigeria gibt, legen die Frauen im Westen viel mehr Wert darauf, gemocht zu werden. Und als Frau gemocht zu werden, hat eine gewisse Bedeutung. Wenn in Nigeria eine Frau bei der Arbeit der Chef ist, dann kämpft sie. Die Leute, die für sie arbeiten, Männer wie Frauen, respektieren sie. Aber wenn sie nach Hause geht, wird dieselbe Frau bereitwillig alle Gender-Stereotype erfüllen. Und in der Öffentlichkeit wird sie sagen müssen: 'Mein Mann unterstützt mich und erlaubt mir ...'"

In The New Republic schickt Noam Scheiber eine herzergreifende, hüstel, Reportage über Ungerechtigkeiten unter den Onepercentern in Silicon Valley: Dort leiden Programmierer über 35 unter massiver Diskriminierung. "Während ich dies schreibe, wirbt ServiceNow, eine große IT-Company in Santa Clara, um neue Mitarbeiter - in Großbuchstaben und unter dem Slogan: 'Wir suchen Leute, die ihre beste Arbeit noch vor sich haben, nicht hinter sich'. Und das ist nur, was man öffentlich sagt. Ein Ingenieur in seinen Vierzigern erzählte mir kürzlich über ein Treffen mit einem CEO, der versuchte, seine Firma zu kaufen: 'Sie müssen der Quotengraubart sein', sagte der CEO, der in seinen späten Zwanzigern oder frühen Dreißigern war. Er sah ihn an uns sagte: 'Nein, ich bin der Quotenerwachsene.' Nachdem ich acht Monate lang mit Dutzenden von Leuten rund um Silicon Valley geredet habe - Ingenieuren, Unternehmern, Finanziers, unangenehm neugierigen Schönheitschirurgen - überkam mich das starke Gefühl, dass ich besser nicht aussehen sollte wie jemand, der schon in den Achtzigern gewählt hat. Dann lieber naiv und unreif."

Und hier ein paar von den 15- bis 22-jährigen Wunderkindern aus dem Silicon Valley.