"Geheimplan gegen Deutschland" am Berliner Ensemble
Als Correctiv vor einigen Tagen aufdeckte, dass sich bei Potsdam AfD-Politiker mit Rechtsextremen getroffen hatten, um über die Deportation von Flüchtlingen zu diskutieren, setzte sich hierzulande plötzlich etwas in Bewegung: In vielen Städten Deutschlands fanden und finden immer noch Demonstrationen gegen die AfD statt. Am Mittwoch veranstaltete das Berliner Ensemble unter dem Titel "Geheimplan gegen Deutschland" eine szenische Lesung der Correctiv-Recherche (hier das Script). Das hat sich natürlich keine Zeitung entgehen lassen, die Meinungen dazu gehen aber auseinander. Clara Löffler wünscht sich in der taz, dass die Ergebnisse der Recherche "nicht nur dem ausgewählten Publikum im Theater vorbehalten bleiben. Warum nicht investigative Recherchen im Fernsehen präsentieren? In der Halbzeitpause eines Fußballspiels zum Beispiel. Oder anstelle von Werbeblöcken im Abendprogramm? Schließlich ist das Skript der szenischen Lesung für jede*n im Internet frei zugänglich." Weniger von der Breitenwirkung des Abends überzeugt ist Jens Winter, ebenfalls taz, für ihn handelt es sich um eine "Selbstinszenierung von Correctiv als James-Bond-mäßige Agenten, die mit kamerabestückten Uhren Geheimtreffen von Rechtsextremisten und deren Unterstützern auffliegen lassen."
Auch Deniz Yücel ist in der Welt kritisch eingestellt, er sieht "kein relevantes Theater, sondern die Verramschung einer journalistischen Recherche" und befürchtet Übles: "so verdienstvoll diese Recherche auch war, so murks ist das Theater dazu. Denn so verwandelt man einen aufgedeckten Skandal, der der AfD in kommenden Landtagswahlen womöglich geschadet hätte, in einen Akt des Kulturkampfs. Und der hat der AfD noch nie geschadet, ganz im Gegenteil." Patrick Wildermann insistiert im Tagesspiegel hingegen: "Diese szenische Lesung ist im Theater am richtigen Platz. Schließlich, und daran erinnern auch die Polizeiwagen vor der Tür, sind die Theater Orte, an denen eine demokratische Zivilgesellschaft ihre Anliegen frei verhandeln können sollte. Nicht zuletzt die Bedrohung der Demokratie, mit der wir gegenwärtig konfrontiert sind."
Peter Laudenbach (SZ) fühlt sich in aller Irrsinnigkeit an Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard erinnert: "Kay Voges inszeniert die Potsdamer Gesellschaft am Berliner Ensemble als heitere Tafelszene: ein langer Tisch, dahinter vier Herren (Andreas Beck, Max Gindorff, Oliver Kraushaar, Veit Schubert) und eine Dame (Constanze Becker) in schwarzen Anzügen und weißen Hemden. Neigt die Correctiv-Rhetorik zur Dämonisierung und Sensationalisierung der konspirativ einberufenen Versammlung freidrehender Deutschnationaler, macht Voges genau das Gegenteil: Er entdeckt die latente Komik der aufgeblasenen Runde."
Hier kann man die Lesung im Live Stream verfolgen:
Weiteres: Irene Bazinger gratuliert Katharina Thalbach in der FAZ zum 70. Geburtstag. Besprochen werden eine Aufführung von Augusta Holmès' Oper "La Montagne Noire" in der Inszenierung von Emily Hehl am Theater Dortmund (Van Magazin) und "Das beispielhafte Leben des Samuel W." von Lukas Rietzschel am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau (Welt und SZ).
Szene aus "Geheimplan gegen Deutschland". Foto: Kolja Zinngrebe Gestern Abend brachte Correctiv seine AfD-Recherche inszeniert von Kay Voges unter dem Titel "Geheimplan gegen Deutschland" auf die Bühne des Berliner Ensembles, die nachtkritik übertrug per Livestream. In der Welt ist Jakob Hayner befremdet: Zu viel Sensation auf der Bühne, zu viel moralisches Wohlgefühl im Publikum - so wird man der Rechten nicht Herr, meint er. Zumindest gab es noch ein paar Neuigkeiten: "Da brüstet sich die Bühnenfigur Mario Müller, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des AfD-Abgeordneten Jan Wenzel Schmidt im Bundestag, einen Schlägertrupp auf einen Aussteiger aus der linken Szene angesetzt zu haben. Der soll danach der wichtige Kronzeuge in dem Antifa-Ost-Prozess um Lina E. geworden sein. Müller (wieder die Bühnenfigur, der reale Müller dementiert) hält einen Vortrag, wie man Exekutive und Judikative zusammendenken, ja fusionieren kann: 'Historisch gibt es dafür ein Beispiel: die Gestapo.' Müller will das fürs digitale Zeitalter optimieren: mit einer Plattform, auf Daten von Linken veröffentlicht werden, um sie der Verfolgung auszusetzen. Mit einem Kollegen habe Müller bereits eine solche Plattform gegründet."
Julian Warner, seit 2013 Leiter des Brechtfestivals in Augsburg, hatte 2020 einen offenen Brief unterzeichnet, der den BDS-Beschluss des Bundestages kritisiert. Ein Lokaljournalist der Augsburger Zeitung hatte Warner in einer Polemik gegen das Festival auf die Unterschrift bezogen Antisemitismus vorgeworfen und die städtische Kulturpolitik dafür kritisiert, Warner überhaupt verpflichtet zu haben, schreibt Ulrich Seidler in der FR, der in dem Vorfall erkennen will, welche "hetzerischen Blüten" der BDS-Beschluss inzwischen treibe: "Es reicht auch nicht, dass Warner sein Mitgefühl und seine Solidarität bekennt: für 'Jüdinnen und Juden, hier, in Israel und weltweit, die tagtäglich mit Antisemitismus konfrontiert sind und durch den verbrecherischen Angriff der Hamas um Leib und Leben fürchten'. Ein weiteres Statement muss her, in dem er sich schließlich von seiner Unterschrift distanziert. Ihm sei nach der Documenta 15 und dem 7. Oktober klar geworden, dass die 'InitiativeWeltoffenheit' und der Unterstützerbrief eher zu einer Normalisierung von israelbezogenem Antisemitismus beigetragen hätten. Das Argument ist schwach. Schlecht ist, dass Warners Statement unter politischem Druck zustande kam und jetzt als neuer Standard in der Diskussion gilt. Der Antisemitismusvorwurf sitzt immer lockerer."
Reiner Wandler (taz) berichtet von der Zensur in der spanischen Kultur im Zuge des Rechtsrucks. Seit den Regionalwahlen im vergangenen Mai sind in verschiedenen Kommunen und Regionen die rechte PP oder die Vox-Partei an der Macht: "Mancherorts nimmt die Zensurwut skurrile Züge an. In einem Dorf in Nordspanien traf es den Zeichentrickfilm 'Lightyear' aus dem Hause Walt Disney, weil sich darin zwei Frauen küssen. Und in einem Ort unweit von Madrid wurde das Theaterstück 'Orlando' von Virginia Woolf abgesetzt. Doch nicht nur politische Bedenken gegen alles, was nicht heteronormativ zu sein scheint, führen zur Zensur, sondern Moral und Anstand ganz allgemein. In Toledo wurde eine Theatergruppe ausgeladen, weil in einer Szene mehrere Schauspieler in Unterhosen auftreten. 'Das könnte empören', heißt es aus der Stadtverwaltung. Wohlgemerkt, die Schauspieler tragen nicht etwa sexy Boxershorts oder gar Tangaschlüpfer, nein, es sind weiße Riesen wie aus Opas Kleiderschrank."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitungschreibt Ulrich Seidler den Nachruf auf den Volksbühnenschauspieler Ulrich Voß, in der Zeit erinnert Peter Kümmel an die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar.
Besprochen werden das Tanztheaterstück "I need a hero" des inklusiven Netzwerks "Making a difference" im Berliner Podewil (taz) und das Stück "Corps extrêmes" des französischen Choreografen Rachid Ouramdaneim im Haus der Berliner Festspiele (SZ, Tsp).
Die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen von AfD-Politikern und Rechtsextremen kommt auf die Bühne. Und zwar heute Abend als szenische Lesung am Berliner Ensemble. Für die nachtkritik, die die Veranstaltung per livestream übertragen wird, kommentiert Janis El-Bira. Er notiert einige Einwände gegen das Event, etwa von Seiten der Theatermacherin Simone Dede Ayiyi, die die Ankündigung der Lesung "sensationsgeil" nennt und sich um die "langfristige Glaubwürdigkeit" des Theaters sorgt. El-Bira selbst kommt jedoch zu einem anderen Urteil: "Ich bin froh darüber. Weil die skandalöse Landhaus-Kungelei von AfD-Leuten, Werteunionlern und rechtem Wohlstandsbürgertum mit Neonazis und Identitären gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen kann. Weil es gut ist, wenn ein Theater zum Fokuspunkt gesamtgesellschaftlicher Debatten wird. Und durchaus auch, weil sich dabei sicherlich manche Menschen auf unseren Seiten einfinden werden, die zwar am Inhalt der Recherche, ansonsten aber eher weniger am Theatergeschehen interessiert sind. Wäre schön, wenn sie gleich hierblieben - so eigennützig wird man doch noch denken dürfen."
Inklusion im Theater: Darum geht es im "All Abled Arts Festival" an den Münchner Kammerspielen. Wie sensibel das Thema ist, bekommt die FAZ-Kritikerin Teresa Grenzmann während einer Aufführung der vom Zürcher Theater HORA erarbeiteten Splatter-Collage "Horror und andere Sachen" höchstpersönlich zu spüren: "Als Katharina Bach als Nosferatu-Schatten durch die Zuschauerränge steigt, der Autorin dieses Artikels den Block ent- und zerreißt und die Blätter effektvoll aufs Publikum segeln lässt, ist das Spiel ganz klar eskaliert, alle Träume von Inklusion und Sensibilität für den Moment ausgeträumt. Privatheit gerät unfreiwillig zur Öffentlichkeit. Wer zieht hier die Grenzen? Für wen? Die Atmosphäre sei bei solch besonderen Produktionen bei allen Beteiligten emotional sehr aufgeladen, entschuldigt Chefdramaturgin Viola Hasselberg den unwillkommenen Zwischenfall." Eine neue Spiralblockaffäre? Wo ist der Münchner OB?
Seitdem Elfriede Jelinek, als Reaktion auf den Hamas-Terror vom 7. Oktober (siehe hier), fast alle eigenen Texte von ihrer Website entfernt hatte, ist es deutlich schwieriger geworden, im Internet Jelinek-Prosa aufzutreiben. Nun gratuliert sie auf der Website des Suhrkamp Verlags dem Theaterregisseur Einar Schleef zum 80. Geburtstag: "Schleef hat seinen sinnlichen Körper also zum Anschauen, aber auch wieder zum Denken (beide waren für ihn untrennbar) vorgestellt, auch vor meine Texte gestellt, die dadurch zum Glühen gebracht wurden und auf einmal mit Licht geworfen haben. Man kann zwar sagen, sie seien unterschiedliche Weisen des Vorstellens, aber welches Vorstellen, welche Sinnlichkeit, wo treffen wir uns da, ich und Schleef? Sprache kann ich nicht anders als sinnlich denken, selbst wenn ich antike Dramatiker zitiere. Es soll sein wie zum Anfassen. Marmorblöcke werden umgewälzt und zeigen ihr Geschlecht, jeder das seine."
Weiteres: In der FR berichtet Walter H. Krämer, Leiter des Theaterseminars an der Frankfurter Volkshochschule, von seinen Erfahrungen als Theatergänger. Christine Schachinger schreibt im Standard über die Ankündigung einer 75-stündigen Performance der Band Fuckhead im Wiener Theater am Werk. Daniel Kothenschulte erinnert in der FR an die verstorbene Schauspielerin Elisabeth Trissenaar (siehe auch hier). Besprochen wird "piece of love" des Frauenkollektivs ZAK am Wiener Theater Drachengasse (nachtkritik).
Elisabeth Trissenaar. Standbild aus Rainer Werner Fassbinders Serie nach "Berlin Alexanderplatz".
Die Kritiker trauern um die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, die "große Tragödin des deutschen Theaters", wie Irene Bazinger in der FAZ schreibt: "Von 1972 bis 1978 prägten sie beide das legendäre Mitbestimmungsmodell am Schauspiel Frankfurt. 'Ich will denkende Menschen auf der Bühne sehen', betonte Elisabeth Trissenaar stets, und sie hat genau solche analytisch bis in die abgründigsten Seelen- und Hirnwindungen durchdrungene Grenzgängerinnender Ratio und Extremistinnen der Leidenschaft gestaltet: Antike Heroinen wie Medea und Elektra, Ibsens Nora und Hedda Gabler, Goethes Iphigenie..."
Weiteres: Sabine Leucht berichtet vom inklusiven "All Abled Arts Festival" in München, bei dem "Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten oder körperlichen Behinderungen als Künstler und Zuschauer integriert" werden.
Besprochen werden Max Lindemanns Inszenierung von Brechts "Mann ist Mann" im Neuen Haus des Berliner Ensembles (taz), Eckhard Preuß' Solostück "Ostwestfälische Leidenschaft" (SZ), Ran Chai Bar-zvis Adaption von Kim de l'Horizons Roman "Blutbuch" am Staatstheater Hannover (taz), die Oper "Sleepless" von Péter Eötvös nach Jon Fosse an der Oper Graz (FAZ), Stephanie Mohrs Inszenierung von Peter Turrinis Stück "Es muß geschieden sein" am Theater in der Josefstadt (FAZ).
Aude Extrémo als Yamina in "La montagne noire" an der Oper Dortmund. Foto: Björn Hickmann. FAZ-Kritiker Jan Brachmann ist entzückt von Emily Hehls Inszenierung der seit 126 Jahren nicht mehr aufgeführten Oper "La Montage Noire" an der Oper Dortmund. Er kann nicht umhin, erst einmal ein wenig über die Komponistin Augusta Holmès zu erzählen: eine "femme flamboyante" der Belle Epoque, Zeit ihre Lebens unverheiratet und unabhängig - und eine der wenigen Frauen, die es mit ihrem Werk an die Opéra Garnier in Paris schaffte. Auch in ihrem im 17. Jahrhundert angesiedelten Stück gibt es eine starke Frau, die Türkin Yamina, die zwei montenegrische Krieger ins Unglück stürzt: "Die Mezzosopranistin Aude Extrémo bringt in Dortmund für diese Rolle gurrende Sinnlichkeit, schwarzschlundige Tiefe und tänzerische Gewandtheit mit. Sergey Radchenko ist ein ebenso strahlender wie verwundbarer Heldentenor, Mandla Mndebele ein chromglänzender, echter Ritter von Bariton. Der wehrbereite Mezzosopran von Alisa Kolosova als Dara beweist, wie groß der Anteil der Mütter auch postnatal an jedem Heldensohn ist." Auch Joachim Lange begeistert sich in der NZZ für die Protagonistin, die, im Gegensatz zu den Männern, am Ende sogar überlebt: "Sie schafft es auch mit einer ihrer schönsten Arien, den Frauen des Dorfes zumindest eine Ahnung von Selbstwertgefühl gegenüber den sie beherrschenden Männern zu vermitteln. ... Das kommt auch heute noch glaubwürdig rüber, weil Holmès dieser Carmenfigur die schönste, melodisch sinnlichste Musik der Oper in die Mezzokehle geschrieben hat." Judith von Sternburg bespricht das Stück in der FR.
Weitere Artikel: FR-Kritikerin Judith von Sternburg sieht nach den neuesten Entwicklungen am Staatstheater Wiesbaden (unser Resümee) Anzeichen für eine vorzeitige Beendigung der Intendanz von Uwe Eric Laufenberg. Die Dirigentin Simone Young wird Philippe Jordan bei den Bayreuther Festspielen ersetzen, meldet Manuel Brug in der Welt.
Besprochen werden außerdem Marie Bues Inszenierung von "Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" nach Henrik Ibsen am Staatstheater Hannover (nachtkritik), Philipp Preuß' Inszenierung von Wolfgang Borchardts Stück "Draußen vor der Tür" am Staatstheater Saarbrücken (nachtkritik), Hans-Ulrich Beckers Inszenierung von Maya Arad Yasurs Stück "Gott wartet an der Haltestelle" (unter Verwendung von "Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten") am Theater Heilbronn (nachtkritik), Emre Akals Inszenierung seines Stückes "Goldie - ein digitales Requiem" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik), Heiko Raulins' Inszenierung von Henrik Ibsens "Peer Gynt" am Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ), die Performance "The Top Five Letters of Liaisons Dangereuses" von Showcase BeatLe Mot im Hebbel am Ufer Berlin (taz), Sahar Rahimis Inszenierung von Mazlum Nergiz' Stück "1000 Eyes" am Wiener Schauspielhaus (taz, Standard), Ebru Tartici Borchers Adaption von Zülfü Livanelis Roman "Serenade für Nadja" am Theater Oberhausen (SZ), Johannes Böhringers Zirkus-Solodebüt "The Paper People Paradox" im Münchner Theater HochX (SZ) und Max Lindemanns Inszenierung von Brechts "Mann ist Mann" im Neuen Haus des Berliner Ensembles (BlZ).
Szene aus "Diderot in Petersburg". Foto: Philip Frowein Das Theaterkollektiv 'bruch' hat Leopold von Sacher-Masochs Novelle "Diderot in Petersburg" auf die Bühne des Zürcher Theaters am Neumarkt gebracht, verpackt als Operette, garniert mit Erotik, Satire und Kolonialismus-Kritik. Ein bisschen "zu viel des Guten", stöhntNachtkritiker Leonard Haverkamp, nicht nur, wenn die russische Zarin Katharina II mit Dreadlocks auftritt: "Trotz einiger kluger Lacher über die Einfalt der Ideologen gerät man beim Zuschauen ins Schlingern. Die Auseinandersetzung mit den aufgebrachten Themen verliert sich in den Kuriositäten der Lust-Operette, aus der Operette haben 'bruch'- vor allem die Dramaturgie importiert. Musikalisch geht die Bandbreite von Barry White und Synthiepop über französische Klassik bis zu russischem Hardstyle (Komposition: Stanislav Iordanov), mal singen die Darstellenden (mit), mal strippen sie dazu. Zu schnell wechseln Deutlichkeit und Ironie, die jede*n belächelt, der oder die auch nur einen der vorgetragenen Gedanken ernst nimmt." Ein bisschen langweilig, aber alles in allem doch unterhaltsam, urteilt Ueli Bernays in der NZZ.
Hinter den Kulissen des Staatstheaters Wiesbaden blickt Nils Minkmar in ein "tiefes schwarzes Jammertal", wie er in der SZ schreibt: "Der Geschäftsführer Holger von Berg und der Intendant Uwe Eric Laufenberg sind einander in herzlicher Feindschaft zugetan. Nun aber eskaliert die Situation: Intendant Laufenberg hat angekündigt, Proben und Aufführungen ausfallen zu lassen, weil sein Theater aufgrund der Erkrankung des Geschäftsführers von Berg 'handlungsunfähig' sei." Eine scharfe Antwort der für das öffentliche Haus zuständigen Personen in Stadt und Land, der grünen Staatssekretärin Ayse Asar und des Wiesbadener Kulturdezernenten Hendrik Schmehl von der SPD, ließ nicht lange auf sich warten, sie drohten mit "arbeitsrechtliche Konsequenzen und Regressforderungen", sollte dem Theater Schaden entstehen, so Minkmar weiter. Laufenberg warf der Politik in Folge "Rechtsbruch" vor. In Wiesbaden wartet man derweil sehnsüchtig auf das Ende seiner Intendanz im Sommer, weiß Minkmar.
Weitere Artikel: Für die Welt hat Jakob Hayner einen Neuköllner Deutsch-LK mit Schülern, "alle mit Migrations-, aber ohne Bildungsbürgerhintergrund", in Ersan Mondtags "Woyzeck"-Inszenierung am Berliner Ensemble begleitet, um zu erfahren, was Büchner der heutigen Einwanderungsgesellschaft noch zu sagen hat.
Besprochen wird das Stück "The Top Five Letters of Liaisons Dangereuses" von Showcase Beat Le Mot im Berliner Hebbel am Ufer (nachtkritik, Tsp), Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung von Henrik Ibsens "Peer Gynt" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), David Böschs Inszenierung "Schwabgasse 94" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik), Alexander Müller-Elmaus Inszenierung von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" am am WLB in Esslingen (nachtkritik) und Ebru Tartıcı Borchers' Inszenierung von Zülfü Livanelis "Serenade für Nadja" am Theater Oberhausen (nachtkritik).
Es geht voran mit der Gleichberechtigung in der Klassikszene, versichert Reinhard J. Brembeck in der SZ, allerdings ziemlich langsam, wie ihm die von der Klassikplattform bachtrack.com beauftragte Studie "Klassik-Statistik 2023" zeigt. Komponistinnen und Dirigentinnen sind immer noch in deutlicher Unterzahl, aber es tut sich was: "Das muss man wissen, um zu sehen, wie ungewöhnlich die Meldung ist, dass bei den Bayreuther Festspielen, einem der wenigen von einer Intendantin geführten Opernhäusern, dieses Jahr mit Oksana Lyniv, Nathalie Stutzmann und Simone Young mehr Frauen dirigieren als Männer. Erstmals, natürlich. Simone Young wird als erste Frau in Bayreuth den Vierteiler 'Der Ring des Nibelungen' aufführen, sie ist eine Nachbesetzung für den ursprünglich vorgesehenen Philippe Jordan. Und wie steht es um das, worauf es eigentlich ankommt - die Qualität? In der Frage kann man recht konkret werden. Nächstes Jahr wird wieder wie bisher üblich ein Mann das legendäre Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren, der dann 83-jährige Riccardo Muti, zum siebten Mal. (…) In derselben musikalischen Liga spielt Mirga Gražinytė-Tyla. Dass sie nicht besetzt wurde, kann auch damit zu tun haben, dass sie eine 37 Jahre alte Frau ist. Sie wäre ohne Frage das Wagnis wert gewesen."
Weiteres: Florian Balke interviewt Devid Striesow zu der Konzertlesung der "Blechtrommel", die er gemeinsam mit dem Schlagzeuger Stefan Weinzierl im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt veranstaltet (FAZ).
Besprochen wird: Das Stück "Planet sucht Prinz" des inklusiven Kollektivs Theaterlabor Inc. im Theater Moller Haus in Darmstadt (FAZ).
Szene aus Theu Boermans' Operette "Lass uns die Welt vergessen". Foto: Barbara Palffy. Volksoper Wien Zum Anlass ihres 125-jährigen Bestehens erinnert die Wiener Volksoper mit Theu Boermans' Operette "Lass uns die Welt vergessen - Volksoper 1938" an die jüdischen KünstlerInnen des Ensembles, die vertrieben oder ermordet wurden. Es ist vor allem die musikalische Bearbeitung, die taz-Kritiker Uwe Mattheiss überzeugt: Das Stück "beginnt mit der Fiktion einer Theaterprobe 1938 und erzählt von dort aus die Geschichte der Vertriebenen und Ermordeten. Den irrlichternden Spaß des ursprünglichen Stücks lässt Boermans nur behutsam anklingen. Die Spur, die die kulturelle Dimension des Genozids bis in die Gegenwart hinein zieht, lässt sich sichtbar machen, nicht aber zum Zweck der Aneignung bruchlos überschreiten. Die Bühne liefert solides Dokumentartheater. Die eigentliche Auseinandersetzung mit der Geschichte findet im Orchestergraben statt. Die junge israelische Komponistin und Dirigentin Keren Kagarlitsky hat die verschollene Partitur aus einem späteren Klavierauszug rekonstruiert, der schon die ideologisierte Textfassung der Nazis enthielt. Was seinerzeit schon idyllische Konserve aus einer anderen Welt war, stellt sie verbunden durch eigene Arbeiten gegen Material von Gustav Mahler, Arnold Schönberg und Viktor Ullmann."
Dass die Theater in der Ukraine nicht aufgeben, erkennt der litauische Autor und Regisseur Marius Ivaskevicius in der FAZ nicht erst durch das Festival Gra, das in vier ukrainischen Städten stattfand. Über die einzelnen Stücke verrät Ivaskevicius als Teil der Jury nichts. Wir erfahren aber: "Vor jeder Aufführung wurde das Publikum gewarnt, dass bei Raketengefahr alle in den Luftschutzraum hinuntersteigen, und wenn die Gefahr innerhalb einer halben Stunde vorüber ist, wird das Stück fortgesetzt; hält sie länger an, wird es am nächsten Tag fortgesetzt. (…) In jedem Theater ist etwa ein Drittel der Männer im Krieg. Als wir in Kiew waren, erlag ein bekannter Kiewer Schauspieler seinen an der Front erlittenen Verletzungen. Die Theater suchen zunehmend Stücke, in denen es nur Frauenrollen gibt - für jene möglichen Zeiten, wenn keine Männer mehr an den Theatern bleiben."
Weitere Artikel: Alexander Menden rauft sich in der SZ die Haare angesichts der "zerstörerischen" konservativen Kulturpolitik in Großbritannien, deren Folgen sich vor allem jenseits von London zeigen: "Seit die Tories 2010 die Regierungsverantwortung übernahmen, sind diese Budgets immer weiter geschrumpft, vor allem in den meist von Labour regierten Kommunen Nordenglands." In der Berliner Zeitunggratuliert Nicolas Butylin der Theater-Sitcom "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" zum 20-jährigen Bestehen.
Aufführung des "Projet ados" beim Theaterfestival "Les Practicables" in Mali
Jonathan Fischer besucht für Die Welt das Theaterfestival "Les Practicables" in Mali und ist begeistert, wie es den Organisatoren gelang, in dem krisengeplagten Land eine regelrecht utopische Kunstveranstaltung auf die Beine zu stellen: "Es ist das Wunder von Bamako: Wie dieses Festival mit geringsten Mitteln und unter schwierigsten Bedingungen eine maximale künstlerische Sprengkraft entwickelt. 'Wer will einen Staatsstreich kaufen, heute nur 50 Francs!' Im Publikum platzierte Schauspieler wandern mit verschwörerischen Mienen durch die Ränge. 'Alles ist verkäuflich, alles ist verhandelbar, Visa, Gold, das Leben von 500 Millionen Afrikanern', ruft einer. '30 Francs für einen Terror-Anschlag, 100 Francs für ein bisschen Kolonialismus' raunt ein anderer dem weißen Besucher zu: 'Welchen hätten Sie denn gerne: den französischen, den amerikanischen oder den russischen?' Als der Generator auf einen Schlag ausfällt, verlagern sich die Scherze ins Publikum: 'Was für ein Mist! Die Kolonialisten haben uns den Strom abgestellt.' Gelächter im Dunkeln."
Weitere Artikel: Michael Wolf wagt für die nachtkritik eine humoristische Vorschau aufs Theaterjahr 2024.
Szene aus "Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau" am Kammertheater Stuttgart. Foto: Björn Klein. "Tieftraurig" wird FAZ-Kritikerin Grete Götze bei Elmar Goerdens Inszenierung von Simon Stephens neuem Stück am Kammertheater in Stuttgart. Für die Kritikerin keine Überraschung, denn die meisten von Stephens Stücken beschäftigen sich mit den dunklen Seiten des Lebens - doch in all der Schwärze verleiht Stephens seinen Figuren "auch eine Leichtigkeit und einen Lebenshunger, in die die Schauspieler sich in kurzen Dialogen hineinwerfen können". In "Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau" geht es um den jungen Christof, der unheilbar an Krebs erkrankt ist und die Menschen, um ihn herum, die mit seinem Tod weiterleben müssen. Auch wenn Götze nicht völlig überzeugt ist, entwickelt das Stück große Wirkkraft: "Stark ist der Abend, wenn es um den Tod geht, die wahre Stille, den eigenen Umgang mit Trauer. Karolina, die beste Freundin von Christof, sucht in einer Szene für das noch ungeborene Baby ihres Bruders einen Strampler in einem dunklen Blau, 'so dunkel, dass man es für schwarz hält, bis man es in einem bestimmten Licht sieht'. Aus manchen Dialogen ergeben sich keine überzeugenden Figuren, was zu kleinen Längen führt, auch weil sich Goerden bei der Uraufführung eng an den Text gehalten hat. Andere Szenen, wie der spontane Tanz von Marie und Tomas über die Dunkelheit hinweg, die das Stück umgibt, treffen genau das richtige dunkle, dunkle, dunkle Blau. So wirkt der Tod in diesem Ensemblestück nicht ganz schwarz, sondern wie etwas, das man gemeinsam begehen kann und wobei man, wenn man Lust darauf hat, auch eine verspiegelte Sonnenbrille tragen kann."
Peter Laudenbach fragt in der SZ nach den wahren Gründen für die fristlose Kündigung von Klaus Steppat, ehemals geschäftsführender Direktor am Deutschen Theater Berlin. Auf Nachfragen reagiert das Theater "betont schmallippig", so Laudenbach. Es scheine allerdings um Budgetfragen zu gehen: "Seit einem Termin vor dem Arbeitsgericht Mitte Dezember, bei dem Steppat gegen seine Kündigung geklagt hat, sind zumindest einige Budget-Zahlen bekannt. Der Vertreter der Kulturverwaltung argumentierte dort, dass Steppat sie nicht rechtzeitig über ein im zweiten Quartal 2023 innerhalb weniger Monate aufgelaufenes Defizit von 1,4 Millionen Euro informiert habe. Das wirft neue Fragen auf, etwa die, wie solch ein stolzes Defizit so schnell zustande kommen konnte und welche Rolle der damalige Intendant dabei gespielt hat. Dass Ulrich Khuon, ein höchst erfahrener und nicht zu Nachlässigkeiten neigender Theaterleiter, nichts von den plötzlichen Mehrausgaben mitbekommen haben soll, ist kaum vorstellbar."
Weiteres: Manuel Brug trifft sich für die Welt mit dem Dirigenten Ricardo Muti. Michael Ernst meldet in der FAZ, dass das Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz nach einem schlimmen Wasserschaden saniert werden muss.
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