Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2024 - Bühne

Szene aus "The hills are alive" am Deutschen Theater Berlin. Foto: Thomas Aurin. 

Tazlerin Katrin Bettina Müller staunt, wie sehr sie bei Nikolaus Habjans und Neville Tranters Inszenierung von "The hills are alive" lachen muss. Denn eigentlich ist das von Tranter geschriebene Stück eher tragisch: Ein jüdisches Ehepaar möchte Jahre nach ihrer Flucht von den Nazis wieder nach Österreich zurück - doch hinter dem Schreibtisch bei der Ausländerbehörde sitzt der Sohn eines Nazis, der das verhindern will, erzählt Müller. Der Witz entsteht durch die Sprache - aber vor allem durch meisterhaftes Puppenspiel: "Die Klappe ganz weit aufzureißen, sperrangelweit, als ob sie mit dem nächsten Happs ein großes Stück aus der Welt beißen könnten - dazu sind die Klappmaulpuppen, mit denen Nikolaus Habjan und Neville Trenter ins Deutsche Theater gekommen sind, geradezu prädestiniert. Die schuhgroßen Unterkiefer sind ihr ausdrucksvollstes Instrument. Dass sich ihre Mimik sonst nicht verändern kann, man glaubt es kaum. Meint vielmehr zu sehen, wie Glück und Triumph, Sorgen und Angst, Hinterlist und Rachegefühle ihre Gedanken dominieren."

Weiteres: Frederik Hansen macht sich im Tagesspiegel Sorgen um die Deutsche Oper in Berlin: Die Nachfolge für Intendant Dietmar Schwarz wird der Aviel Cahn antreten, im Moment Chef des Genfer Opernhauses, allerdings erst ein Jahr nach Schwarz' Ausscheiden zum Sommer 2025. Wenig überzeugt war der Kritiker von Cahns etwas uninspirierten Äußerungen beim offiziellen Vorstellungstermin, Hoffnung macht ihm aber sein "exzellenter Ruf" in der Branche.

Besprochen werden Elmar Goerdens Inszenierung von Simon Stephens "Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik), Sapir Hellers Inszenierung von Maya Arad Yasurs "Humanistisch bleiben in 17 Schritten" am Schauspiel Frankfurt (FR), Barrie Koskys Inszenierung der Strauss-Oper "Salome" an der Oper Frankfurt (FR), Niklas Ritters Adaption von Sybille Bergs Dystopie "GRM Brainfuck" am Deutschen Theater Göttingen (taz) sowie Miriam Götz' Inszenierung von Andys Skordis' und Jelena Vuksanovics Oper "Zusammen Fallen" an der Oper Neukölln in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.01.2024 - Bühne

In der nachtkritik denkt Christine Wahl über die derzeit gern betriebene Umschreibung klassischer Theaterstücke auf deutschen Bühnen nach. Anders als früher geht es dabei weniger um eine Aktualisierung als um eine Korrektur, erkennt sie: "Die dramatische Überschreibung ist, mit anderen Worten, ins Stadium der politischen Überschreibung eingetreten: ein Schritt, der sich besonders gut an den feministisch gelabelten Kanon-Revisionen beobachten lässt", beobachtet sie an verschiedenen Beispielen. "Ein Punkt, der all diese Überschreibungen eint: Die augenfälligste Maßnahme der feministisch gelabelten Kanon-'Korrektur' besteht erstaunlicherweise weniger darin, den weiblichen Cast auf- als vielmehr darin, den männlichen abzuwerten. Und zwar in dem Sinne, dass der männliche Protagonist als solcher zu einer nachgerade bahnbrechenden Eindimensionalität schrumpft und ihm im Laufe des Abends praktisch keinerlei dramatische Entwicklung widerfährt: Er startet als derselbe Depp oder Fiesling (wobei das eine das andere selbstredend nicht ausschließt) in den Abend, als der er zwei oder drei Stunden später auch wieder abtritt. Er wird, mit anderen Worten, nicht von innen heraus als Charakter entwickelt, sondern versprüht den Charme eines Hohlkörpers, den man von außen mit Textbausteinen aus dem gesellschaftspolitischen Diskurs-Kit befüllt hat".

War Brecht Antisemit? "Ein weites Feld; widersprüchlich, wie immer, wenn es um Brecht geht", meint der Literaturwissenschaftler Jürgen Hillesheim in der FAZ (Bilder und Zeiten) und kommt dann auch zu einem sehr widersprüchlichen Ergebnis: "Brecht war kein Antisemit. Hass und wirkliche Ressentiments sind nicht zu finden. Dennoch: Es gibt in Brechts frühem soziokulturellen Hintergrund eine Art fatalen 'Alltagsantisemitismus', auch jenseits des erschreckenden Zitats im Zusammenhang mit dem 'Atelierfest'. Brecht duldete in seinem Umfeld gelegentlich Antisemitismus, und er arbeitete mit Antisemiten zusammen, wenn es für sein Vorankommen als Schriftsteller förderlich schien; sowohl vor als auch nach der nationalsozialistischen Katastrophe."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.01.2024 - Bühne

Die taz interviewt Colin Self, Artist in Residence an der Staatsoper Hannover, zum Opernprojekt "Kompass". Besprochen wird Martina Gredlers Inszenierung von Martin Sperrs Volksstück "Jagdszenen aus Niederbayern" am Stadttheater Klagenfurt (Standard).
Stichwörter: Klagenfurt

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.01.2024 - Bühne

Claudia Roth wünscht sich das Opern-Publikum in Bayreuth jünger und diverser. Schöne Idee, allein es fehlt das Geld, kommentiert Reinhard J. Brembeck in der SZ: "Voriges Jahr kosteten die teuersten Bayreuth-Karten 459 Euro, etwa 10 000 Menschen konnten die Aufführungen live erleben. Wenn aber statt einiger der teuren Karten ein gewisser Prozentsatz an Zehn-Euro-Jugendbiletten und gar zusätzliche Vorstellungen angeboten werden, würde das ein Loch in den engen Etat reißen. Da sich in Bayreuth aus Angst vor einem weiteren Publikumsschwund niemand traut, die Kartenpreise zu erhöhen, müssten die Gesellschafter mehr Geld zuschießen. Dazu sind sie allerdings bisher nicht bereit. Auch die von Claudia Roth wie Katharina Wagner geforderten Strukturänderungen werden sich nicht aus dem Etat der Festspiele finanzieren lassen, dafür braucht es ebenfalls zusätzliches Geld. So das nicht von den Gesellschaftern kommt, werden andere Geldgeber in die Bresche springen müssen. Um die anzuwerben, wird Bayreuth die von Intendantin Wagner geforderte Sponsorenabteilung brauchen, auch das wird Geld kosten."

Außerdem: Immer mehr Balletttänzer verlassen das Stadttheater und gründen eigene Kompanien, berichtet Dorion Weickmann in der SZ: "Ob Berlin, Hamburg oder London - die Projekte stimmen hoffnungsfroh."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.01.2024 - Bühne

Für die taz Nord unterhält sich Katrin Ullmann mit drei Mitgliedern der Werkgruppe2 (Website), die sich in Bühnen-, Film- und Hörpsielarbeiten der sozialen Wirklichkeit zu nähern versucht. Befragt nach Unterschieden zu ähnlichen Dokumentartheaterprojekten wie den Rimini-Protokollen erläutert Dramaturgin Silke Merzhäuser: "Wir sind oft gefragt worden, warum wir nicht die Menschen, die wir interviewt haben, auf die Bühne stellen. Das hat verschiedene Gründe: Wir arbeiten sehr musikalisch, das bedingt oft die Arbeit mit professionellen Musiker*innen. Auch sind manche Themen so intim, gerade wenn es um Traumatisierungen geht, dass die Stellvertretung durch eine professionelle Schauspieler*in die einzige Möglichkeit ist, eine Geschichte zu erzählen. Was bei Rimini-Protokoll die 'dokumentarische Beglaubigung' durch die Lai*innen ist, ist bei uns vielleicht die mündliche Sprache." Die Regisseurin Julia Roessler wiederum betont: "Es geht uns um eine Fokusverschiebung. Aber es geht nicht nur darum, unterrepräsentierten Menschen eine Stimme zu geben, sondern auch auszuloten, wie ist mein Verhältnis zu diesen Menschen? Was geht mich deren Lebensrealität an?"

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel blickt Rüdiger Schaper auf die kommenden Berliner Theatermonate. Claudia Roth will den Kulturpass gemeinsam mit Frankreich entwickeln, berichtet unter anderem Zeit Online.

Bespochen wird die Rimski-Korsakow-Aufführung "Schneeflöckchen" auf den Festspielen in Erl (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.01.2024 - Bühne

Wie kann es mit dem klassischen Ballett weitergehen, fragt Wiebke Hüster in der FAZ: "Das Problem, eine auf den Schönheiten antiker Statuen beruhende Bewegungskunst als eine gegenwärtige zu manifestieren, ist ungelöst. Die Frage nach dem Selbstverständnis des Balletts und seiner Bedeutung für das Publikum stellt sich drängender denn je. Ist der klassische Tanz an sein Ende gekommen? Sind in dieser Sprache keine Stoffe verhandelbar, die später als im neunzehnten Jahrhundert entwickelt wurden?" Inspiration für Modernisierung findet Hüster bei den Choreografen Alexei Ratmansky, George Balanchine und John Cranko.

Weiteres: Alexander Menden porträtiert in der SZ die Intendantin des Theaters Oberhausen Kathrin Mädler.

Besprochen werden Barrie Koskys Inszenierung der Strauß-Oper "Die Fledermaus" an der Staatsoper München (Welt) und die szenische Lesung "All the Sex I've ever had" im Zürcher Theater Neumarkt, inszeniert von der kanadischen Theatergruppe "Mammalian Diving Reflex" in dramatischer Bearbeitung von Tine Milz und Eneas Nikolai Prawdzic (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.12.2023 - Bühne

Wie kann man überhaupt mit einem so großen Erbe, wie dem von Pina Bausch umgehen, fragt Lilo Weber in der NZZ. Die "schwere Aufgabe" liegt nun auf den Schultern des französischen Choreografen Boris Charmatz, Intendant des Tanztheaters Wuppertal. Mit seinen ersten Aufführungen zeigt er sich ihr gewachsen, findet Weber: "Neben dem Werk hat Boris Charmatz die Wuppertaler Tänzer geerbt. Auch wenn nicht mehr viele Mitglieder des Ensembles selbst mit Pina Bausch gearbeitet haben, unterscheiden sie sich noch heute von Tänzern anderer Kompanien. In Charmatz' 'Liberté Cathédrale' wälzen sie sich mit den Gästen aus seinem früheren Umfeld am Boden, rennen durch den Raum des Mariendoms in Neviges, schwitzen, kämpfen sich ab - so hat man Bausch-Tänzer noch nie tanzen sehen. Insbesondere die älteren, Aida Vainieri, Michael Strecker, Julian Stierle, wachsen förmlich über sich hinaus - die jüngeren ohnehin. Gleichzeitig bringen sie eine Theatralik und eine Emotionalität in diese stets wechselnden Menschenflächen hinein, die sich in tiefere psychologische Schichten graben - wie man das umgekehrt auch in einem Charmatz-Stück noch nie gesehen hat. Das hat Potenzial. Zum Scheitern, aber auch für Höhenflüge. Die ersten hat man gerade erlebt."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.12.2023 - Bühne

Wolf-Dieter Peter fährt für die Neue Musikzeitung zu den Tiroler Winterfestspielen in Erl und schaut sich mit Freude Florentine Kleppers Inszenierung von Nikolai Rimski-Korsakows "Schneeflöckchen" an. Bühnenbild und Kostüme ergeben zwar "eine beliebig bleibende Mischung aus Abstraktion und Naturalismus", findet Peter, aber "erfreulich zu erleben waren die musikalische und vokale Seite des Abends. Der russische Dirigent Dmitry Liss machte mit dem Erler Festspielorchester den Farbenreichtum, die motivische Vielfalt und dann auch den dramatischen Ausbruch der Gefühlswelt in Rimski-Korsakows dann aber auch mal nur breiter, ausholender Partitur hörbar." Ganz an die "epische Breite russischer Erzähltradition" angelehnt, empfiehlt der Kritiker dieses selten gespielte Stück, das der Komponist selbst "für sein bestes Werk hielt."

Gaetano Donizetti: Liebestrank. Foto: Nils Heck.

"Kindertheater für Erwachsene" sieht Judith von Sternburg für die FR im Staatstheater Darmstadt, das in der Inszenierung von Geertje Boeden die Oper "Liebestrank" von Gaetano Donizetti gibt, aber im guten, Leichtigkeit vermittelnden Sinne, versichert sie. "Die von keiner ehelichen Langeweile der Welt einzuholende Musik" Donizettis sorgt für einen heiteren Opernabend, nicht mehr und nicht weniger, räumt Sternburg ein, "dass aber die Liebenden sich am Ende kringelig lachen, ist natürlich gut. Die Liebe als gelungener Spaß, etwas Schöneres kann es nicht geben. Vielleicht noch die Stimme von Juliana Zara."

Weiteres: Die Nachtkritiker blicken auf das Theaterjahr 2023 zurück.

Besprochen wird: "Die Fledermaus" in der Inszenierung von Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.12.2023 - Bühne

Jonathan Tetelman als "Werther". Bild: Andrea Kremper

Jonas Kaufmann und Piotr Beczala sind Mitte Fünfzig, Rolando Villazon "abgesungen" - da kündigt sich mit dem 35-jährigen Jonathan Tetelman ein Generationswechsel unter den Tenören an, glaubt Manuel Brug in der Welt spätestens nach dessen Interpretation von Jules Massenets "Werther" unter der Regie von Robert Carsen im Baden-Badener Festspielhaus: "Edel, vielfarbig, feinsinnig präsentiert sich die angenehme, aber mit einigen Metallbeigaben auch durchschlagskräftige Stimme dieses Sängers, der durch seine gleißend schöne, ja elegante Leichtigkeit wie jugendlich lässige Unbekümmertheit aufhorchen lässt. Noch interpretiert Tetelman noch ein wenig zu gleichlautend. Aber er weiß, was er kann und stellt das gern aus. Und es blüht eine souverän geführte Spinto-Stimme mit angenehmem Wiedererkennenswert auf. In Jonathan Tetelman hat die Opernwelt also neuerlich einen frischen, gutaussehenden, für die großen italienischen Tenorrollen sich anbietenden Interpreten ausgemacht. Zudem vereinigt er das Beste aus zwei Welten: Feurig-lateinamerikanisches Pfeffertemperament und US-amerikanisches Arbeitsethos und Fleiß."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.12.2023 - Bühne

Szene aus der "Fledermaus" in München. Foto © Wilfried Hösl


Die Theaterkritiker haben sich zwischen Weihnachten und Neujahr in Barrie Koskys Inszenierung der Strauss'schen "Fledermaus" im Münchner Nationaltheater amüsiert. Reinhard J. Brembeck hebt in der SZ das Champagnerglas - oder eher die Flasche: "Nach einem ersten Teil, einer Huldigung an Revue, Glitzer und Gute-Laune-Klamauk, und einer völlig unnötigen Pause ergibt sich der Abend dann dem Slapstick. Den Kater der vorhergehenden Champagnernacht kuriert das gesamte Ensemble in einem tristen, von Rebecca Ringst gebauten Gefängnis aus: nur Stahl, Gestänge, Tristesse und nirgends ein Ausweg. Bühnenteam und Publikum, berauscht von der Unmenge an Alkohol, den Regisseur Barrie Kosky auf der Bühne hat ausschenken lassen, sehen an diesem Punkt nicht nur doppelt, sondern gleich sechsfach." Richtig heiter wird es dann mit dem Auftritt von Martin Winkler als Gefängnisdirektor, freut sich Brembeck: "Der rutscht lediglich im Glitzerslip und mit Wackelbauch (welch genialer Mut zur Selbstpersiflage!) so die Stahltreppe runter, dass dem Publikum Knochen und Haut nur vom Zuschauen schmerzen. Auch so kann man in Einsamkeit ausnüchtern."

"Barrie Koskys offensives Bekenntnis zu 'Klamauk, Gaudi, Unsinn, Albernheit usw.… gerade in diesen düsteren Zeiten' führte zu zweieinhalb Stunden amüsanter Federboa-Unterhaltung", lobt auch Wolf-Dieter Peter in der nmz. Wer sich hier nicht amüsiert, sitzt einem Missverständnis auf, meint Markus Thiel in der FR: "Koskys Version von Akt drei ist das Beste dieser Premiere. Die Bayerische Staatsoper hat sich den Ex-Chef von Berlins Komischer Oper geholt - und exakt das Bestellte bekommen. Wer das bemäkelt, meist aus der Fraktion der Theatervielseher, übersieht das Wichtigste: Einen solchen überdrehten, augenzwinkernden, glitzer-glamourösen Abend kriegt derzeit nur einer hin." In der FAZ rümpft Christian Gohlke das Näschen: "Eine Aneinanderreihung solide gemachter Szenen ergibt noch lange keine stimmige Inszenierung. Rasch erweisen sich die Figuren in seiner Regie als derart übersteigert und stereotyp, dass nicht immer klar ist, ob das Genre der Operette hier lustvoll bedient oder höhnisch der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Jede Geste, jede Wendung, jeder Tonfall wirkt wie dem Fundus eines drittklassigen Provinztheaters entnommen."

Szenenfotos der "NSU"-Aufführung in Deutschland. Foto © Oliver Berg


Seit Anfang November tourte das Stück "NSU - Auch Deutsche unter den Opfern" von Tugsal Mogul in der Regie von Mustafa und Övül Avkıran durch die Türkei. "Wie wirkt ein deutsches Theaterstück, das den deutschen Staat für seinen Umgang mit rechtsextremem Terror kritisiert, in der Türkei?", fragt die Germanistin Karin Yesilada in der nachtkritik in einem Theaterbrief aus der Türkei. Immerhin waren die meisten Opfer des NSU Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund. Yesilada hat mit türkischen StudentInnen gesprochen: "Haben sie jetzt Vorbehalte gegenüber der deutschen Demokratie? Sie verneinen. 'Rassismus gibt es doch überall, das ist kein rein deutsches Problem', meint einer. (…) Dann aber mischt sich ... eine Transfrau ein. 'Und was ist mit Sivas?', fragt sie mich provozierend. Kurz nach dem Brandanschlag in Solingen hatte es in der osttürkischen Stadt Sivas ebenfalls einen rassistischen Brandanschlag mit verheerenden Folgen gegeben. (…) Ähnlich wie 'Mölln und Solingen' in Deutschland, prägte auch 'Sivas' das kollektive Gedächtnis der angegriffenen Minderheit (hier die Deutschlandtürk*innen, dort die alevitischen Kurd*innen). Für die türkischen Alevit*innen gilt der Brandanschlag von Sivas als 'Massaker', für die türkischen Behörden als 'Ereignis'. Einen staatlichen Untersuchungsausschuss wie beim NSU-Prozess gab es dort nicht. 'Das sollten sie mal untersuchen!', schimpft die Transfrau aufgebracht, dann würde ein 'Stück von sieben Stunden nicht ausreichen'."

Weitere Artikel: Ljubiša Tošić annonciert im Standard die Winterfestspiele in Erl. In der Zeit denkt Ijoma Mangold anlässlich einer "Dornröschen"-Aufführung über klassisches Ballett und Body-Positivity nach. Alexander Menden unterhält sich für die SZ mit Kathrin Mädler, seit Herbst Intendantin des Theaters Oberhausen, und bescheinigt ihrer Arbeit "eine guten Mischung aus Herz und Kopf".

Besprochen werden Kurt Weills und Georg Kaisers "Der Silbersee. Ein Wintermärchen" am Nationaltheater Mannheim (nmz), Esther Slevogts Buch über das Deutsche Theater Berlin (taz) und Christopher Rüpings Inszenierung von  Tschechows "Möwe" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, SZ, FAZ)